Menhire
Prähistorische Steinsetzungen
in Deutschland – Teil 1
Der Fotograf Johannes Groht präsentiert ein neues, ambitioniertes Projekt: Eine Serie über die Menhire in Deutschland. Seine beeindruckenden, großformatigen Fotografien geben den fast vergessenen Steinen wieder ein Gesicht und vermitteln eine Ahnung vom geistigen Kosmos ihrer Erbauer. In den nächsten acht Ausgaben nimmt er uns mit auf seine faszinierende Reise in die Vorgeschichte, die ihn einige Jahre kreuz und quer durch Deutschland geführt hat.
Nach der intensiven Auseinandersetzung mit den Hünengräbern Norddeutschlands in meinem Buch „Tempel der Ahnen“ wuchs in mir der Wunsch, dem Megalithgedanken noch tiefer auf die Spur zu kommen. Sie waren ja bereits Bauwerke, die aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt waren wie Sätze aus einzelnen Buchstaben. Ich war auf der Suche nach diesen Buchstaben, nach der eigentlichen megalithischen Grundform – dem einzelnen, aufgerichteten Stein.
Versetzt man sich zurück in eine noch „unberührte“ Welt, die geprägt ist von der Horizontalen, dem Horizont, kann man erahnen, was für ein gewaltiger Schritt es gewesen sein muss, als der erste Mensch sich anschickte, einen Stein aufzurichten. In einem beispiellosen Kraftakt bricht er mit jeder Konvention und setzt ein – vertikales – Zeichen. Der Mensch löst sich aus der Einheit mit dem Strom des Lebens in der Natur und erhebt sich selbst in die Sphäre des Schöpfers. Dieser Schritt verändert alles.
Dieser Bruch symbolisiert tatsächlich einen radikalen Wandel der Lebensform, die „neolithische Revolution“: Aus nomadisierenden Jägern und Sammlern werden sesshafte Bauern, die das Land gezielt bewirtschaften. Dieser Wandel ist nicht nur eine Befreiung, er ist auch eine ungeheuerliche, beängstigende Anmaßung. Deshalb wird – wie ich in dieser Serie zeigen möchte – der Monolith nicht nur zum Symbol menschlicher Kraft, sondern ebenso zum Medium der Wiederherstellung der verlorenen Anbindung an die Erde, den Himmel und die Welt der Geister.
Dem Material Stein kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Wie nichts anderes steht er für das Sein an sich – für die Lebenskraft auf einer transpersonalen Ebene.
Lange Steine
Der Begriff „Menhir“ entstammt dem Bretonischen und bedeutet schlicht „langer Stein“. Er wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Wissenschaft eingeführt und bezeichnet Steine, die in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen aufgerichtet wurden. In Deutschland handelt es sich dabei, von wenigen Ausnahmen abgesehen, um kaum oder gar nicht bearbeitete Monolithen. In der Regel stehen sie frei in der Landschaft und nicht in Verbindung mit anderen megalithischen Bauwerken.
Das hessische Dorf Langenstein ist nach dem dortigen Menhir benannt worden. Auch andere geläufige Namen sind beschreibender Natur, wie Dicker, Löchriger, Spitzer oder Weißer Stein. Im Rheinland tritt gehäuft die Bezeichnung Hinkelstein auf. „Hinkel“ ist ein mundartliches Wort für „Hühnchen“. Es wird angenommen, dass spätestens im 14. Jahrhundert aus „Hünen-“, also „Riesensteinen“ durch Missverständnisse „Hühner-“, also „Hinkelsteine“ wurden. Dieser Name führte nun seinerseits zur Bildung zahlreicher Sagen, die meist von im Stein hausenden Hennen handeln – und so wenig zum Verständnis beitragen.
Eine eindeutige Datierung der Monolithen ist selten möglich. Ihr Verbreitungsgebiet legt aber den Schluss nahe, dass sich die Menhirsitte im Neolithikum, also vor etwa 5000 Jahren, von Westeuropa nach Osten bis ins heutige Deutschland und darüber hinaus ausgebreitet hat. Bei uns gibt es heute noch etwa 130 „gesicherte“ Steine, die vor allem in Baden-Württemberg, dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen sowie in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen zu finden sind. Das regional sehr unterschiedliche Material der Menhire stammt oft aus der näheren Umgebung, manchmal aber ist gerade die Verwendung ortsfremden Gesteins ein Indiz dafür, dass Menschen den Stein gezielt an einen bestimmten Ort transportiert und dort aufgerichtet haben.
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