Lebendige Kleidung

Bekleidungskunst –ihre Poesie und heilende Kraft

von Philemon-Sophia Hoepfner-Jordan erschienen in Hagia Chora 30/2008

Kein Fell nimmt den Raum um unseren Körper ein – Kleidung muss unsere innere Strahlkraft nach außen bringen. Philemon-Sophia Hoepfner-Jordan lädt ein, den Raum der Kleidung neu zu erforschen.

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Ein kleines Bergdorf im Bayerischen Wald: Ich erinnere mich an ein großes Zimmer in unserem alten Bauernhof mit Holzdielen, wo die Abstände zwischen den einzelnen Bohlen so groß waren, dass ich als Kind auf dem Boden liegend direkt in den Kuhstall blicken konnte. Wenn ich am Abend im Bett lag, hörte ich das leise Läuten der Kuhglocken und das Scharren der Hufe, und es umgab mich ein Gefühl von tiefem Frieden und Wärme. Tagsüber, in den warmen Sommermonaten, verbrachte ich die ­meiste Zeit nackt in der Natur. Ich liebte es, bunte Blumen ineinander zu flechten und mich mit ihnen zu schmücken. Oder ich pflückte lange Grashalme und flocht mir einen „Rock“ und verzierte ihn mit Heu. Das Erleben der Nacktheit in der Natur und die lebendig warme Atmosphäre des Kuhstalls hat in mir die innere Selbstverständlichkeit her­angebildet, meine Gestalt als ein Wunderwerk zu würdigen.
Heute bekleide ich mich aus dem bewussten Empfinden der Innerlichkeit – ich möchte dieser Schönheit Ausdruck schenken. Wenn ich z. B. am Morgen ein langes, schlichtes, blaues Kleid wähle, trage ich es mit allem, was ich tue, und fühle mich von diesem Kleid getragen. Am Abend habe ich nun vor, ins Theater zu gehen. Anstatt mich umzuziehen, halte ich inne und spüre nach, ob das Kleid meiner inneren Schönheit am Morgen und während des Tages noch entspricht. Ich behalte es an. In dem Augenblick, in dem ich die Schwelle des Theaters bewusst überschreite, geschieht etwas in mir; ich fühle den Zauber dieses Ortes und wie die eigene innere Schönheit erhöht wird. Dadurch ändert sich meine Haltung: Mein schlichtes, blaues Kleid erstrahlt durch mich in einem neuen Glanz.
Es bedeutet viel Mut, bewusst die eigene, lebendige Schönheit zu leben, weil man so Erwartungen und Ansprüche von außen nicht erfüllt. Ich bin z. B. einmal mit gelben Gummistiefeln in der Oper gewesen und musste mir abwertende Bemerkungen über diese „Abendstiefel“ anhören. Aber die Stiefel gaben mir eine erhöhte Haltung und hatten einen besonderen Glanz, der mir an diesem Abend entsprochen hat.

Ausdruck der eigenen Identiät
Das Erscheinungsbild eines Menschen drückt seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus. Mit Vergangenheit ist die Prägung seiner Kindheit, mit Gegenwart sein immerwährendes Ringen um seine Identität gemeint, auch sein unbewusstes Bewegen in anerzogenen Verhaltensmustern und das unbewusste Erfüllen von Perfektionsansprüchen. Zukunft bedeutet das Sehnen nach der eigenen Akzeptanz im Fühlen: Ich bin in mir zu Hause, ich bin in Liebe.
Diese Zeitqualitäten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmen unsere Bekleidungsweise mehr oder weniger unbewusst. Heute ist die Bekleidung meistens praktisch, sportlich und bequem oder elegant, verrückt oder gewollt kaputt. Aber eine ureigene, lebendig gestaltete Bekleidungskunst findet man kaum. Vielleicht brauchen wir dafür eine neue Kultur, in der jedes Gebäude ein heiliger Ort ist, jede menschliche Gestalt ein Tempel Gottes, in der jedes Stück Stoff mit Farbe, Form und Qualität eine tiefe seelisch-geistige Bedeutung hat – so, wie es in frühen Zeiten vermutlich einmal gewesen ist. Ein bewusst vertieftes Wahrnehmen – beispielsweise des eigenen Stehens oder der Geschwindigkeit, mit der wir durch den Tag gehen, kann uns spüren lassen, dass das, was wir täglich unserer Gestalt als Hüllen geben, mehr sein kann als Oberflächlichkeit. Bekleidungskunst, die schöpferisch gestaltet ist und den Menschen in seiner lebendigen Schönheit erstrahlen lässt, wirkt heilend, nicht nur für die Trägerin oder den Träger, sondern auch für den Betrachter.
Der Mensch ist in drei Ur-Bewegungen hineingestellt: das Sich-Aufrichten, Stehen und Gehen. Was für Bewegungskräfte sind das? Durch das Sich-Aufrichten erheben wir uns aus der Schwerkraft in die Leichtigkeit. Unser ganzes Leben bewegt sich in dieser Urpolarität. Wie schwer fällt es den Menschen, sich in ihre Leichtigkeit zu erheben, und wie leicht, in ihre Schwere zu fallen. Die Füße sind unsere physische, der Kopf die geistige Grundlage unserer Aufrechten, unseres Stand-Punkts. Das Gehen besteht aus drei Phasen: dem Heben des Fußes, dem Tragen nach vorne und dem Aufsetzen. Im Anheben der Ferse drückt sich der Willensimpuls aus, sich von der Erde zu lösen, sich der Schwerkraft zu entheben und der Entwicklung in die Zukunft zu folgen. Im Aufsetzen des Fußes liegt die Kraft der Vollendung einer Wegstrecke.
In diesem sich immer wiederholenden Rhythmus des Gehens spiegelt sich unser ganzes Leben: Wir haben einen Impuls (heben die Ferse an), tragen ihn im Herzen (tragen den Fuß nach vorn) und verwirklichen ihn (setzen den Fuß mit dem Ballen auf). Wenn man das bewusste Gehen eine Zeitlang bei sich und anderen Menschen wahrnimmt, kann viel über sich oder den anderen erfahren werden.
Mein Herzensanliegen ist es, Menschen zu ermutigen, als Individualität Selbstverantwortung zu übernehmen, die eigene Wesenheit erlebend zu erkennen und anzuerkennen, um daraus die ureigene Bekleidungskunst spielerisch-schöpferisch zu entfalten. Wer sich auf diesen Prozess einlässt, wird immer stärker erleben, wie das Zusammenspiel von Farbe, Form und Material (Qualität) und Innerlichkeit etwas in Erscheinung bringt: die lebendige Gestalt. Für jeden Einzelnen kann das Gefühl entstehen, dass seine Bekleidungskunst sich auf ganz naturgemäße Art zu ihm verhält, dass etwas Wahres ihn umgibt. Das ist Ausdruck der individuellen Schönheit!
Ich möchte nun Übungen anbieten, um sich innerlich zu stärken: Bewegungen, durch die die Seele ihr innerstes Wesen ausspricht. Werden die Übungen oft wiederholt, kann ein ganz neues Verständnis unserers Selbst in uns anklingen.


• Sich-Aufrichten (Schwere und Leichtigkeit)
Wir gehen aus vom freien Stand und bewegen die Arme seitlich nach oben, bis sie eine horizontale Linie bilden. Wir stehen im Kreuz, dem Urbild unserer selbst.
Von dieser Horizontalen ausgehend, erheben wir uns in die Leichtigkeit, indem wir die Arme weiter seitlich nach oben bis über den Kopf führen und uns auf die Zehenspitzen heben. Wir halten einen Augenblick inne, spüren nach, was geschieht. Jetzt beginnen wir, langsam der Schwere nachzugeben. Wir beugen die Knie, Arme, Rücken, Kopf, alles fällt in die Schwere nach unten. Dann wechseln wir schwingend nach oben in die Leichte, halten inne, um uns danach wieder der Schwere anzuvertrauen. Es geht hier darum, die Schwere und Leichte in uns zu erkennen, zu bejahen und ins Gleichgewicht zu bringen.


• Das Stehen
Wie empfinde ich mich innerlich in der Welt stehend? Mit dieser Frage stellen wir beide Füße in Schulterbreite nebeneinander und gehen mit dem Bewusstsein zu den Fußsohlen und zum Kopf, in die linke und rechte Hälfte des Körpers, in den Rücken und in den vorderen Bereich. Wir schwingen mit dem Körper leicht in alle Richtungen wie ein Pendel. Die Füße bleiben dabei am Boden und geben uns Halt. Dann kommen wir langsam zur Ruhe, atmen bewusst und nehmen unseren Standpunkt wahr.


• Das Gehen
Die Füße stehen in Schulterbreite nebeneinander, so dass die beiden Seiten Rechts und Links erlebbar werden. Nun heben wir die rechte hintere Ferse etwas an und machen uns bewusst, dass in diesem Willens­impuls die Zukunft schon enthalten ist. Indem wir den Fuß vom Boden heben und tragen, spüren wir unsere Mitte und die innere Balance zwischen rechts und links, oben und unten. Nun setzen wir den Fuß mit dem Ballen zuerst tastend auf, vertrauend dem Halt, den der Boden schenkt. Der linke Fuß löst sich mit der Ferse erst, wenn der rechte Fuß ganz aufgesetzt ist. Dadurch werden die Schritte nur so groß, dasss man in der entspannten, aufrechten Haltung bleibt. Im Gehen durchströmt mich von unten nach oben, wie auch in umgekehrter Richtung, die Empfindung von Vertrauen, Sicherheit und Ich-Stärke, im Leben zu bestehen.
Auch das Rückwärtsgehen empfehle ich sehr. Wenn man alle drei Übungen einzeln durchlebt hat, kann man sie miteinander verbinden. Es ist auch interessant, die Übungen mit geschlossenen Augen zu durchleben. Ich möchte ermutigen, in kleinen Abschnitten sich diesen Übungen zuzuwenden und es nach und nach zu einem Ganzen werden zu lassen. Jede kleinste Gebärde trägt ein tiefes Geheimnis in sich. Man kann sich jeden Tag am Morgen einen Zeitraum von fünf Minuten für diese Übungen nehmen – einen Zeitraum, der zum heiligen Ort wird.