Klassisches Feng Shui

Einführung in Originaltexte zur chinesischen Raumpsychologie

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 29/2008

Wer die Philosophie des Feng Shui gründlich verstehen will, kommt um die chinesische Original-Literatur nicht herum – doch ist diese im Westen kaum zugänglich. Mit dem „Qingnang Jing“, dem „Leitfaden aus dem grünen Beutel“, eröffnet Manfred Kubny eine Folge von Beiträgen über klassische Schriften zur chinesischen Geomantie und Raumpsychologie, in denen er die wichtigsten Ideen und Entwicklungen vorstellt.

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Das chinesische Feng Shui ist sehr gut in einer ihm eigenen Literatur dokumentiert, doch deren Einzelwerke sind vom Westen bisher nicht inhaltlich erfasst worden. Bestensfalls wurden einzelne Konzepte in einer mehr oder weniger zusammenhanglosen Streuung vorgestellt. Nachdem bereits 2005 und 2006 eine von mir verfasste vierteilige Artikel­serie zur Geschichte des Feng Shui im „Feng Shui Journal“, Ausgabe 8 bis 11, publiziert wurde, folgen nun inhaltliche Beschreibungen bedeutender klassischer Werke zum Feng Shui. Wir beginnen mit dem „Qingnang Jing“ 青囊經 („Der Leitfaden aus dem grünen Beutel“). Die Überlieferung berichtet, dass der berühmte Exorzist und Divinationsmeister Guo Pu 郭璞 aus dem 2. Jahrhundert, der auch das „Zang Shu“ 葬書 („Buch der Gräber“) geschrieben haben soll, seine schriftlichen Notizen und wichtige Bücher, insgesamt neun Schriftrollen, immer in einem grünen Beutel aufbewahrt habe. Dieser grüne Beutel wurde daher als ein einmaliger Schatz geheimen Wissens angesehen, so dass diese Bezeichnung bis heute gleichbedeutend mit den Techniken des Feng Shui ist.
Das heute bekannte Qingnang Jing stammt aus der Sammlung des in der Literatur als „großer Lehrer“ (dashi) bezeichneten, berühmten Experten Jiang Dahong (1616–1714), dem bedeutendsten Meister der Technik „die drei Ursprünge und die mysteriöse Leere“ (sanyuan xuankong). Diese basiert auf den theoretischen Grundlagen des Qingnang Jing. Heute ist aber nicht mehr nachvollziehbar, ob und wie weit der Inhalt dieses überlieferten Texts mit dem Qingnang Jing des Guo Pu identisch ist.
Der Urtext des Qingnang Jing ist eine kurze, inhaltlich aber hochkonzentrierte Abhandlung über die hinter dem Feng Shui stehende Kosmologie und das Wesen der Schöpfung. Der Text wird weiter erklärt in den ähnlich bezeichneten, späteren Werken „Qingnang Xu“ 青囊序 („Einleitende Worte zum Qingnang“) des Feng-Shui-Experten Zeng Gongan 曾公安 aus der Tang-Dynastie, und dem „Qing­nang Aoyan“ 青囊奧言 („Wunderbare Worte des Qingnang“) des ebenso während der Tang-Dynastie lebenden berühmten Meisters der Formen-Schule Yang Yunsong 楊筠松 (834–900). Auch diese sind äußerst knapp formuliert und bestehen häufig nur aus Andeutungen von Konzepten, bei denen erwartet wird, dass sie den Experten vertraut sind. Alle drei Werke benennen wesentliche Konzepte des Feng Shui und stellen sie in einen übergeordneten Zusammenhang. Exemplarisch für alle drei Werke stellen wir für diese eigene Literaturgattung im Feng Shui den Urtext des Qingnang Jing vor. Er besteht aus drei „Rollen“ bzw. „Kapiteln“ (quan):
! „Hua Shi“ 化始 („Der sich wandelnde Beginn“),
! „Hua Ji“ 化機 („Der sich wandelnde Antrieb“),
! „Hua Cheng“ 化成 („Die sich wandelnde Vollständigkeit“).

Originaltext des „Hua Shi“ – „Der sich wandelnde Beginn“
„Oben ist der Himmel und unten ist die Erde. Das Yang ist ungerade, das Yin ist gerade. Eins und Sechs sind die Ahnen. Zwei und Sieben sind der gemeinsame Weg. Drei und Acht ergeben die Freunde. Vier und Neun ergeben die Helfer. Fünf und Zehn sind die gemeinsame Richtung. Öffnen und Schließen, Gerade und Ungerade [und] die fünf Omen gebären. Der Fluss hat Anfang und Ende. Die acht Körper sind weiträumig bedeckt. Mutter und Kind unterscheiden sich als Konzept.
Himmel und Erde haben feste Positionen. Berge und Sümpfe sind von Qi durchdrungen. Wenn Donner und Wind sich begegnen, entsteht Unglück. Wasser und Feuer können nicht aufeinandertreffen. In der Mitte [bei der] Fünf als äußerster Position schaut man auf die vier Himmelsrichtungen. Im Rücken [hat man] die Eins und vor sich die Neun. Drei und Sieben [sind] an den Seiten. Zwei-Acht, Vier-Sechs sind die Koordinaten und Regeln.
Das Yang bedingt das Yin, und das Yin bedingt das Yang. Das Yang wird im Yin geboren, und das Weiche wird im Harten geboren. Die Wirkkraft des Yin ist allumfassende Hilfe – die Wirkkraft des Yang ist Anpassung und Blüte. Das ist der Grund, dass das Yang im Yin wurzelt und dass das Yin das Yang gebiert. Der Himmel hängt von den Formen ab, die Erde hängt am Qi. Dies nennt man den ‚sich wandelnden Beginn‘.“
Die chinesische Inhaltsanalyse des heute in Taiwan lebenden Experten Huang Shiping 黃世評 erklärt uns die zitierten Zeilen und ihre Zusammenhänge aus seinem Verständnis heraus: „Der erste Band berichtet über die Grafiken Hetu und Luoshu, den acht Trigrammen und der kreisenden Funktion von Zahlen. Es hält das ‚gestaltlose Qi‘ 無形之氣 (wuxing zhi qi) für den Aufenthaltsraum von Himmel und Erde und leitet daraus die Kernlehre der Erdstruktur ab. Es handelt auch den Ausgleich von Yin und Yang ab und die gegenseitige Abhängigkeit von Qi und Gestalt. Die Lehrsätze ‚der Himmel folgt den Formen‘ 天依形 (tian yi xing) und ‚die Erde hängt am Qi‘ 地附氣 (di fu qi) werden hier als eine ‚Wandlung des Anfangs‘ 化始 (huashi) verstanden. Diese ist das ‚ursächliche Wunder von Yin und Yang‘ 原本陰陽之妙 (yuanben yinyang zhi miao), die ‚mittels Qi in einer gegenseitigen Empfindung stehen‘ 以氣相感 (yiqi xianggan). Gemäß des Wegs von Himmel und Erde wurzelt das Yang im Yin, und das Yin ist konstant in der Lage, das Yang zu gebären, weshalb der Himmel nicht weiträumig leer ist und das Qi konstant am Gegenständlichen hängt und ihm folgt, so dass es immer herabsinkt und [die Formen] unterstützt. Deshalb ist die Erde auch nicht stückweise unbewegt, und ihre Formen hängen konstant am ursprünglichen Qi, und es ist immer so, dass [ihr] Qi nach oben aufsteigt. Dementsprechend ist es so, dass das Qi des Himmels sich konstant in der Erde befindet und das Qi der Erde immer das Qi des Himmels ist, so dass die beiden Qi von Yin und Yang eigentlich ein Qi sind.“

Originaltext des „Hua Ji“ – „Der sich wandelnde Antrieb“
„Der Himmel verfügt über die fünf Sterne. Die Erde verfügt über die fünf Elemente. Der Himmel unterteilt sich in Sterne und Statio­nen (Häuser). Die Erde ordnet sich in Berge und Flüsse an.
Das Qi wird auf der Erde zur Wandlungsphase. Die Form erhält die Schönheit vom Himmel. Deshalb wird die Form mittels des Qi untersucht und durch das Verhalten des Menschen aufgezeichnet.
Das violette Winzige am Himmelspol (Polarstern) ist Herrscher der äußersten Einheit. Der oberste Herrscher schaut auf die vier Kardinalrichtungen herab. Er blickt nach Süden und führt seine Regierung durch. Die Himmelsstadt ist der Ostpalast, unweit im Westen befindet sich die Stütze. Noch näher aber im Süden liegt die Mauer. [Gemeint sind Sternbilder um den Polarstern.] An den Seiten leuchten die vier äußersten Punkte des Universums.
Vier und Sieben sind die vertikalen Koordinaten. Die fünf Wirkkräfte sind die horizontalen Koordinaten. [Sie ordnen sich] zyklisch um den Stamm der Erde an und hängen am Leuchten der Anordnung des Trigramms Qian. Die sieben Regulatoren (Sonne, Mond und fünf Planeten) kreisen darin für alle Zeiten. Die Wirkkraft der Erde trägt die Dinge nach oben. Die Wirkkraft des Himmels leuchtet herab. Das Yin nutzt die Herrschaft (den Morgen) des Yang, und das Yang nutzt die Resonanz des Yin. Yin und Yang stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, dann heißt die Voraussage Glück und Reichtum. Wenn sich Yin und Yang gegenseitig multiplizieren, dann lädt man das Unglück zu sich nach Hause ein.
Das, was vom Himmel herabkommt, und das, was von der Erde empfangen (gefühlt) wird, fixiert die Formen und häuft das Qi an, so dass die 10000 Dinge entstehen. Die Berührung des Qi führt zu Resonanz [zwischen] Dämonischem, Glück und dem Menschen.
Das ist der Grund, warum der Himmel Erscheinungsbilder hat und die Erde Formen. Wenn Oben und Unten sich gegenseitig empfangen, dann bildet sich ein einheitlicher Körper. Das nennt man ‚der sich wandelnde Antrieb‘.“
Die chinesische Inhaltsanalyse von Huang Shiping 黃世評 erklärt uns die zitierten Zeilen folgendermaßen:
„Der zweite Band berichtet speziell über die 28 Mondstatio­nen, die mit den Erscheinungsbildern der Gegenständlichkeit einen sich wandelnden Antrieb ergeben. Er erörtert auch, von woher der Mensch das Qi erhält.
Nach der sogenannten ‚Lehre der Erd-Struktur‘ 地理之道 (dili zhi dao) muss das, woher das Ich [des Menschen] seine Gestalt erhält, mit dem ‚empfangenen Qi‘ 納氣 (naqi) aufgefüllt werden, so dass das Qi das Ich nicht verlassen kann, um daraufhin zu verschwinden. Das bedeutet, dass das Qi und die Gestalt in einer gegenseitigen Verflechtung eine Einheit ergeben. [Des weiteren] muss das, woher das Ich [des Menschen] die ‚gestaltende Erde‘ 形地 (xingdi) erfährt, mit dem ‚angeborenen Himmel‘ 承天 (chengtian) aufgefüllt werden, so dass der Himmel vom Ich nicht abgespalten wird und Himmel und die Erde sich [im Menschen] gegenseitig verflechten und eine Einheit bilden. Das bedeutet, dass die Knochen in einem Grab auch [noch] mit dem Himmel und der Erde eine Einheit bilden. Gemäß diesem verhält es sich so, dass die ‚tote Körperseele‘ 死魄 (sipo) und der ‚lebende Mensch‘ 生人 (shengren) sich aufgrund der zufälligen Begegnung [im] Blut einander gleichen und sich in den Leitbahnen des Qi gegenseitig durchdringen, weshalb das ‚erzeugende Qi von Himmel und Erde‘ 天地生氣 (tiandi shengqi), die Knochen der Ahnen in der Welt mit dem lebenden Menschen sich zu dritt vereinen und eine Einheit bilden, [in der] Glück und Unglück in Resonanz stehen wie eine gespannte Antriebsfeder in einem raffiniertem Mechanismus. Dies ist die wahre Bedeutung des sich wandelnden Antriebs.
Umgekehrt ist es so, dass die erhaltene irdische Gestalt eine Zusammenballung des Qi aus Richtungen ist und die Fixierung [seiner Form] ohne besondere Kunst geschieht. Obwohl der gesamte Himmel in Stationen angeordnet ist und sich im Leuchten der Himmel ergibt, kann sich das Ich nicht vor seinen Strahlen verbergen. Obwohl das Yang der großen Erde friedlich ist und es in die acht Außengebiete fließt, wird aber das Ich von seinen Sümpfen nicht angefeuchtet. Der Himmel ist die Weite, die unterstützt, die Erde ist der Ort [wo die Dinge] verrotten, die Knochen sind das, was schnell verrottet, die Nachkommen sind die Nutznießer davon. Es ist nicht notwendig, dass man fähig ist, dem Glück hinterherzujagen.“

Kapitel „Hua Cheng“ – „Die sich wandelnde Vollständigkeit“
„Zuerst war das Undifferenzierte, und dann kam das Differenzierte 無極而太極 (wuji er taiji). Die Struktur wohnt dem Qi inne. Das Qi ist begrenzt durch die Form. Sonne Mond und Sternenhäuser sind hartes Qi, das nach oben stieg. Berge, Flüsse und die Vegetation sind weiches Qi, das sich unten verfestigte.
Das Yang wird eingesetzt, um [die Triebkraft des] Blühens [zu gewährleisten]. Das Yin wird verwendet, um Vollständigkeit [zu erreichen]. Die Wirkkraft des Yang hat Erscheinungsbilder. Die Wirkkraft des Yin hat Positionen. Die Erde verfügt über die vier Kräfte. Das Qi folgt den acht Richtungen. Das äußere Qi wandelt sich zur Form. Das innere Qi fixiert das Leben. Wenn man den Wind reitet, dann herrscht Verstreuung. Wenn man das Wasser abgrenzt, dann herrscht Stillstand.
Das ist der Grund dafür, dass sich die fünf Omen anordnen, dass man die acht Trigramme anwendet, dass sich die Ordnung des 60-stelligen Zyklus ergibt, dass sich alles in den acht Toren verstreut, dass es die Anordnung der fünf Zyklen gibt, dass die sechs Qi fixieren, dass man die Wirkkraft der Erde versteht und dass der Weg des Menschen festgelegt ist. Weil die Wandlung immer Bestand hat, nennt man dies die „sich wandelnde Vollständigkeit“.
Huang Shiping 黃世評 erklärt uns die zitierten Zeilen:
„Der dritte Band erörtert, dass die körperliche Gestalt und das Qi zwar nicht dasselbe sind, jedoch durch die ‚Struktur‘ 理 (li) eine Einheit werden, so dass die Realität ein Körper mit zwei Gesichtern ist. Er spricht auch davon, dass der Mensch aufgrund seiner körperlichen Gestalt nach dem Qi sucht, und arbeitet brauchbare Muster aus der ‚Erd-Struktur‘ heraus. Dabei werden die Berggruppen sehr genau besprochen. Es wird immer wieder betont, dass die Beobachtung der Natur wichtig ist, um die Wirkkraft der Erde zu verstehen. Auch wird konstatiert, dass der ‚Weg des Menschen‘ eine Wandlung ist, so dass sein Anfang und sein Ende einen Entwicklungsprozess ergeben.“

Landschaft beginnt im Kosmos
Das Qingnang Jing steht in der Reihe der frühesten Literatur chinesischer Divination und wird in einem Atemzug mit Grundlagenwerken wie dem Yijing, dem Hetu oder dem Luoshu genannt. Es enthält die Schlüssel zum Landschaftsverständnis des chinesischen Feng Shui. Landschaft ist hier keineswegs ein Panorama, das sich aus Bergen, Flüssen, Ebenen und Vegetation zusammensetzt, denn im Verständnis des Qingnang Jing beginnt Landschaft bereits im Kosmos, der sich dann auf der Erde als Form manifes­tiert. Ebenso ist Landschaft ein Synergismus aus den Einflüssen des Himmels und der Aufnahmefähigkeit der Erde, so dass sich der abstrakte Bauplan im Himmel und dessen Konkretisierung auf der Erde befindet. Landschaft kann man daher einerseits plastisch betrachten und anhand von Formen beurteilen, und man kann sie zugleich auch abstrakt anhand des Bauplans des Himmels analysieren. So ist Landschaft eigentlich etwas Vergeistig­tes und Abstraktes, dessen Modell der Kosmos ist. Schließlich erfahren wir auch, dass Landschaft etwas Veränderliches ist, und zwar veränderlich ohne den Einfluss des Menschen. Landschaft verändert sich somit allein nach den Regeln des Kosmos. Eher erscheint auch der Mensch nichts weiter, als ein Aspekt der Landschaft zu sein, da er im Lebensraum der Landschaft und durch die Kräfte der Landschaft entstanden ist. Die geistige und körperliche Präsenz des Menschen steht in einer ständigen Wechselwirkung mit der Landschaft, in der er sich befindet und deren Ausdruck er gleichzeitig ist. +