Das Perlboot
Eine ökologische Kindertagesstätte in Gera-Lusan
In einer Plattenbausiedlung in Gera ringelt sich eine Kindertagesstätte in Form eines Nautilus, ein Ort der natürlichen Formen. Das Projekt wurde von der promovierten Bauingenieurin Maria Hoffmann realisiert.
Das 1,6 Hektar große Gelände der in Gera-Lusan gelegenen Katholischen Pfarrei „HI. Maximilian Kolbe“ wurde seit 1997 ökologisch umgestaltet. Die Pfarrgemeinde entschied sich für eine behindertengerechte, naturbelassene Geländegestaltung des Gemeindezentrums mit Seniorenheim und für den Neubau einer Kindertagesstätte, die in direktem Kontrast zur tristen Plattenbausiedlung der Umgebung mit Stahlbetonbauten für 40 000 Einwohner treten und ein Signal für die Kinder und das Bewahren der Schöpfung setzen sollte.
Aus der inhaltlichen Konzeption der Kindertagesstätte „Erleben – Miterleben – Weiterleben“ und der generationenübergreifenden Integration der Kinder in die bereits vorhandene Bebauung des Gemeindezentrums und des Seniorenheims erwuchs die Idee der spiralischen Grundrisslösung. Wichtige, im Kindesalter zu vermittelnde Grundwerte wie Geborgenheit, Beständigkeit, Phantasie und Kreativität führten im Höhenschnitt zu einer räumlich gekrümmten Schalenkonstruktion in Anlehnung an das seit 500 Millionen Jahren lebende Fossil, den Nautilus Pompillus, zu Deutsch „Perlboot“.
Das Bauwerk sollte das Geniale der Natur und ihre natürlichen inneren Wesensmerkmale nach heutigem Stand des Wissens erfassen und mit den Regeln der Baukunst in Einklang bringen:
! Die Spirale symbolisiert das immer wiederkehrende Werden und Vergehen von der Geburt bis hin zum Tod: die Beziehung vom Kind über den Erwachsenen zum Senioren und damit auch die territorialen Bezüge: Kindergarten, Gemeindezentrum, Seniorenheim.
! Die äußere Hülle des Gebäudes ist eine Schale und bietet Schutz und Geborgenheit. Dem Nautilus dient sie als Boot, sie ermöglicht ihm durch Erzeugen von Über- bzw. Unterdruck in den inneren Luftkammern das Auf- und Absteigen, die Bewegung im Meer, war Garant für das Überleben über Jahrmillionen und bot ihm Schutz. Genauso sollen die Kinder im Kindergartenalter noch wie in einem Boot getragen werden und sich geborgen fühlen, bevor sie in den neuen Lebensabschnitt bewusst hinübertreten; sie bedürfen noch eines besonderen Schutzes.
! Die Schale des Nautilus entwickelt sich vom Zentrum nach außen. Das Tier zieht sich nicht wie eine Schnecke nach innen zurück, sondern wächst nach außen. Der sich öffnende Trichter stellt die Verbindung zur Außenwelt her.
! Im Zentrum der Spirale liegt der Ort der Entspannung aller horizontalen Kräfte. So ist das Atrium ein Ort der inneren Ruhe, der Konzentration und der Sammlung.
! Die Öffnung des Zentrums nach oben (Atrium), das Hineinholen des Tages- und Jahreszyklus ins Zentrum, versinnbildlicht die vertikale Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Körperlichem, Seelischem und Geistigem und dient so dem Erwecken religiöser Erfahrungen.
! Die entscheidenden Aussteifungsscheiben des Bauwerks bilden im Grundriss ein Kreuz, sie finden ihren Ausgangspunkt im Zentrum, weisen sternförmig nach außen und sind entscheidener Halt für die horizontalen (erdgebundenen) Lasten (Wind, Erdbeben) des Tragwerks.
! Sowohl Eintritt als auch Austritt verlangen bewusste menschliche Entscheidung und Handlung. Sinnbild hierfür ist die Brücke vor dem Eingang. Diese Brücke führt über einen kleinen Teich, gespeist durch Regenwasser des Vordachs.
Um den vollständigen Artikel zu lesen, bitte melden Sie sich hier mit Ihren Daten an:
Sie sind bereits Abonnent?
Klicken Sie hier um Ihren kostenlosen Zugang zu aktivieren.
Sie sind kein Abonnent?
Abonnieren Sie hier.
