Global Scaling

Das universelle Prinzip der Strukturierung der Welt

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 30/2008

Die Artikelserie „Der Kristallplanet“, in der Marco Bischof ausgehend vom Phänomen der globalen Gitternetze die Tradition des phythagoräischen Denkens durch die Jahrhunderte nachgezeichnet hat, dürfte vielen Leserinnen und Lesern in Erinnerung sein. Global Scaling hat mit diesem Themenstrang zu tun: Es ist ein wissenschaftlicher Ansatz zur Erklärung des Strukturierungsprinzips der Welt und kann als Basis für zukunftsweisende Anwendungen in Architektur und Stadtplanung dienen.

Einer der jüngsten und interessantesten Versuche, eine moderne, wissenschaftliche Version des Pythagoräismus zu schaffen, ist die „Global Scaling“-Theorie des mathematischen Physikers Hartmut Müller. Müller wurde 1954 in Thüringen geboren, studierte von 1973 bis 1978 Physik und Philosophie im sowjetischen Leningrad und arbeitete in den 1980er-Jahren in der Sowjetunion; 1991 kehrte er nach Deutschland zurück. In den frühen 1980er-Jahren entwickelte er zusammen mit russischen Kollegen die „Global Scaling“-Theorie, die er erstmals in den Jahren 1982 bis 1989 in Moskau in russischer Sprache veröffentlichte (Müller 1982, 1989); er durfte sie jedoch aufgrund einer zehnjährigen Geheimhaltungsverpflichtung erst ab 1999 im Westen veröffentlichen (Müller 2001). Müllers Forschungen haben ihren Ursprung in den Untersuchungen zu einer „Biofeld“-Theorie, die seine Forschungsgruppe am Institut für Angewandte Mathematik der Universität Leningrad Anfang der 1980er-Jahre durchführte. Etwa zur gleichen Zeit wiesen eine Reihe von Experimenten am Institut für Genetik in Puschtschino nördlich von Moskau auf die Existenz schwacher physikalischer, aber nicht elektromagnetischer Wechselwirkungen zwischen bio­logischen Systemen hin. Die Hypothese eines Neutrino-Äthers, der 1983 als Ursache für diese Effekte in Betracht gezogen wurde, wurde wieder verworfen, da der Effekt auch in nicht-lebender Materie gefunden wurde. Man schloss daraus, ein „Biofeld“ müsse für die­se Effekte verantwortlich sein, welches mit der Gravitation als einem universellen Medium, das biologisch relevante Information übermittelt, identifiziert wurde. Diese Hypothese wurde gestützt durch die Publikation „Die Struktur von Fauna und Flora im Zusammenhang mit den Größen von Organismen“ des Professors L. L. Tschislenko (Universität Moskau 1981). Der Biologe hatte 1967 festgestellt, dass Größenwerte wie die Körpergröße, die durchschnittlichen Körpermaße usw. verschiedener bio­logischer Arten auf einer logarithmischen Skala nicht gleichmäßig verteilt waren, wie man erwarten würde, sondern sich in bestimmten Bereichen konzentrierten. Tschislenko studierte 4 727 Säugetierarten, über 5 000 Reptilienarten, 450 Vogelarten, etwa 1900 Amphibien-, 381 Süßwasser- und 218 Salzwasser-Fisch­arten, 21 374 Insektenarten sowie viele Pflanzen-, Pilz- und Bakterienarten. Eine weitere Entwicklung, die zur Global-Scaling-Forschung beitrug, waren die Forschungen über „Eigenschaften der Zeit, entdeckt durch astronomische Beobachtungen“, die von Nikolai A. Kozyrev und V. V. Nasonov im Jahr 1980 veröffent­licht wurden. Der Astrophysiker Kozyrev (1908–1983) hatte eine Reihe von Phänomenen beobachtet, die er auf die Wirkung von Gravitationswellen zurückführte, die sich mit 20-facher Lichtgeschwindigkeit fortpflanzen sollten. Im gleichen Jahr hatte auch der Astrophysiker V. F. Litvin von der Universität Leningrad die Hypothese aufgestellt, dass eine kosmische Welle des „Biofelds“ sich über das gesamte Universum ausbreite; nach seiner Auffassung war sie gravitationeller Natur.

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