Wandlungen zwischen Wunderpunkten

Von der Steinquellgöttin zur Lichtfresserhecke im Hohen Fläming

von Sebastian David erschienen in Hagia Chora 30/2008

Ein ganz gewöhnlicher Wegesrand, eine Hecke entlang einem Feldweg – voller Überraschungen, wenn man wie ein Kind die Zeit vergessen kann. Da taucht eine Eidechse auf oder ein ­glitzernder Käfer zwischen Gras und bunten Steinen. Zu solchen Momenten des Staunens laden Sebastian Davids „Wunderpunkte“ auf dem Kunstwanderweg des Hohen Flämings ein.

Wälder, Wiesen, Hecken, Lesesteinhaufen, Obstbaum­alleen, stille Dörfer mit Feldsteinkirchen, Burgen, eingebettet in sanfte Hügel – das ist der Hohe Fläming, südwestlich von Berlin gelegen. Diese sanfte, aber kraftvolle und abwechslungsreiche Landschaft scheint die Menschen anzuziehen und zu inspirieren. Zumindest ist in den letzten Jahren ein steter Zuzug vor allem künstlerisch tätiger Menschen zu beob­achten. Mit der Gründung der Dachmarke „kunst land ­hoher ­fläming“, in der sich Künstler, Vereine und andere Akteure künstlerischen Aktivitäten in der Landschaft des Flämings widmen, wurde dieser Tatsache ein Fundament gegeben. So wurde im Jahr 2004 der Skulpturenpark im Schlosspark Wiesenburg eröffnet und im Jahr 2006 die „Kunstspur“ realisiert, ein 2,5 Kilo­meter langer Wanderweg mit von einheimischen Künstlern entworfenen Kunstwerken. Im Sommer 2007 entstand ein Kunstwanderweg, der die Bahnhöfe von Belzig und Wiesenburg verbindet. Dieser Kunstwanderweg als ein Kernprojekt der Initiative wurde zunächst in einem ersten Teilstück von 17 Kilometern im Rahmen eines deutschlandweiten Wettbewerbs realisiert. Dazu setzten zehn Künstler ihre Entwürfe in der Landschaft entlang des Wanderwegs um. Meine Installationen im Rahmen dieses Wettbewerbs widmeten sich dem Thema „Wanderungen“ – Wanderungen verschiedenster Art, seien es Wanderungen von Menschen und Tieren, Steinen, Blicken oder Gedanken. Ich gestaltete einen vordergründig eintönigen und langatmigen Wegabschnitt des Wanderwegs entlang von Hecken und Waldrändern in der Nähe des Dorfes Schmerwitz. Hier wollte ich in leichter, heiterer Art die Wandernden zu einem Dialog auf verschiedenen Ebenen einladen sowie kleine Orte der Kraft zeigen und schaffen. So entstanden mehrere kleine „lyrische Wunderpunkte“ auf Freiflächen zwischen den Gebüschen oder auch unmittelbar in den Hecken.
Wundern und Staunen schaffen einen offenen Raum der Unvoreingenommenheit. Sie entheben den Verstand für Momente der Kontrolle, führen ihn fort von seinen gewohnten Wegen und lassen eine Zwiesprache auf Empfindungsebene zu. Sie sind Momente des Zeithabens und des Nichtstuns, jenem als passiv und unproduktiv verschrieenen, oft angstmachenden Zustand. Im Moment des Fühlens, Mitfühlens bin ich verbunden, nehme und bin ich Teil dessen, was ich in meinen Wahrnehmungskosmos einbeziehe. Im Wundern und Wandern (innen und außen), im wachen Setzen von Schritten, die Standpunkte und Sichtweisen verbinden, vollziehen sich Wandlungen hin zu Herzlichkeit.