Menhire

Prähistorische Steinsetzungen
in Deutschland – Teil 1

von Johannes Groht erschienen in Hagia Chora 30/2008

Der Fotograf Johannes Groht präsentiert ein neues, ambitioniertes Projekt: Eine Serie über die Menhire in Deutschland. Seine beeindruckenden, großformatigen Fotografien geben den fast vergessenen Steinen wieder ein Gesicht und vermitteln eine Ahnung vom geistigen Kosmos ihrer Erbauer. In den nächsten acht Ausgaben nimmt er uns mit auf seine faszinierende Reise in die Vorgeschichte, die ihn einige Jahre kreuz und quer durch Deutschland geführt hat.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (126 KB)

Nach der intensiven Auseinandersetzung mit den Hünengräbern Norddeutschlands in meinem Buch „Tempel der Ahnen“ wuchs in mir der Wunsch, dem Megalithgedanken noch tiefer auf die Spur zu kommen. Sie waren ja bereits Bauwerke, die aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt waren wie Sätze aus einzelnen Buchstaben. Ich war auf der Suche nach diesen Buchstaben, nach der eigentlichen megalithischen Grundform – dem einzelnen, aufgerichteten Stein.
Versetzt man sich zurück in eine noch „unberührte“ Welt, die geprägt ist von der Horizontalen, dem Horizont, kann man erahnen, was für ein gewaltiger Schritt es gewesen sein muss, als der erste Mensch sich anschickte, einen Stein aufzurichten. In einem beispiellosen Kraftakt bricht er mit jeder Konvention und setzt ein – vertikales – Zeichen. Der Mensch löst sich aus der Einheit mit dem Strom des Lebens in der Natur und erhebt sich selbst in die Sphäre des Schöpfers. Dieser Schritt verändert alles.
Dieser Bruch symbolisiert tatsächlich einen radikalen Wandel der Lebensform, die „neolithische Revolution“: Aus nomadisierenden Jägern und Sammlern werden sesshafte Bauern, die das Land gezielt bewirtschaften. Dieser Wandel ist nicht nur eine Befreiung, er ist auch eine ungeheuerliche, beängstigende Anmaßung. Deshalb wird – wie ich in dieser Serie zeigen möchte – der Monolith nicht nur zum Symbol menschlicher Kraft, sondern ebenso zum Medium der Wiederherstellung der verlorenen Anbindung an die Erde, den Himmel und die Welt der Geister.
Dem Material Stein kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Wie nichts anderes steht er für das Sein an sich – für die Lebenskraft auf einer transpersonalen Ebene.

Lange Steine
Der Begriff „Menhir“ entstammt dem Bretonischen und bedeutet schlicht „langer Stein“. Er wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Wissenschaft eingeführt und bezeichnet Steine, die in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen aufgerichtet wurden. In Deutschland handelt es sich dabei, von wenigen Ausnahmen abgesehen, um kaum oder gar nicht bearbeitete Monolithen. In der Regel stehen sie frei in der Landschaft und nicht in Verbindung mit anderen megalithischen Bauwerken.
Das hessische Dorf Langenstein ist nach dem dortigen Menhir benannt worden. Auch andere geläufige Namen sind beschreibender Natur, wie Dicker, Löchriger, Spitzer oder Weißer Stein. Im Rheinland tritt gehäuft die Bezeichnung Hinkelstein auf. „Hinkel“ ist ein mundartliches Wort für „Hühnchen“. Es wird angenommen, dass spätestens im 14. Jahrhundert aus „Hünen-“, also „Riesensteinen“ durch Missverständnisse „Hühner-“, also „Hinkelsteine“ wurden. Dieser Name führte nun seinerseits zur Bildung zahlreicher Sagen, die meist von im Stein hausenden Hennen handeln – und so wenig zum Verständnis beitragen.
Eine eindeutige Datierung der Monolithen ist selten möglich. Ihr Verbreitungsgebiet legt aber den Schluss nahe, dass sich die Menhirsitte im Neolithikum, also vor etwa 5000 Jahren, von Westeuropa nach Osten bis ins heutige Deutschland und darüber hinaus ausgebreitet hat. Bei uns gibt es heute noch etwa 130 „gesicherte“ Steine, die vor allem in Baden-Württemberg, dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen sowie in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen zu finden sind. Das regional sehr unterschiedliche Material der Menhire stammt oft aus der näheren Umgebung, manchmal aber ist gerade die Verwendung ortsfremden Gesteins ein Indiz dafür, dass Menschen den Stein gezielt an einen bestimmten Ort transportiert und dort aufgerichtet haben.

Der Gollenstein
Mit etwa 6,60 Metern Länge ist der hier abgebildete Gollenstein der höchste Menhir Mitteleuropas. Er steht unweit des Gipfels auf einem Berg bei Blieskastel im Saar-Pfalz-Kreis, Saarland. Von hier hat man einen weiten Blick in die umgebende Landschaft. Er gehört zu den wenigen Monolithen in Deutschland, die komplett bearbeitet und gezielt in eine Gestalt gebracht wurden. Sein Name wird auf diese spindelartige Form zurückgeführt: „Gollen“ ist wohl aus dem lateinischen colus, „Spinnrocken“, entstanden.
Tiefe Erosionsspuren an der Spitze, wie man sie sonst etwa von den Devil’s Arrows in England kennt, sowie zahllose eingeritzte Namen zeugen von seiner langen und bewegten Geschichte. Eine nachträglich eingearbeitete Nische, die zur Aufnahme eines Heiligenbilds bestimmt war, und das daneben angebrachte Flachrelief des Ortsheiligen Sebastian belegen die identitätsstiftende, zentrierende und religiöse Kraft, die vom Gollenstein bis weit in christliche Zeiten hinein ausging. Bis ins 18. Jahrhundert soll er das Ziel kirchlicher Prozessionen gewesen sein.
Ehrfurcht und heilige Scheu vor dem Stein konnten nicht verhindern, dass er im Jahr 1939 von der deutschen Wehrmacht „umgelegt“ wurde, um der französischen Artillerie keinen Zielpunkt zu bieten. Dabei zerbrach er in mehrere Teile. 1951 wurde er an seinem alten Standort wieder aufgerichtet. +

Literatur: Ernst Christmann, Menhire und Hinkelsteine in der Pfalz, Speyer 1947 • Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane: Vom Wesen des Religiösen, Frankfurt 1998 • Horst Kirchner, Die Menhire in Mitteleuropa und der Menhirgedanke, Wiesbaden 1955.

Johannes Groht, Tempel der Ahnen – Megalithbauten in Norddeutschland,
Baden und München 2005.