Wind und Wasser
Feng Shui, so nennen wir die traditionelle chinesische Geomantie, bedeutet wörtlich „Wind und Wasser“. Uns scheinen die esoterischen Aspekte der Geomantie oft interessanter als ihre praktisch-physischen. Esoterische Künste sind faszinierend, und allzu leicht lassen wir uns ins Studium ihrer verschlungenen Wege hineinziehen. Darüber vergessen wir mitunter, dass die Geomantie auf der fundamentalen Ebene ganz praktisch anwendbar ist, auch auf unsere heutigen Probleme.
Eines der Häuser, in denen ich einmal gelebt habe, wurde im Jahr 1974 auf bis dato unbebautem Grund errichtet. Die Bauherren waren profitorientierte Investoren, und so hatte ich selbstverständlich keinerlei Einfluss auf dessen Ausrichtung oder Gestaltung. Bereits der erste Wintersturm riss die Firstziegel vom Dach dieses und benachbarter Häuser. Wie heute allgemein üblich, hatten die Bauherren nicht einen Gedanken an die örtliche Topografie verschwendet – Wind und Wasser hatten bei diesem Bau keine Rolle gespielt, es zählten nur niedrige Kosten und eine möglichst kurze Bauphase. Traditionelle, ortskundige Bauherren hätten die Giebelseite eines Hauses nie nach der Hauptwindrichtung ausrichtet, und wäre es unvermeidlich gewesen, hätte man bis an den Boden reichende Strohdächer und Schornsteine gebaut. So verloren jedoch ich und viele meiner damaligen Nachbarn einen Teil der Dacheindeckung, und die Versicherung musste für die Schäden aufkommen.
Als Geomant widme ich mich den lokal herrschenden Bedingungen, wie der Hauptwindrichtung, der Bodenneigung oder den Ab- und Durchflussmöglichkeiten von Wasser mit der gleichen Aufmerksamkeit wie den eher „esoterischen“ Aspekten. Doch industrialisiertes Bauen und das Planen auf Reißbrettern und an Computern haben uns von einer solchen Herangehensweise entfremdet. Von weit entfernt tagenden Zentralregierungen ersonnene Bauplanungsvorschriften können unmöglich Rücksicht auf bestimmte lokale Bedürfnisse nehmen, und die Leidtragenden sind die zukünftigen Bewohner der Häuser. Der Siedlungsdruck drängt die Behörden zur Genehmigung von Bauten an Orten, die entsprechend der Tradition und dem regional verankerten Wissen als ungünstiges oder potenziell höchst gefährliches Bauland gelten.
In England gab es im Jahr 2007 eine Reihe größerer Flutkatastrophen, die ganze Städte tief unter Wasser setzten, das normale Leben unmöglich machten und viel Eigentum vernichteten. Auf den „überfluteten Gebieten“, von denen die Medien sprachen, hätte in früheren Zeiten kein Mensch sein Haus errichtet. Lang anhaltende Niederschläge haben immer schon Flüsse über ihre Ufer treten lassen, so dass sich, wer in der Nähe siedelte, unvermittelt im erweiterten Flussbett wiederfand. Auch Springfluten forderten ihren Tribut. Und es war gängige Praxis, Straßen so zu bauen, dass sie schwere Regenfälle zu den Bächen und Flüssen hin ableiteten.
Drainagen an der Hausmauer anzulegen, ist selten eine gute Methode, zumal sie meist so billig wie möglich gebaut werden und solche Maßnahmen aus einer Zeit stammen, in der es anstelle der geteerten Parkplätze vor den Häusern noch Vorgärten gab. Die Kürzungen im öffentlichen Haushalt haben außerdem dazu geführt, dass die Drainagen der Straßen nicht mehr regelmäßig gereinigt werden und verstopfen. So verwandeln sich die Straßen in Flüsse, Wassermassen wälzen sich in ihnen entlang und nehmen Häuser und alles, was ihnen im Weg steht, mit. Es ging so weit, dass im Jahr 2007 die Versicherungen derart ausgeblutet waren, dass sie keine Flutschäden mehr bezahlen wollten.
Bei den wirtschaftlich ausgerichteten Planern, Beamten und Beratern würde jeder Einwurf, die Geomantie könne Abhilfe bei derartigen Problemen schaffen, nur Spott ernten. Im besten Fall würden diese Leute vielleicht noch einen Blick in ein populäres Buch werfen, aber rasch zu dem Schluss kommen, dass ein an der Wand aufgehängter geomantischer Spiegel keine Wasserflut davon abhalten wird, eine abschüssige Straße hinunterzurauschen.
Doch ebenso wie im vormodernen China ist auch die traditionelle Geomantie Europas eine in erster Linie praktische Kunst. Ihr ursprünglich weiter gefasster Aufgabenbereich – nämlich die Platzierung von Siedlungen und den in diesen Siedlungen liegenden Gebäuden – hat sich mit der Zeit auf kleinere Maßstäbe reduziert. Heute geht es um Dinge, die vielleicht im persönlichen Umfeld wichtig sind, aber nicht das geplante Eigenheim von Schäden bewahren können, weil man es am falschen Fleck gebaut hat.
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