Intelligenz in der Natur

Ein Interview mit Jeremy Narby

von Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 30/2008

Es gibt viele Wege, zu begreifen, dass wir Menschen nicht die ­einzige fühlende, empfindende, intelligente Spezies auf dem Planeten sind. Der Anthropologe Jeremy Narby nähert sich ­dieser Erkenntnis über die Wissenschaft wie über seine eigene schamanische Erfahrung und Naturbeobachtung.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (102 KB)

Das Buch „Intelligenz in der Natur“ haben wir bereits in der Ausgabe 25 von Hagia Chora besprochen. Jeremy Narby nimmt den Leser darin mit auf eine faszinierende Reise zu Schamanen indigener Kulturen, zu denen die Natur in lebendigen Bildern spricht, und zu Wissenschaftlern in aller Welt, die über Intelligenz in der Natur forschen. Beide untersucht er aus seiner Perspektive als Anthropologe. Narbys Buch hat bei uns viele Fragen hinterlassen, die wir ihm per E-Mail gestellt haben. Der Kanadier Jeremy Narby lebt in der Schweiz. Leider hatten wir noch keine Gelegenheit, ihn persönlich zu treffen.

Hagia Chora: Herr Narby, wie sind Sie dazu gekommen, sich die Frage nach der Intelligenz in der Natur zu stellen?

Jeremy Narby: Ich bin im Großstadtmilieu aufgewachsen und hatte eine materialistisch-rationalistische Ausbildung, also ein Weltbild mitbekommen, das Lebewesen mehr oder weniger als Automaten und Maschinen auffasst. Meine Arbeit als Anthropologe mit den indigenen Bewohnern Amazoniens, die ich fünfzehn Jahre lang bei ihrem Kampf um ihr angestammtes Land unterstützt habe, führte jedoch dazu, dass sich mein Weltbild wandelte. Diese Menschen sind davon überzeugt, dass auch Pflanzen und Tiere zweckhaft handeln und dass Schamanen in Träumen und Visionen mit Pflanzen und Tieren verkehren. Im Lauf meiner Recherchen zu indigenem wie zu westlichem Wissen wurde mir mehr und mehr bewust, dass die Natur von Intelligenz geradezu überschäumt. Selbst jede einzelne Zelle unseres Körpers gleicht einem ganzen Bienenstock mit absichtlicher, zielgerichteter Aktivität.

Wie haben Sie versucht, sich das schamanische Wissen über die Natur zu erklären?

Diesem Thema habe ich ein ganzes Buch mit tem Titel „Die kosmische Schlange“ gewidmet. Ich untersuche darin die These, ob den Schamanen in ihren Visionen, in denen das häufigste Symbol die Schlange ist, ein Zugang gelingt zu DNS-bezogenen Informatio­nen, die sie „belebte Essenzen“ oder auch „Geister“ nennen. Die kosmische Schlange symbolisiert die Doppelhelix, das Modell der Gen-Struktur, und steht für das biologische und kosmische Wissen des Menschen. In den südamerikanischen Mythen verkörpert die Schlange das Wissen vom Leben, sie verbindet die Welten.
Unter der Führung erfahrener Schamanen habe ich auch selbst erfahren, wie mir Pflanzen wie Ayahuasca oder Tabak intelligente Anweisungen gegeben haben.

In Ihrem Buch erklären Sie, dass die Bedeutung von „Intelligenz“ schwierig zu erfassen ist. Wie erklären Sie heute Intelligenz?

Der Begriff stammt von dem lateinischen „inter-legere“, das bedeutet „zwischen Möglichkeiten wählen“. Intelligenz impliziert die Fähigkeit, Entscheidungen treffen zu können. In westlichen Kulturen galt Intelligenz bis vor nicht allzu langer Zeit als ausschließlich den Menschen vorbehalten, jedenfalls als Fähigkeit, die uns von der Natur abhebt. Vor diesem Hintergrund haben Experten über Jahrzehnte hinweg über die Definition von Intelligenz gestritten. Es gab so viele verschiedene Defintionen – und oft ausschließlich auf den Menschen bezogene – dass es wahrscheinlich nicht sehr intelligent ist, eine weitere zu versuchen.

Welches Beispiel illustriert für Sie besonders eindrucksvoll intelligentes Verhalten von Pflanzen?

Mir fällt die Limabohne ein. Von Spinnmilben befallene Limabohnen setzen Duftstoffe frei, mit denen sie Raubmilben, die Feinde der Spinnmilben, anlocken. Sie wissen dabei genau, welche Milbenart sich auf ihnen mästet, denn sie analysieren die Chemie des Milbenspeichels und locken damit ausschließlich die Art Raubmilbe an, die sich ihrerseits von der pflanzenfeindlichen Milbe ernährt. Außerdem teilen sie den noch nicht befallenen Limabohnen mit, was sich gerade ereignet. Darauf setzen ihre Nachbarn dann ebenfalls den entsprechenden chemischen Stoff frei.
Oder ich denke an die Fächerpalme, die mit ihren Stützwurzeln wandern kann: Sie bildet neue Wurzeln aus in der Richtung, in die sie sich bewegen will, und lässt die alten absterben. Auf ihrem Weg scheint sie intelligent auf konkurrierende Nachbarpflanzen und das Sonnenlicht zu reagieren. Sie trifft Entscheidungen über ihren Weg.

Hat die Forschung zu Intelligenz in der Natur seit dem Erscheinen Ihres Buchs mehr Anerkennung erhalten?

Ja, inzwischen gibt es mehr ernstzunehmende Forschungen, die, wie schon angesprochen, darauf hinweisen, dass Pflanzen alle möglichen Aspekte der in ihrer Umgebung wachsenden Pflanzen wahrnehmen und auf Grundlage dieser Informationen mit ihren Nachbarpflanzen kommunizieren. Auf der Internetseite der Society of Plant Neurobiology (www.plantneurobiology.org) findet man die Ergebnisse einer Forschungsgemeinschaft anerkannter Wissenschaftler, die sich mit diesem Themenfeld befassen. Auf dieser Internetseite geht es ganz allgemein um die Wahrnehmungsfähigkeit von Pflanzen. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler immer wieder dargestellt, dass Pflanzen empfindungsfähige Organismen sind.

Wie steht es mit der emotionalen Intelligenz in der Natur, kann man so etwas auch an einfachen Organismen beobachten? Und wie steht es mit anderen, nur dem Menschen zugeschriebenen Eigenschaften?

Eine schwierige Frage. Die Antwort hängt davon ab, was wir unter „Emotion“ verstehen. Man hat sich bereits gefragt, ob Insekten Schmerz empfinden können, und die Antwort lautet: Zuweilen können sie es offenbar. Aber ob Insekten-Schmerz eine ähnliche Erfahrung darstellt wie unser Schmerz, lässt sich kaum sagen. Was eine Biene fühlen mag, wenn sie über eine Wiese voller blühender Blumen fliegt im Vergleich zu dem, was ich fühle, wenn ich über dieselbe Wiese gehe, lässt sich auch nicht festmachen. Es wäre interessant, der Frage nach der emotionalen Intelligenz weiter nachzugehen.
Tiere können Werkzeuge herstellen, mit abstrakten Konzepten umgehen, zeigen Selbstbewusstsein und erlernen Verhaltensweisen. Pflanzen können kommunizieren und mit Intelligenz und Voraussicht handeln. Fähigkeiten, die man früher allein dem Menschen zugeschrieben hat, findet man bei vielen anderen Arten. Die menschliche Sprache scheint etwas zu sein, das spezifisch zum Menschen gehört, aber das sollte eigentlich noch nicht zur Folge haben, dass man die sprachbegabten Wesen in eine völlig andere Kategorie einordnet als alle anderen. Viele Arten haben ihre ganz eigenen Kommunikationsformen.
In manchen Kreisen glaubt man, dass nur Menschen planvoll handeln und moralische Entscheidungen fällen können, aber für diese Behauptung gibt es derzeit keinerlei Belege. Die Wissenschaftler haben ja keine Ahnung, was Jaguare, Fledermäuse oder Bienen vielleicht denken. Aus all dem kann man ableiten, dass die Bedeutung dessen, was wir „menschlich“ nennen, auf unsicheren Beinen steht.

Intelligenz, Bewusstsein und Geist – sind Sie der Ansicht, dass diese drei Aspekte miteinander verbunden sind?

Es ist wichtig, sehr sorgsam mit solchen Begriffen umzugehen. „Intelligenz“ ist, wie ich schon erwähnte, eine knifflige Sache. „Bewusstsein“ verstehen wir nur sehr mangelhaft: Wir wissen nicht, wie Fleisch denkt und wie unser Gehirn unser Bewusstsein generiert (das Körper-Geist-Problem). „Geist“ ist auch so etwas schwer Fassbares: Ob „Geister“ existieren oder nicht, lässt sich nicht beweisen. Verschiedene Philosophen haben schon darauf hingewiesen, dass sich „Geister“ ontologisch nicht bestimmen lassen.
Ja, ich erfahre Intelligenz und und Bewusstsein in mir, aber „Geist“ gehört normalerweise nicht zu meinem konzeptionellen Repertoire. Ich habe nichts gegen „Geist“ einzuwenden und leuge nicht seine Existenz, aber ich setze mich mit diesem Konzept nicht weiter auseinander, sondern besinne mich darauf, das Leben zu leben.
Das lateinische Wort für „Geist“, „spiritus“, bedeutet auch „Atem“. Der Lebensgeist, der „élan vital“ … ja, wie schwer lässt sich so etwas begreifen! Es macht durchaus den Eindruck auf mich, als sei da ein Geist in der „Maschine“, aber man bekommt ihn nicht zu fassen, er bleibt unsichtbar.

Herr Narby, Sie schreiben: „Ich bin ein Tier“. Vermutlich möchten Sie mit dieser Aussage nicht die Menschen erniedrigen, sondern den Wert der Tier- und Pflanzenwelt emporheben. Gibt es dennoch etwas, was Sie für spezifisch menschlich halten?

Das ist eine sehr interessante Frage, der ich gegenwärtig nachgehe. Geben Sie mir noch ein paar Jahre, dann werde ich sie besser beantworten können. Einige Wissenschaftler sagen, dass Bewusstsein und Intelligenz lediglich Resultate neurobiologischer Prozesse unseres Gehirns seien. Sie verneinen die Existenz eines „Selbsts“ oder eines „freien Willens“ im Menschen und machen uns ausschließlich zu neurologischen Maschinen. Ich vermute, Sie stimmen dieser Ansicht nicht zu, richtig?
Wir wissen nicht, wie das Selbst mit dem Gehirn in Beziehung steht, und wir werden es vermutlich auch nie wissen, aber das ist kein Grund, zu glauben, es gäbe kein Selbst. Ich zweifle nicht daran, dass ich existiere. Wenn andere diesen Weg des Zweifelns gehen möchten, sollen sie es ruhig tun, aber – wenn sie gar nicht wirklich als sie selbst existieren, warum sollten wir ihnen dann zuhören?

Offenbar gefällt es Ihnen, dass die Wissenschaft mehr und mehr eine „aktive Intelligenz“ in der Natur entdeckt. Hat diese Intelligenz für Sie eine spirituelle Dimension?

Ich liebe die Natur, ich liebe es, zu gärtnern und im Wald spazierenzugehen. Das tue ich Tag für Tag, es ist Teil meiner Weltanschauung. Aber ich verwende das Wort „spirituell“ nicht. Ich habe das Gefühl, wenn ich das, was ich an der Natur liebe, „spirituell“ nenne, ordne ich es in eine begrenzende Kategorie ein. Also komme ich auch ohne dieses Konzept zurecht. Als Agnostiker habe ich kein Prob­lem damit, dass ich weiß, über bestimmte Dinge eben nichts zu wissen.

Wie hat sich Ihre Einstellung zur Natur während Ihrer Forschungen über Intelligenz gewandelt? Hat sich Ihr tägliches Leben durch diese Auseinandersetzung verändert?

Ja, heute weiß ich, dass ein Grashalm ebenso funktioniert wie mein Gehirn. Er ist aus Zellen aufgebaut und integriert Informationen aus der ihn umgebenden Welt, indem er diese von Zelle zu Zelle weitergibt. Dabei kommen im Wesentlichen die gleichen Signale wie zwischen meinen eigenen Neuronen zum Einsatz. Eine Wiese ist also bei genauerer Betrachtung ein Neuronengeflecht, ich gehe sozusagen über ein großes, grünes Gehirn, wenn ich über eine Wiese spaziere! Heute betrachte ich die ganze Natur um mich herum als ebenso lebendig und empfindungsfähig wie ich selbst es bin. Ich habe großen Respekt für Bäume, Pflanzen, Insekten, einzelne Zellen etc. Ich fühle mich weniger allein auf der Welt, seit ich die Natur als intelligent begreife. Ich fühle mich nicht mehr vom Leben abgeschnitten. Mein Leben ist seitdem viel interessanter geworden.

Herr Narby, herzlichen Dank für unseren Mail-Austausch.

 

Literatur: Jeremy Nary: Intelligenz in der Natur, AT-Verlag, Baden 2006.