Die Mutter, die Erde und die Beziehung zu beiden in uns

von Beatrix Pfleiderer erschienen in Hagia Chora 30/2008

Eine meiner Nachbarinnen ging bei den Ojibwa, einem Stamm der amerikanischen Ureinwohner, in die Lehre. Sie lernte vom richtigen Menschsein, vom richtigen Leben, vom richtigen Umgang mit der Umwelt und vom Einklang mit der Großen Mutter, der Erde. Als wir hinaus zum Lavafeld wanderten, guckt sie mich mit ihrem verschmitzten Wissendenhexenblick an und raunt: Weißt du, eins wurde mir bei den Ojibwa klar: Wenn du mit der Erde in Harmonie sein möchtest, musst du es zuerst mit deiner eigenen leiblichen Mutter auf die Reihe bringen, sonst bleibt vieles verstellt, und du kannst den Fluss der Erde in deinem Körper nie ganz voll erleben.
Ich gehörte zu denen, damals, die das wohl wussten, aber es eher nicht praktizierten. So gab ich Athene, so heißt diese Nachbarin wirklich, einen Blick, der zwar Verständnis vorgab, aber eher hohl war, weil ich an dieser Front noch keine Erfolge erzielt hatte. Ich hatte es nicht „auf die Reihe“ gebracht. Aber das sagte ich nicht. Weil ich mir dieser Lücke in meiner Entwicklung wohl zu bewusst war. Ich war nicht bei den Ojibwa in die Lehre gegangen und versuchte immer noch meinen Zugang zum Kontakt mit der Erde auf „direktem“ Weg zu erringen. Ohne es mit der leiblichen Mutter „auf die Reihe“ zu bringen, wie Athene es nennt.
Stattdessen schrieb ich darüber. Über Mütter und Kinder. In Afrika, in Indien, vielleicht auch Australien. Kein Umweg war weit genug. Es war die Zeit der „bösen“ Mütter. Die 70er-Jahre. Wo wir alles besser machen wollten mit antiautoritären Kindergärten und Gesamtschulen, mit Wohngemeinschaften und Polygamie. Wir wollten Schluss machen mit den „bösen“ Müttern. Bloß nicht wie die Alten werden. Bloß nicht. Das nicht. Doch jetzt sind wir die Alten und haben noch einmal Glück gehabt, denn unsere Töchter sind uns nicht so böse, wie wir es unseren Müttern waren. Nicht, weil wir bessere Mütter gewesen wären, was wir vielleicht auch waren, weil wir so vieles hinterfragt haben, sondern deshalb, weil sich die Zeiten geändert haben.
Tatsächlich erschließt sich aus der Mutter-Kind-Dyade das Verhältnis des Menschen zur Erde. Wer gehalten wird und wer den Leib der Mutter über die ersten Jahre als ununterbrochene Erlebniskonstante erfährt, ist verbunden. Und bleibt es auch. Wer nach der Geburt anhaltend nach wie vor vom Herzschlag der Mutter begleitet wird, bis ihn die eigene Entwicklung in die Welt hineinträgt, wird das Strömen des in der Erdverbindung-Seins als seinen Normalzustand empfinden. Wer in Afrika und Indien, Südamerika und anderswo genau hingeschaut hat, weiß, dass der Mensch ein „Tragling“ ist. Die Kinder sind auf den Leib der Mutter gebunden. Meine Tochter hat ihren jüngsten Tragling tatsächlich ein Jahr lang getragen. Jetzt hat er die ersten Schritte auf sommerlicher Erde gemacht. Jeder dieser ersten Schritte war mit einem juchzenden Lachanfall begleitet.
Viele haben es aber nicht so gut. Sie werden abgelegt. Das ist „normal“ in unserer Kultur und auch, dass unsere Kinder taub und stumm gegenüber den Rhythmen der Erde werden. Zunehmend reagieren Kinder in unseren westlichen Kulturen auf das Abgelegtwerden. Auf das Fehlen der Erde in ihnen.