Weltenberge
Weltmodelle und ihre Darstellung
zu beiden Seiten Eurasiens
Welche Bilder stehen uns heute vor Augen, wenn wir an die Welt als Ganze, an den Kosmos denken? Reinhard Falter lädt ein, ein Denken in sinnhaften Bildern wiederzubeleben, die mit unserer Erfahrung in Beziehung stehen und das Wesen der Welt auszudrücken vermögen. Als Inspiration zieht er antike Weltmodelle heran sowie den Boshanlu, ein chinesisches Räuchergefäß, das die Symbole Baum, Schale und Berg vereint, behütet vom Drachen als Symbol des Ungeformten.
Der Osten und der Westen des eurasischen Kontinents, China und der Mittelmeerraum, haben die beiden polaren Hochkulturen hervorgebracht, die heute unser Denken prägen. Im Osten sind zumindest auf den ersten Blick Traditionen besser bewahrt worden, oft freilich in Erstarrungsformen. Angesichts der Zerfaserung der europäischen Tradition, die der Dynamismus des Westens mit sich gebracht hat, versuchen wir, uns heute vieles aus dem Osten wiederzuholen, wobei wir oft gar nicht mehr wissen, dass es zu vielem auch westliche Überlieferungen gibt. Manchmal fällt es uns leichter, der für uns weniger mit Schul(un)bildung belasteten östlichen Variante unbefangen zuzuhören und das Wesentliche zu entdecken. Da umgekehrt die nicht-europäischen Völker die Technologien Euro-Amerikas zu übernehmen versuchen, erscheint Globalisierung als „Synthese“ im Sinn einer Ausbildung von harter, technisch-europäischer Schale und weichem, spirituell asiatischem Kern. Doch eine solche „Synthese“ kann nicht gelingen, bzw. sie wäre die schlimmstmögliche Verbindung zweier Einseitigkeiten.
Die Alternative zur Verbindung von (insbesondere buddhistischer) Weltflüchtigkeit und (säkularisiert christlicher) Weltbemächtigung muss sein, die Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit der traditionalen Weltbilder freizulegen, wobei die östlichen aus ihrer Erstarrung, die westlichen aus ihrer Dynamisierung herauszuschälen sind.
Was ich im Folgenden versuche, ist, entlang dem Leitfaden des Mythos bzw. der in der Kunst überlieferten Bilder zu denken. Sie werden in gewisser Weise an die Stelle philosophischer Begriffe gesetzt, aber nicht einfach assoziativ verbunden, sondern ihre Verbindungen werden in Analogie zu den kosmischen Grundgesten als zu denken beschrieben. Der Leser ist eingeladen, die Bildbewegung in Denkbewegung zu übersetzen. Als jemand, der nur der antiken Sprachen, nicht aber der ostasiatischen mächtig ist, beziehe ich mich zwangsläufig mehr auf alteuropäische Denkformen. Die Beschäftigung mit Motiven wie Fluss und Weltenberg haben mir allerdings den Eindruck verschafft, dass die Unterschiede geringer sind, als ich früher geglaubt habe.
Verstehen und Darstellen
Wir verstehen heute traditionale Weltbilder und ihre Darstellungen gar nicht mehr, weil wir sie als unvollkommenere Vorformen unserer physikalistisch-reduktionistischen Modelle sehen. Der Himmelsglobus der Alten wird nicht nur oft genug als Erdglobus missverstanden, er ist aber nicht die Erdkugel, sondern die Erde ist in ihm verborgen, und damit bleibt offen, was für eine Gestalt sie selbst hat. Der Himmel bzw. die Welt ist eine Kugel, weil sie die räumliche Darstellung der vollkommen in sich zurücklaufenden Zeit ist, die Erde selbst hat keine bestimmte von außen vorstellbare Form. Sie ist weder Scheibe noch Kugel, sondern eine Göttin. Peter Sloterdijk macht darauf aufmerksam, dass der Himmelsglobus dem Erdglobus geradezu entgegensteht. Letzterer zeigt die Erde quasi nackt ohne die ihr zukommende Atmosphäre, deren äußerster Kreis der Sternhimmel ist, ersterer zeigt das sie Bergende als vollkommene Form. Dieses „nackt“ kann man auch so formulieren, dass etwas Verborgenes ans Licht gezerrt wird; das wesenhaft Verborgene hat keine Gestalt. Die wesenhafte Darstellung der Erde ist die der Schale, und die heute selbstverständlich gewordene Kugeldarstellung ist eine Projektion von Apparaten. Nun ist es das Kennzeichen der modernen „Naturwissenschaft“, dass sie nicht entbirgt (dazu weiter unten), sondern ans Licht holt. Statt das Samenkorn wachsen zu lassen, zerlegt sie es in seine Bestandteile und bewertet seine Inhaltsstoffe. „Entbergen“ heißt, etwas selbst zum Licht kommen lassen. Dabei geschieht eine Umwandlung oder besser Umstülpung, so wie die sphärische Gestalt des Samens in die längliche und sich öffnende (baumförmige) Gestalt der Pflanze übergeht.
Es ist hier vielleicht sinnvoll, eine prinzipielle Bemerkung zum Verhältnis von Sehen, Vorstellen und Darstellen in traditionalen Kulturen einzufügen. Wir können uns nur dann weit genug vom Grundfehler der modernen, vergegenständlichenden Wissenschaft lösen und einsehen, dass der blaue Himmel gegen das schwarze All und die Tierkreiszeichen gegen den Wahn, es handle sich da draußen um Materieklumpen, recht behalten werden, wenn wir begreifen, dass alles durch Apparate Gesehene eben nur vorgestellt ist, weil nur das mit unseren Sinnen Erfasste im richtigen Verhältnis zu uns steht.
Alles, was wir sehen, ist Ausdruck, der uns als Eindruck zukommt, womit wir immer schon in Beziehung zum Anderen sind. Alle Dinge werden durch ihre Beziehung zueinander erst sie selbst. Sie adäquat als lebendig erkennen – auch das sogenante Anorganische –, können wir nur, indem wir uns mit ihnen in Beziehung setzen und uns am Leben, an ihrem Leben, beteiligen. Dabei müssen wir unsere Beteiligung zunächst einbeziehen, um sie dann wieder durchzustreichen. Das ist das Grundverhältnis von Subjektivität und Transzendenz. Unter Transzendenz verstehe ich die Fähigkeit und den Willen, sich (mit fremden Augen) von außen zu sehen. Die früheren Menschen haben weniger anthropozentrisch gedacht. Sie waren in gewisser Weise reflexiver, indem sie ihren Standpunkt mitbedachten. Sie empfanden sich nicht als etwas prinzipiell anderes als das Wahrgenommene. Die Verbindungen sind die Grundkonstellationen, die mit den Götternamen bezeichnet werden. Es ist mir nur dann möglich, etwas zu erkennen, wenn ich zulasse, das der Ausdruck von etwas anderem bei mir einen Eindruck verursacht, auf den ich antworte. Dann kann ich in einem zweiten Schritt abschälen, was davon eher zu mir gehört. Bin’s ich, oder ist es das Phänomen, das sich ausspricht? Das empfiehlt Goethe, immer zu fragen. Der antike Mensch nun glaubte nicht, dass die Erde eine gegenständliche Scheibe ist (das wäre Aberglauben, ebenso wie der Glaube an die Kugel), sondern er verstand, dass sie nicht sichtbar ist (damit ist nicht „übersinnlich“ gemeint), aber sie war für ihn darstellbar.
Und wenn der antike Mensch nun die Darstellungsform wählen soll, dann nimmt er nicht eine, die etwa der nicht möglichen Sichtbarkeit nahekäme, sondern eine, die das Wesen verbildlicht. Das Wesen der Erde ist, dass sie verbirgt und entbirgt, in ihrem Mutterschoß wachsen alle Wesen heran, und sie entlässt sie ans Licht. Dies kann als Schale mit Deckel dargestellt werden, was genau dem Mythos von Gaia und Uranos entspricht, über die es heißt, dass vor der Trennung durch Kronos Uranos die Erde vollständig bedeckte und ihre von ihm gezeugten Wesen nicht ans Licht, das heißt, nicht zur Geburt kommen ließ.
Indem sich der antike Mensch nicht rezeptiv, sondern als darstellend begreift, verhält er sich ebenso wie die Natur, versetzt sich also in einen Parallelprozess zu ihr und kann sie von daher als mitschwingend verstehen. Denn nicht nur für Kunst gilt, was Paul Klee richtig bemerkt: Sie „gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, das gilt auch für Landschaft und ist eigentlich geradezu die Definition von Physis.
Der Himmelsglobus ist also gar nicht die mehr oder weniger vollkommene Darstellung dessen, was unsere moderne Physik für ihre gegenständliche Wirklichkeit hält, sondern die (auch mehr oder weniger vollkommene) Darstellung einer metaphysischen oder „Aufgangswahrheit“. Aufgang ist die beste Übersetzung des griechischen Wortes Physis. Wir sind gewohnt, von einem negativen Naturbegriff auszugehen, d. h. Natur ist das vom Menschen nicht Gemachte bzw. nicht Beeinflusste. Was in den alten Kulturen „Natur“ hieß, bezeichnen wir als den Bereich der Übernatur, der Metaphysik. Dagegen kann der positive Naturbegriff in der Antike (physis-natura) wie in Ostasien (ziran) als „das, was von selbst aufgeht“ beschrieben werden.
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