Vergessen haben wir die Sprache der Erde nie

von Beatrix Pfleiderer erschienen in Hagia Chora 29/2008

Es ist schon viele Jahre her. Ich arbeitete als Dozentin für Anthropologie an einem medizinischen College in Pune in Indien. Ich forderte die jungen Mediziner mit meinem Bedauern über die Abwesenheit des ayurvedischen zu Gunsten des westlich-medizinischen Denkmodells heraus und sagte ihnen, in der ayurvedischen Medizin würde der Körper als Teil der Erde beschrieben und behandelt. Sie rebellierten, und ich brauchte bessere Argumente, um ihnen verständlich zu machen, dass alle medizinischen Systeme letztlich nur kulturelle Produkte sind, auch wenn sie sich Wissenschaft nennen. Eine amerikanische Kollegin kam zum Abendessen. Ich erwähnte meinen Kurs und die entstandene Dynamik. Aus unerfindlichem Grunde sagte sie zum Abschied nur: Du solltest zu Bholei’s Kitchen fahren.
Ein Freund lieh uns Auto und Fahrer, und wir fuhren in das trockene, ausgedorrte Land Maharashtras hinaus, dessen Hügel, oft mit einer Burg befestigt, noch von den feudalen Prägungen des Landes berichteten. Unweit der Straße, nahe einem Dorf auf einer ausgebleichten Grasnarbe, war eine Ansammlung sehr großer, ruhender Felsbrocken. Das ist sie, sagte der Fahrer, das ist Bholeis Küche. Wer ist Bholei, fragte ich endlich. Wir sind auf ihrem Land, antwortete er schlicht. Sie gewährt uns ihr Land, fügte er hinzu. Und in seiner Sprache sagte er, sie sei die Mutter.
Wir stiegen aus und gingen zu den Felsen. Aus Funden von Obsidianspitzen weiß man, dass diese Muttergöttin hier schon in der Steinzeit verehrt wurde. Nachdem wir uns eine Zeitlang die Felsen angesehen hatten, blieb ich an einem brusthohen, glatten ­Brocken stehen und legte meine Hände flach auf. Mit meinen Füßen stand ich wohl geerdet auf der Grasnarbe. Kaum hatte ich diese Position eingenommen, da fühlte ich es. Oder sollte ich sagen, da fühlte ich sie? Wwwhhmm! – Ein Summen wie nahe einem Bienenschwarm. Es drang in die Hände ein. Es füllte die Arme, den Körper, das Herz. Es war, als ob dieser Felsen derart von diesem Summen, von dieser Schwingung erfüllt wäre und er diese so stark ausstrahlte, dass meine Hände respektvollen Abstand nehmen wollten und dabei trotzdem die Energie noch wahrnehmen konnten. Wow, dachte ich, Bholei Ma, wie stark du bist! Du machst uns alle zu Zuhörern!
Hier standen wir, Kopfmenschen aus Akademialand, und hörten eine Sprache, die wir nicht glaubten, sprechen zu können. Wir alle hielten die Hände auf diese sprechenden Felsen und waren berührt von ihrer Mitteilung. Dann fielen Worte wie Kraftort, Muttergöttin oder Neusteinzeit. Unsere Köpfe arbeiteten. Das Erlebte musste eingefangen werden, in Kategorien gebracht werden. Anders unsere Körper, die haben den „Kraftort“ dankbar wahrgenommen und angenommen. Sie haben unbewusst unter Ausschluss des Kopfes eine Wallfahrt zur lebenden Erde erfahren.