Editorial

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 29/2008

Liebe Leserin, lieber Leser,

stellen Sie sich vor: Zwei Dutzend Ausbilderinnen und Ausbilder der unterschiedlichsten Geomantie-, Radiästhesie- und Feng-Shui-Schulen sitzen an einem Tisch und diskutieren über mögliche Kooperationen. Darunter langjährige Protagonisten der Szene, die sich zum ersten Mal begegnen. Am Tisch daneben beleuchten zwanzig Praktikerinnen und Praktiker das Berufsbild „Geomant“ von allen Seiten, und eine Ecke weiter beschäftigt sich eine dritte Gruppe mit der Frage, ob den diversen Spielarten der Geomantie eine gemeinsame Ethik zugrundeliege. Am vierten Tisch will man Geomantie für Außen­stehende verständlich machen und das Fach-Kauderwelsch bereinigen. Diszipliniert kommen alle nach anderthalb Stunden zu einem kurzen Plenum zusammen, stellen die Zwischenergebnisse ihrer Gespräche vor und stürzen sich gleich wieder in ihre Arbeitsgruppen, schmieden Pläne, sammeln Argumente, malen Schaubilder, verfassen gemeinsame Texte. An allen Tischen wird viel ­gelacht …
Nein, das ist kein geomantischer Fachkongress in utopischer Zukunft, in der man nach langen Grabenkämpfen im Bewusstsein der eigenen Identität offen auf Kolleginnen und Kollegen zuzugehen gelernt hat. Die Szene ist schon Geschichte! Sie hat am 6. und 7. Februar im Konzerthaus von Bad Pyrmont unter dem Motto „Stimme der Geomantie“ stattgefunden. Man hat inzwischen verstanden, dass viele Bäche den Strom speisen. Ob ein Geomant sich an einen Baum lehnt, die Rute der Radiästhetin zuckt oder ein Feng-Shui-Experte die Himmelsrichtungen vermisst – man beginnt, die Vielfalt der Methoden als essenziellen gemeinsamen Schatz der Fakultät zu begreifen. Es gibt gute Argumente, die den Erklärungsnotstand, in den Geomantie-Praktizierende immer wieder geraten („Geomantie ist Esoterik, dubios, pseudowissenschaftlicher Unfug …“), beseitigen helfen. Wer seine wie auch immer gewonnene geomantische Wahrnehmung eines Orts zur Grundlage der gestalterischen, therapeutischen, pädagogischen, künstlerischen oder sonstigen Arbeit macht, wird – entsprechendes handwerkliches Können vor­ausgesetzt – etwas Schöneres und Strahlenderes hervorbringen als das, was wir an unverbundener, von Ort, Natur und Erde völlig unbeeindruckter Missgestaltung des Gesellschaftsraums heute erleben. Das Rätsel, wie und warum uns die Sprache eines Orts Sinn vermittelt, wie und warum zwischen Mensch und Ort eine sympathische Beziehung entsteht, muss dabei keineswegs gelöst werden. Schließlich wissen wir auch nicht, warum zwei Menschen Liebe füreinander empfinden, und das hindert uns nicht daran, Wissenschaftsgebäude wie die Psychologie, ja ein ganzes Steuerrecht rund um das Phänomen der gegenseitigen Attraktion zu bauen. Warum sollte die Mensch-Ort-Sympathie exotischer sein als die Freundschaft zwischen Menschen? Wird das Schaffen lebensfördernder, sympathischer Beziehungen nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zur Erde Grundlage des Gestaltens, Lehrens, Heilens und Handelns, treten wir in ein neues Paradigma ein. Dann hat alles, was positive Beziehungsqualitäten stärkt, den höchsten Stellenwert, und was solche behindert – Konkurrenzdenken, Recht­haberei oder Machtmechanismen – wird als störend und überflüssig erkannt.
Das neue Paradigma, dessen Morgenröte in Bad Pyrmont am Horizont leuchtete, begegnete uns einen Monat später beim Radiästhesie-Symposion „Häuser, Heilen und H3-Antenne“ wieder. Schade, dass wir das Netzwerk-Forum der axis mundi Akademie wenig später verpasst haben, denn auch von dort erreichte uns Kunde von ähnlichem Geist. Und Anfang April erlebten wir das Treffen des sich neu formierenden Hagia-Chora-Netzwerks. Dort brachte die Diskussion über die Frage, was denn in Zukunft gefördert werden solle und in welchem Sinn man zusammenarbeiten wolle, die Sache auf den Punkt: „Es geht uns um die Förderung der Liebe zur Erde.“ Um dies auf eine gesellschaftspolitische Ebene zu transportieren, lohnt sich das Engagement für die Geomantie.
Mit den besten Frühjahrswünschen,


Lara Mallien und Johannes Heimrath

PS: Soeben hat der UNO-Weltagrar-Rat die Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Anbaumethoden in der Landwirtschaft weltweit eingefordert.