Intelligenz in der Natur
Ein Interview mit Jeremy Narby
Es gibt viele Wege, zu begreifen, dass wir Menschen nicht die einzige fühlende, empfindende, intelligente Spezies auf dem Planeten sind. Der Anthropologe Jeremy Narby nähert sich dieser Erkenntnis über die Wissenschaft wie über seine eigene schamanische Erfahrung und Naturbeobachtung.
Das Buch „Intelligenz in der Natur“ haben wir bereits in der Ausgabe 25 von Hagia Chora besprochen. Jeremy Narby nimmt den Leser darin mit auf eine faszinierende Reise zu Schamanen indigener Kulturen, zu denen die Natur in lebendigen Bildern spricht, und zu Wissenschaftlern in aller Welt, die über Intelligenz in der Natur forschen. Beide untersucht er aus seiner Perspektive als Anthropologe. Narbys Buch hat bei uns viele Fragen hinterlassen, die wir ihm per E-Mail gestellt haben. Der Kanadier Jeremy Narby lebt in der Schweiz. Leider hatten wir noch keine Gelegenheit, ihn persönlich zu treffen.
Hagia Chora: Herr Narby, wie sind Sie dazu gekommen, sich die Frage nach der Intelligenz in der Natur zu stellen?
Jeremy Narby: Ich bin im Großstadtmilieu aufgewachsen und hatte eine materialistisch-rationalistische Ausbildung, also ein Weltbild mitbekommen, das Lebewesen mehr oder weniger als Automaten und Maschinen auffasst. Meine Arbeit als Anthropologe mit den indigenen Bewohnern Amazoniens, die ich fünfzehn Jahre lang bei ihrem Kampf um ihr angestammtes Land unterstützt habe, führte jedoch dazu, dass sich mein Weltbild wandelte. Diese Menschen sind davon überzeugt, dass auch Pflanzen und Tiere zweckhaft handeln und dass Schamanen in Träumen und Visionen mit Pflanzen und Tieren verkehren. Im Lauf meiner Recherchen zu indigenem wie zu westlichem Wissen wurde mir mehr und mehr bewust, dass die Natur von Intelligenz geradezu überschäumt. Selbst jede einzelne Zelle unseres Körpers gleicht einem ganzen Bienenstock mit absichtlicher, zielgerichteter Aktivität.
Wie haben Sie versucht, sich das schamanische Wissen über die Natur zu erklären?
Diesem Thema habe ich ein ganzes Buch mit tem Titel „Die kosmische Schlange“ gewidmet. Ich untersuche darin die These, ob den Schamanen in ihren Visionen, in denen das häufigste Symbol die Schlange ist, ein Zugang gelingt zu DNS-bezogenen Informationen, die sie „belebte Essenzen“ oder auch „Geister“ nennen. Die kosmische Schlange symbolisiert die Doppelhelix, das Modell der Gen-Struktur, und steht für das biologische und kosmische Wissen des Menschen. In den südamerikanischen Mythen verkörpert die Schlange das Wissen vom Leben, sie verbindet die Welten.
Unter der Führung erfahrener Schamanen habe ich auch selbst erfahren, wie mir Pflanzen wie Ayahuasca oder Tabak intelligente Anweisungen gegeben haben.
In Ihrem Buch erklären Sie, dass die Bedeutung von „Intelligenz“ schwierig zu erfassen ist. Wie erklären Sie heute Intelligenz?
Der Begriff stammt von dem lateinischen „inter-legere“, das bedeutet „zwischen Möglichkeiten wählen“. Intelligenz impliziert die Fähigkeit, Entscheidungen treffen zu können. In westlichen Kulturen galt Intelligenz bis vor nicht allzu langer Zeit als ausschließlich den Menschen vorbehalten, jedenfalls als Fähigkeit, die uns von der Natur abhebt. Vor diesem Hintergrund haben Experten über Jahrzehnte hinweg über die Definition von Intelligenz gestritten. Es gab so viele verschiedene Defintionen – und oft ausschließlich auf den Menschen bezogene – dass es wahrscheinlich nicht sehr intelligent ist, eine weitere zu versuchen.
Welches Beispiel illustriert für Sie besonders eindrucksvoll intelligentes Verhalten von Pflanzen?
Mir fällt die Limabohne ein. Von Spinnmilben befallene Limabohnen setzen Duftstoffe frei, mit denen sie Raubmilben, die Feinde der Spinnmilben, anlocken. Sie wissen dabei genau, welche Milbenart sich auf ihnen mästet, denn sie analysieren die Chemie des Milbenspeichels und locken damit ausschließlich die Art Raubmilbe an, die sich ihrerseits von der pflanzenfeindlichen Milbe ernährt. Außerdem teilen sie den noch nicht befallenen Limabohnen mit, was sich gerade ereignet. Darauf setzen ihre Nachbarn dann ebenfalls den entsprechenden chemischen Stoff frei.
Oder ich denke an die Fächerpalme, die mit ihren Stützwurzeln wandern kann: Sie bildet neue Wurzeln aus in der Richtung, in die sie sich bewegen will, und lässt die alten absterben. Auf ihrem Weg scheint sie intelligent auf konkurrierende Nachbarpflanzen und das Sonnenlicht zu reagieren. Sie trifft Entscheidungen über ihren Weg.
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