Weltenberge

Weltmodelle und ihre Darstellung
zu beiden Seiten Eurasiens

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 30/2008

Welche Bilder stehen uns heute vor Augen, wenn wir an die Welt als Ganze, an den ­Kosmos denken? Reinhard Falter lädt ein, ein Denken in sinnhaften Bildern wiederzubeleben, die mit unserer Erfahrung in Beziehung stehen und das Wesen der Welt auszudrücken ver­mögen. Als Inspiration zieht er ­antike Weltmodelle heran sowie den Boshanlu, ein chinesisches Räuchergefäß, das die Sym­bole Baum, Schale und Berg vereint, behütet vom Drachen als Symbol des Ungeformten.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (379 KB)

 Langtext-Fassung dieses Artikels herunterladen (52 KB)

Der Osten und der Westen des eurasischen Kontinents, ­China und der Mittelmeerraum, haben die beiden polaren Hochkulturen hervorgebracht, die heute unser Denken prägen. Im Osten sind zumindest auf den ersten Blick Traditio­nen besser bewahrt worden, oft freilich in Erstarrungsformen. Angesichts der Zerfaserung der europäischen Tradition, die der Dynamismus des Westens mit sich gebracht hat, versuchen wir, uns heute vieles aus dem Osten wiederzuholen, wobei wir oft gar nicht mehr wissen, dass es zu vielem auch westliche Überlieferungen gibt. Manchmal fällt es uns leichter, der für uns weniger mit Schul(un)bildung belasteten östlichen Variante unbefangen zuzuhören und das Wesentliche zu entdecken. Da umgekehrt die nicht-europäischen Völker die Technologien Euro-Amerikas zu übernehmen versuchen, erscheint Globalisierung als „Synthese“ im Sinn einer Ausbildung von harter, technisch-europäischer Schale und weichem, spirituell asiatischem Kern. Doch eine solche „Synthese“ kann nicht gelingen, bzw. sie wäre die schlimmstmögliche Verbindung zweier Einseitigkeiten.
Die Alternative zur Verbindung von (insbesondere buddhis­tischer) Weltflüchtigkeit und (säkularisiert christlicher) Weltbemächtigung muss sein, die Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit der traditionalen Weltbilder freizulegen, wobei die östlichen aus ihrer Erstarrung, die westlichen aus ihrer Dynamisierung herauszuschälen sind.
Was ich im Folgenden versuche, ist, entlang dem Leitfaden des Mythos bzw. der in der Kunst überlieferten Bilder zu denken. Sie werden in gewisser Weise an die Stelle philosophischer Begriffe gesetzt, aber nicht einfach assoziativ verbunden, sondern ihre Verbindungen werden in Analogie zu den kosmischen Grundgesten als zu denken beschrieben. Der Leser ist eingeladen, die Bildbewegung in Denkbewegung zu übersetzen. Als jemand, der nur der antiken Sprachen, nicht aber der ostasiatischen mächtig ist, beziehe ich mich zwangsläufig mehr auf alteuropäi­sche Denkformen. Die Beschäftigung mit Motiven wie Fluss und Weltenberg haben mir allerdings den Eindruck verschafft, dass die Unterschiede geringer sind, als ich früher geglaubt habe.

Verstehen und Darstellen
Wir verstehen heute traditionale Weltbilder und ihre Darstellungen gar nicht mehr, weil wir sie als unvollkommenere Vorformen unserer physikalistisch-reduktionistischen Modelle sehen. Der Himmelsglobus der Alten wird nicht nur oft genug als Erdglobus missverstanden, er ist aber nicht die Erdkugel, sondern die Erde ist in ihm verborgen, und damit bleibt offen, was für eine Gestalt sie selbst hat. Der Himmel bzw. die Welt ist eine Kugel, weil sie die räumliche Darstellung der vollkommen in sich zurücklaufenden Zeit ist, die Erde selbst hat keine bestimmte von außen vorstellbare Form. Sie ist weder Scheibe noch Kugel, sondern eine Göttin. Peter Sloterdijk macht darauf aufmerksam, dass der Himmelsglobus dem Erdglobus geradezu entgegensteht. Letzterer zeigt die Erde quasi nackt ohne die ihr zukommende Atmosphäre, deren äußerster Kreis der Sternhimmel ist, ersterer zeigt das sie Bergende als vollkommene Form. Dieses „nackt“ kann man auch so formulieren, dass etwas Verborgenes ans Licht gezerrt wird; das wesenhaft Verborgene hat keine Gestalt. Die wesenhafte Darstellung der Erde ist die der Schale, und die heute selbstverständlich gewordene Kugeldarstellung ist eine Projektion von Apparaten. Nun ist es das Kennzeichen der modernen „Naturwissenschaft“, dass sie nicht entbirgt (dazu weiter unten), sondern ans Licht holt. Statt das Samenkorn wachsen zu lassen, zerlegt sie es in seine Bestandteile und bewertet seine Inhaltsstoffe. „Entbergen“ heißt, etwas selbst zum Licht kommen lassen. Dabei geschieht eine Umwandlung oder besser Umstülpung, so wie die sphärische Gestalt des Samens in die längliche und sich öffnende (baumförmige) Gestalt der Pflanze übergeht.
Es ist hier vielleicht sinnvoll, eine prinzipielle Bemerkung zum Verhältnis von Sehen, Vorstellen und Darstellen in traditionalen Kulturen einzufügen. Wir können uns nur dann weit genug vom Grundfehler der modernen, vergegenständlichenden Wissenschaft lösen und einsehen, dass der blaue Himmel gegen das schwarze All und die Tierkreiszeichen gegen den Wahn, es handle sich da draußen um Materieklumpen, recht behalten werden, wenn wir begreifen, dass alles durch Apparate Gesehene eben nur vorgestellt ist, weil nur das mit unseren Sinnen Erfasste im richtigen Verhältnis zu uns steht.
Alles, was wir sehen, ist Ausdruck, der uns als Eindruck zukommt, womit wir immer schon in Beziehung zum Anderen sind. Alle Dinge werden durch ihre Beziehung zueinander erst sie selbst. Sie adäquat als lebendig erkennen – auch das sogenante Anorganische –, können wir nur, indem wir uns mit ihnen in Beziehung setzen und uns am Leben, an ihrem Leben, beteiligen. Dabei müssen wir unsere Beteiligung zunächst einbeziehen, um sie dann wieder durchzustreichen. Das ist das Grundverhältnis von Subjektivität und Transzendenz. Unter Transzendenz ver­stehe ich die Fähigkeit und den Willen, sich (mit fremden Augen) von außen zu sehen. Die früheren Menschen haben weniger anthropozentrisch gedacht. Sie waren in gewisser Weise reflexiver, indem sie ihren Standpunkt mitbedachten. Sie empfanden sich nicht als etwas prinzipiell anderes als das Wahrgenommene. Die Verbindungen sind die Grundkonstellationen, die mit den Götternamen bezeichnet werden. Es ist mir nur dann möglich, etwas zu erkennen, wenn ich zulasse, das der Ausdruck von etwas anderem bei mir einen Eindruck verursacht, auf den ich antworte. Dann kann ich in einem zweiten Schritt abschälen, was davon eher zu mir gehört. Bin’s ich, oder ist es das Phänomen, das sich ausspricht? Das empfiehlt Goethe, immer zu fragen. Der antike Mensch nun glaubte nicht, dass die Erde eine gegenständliche Scheibe ist (das wäre Aberglauben, ebenso wie der Glaube an die Kugel), sondern er verstand, dass sie nicht sichtbar ist (damit ist nicht „übersinnlich“ gemeint), aber sie war für ihn darstellbar.
Und wenn der antike Mensch nun die Darstellungsform wählen soll, dann nimmt er nicht eine, die etwa der nicht möglichen Sichtbarkeit nahekäme, sondern eine, die das Wesen verbild­licht. Das Wesen der Erde ist, dass sie verbirgt und entbirgt, in ihrem Mutterschoß wachsen alle Wesen heran, und sie entlässt sie ans Licht. Dies kann als Schale mit Deckel dargestellt werden, was genau dem Mythos von Gaia und Uranos entspricht, über die es heißt, dass vor der Trennung durch Kronos Uranos die Erde vollständig bedeckte und ihre von ihm gezeugten Wesen nicht ans Licht, das heißt, nicht zur Geburt kommen ließ.
Indem sich der antike Mensch nicht rezeptiv, sondern als darstellend begreift, verhält er sich ebenso wie die Natur, versetzt sich also in einen Parallelprozess zu ihr und kann sie von daher als mitschwingend verstehen. Denn nicht nur für Kunst gilt, was Paul Klee richtig bemerkt: Sie „gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, das gilt auch für Landschaft und ist eigentlich geradezu die Definition von Physis.
Der Himmelsglobus ist also gar nicht die mehr oder weniger vollkommene Darstellung dessen, was unsere moderne Physik für ihre gegenständliche Wirklichkeit hält, sondern die (auch mehr oder weniger vollkommene) Darstellung einer metaphysischen oder „Aufgangswahrheit“. Aufgang ist die beste Übersetzung des griechischen Wortes Physis. Wir sind gewohnt, von einem negativen Naturbegriff auszugehen, d. h. Natur ist das vom Menschen nicht Gemachte bzw. nicht Beeinflusste. Was in den alten Kulturen „Natur“ hieß, bezeichnen wir als den Bereich der Übernatur, der Metaphysik. Dagegen kann der positive Naturbegriff in der Antike (physis-natura) wie in Ostasien (ziran) als „das, was von selbst aufgeht“ beschrieben werden.

Eigenbewegung
Das erste Kennzeichen von Eigenbewegung ist, dass sie runde Formen ausbildet, nicht lineare. Weder führt die Bewegung von etwas weg (kausal) noch auf etwas hin (teleologisch). Das gewaltsam Bewegte bewegt sich linear von etwas weg (gestoßen, was wir Kausalität nennen) oder auf etwas hin (gezogen, was wir Finalität oder Teleologie nennen). Alle Eigenbewegung vollzieht sich hingegen in Wellen. Die Tendenz zur Rundung ist beispielsweise die Eigenbewegungsform des Wassertropfens, der Mäander Zeichen der Eigenbewegung strömenden Wassers.
Ein zweites Merkmal der Eigenbewegung bzw. des nicht gewaltsam Hervorgebrachten ist Landschaftlichkeit. Was erscheint, erscheint im Medium des bisher Erschienenen, es steht in einer Ordnung des Miteinanders und des Nacheinanders mit allen Elementen seiner Landschaft.
Ein drittes Merkmal, wenn wir nicht die Landschaftlichkeit als einen Sonderfall davon sehen wollen, ist die Harmonie oder Klanghaftigkeit. Landschaftlichkeit drückt sich in Formen und Stoff aus, Klangraum dagegen ist geprägt durch den gemeinsamen Anfang aller Dinge im Apeiron (das, wo es keine Grenzen und Konturen gibt) und der Parallele aller Bewegungen und Verwandtschaft, die so etwas wie eine einheitliche Dimension gibt: Die Welt ist Klang. Das gewaltsam Bewegte durchkreuzt das bisher Seiende. Das Eigenbewegte (welches Paradox!) fügt sich ein. Wie ist dies zu erklären? Wird uns doch in bürgerlicher Vorstellung von Kindheit an der Widerspruch von Individualität und Gemeinschaft gelehrt. Nun, das wirklich Eigene kommt aus einer gemeinsamen Quelle mit allem anderen.
Der Himmel ist aufgängliche Bewegung, er ist nicht ein leerer Raum, sondern ein sich wölbender Schleier, der Raum umspannt und damit zum Ort macht. Der Himmel ist das, was nicht mehr im Raum ist, sondern selbst der Raum.
Erde und Himmel sind das Urpaar der mythischen Kosmologien. Dabei ist die Erde weiblich – was uns trägt und nährt –, der Himmel wechselhaft – woran und wohinein oder woraufhin wir wachsen. Zugleich ist die Erde die Dimension unseres Leibes, der Himmel die Dimension unseres „Geistes“. Das sind die Urbegriffe von Raum und Zeit, das Grünende und das Fordernde. Nämlich der Himmel ist verräumlichte Zeit mit den Sternen als Zeigern, und die Erde ist rhythmischer Raum. „Raum und Zeit“ beschreiben eine polar verfasste Ganzheit, nämlich Himmel und Erde einerseits, Tag und Nacht andererseits, sie sind Dimensionen des „Urpaares“. Der Name dieser Ganzheit ist „Welt“.
„Welt“ ist der Fluss des Seins, aber bereits in sich zurückströmend gedacht. Im mythischen Weltbild ist dieser Fluss Okeanos, die strömende Grenze von Endlichem und Unendlichem. Er begrenzt die Erde und bildet Welt, indem er sozusagen auf seiner Innenseite (dem Gleithang) festes Material ablagert – bis hin zur Formung des Weltenbergs – und auf seiner Außenseite den Himmel aufsteilt – nicht etwa auftürmt, sondern eigentlich kontinuierlich abträgt. Denn der Strom des Seins (oder vielmehr Werdens) verwandelt Himmelsqualität in Erde, Zeit in Raum, Mögliches in Wirkliches, Konstellatives in Geformtes, in Gestalten.

Baum, Berg und Himmel
Das vielleicht beste Beispiel einer traditionalen Kosmologie sind die Boshanlu genannten chinesischen Weihrauchgefäße. Ihre Form gleicht der eines Baums, und ihr Deckel hat die Form des Weltenbergs auf einem Kelch. Die Begegnung von Deckel in Bergform, einem Himmelssymbol, und der Schale, einem Erdsymbol, ist die Grundpolarität der Theogonie. Aber es geht um mehr: Die Erde wird in der Kelchschale so dargestellt, wie sie als von innen gesehen erscheinen würde. Sie formuliert künstlerisch das Paradox, dass der Mensch den Kosmos nicht von außen sehen kann. Und diese Zweiheit wird noch überschritten: Der Boshan­lu setzt das dreistufige Weltmodell um. Die Erde wurzelt in der Unterwelt, die meist durch Drachen an Kelchfuß und Standplatte des Weihrauchgefäßes angedeutet wird.


• Der Baum
Von außen betrachtet, hat der Boshanlu die Form eines Baums. Der Baum ist in gewisser Weise das polare Gegenbild dessen, was wir unter Raum verstehen: Die Schale kann man sozusagen als vollständig aus Ästen zusammengewachsen denken. Der Baum ist die Begegnung von Himmel und Erde von unten gedacht, als von unten nach oben wachsend. Der dazu polare Prozess von oben nach unten ist Einfluss oder, allgemeiner gesagt, Gnade, die sich im Regen wie im Sonnenlicht darstellt. Der Baum, wie alles Irdische, existiert nur im Wachsen. Er wächst dem Licht entgegen. Aber der Weltenbaum bildet auch ein Haus mit Stockwerken und unendlich vielen Wohnungen – er weitet seinerseits Raum. Die Welt in Gestalt des Baums ist aufgänglich. Sie ist selbst ein Baum, der sich zur Schale öffnet, der Gestalt und Raum ist.


• Himmel
In den französischen Gedichten redet Rilke einen Nussbaum an: „Baum – du immer im Kerne / von allem was dich umschließt /Baum, der in sich die ferne / Wölbung des Himmels genießt.“
Wipfel und Gipfel sind im Deutschen wortähnlich. Gerade in der durchbrochen gearbeiteten Form der chinesischen Weihrauchgefäße ist der Berg ein wolkenartiger Wipfel. Der Himmelsberg ist zugleich die Grenze der Erde, und die Grenzregionen der Erde sind bevölkert mit mythischen Wesen halb tierischen Aussehens. Sie werden dargestellt im Kampf mit wilden Tieren, aber auch reitend und einen Ochsenkarren führend.
Das irdische Bild des Himmels ist der Berg, nicht, weil er in den Himmel ragt, sondern umgekehrt, weil der Himmel, soweit er überhaupt gegenständlich, d. h. von außen gedacht werden kann, sich selbst auftürmt. Der Himmel ist das Urbild des Bergs, nicht umgekehrt, wie die Erde das Urbild der Mutter ist. Eine ­Facette davon erscheint, wenn wir – besonders bei klarem Winterhimmel – im Gegenlicht auf eine Bergkette blicken, dann werden die Berge wegen des aus den Tälern aufsteigenden Dunstes meist, jede Kette für sich, nach oben zu klarer und dunkler, wie auch der Himmel nach oben zu sein sattes und dunkelstes Blau erreicht. So wiederholt jeder Höhenzug das Muster des Himmels.
Was besagt es nun, dass der Raum von der Außenseite her als Baum erscheint, genauer freilich als Baum, der sich zum Kelch erweitert und dem von oben der Berg-Himmel entgegenkommt?
Wir verstehen dies am ehesten vom Himmel aus, der teilweise selbst als eine Art Berg oder Hut bergend, hütend vorgestellt wird. Die Boshanlu-Räuchergefäße verdeutlichen, dass der Berg ein gebauter Himmel ist. Diese Berge sind ja so gearbeitet, dass aus ihren Ritzen und Durchbrechungen der Rauch steigen kann, und außerdem finden wir in die Bronzemodelle Wolkenbänder eingearbeitet. Die Erde ist wesentlich eine „Küche“, der Himmel ist das, was dem Rauch Form gibt.


• Erde – Die Leere des Bechers
Das Erdsymbol des Kelchs ist im Inneren ein Bild der Wirkung des Nicht-Gegenständlichen, der Verborgenheit des Innen. Im leeren Inneren liegt des Bechers Sinn. Die Welt ist in ihrem Wesen Leere, aber nicht buddhistisch pejorativ misszuverstehen. Die Welt ist Raum im Sinn einer Einladung. Leer bedeutet nicht qualitätslos, sondern es geht um Qualitäten, die nicht inkarniert sind, die warten, in Gestalten einzufließen. Beim Bild des Bechers bringt der Wein die Qualität mit, beim oikeios topos (angemessenen Ort) zieht der Ort das ihm Gemäße an. Das Verborgene (Apeironale) als Verborgenes zu denken und nicht als seine defizitäre Form, bedeutet immer eine Umstülpung unseres gegenständlichen Denkens. Wenn wir es darstellen wollen, wird aus der Höhle wieder der Baumwipfel. Die Höhle, das Innen, kann ebenso wenig wie der Sternenglobus von außen gesehen werden.
Bei den chinesischen Räuchergefäßen bildet das Flüssige den Boden, ein Gewässer, umschritten von vier Tieren, der Rand das Gebirge. Aber diesmal ist nicht das Wasser das Umgebende wie beim Okeanos und nicht der Berg die Mitte, sondern umgekehrt ist beim Boshanlu die Schale quasi die Umstülpung des Weltenbergs. Versetzen wir uns in Gedanken in die Mitte des Räuchergefäßes: Dort wäre der Ort des Menschen auf der Erde, dort sehen wir, wie sich am Horizont die Gebirge auftürmen. Von der Erde (Erdoberfläche) her gedacht ist also das Gebirge der Rand, vom Himmel her gedacht der Mittelpunkt.
Der Rand unseres Blickfelds, auf dem der Horizont aufruht, ist das erste Urphänomen der Landschaft, und dieser Rand ist weniger eine Grenze als eine Fuge, wie man an den Boshanlu ablesen kann. Der Oberteil des Boshanlu hat die Form eines Eis – das Ei ist Zeichen des Ursprungs, es ist immer als übergängliche Form zu denken, es ist zum Zersprengen gemacht. Der Ursprung hat zwei Phasen, das Legen und Festwerden des Eis und die Sprengung durch Selbstbefreiung des Neuen. Es ist das Oben, das sich aus der Rundung herauswölbt und Durchbrechungen freigibt.


• Stamm
Alles Sein wurzelt und gründet in der Unterwelt, dem Apeiron, dem grundsätzlich nicht Zugänglichen, Verborgenen, in dem es gar keine Gestalten gibt. Die Anderswelt als eine „zweite Welt“ zu denken, ist meiner Ansicht nach unsinnig. Sie ist das, was der Begriff des Chaos meint, nicht ein Durcheinander, sondern ein Nichtssein, in dem es keine bestimmbare Existenz gibt und die Dinge nicht voneinander geschieden sind. Das Gleichnis der Anderswelt sind die Krümeligkeit der Erde und die Wurzeln in der Erde. Der Stamm des Boshanlu entspricht dem Stamm des Weltenbaums, der ja nicht nur Himmel und Erde, sondern auch Erde und Unterwelt verbindet. Freilich ist dieser Teil des Stamms für uns nicht von außen und gegenständlich sichtbar. Schamanen haben aber den Baum auch immer als Weg hinab gesehen und benutzt. In der innerirdischen Welt wird der Stamm für unser Bewusstsein quasi zum Loch. Interessant ist, dass sich in den Opferschächten von Keltenschanzen oft Bäume mit leiterartigen Astansätzen befinden – der Weg führt hinab in den apeironalen Bereich des Erdinneren, in dem die Dinge nicht geschieden sind.

Drei und Vier
Die Urpolarität des Raums, Himmel und Erde, und die der Zeit, Tag und Nacht, ergeben zusammen die vertikale Dreiheit: Unterirdisches, Erdoberfläche und in Tag und Nacht geteilter Himmel. Die Zeit ist also der Wipfel des Raums. Die drei Teile Stamm (Baum), Schale (Erde) und Berg (Himmel) sind die Grundformen des Aufgehens, während der Fuß mit den Drachen das wesenhaft und immer Verborgene bedeutet. Die drei Grundformen des Aufgehens kehren auch in der westlichen Tradition wieder als die Grundelemente der Sakrallandschaft, nämlich Fels, Quelle und Baum, bzw. deren Gottheiten, die drei Arten von Nymphen: die Oreaden, Najaden und Dryaden. Der Fels ist das Bild des Festen, die Quelle das Bild des stetigen Fließens (insofern sie aus dem Fels entspringt, Symbol des aus der Unterwelt entquellenden Lebens), der Baum das Bild der ewigen Erneuerung und des Einzellebens. Diese Ordnung ist weit entfernt von einer Systematik der Stoffqualitäten, wie sie die Vier-Elementen-Lehre seit Aristoteles, ja schon seit Empedokles, darstellt, handelt es sich bei den drei Elementen doch um unmittelbar erfahrbare Numina. Quelle ist die konkrete Erscheinung des mit Wasser Gemeinten, Berg ist, wo die Erde am sichtbarsten wird, und Baum ist gedacht als das, was im Wind spielt und rauscht. Erst über die Schwurformel kommt als viertes das Licht oder Feuer hinzu. Denn geschworen wird bei den Wesen der Erde, des Wassers und der Luft, (so dass der Meineidige an keinem Ort der Erde sicher sei) und beim allsehenden Sonnengott Helios. Das Licht bzw. Feuer (in die sich das vierte Element scheidet, nämlich in ein unterirdisches Feuer und ein oberirdisches Licht, von dem das irdische Feuer eine sohneshafte Gestalt ist, wordurch das Element in sich wieder eine Trias bildet) ist von ganz anderer Art. Es ist das Medium von Sichtbarkeit und das in allem Treibende.
Die Dreiheit der landschaftlichen Elemente ist zugleich die Dreiheit der Grundgesten der Natur bzw. des Seins, nämlich Sprossen, Quellen und Bergen. Diese Grundgesten sind in sich polar verfasst. Der Baum streckt (von außen gesehen) seine Arme zum Himmel, aber er zieht damit (innerlich) Licht nach innen und materialisiert es. Die Quelle ist in ihrem Wesen Ausfließen, aber in ihrer Gestalt Schale, und der Berg ist äußerlich Anhäufung, von seinem Wesen her aber das, was im Deutschen in Bildungen wie „bergen“ und „verbergen“ schön zum Ausdruck kommt. Im Boshanlu sind diese Erscheinungen freilich nicht nebeneinander, sondern übereinander geordnet, und es ist auch das vierte Element im Drachenreich des Standfußes nicht vergessen.
Auf den Drachen folgt der Stamm. Wir wissen jetzt, dass es der unterweltliche Teil des Weltenbaums ist, der für uns Menschen nie so von außen zu sehen ist, es ist der Geburtskanal, durch den alles aus dem Apeiron Aufsteigende hindurch muss. In diesem Durchgang wird es umgestülpt, kehrt sich das Innere nach außen bzw. findet der Polwechsel statt. Diese Notwendigkeit hat mit der Notwendigkeit der Verkapselung im Samen zu tun. Weil alles Gestaltwerden (alles Apollinische) bereits ein Stück Festwerden und Tod ist, darum muss dieser Prozess zu einem Ende, zu seiner kleinsten Zusammenziehung gebracht werden, und dieses Kleinste hat wieder die Kraft, neu auszuschlagen, ein neuer Anfang zu sein. Gerade die Verfestigung macht verflüssigbar. Das, was wesentlich innen ist, etwas, das sich nicht zeigt, ein Unfertiges, ist Organ, nicht Organismus.
Oben am Stamm des Boshanlu angekommen, öffnet sich die Schale, die für die feste Erde, für das quellhafte Sein und für den landschaftlichen Zusammenhang steht. Festgründendes, Lebengebendes und Harmonie sind die drei mütterlichen Äußerungsformen der Gaia. Dieses Ausbilden einer Schale ist neben dem Sprossen und Wölben Ausdruck der dritten Bewegungsform. Dies ist ein blütenartiges Sich-Öffnen, ein Sich-Ausschlagen, bei dem zugleich eine Unterlage für anderes gebildet wird. Alles, was entsteht, ist nicht nur Begrenzung, sondern auch Möglichkeit für anderes. Der Zusammenhang der Wesen ist, dass sie einander Raum geben, und alles, was erscheint und wächst, kann dies nur im Vertrauen auf seine Umgebung hin. Der wichtige Theoretiker einer nicht mechanistisch missdeutendenden Medizin Friedrich Popitz schreibt: „Die Gemeinschaft allen Lebens ist so tiefgreifend, dass kaum ein Einzelwesen bestehen könnte, wenn es ganz auf sich allein gestellt wäre. Nicht nur die Lebensgemeinschaften innerhalb der gleichen Art sind hier zu nennen, sondern auch das Angewiesensein einer Art auf die andere als ihre Nahrung oder als Ergänzung in sonstigen Lebensbedürfnissen.“
Und über die Gaia, die Schale, wölbt sich das Bergende, Decken­de, das Berg oder Himmel sein kann. Die Berge sind ein erdhafter Himmel, und der Himmel ist der Weltenberg. Dieses Bergende ist quasi der Mutterschoß der Unterwelt in höherer Potenz, und so rundet sich die Drei zur Vierzahl, die die Signatur aller abgeschlossenen Prozesse ist.
Wenn durch Technik etwas unentfaltet nach draußen gezogen wird, dann hat es nicht Schalenart. Es ist dann das, was im defizitären Sinn als materiell, als bloße Res extensa des Descartes (bloße Ausgedehntheit) bezeichnet wurde. Die Materie ohne Geburtsfähigkeit ist defizitär. Das Körperliche (extensa) ist weder Baum noch Schale, es ist am rechten Ort als das Bergende, es birgt Seelenlandschaft, alles Körperhafte ist dazu da, Seele zu bergen, als kleiner Berg, kleine Erde, Mikrokosmos.
Sprossen, eine Schale bilden und Wölben, diese schöpferischen Grundgesten zeigt der Boshanlu.

Der Globus als westliches Gegenstück zum Boshanlu
Im Westen wird die Eiform zur Kugel. Bei den Orphikern ist noch vom Ei die Rede. Das Ei ist Symbol der ursprünglichen Einheit von Himmel und Erde, die eine Verschlossenheit bedeutet, von der auch der Mythos von der Liebesverbindung von Gaia und Uranos und ihren chaotischen Geburten handelt. Das Innere kann nicht ans Licht gezogen werden, ohne es zu zerstören. Die Potenzen, die es zur Reife bringen können, sind Wärme und Zeit. Die Verschlossenheit des Eis ist Vorbedingung seiner Reifung und damit seines Zutage-Tretens zur rechten Zeit.
Das europäische Gegenstück zum Boshanlu ist der globustragende Atlas, in dem der Himmel zur Kugel umgestülpt wurde, so dass er von außen erscheint. Zunächst ist Atlas ein Berggott bzw. ein mit dem Berg gleichen Namens beschwerter Titan. Die obige Abbildung einer kleinen römische Applique zeigt deutlich, dass der Berg eine Art Herz und einen Kopf hat und auf einem Präsentierteller steht, der der Schale des Boshanlu entspricht. Auch kauert der Atlas auf einer Ebene, die dem Standfuß des Boshan­lu entspricht. Atlas ist auch der unterirdische Stamm des Weltenbaums. Es wäre falsch, die Umstülpung des Himmels von Anfang an als Ausdruck einer Sehnsucht nach einem außerweltlichen Standpunkt zu nehmen. Wie der Berg, so soll auch der Himmel von außen gesehen werden und damit das in ihm Ge- und Verborgene verborgen bleiben. Zunächst einmal ist die Leistung der Transzendenz zu würdigen, sich nicht mehr selbst als die Mitte und das Maßgebende anzunehmen.
Es kommt dem Menschen durchaus zu, das Ganze zu denken, aber unwahr wird es, wenn er dorthin seine Subjektivität mitnimmt. Daraus entsteht dann die Vergegenständlichung eines außerweltlichen Gottes. In Wirklichkeit ist aber die Wahrheit des Globus nur circumambulatorisch, standpunktlos als ein periechein „wahr zu nehmen“, das heißt als Ortsein. Der Mensch muss sich zum Ort des Alls machen, und er kann dies auch, weil er als Mikrokosmos alle Götterqualitäten in sich hat, freilich um den Preis, keine zu sein, auf keiner zu beharren.
Im Atlas ist auch dargestellt, dass der Mensch, der diese wandernd umkreisende Bewegung verfehlt, der Strafe verfällt, die Erde tragen zu müssen. Es ist plausibel, dass die römische Kaiserzeit in Atlas auch den philosophischen Dulder sah, der die Last der Welt übernimmt. Aber damit wird von seiner Stellung als Unterweltsgott und Fuß der Welt im Urwasser abgesehen.
Christophorus erscheint in der ostkirchlichen Ikonographie hunde- bzw. wie der ägyptische Anubis schakalköpfig, er ist ein Unterweltsgott, eben der Fuß der Erde. Er steht im Urwasser. Auf der Schulter trägt er das Kind, das dann den Globus hat. Atlas ist hier gewissermaßen in Träger und Kind geteilt.
Im Abendland beginnt der Mensch selbst, sich als Christusträger (miss-) zu verstehen, und das endet dann damit, den Träger wichtiger zu nehmen als Gott. Der Mensch nimmt das Joch der Welt auf sich, was ihm weder zusteht noch bekommt. Es macht ihn unglücklich, aber als Ersatz verschafft es ihm den Wahn, selbst Träger der Welt und damit wichtiger als Gott zu sein bzw. an dessen Stelle zu stehen. Aufgabe des Menschen ist es stattdessen, der brennende Weihrauch in der Schale zu sein.
Was in der abendländischen Darstellung ausscheidet, ist gerade die Mitte, die Erde. Im Bild des Himmelsglobus stößt ­direkt das unterirdisch Titanische an das Uranische (wie auch im Bild Michaels und Luzifers). Die Erde ist zur bloßen Grenze zum Horizont verflacht. Der Horizont ist jetzt nur noch ein Rand. Dies provoziert dann den Gegenschlag der Moderne, die nur noch das Irdische wahrhaben will und das obere und untere Apeiron gleichermaßen negiert. Der Leib wird negiert, indem er zur Maschine gemacht wird, der Geist zur Illusion und die Seele heimatlos.
Die Seele ist das, was uns gründet. Weniger befindet sich die Seele in uns, als dass wir uns in der Seele befinden, die damit eher Atmosphäre oder Aura ist. Wir erfahren dieses in seinem Wesen nur, wenn wir uns in es „versetzen“, und dann blickt es und spricht es durch uns. Die Seele ist nicht der Kern des Menschen, sondern sein Ort.
Der Globus hat im Abendland keinen Fuß, und es fehlt auch sein Wurzeln im flüssigen Element. Das ist eine Einseitigkeit ebenso wie die Abflachung der Spitze, die beim Boshanlu immer deutlich ausgeprägt ist. Die Kugel provoziert deshalb einen Gegenpol in einem außerweltlichen Gott, weil sie unsere Erfahrung nicht adäquat wiedergeben kann.
Dass wir heute den „blaue Planeten“ im Blick aus dem Weltraum zur Ikone der in politischer Korrektheit versandeten Ökologiebewegung haben, ist kein gutes Zeichen. Unsere Aufgabe als Menschen ist es nicht, von oben zu sehen, auch wenn wir uns ein Bild des Ganzen machen dürfen, das aber wegen der mindes­tens hälftigen Rolle des Unerschienenen (Apeiron) nicht fotografierbar sein wird. Dies hängt auch zusammen mit der falschen Harmonisiererei, die im Blick von oben, der alle gleich macht, beschlossen ist. Nur vom Stanpunkt des Ganzen her ist die Welt Harmonie, im Einzelnen ist sie Kampf (nicht ums Dasein sondern um die angemessene Entfaltung). Und gehandelt werden muss nicht nur lokal, sondern auch standpunktgebunden. Wenn aber Wahrheiten wie die, dass Erhaltung der Natur (nicht nur der Arten, sondern der Prozesse) und Vergötzung des Menschen nicht zusammengehen, gar nicht ausgesprochen werden dürfen, dann wird der falsche „globale“ Blick auch nicht zu den notwendigen Konsequenzen im Handeln führen, die schwer genug sein werden. Die Tabuierung von unangenehmen Wahrheiten und das Vermeiden von Entscheidungen, bei denen es nicht nur Gewinner gibt, war noch nie eine Lösung.
Doch auch in China scheint das Modell des Boshanlu in Vergessenheit geraten zu sein. Von nirgendwoher können wir fertige Weltbilder importieren, sondern wir müssen uns durch die Überlieferungen anregen lassen, sie in unserem Denken neu zu vollziehen. Weltbilder sind selbst Gerinnungsprodukte von ­Denken, sie müssen ohnehin immer wieder neu verflüssigt werden. ­Eigentlich sind sie eher Partituren vergleichbar, denn die Welt ist Klang. 

 

Auswahl weiterer Literatur zum Thema von Reinhard Falter: Artikelreihe „Sinnbilder – Über Götterqualitäten in der Landschaft“, Hagia Chora Ausgaben 19 bis 21 • „Natur neu denken“, Drachen Verlag, Klein Jasedow 2003 • „Natur prägt Kultur“, Telesma Verlag, Schwielowsee 2007.