Landschaften der Himmelsfrau

Untersuchungen zur Horizont-Astronomie der Venus

von Manfred Backes erschienen in Hagia Chora 29/2008

Lokale Sagen, zeitlose Symbole und radiästhetische Untersuchungen führten den Vermessungstechniker Manfred Backes bei seinen archäoastronomischen Untersuchungen auf die Spur einer vom Tanz der Venus inspirierten Kulturlandschaft.

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In meiner archäoastronomischen Forschung habe ich mich insbesondere mit mutmaßlichen Kultstätten im Umkreis der Kreisgrabenanlage von Goseck beschäftigt. Ich wollte herausfinden, ob bestimmte prägnante Visuren, die auf den ersten Blick keine Bezüge zu Sonnen- und Mondaufgangspunkten aufweisen, dennoch astronomische Bedeutung besitzen. Lange habe ich nach einem Schlüssel gesucht, der Licht in diese Zusammenhänge bringen könnte, und habe ihn schließlich gefunden: Es waren die Auf- und Untergangsazimute der Venus – der „strahlenden Himmelsfrau“.
Als meine wichtigsten Arbeitsinstrumente standen mir ein GPS-Empfänger, digitales Kartenmaterial, geodätische Auswertungsprogramme und Software für astronomische Berechnungen zur Verfügung. Auf diese Weise habe ich beispielsweise die Azimute von Sonnen- und Mondextremen der Anlage von Goseck vermessen. Messungen solcher Art wurden selbstverständlich auch von den in Goseck tätigen Archäologen ausgeführt und von namhaften Astronomen wie Wolfhard Schlosser, Professor an der Ruhruniversität Bochum, in der einschlägigen Literatur beschrieben. Doch dieses Datenmaterial ist nicht allgemein zugänglich, und so habe ich mir eine eigene Datenbasis geschaffen.
Warum es von Bedeutung ist, die extremen Auf- und Untergangspunkte der wichtigsten Himmelskörper am Horizont kultischer Anlagen wie derjenigen von Goseck zu finden, geht aus dem Konzept der „heiligen Landschaft“ hervor. Es beruht auf der vor-monotheistischen Naturauffassung, dass jedes Objekt, ob belebt oder unbelebt, eine eigene Seele, eine eigene Lebenskraft und ein eigenes Schicksal hat. Schicksal heißt Geburt, Dasein und Tod. Davon sind nicht einmal die Götter ausgenommen, die auch ihren Untergang und ihre Neugeburt erleben. Der frühgeschichtliche Zeitbegriff war ein zyklischer, und alle Dinge und Erscheinungen hatten ihre Zyklen, die sie immer und immer wieder durchlebten. So war z. B. die Morgendämmerung von heute die gleiche wie die von morgen, wie die jedes neuen Tags, da sie ja immer dieselbe Göttin (bei den Griechen Aurora) bewirkte. Die Zeitauffassung wurde erst durch die monotheistische Weltanschauung linear, da die Ankunft des Propheten oder des Erlösers die Zeit in ein Davor und ein Danach spaltete. Seitdem hat die Zeit nur eine Richtung hin zum Ende der Welt. Es ist daher sinnlos, eine vorgeschichtliche Kultstätte ohne Beziehung zu der umgebenden Landschaft zu betrachten, in der die Elemente des Ritus ihren Ausdruck fanden. An den Hori­zontpunkten z. B. des Sonnenauf- oder -untergangs zum Zeitpunkt der Sonnenwenden fanden Kulthandlungen statt, und damit wurde auch diesen Orten durch den Zentralort eine hohe Bedeutung zuteil.
Bei den Gosecker Untersuchungen war für mich ein Schlüsselerlebnis die Identifizierung des kleinen Julmondextrems mit dem Freya-Brunnen in der ehemaligen Jagdschlossanlage Klein Friedenthal. Zum einen war dieser Brunnen über Sagen mit einer Zeit verbunden, die bis ins alte Thüringer Königreich führte. Zum anderen war er eine greifbare Realisierung der Verbindung zwischen der Natur des Mondes und des Wassers, wie sie in der Mythologie dargestellt wird.

Sagen als Informationsquellen
Die exakte Beobachtung der himmlischen Vorgänge musste immer am selben Ort erfolgen, der damit eine besondere Bedeutung erhielt. Wie sehr solches Beobachten in der Natur des Menschen liegt, zeigt die wörtliche Übersetzung des griechischen Worts anthropos, was nicht allgemein „Mensch“ bedeutet, sondern „der Aufblickende“. Die Wahrnehmung einer Außenwelt über unseren Gesichtskreis hinaus war für die Alten vermutlich das Unterscheidungsmerkmal des Menschen gegenüber allen anderen Wesen.
Die Einrichtung von Observatorien war eine intellektuelle Leistung ersten Rangs. Einen Zugang zu den Denkstrukturen unserer Ahnen können wir über unsere Sagen, Märchen und Mythen finden. An manchen Stätten sind auch noch Volksbräuche lebendig oder noch in Erzählungen überliefert, die uns einen Blick in vergangene Zeiten erlauben. Mein Bemühen ist es, daraus Hinweise auf astronomisches Wissen der Vorzeit zu gewinnen.
Verschiedene Autoren gehen davon aus, dass Märchen und Mythen auch astronomische Vorgänge beschreiben, so auch der Schriftsteller Ralf Koneckis, der in seinem Buch „Mythen und Märchen“ (1994) anhand des Märchens „Die sieben Geißlein“ ein Beispiel dafür gibt:
Als Wolf wird der zunehmende Mond mit seinem aufgerissenen Rachen identifiziert, als Geißlein die sieben Sterne der Plejaden und als Geißenmutter die Venus. Die dreimaligen Besuche des Wolfs am Geißenhaus sind Mondpassagen, und das Auffressen von sechs der sieben Geißlein ist ein Ausdruck der Tatsache, dass die Mondbahn eine maximale Bedeckung nur eines Teils der Plejaden erlaubt. Der Uhrkasten, in dem sich das letzte Geißlein versteckt, ist ein neuzeitliches Sprach­element. So wird mit mythologischen Sprach­elementen eine komplexe Beschreibung von Venustransit und Mondbedeckung der Plejaden erreicht.
Das Ziel meiner archäoastronomischen Untersuchungen ist, herauszufinden, ob sich bis heute noch Reste dieser „heiligen Landschaften“, d. h. ein Beziehungsgeflecht zwischen „heiligen Orten“, erhalten hat, und welche Elemente man mit hoher Wahrscheinlichkeit identifizieren kann. Eine zeitliche Einordnung der aktiven Periode dieser heiligen Orte ist freilich nur in einem groben Raster möglich.

Radiästhetische Ringstrukturen
In meinem Untersuchungsgebiet zwischen Helme, Unstrut, Saale und Mulde fand ich, wie eingangs gesagt, einige Landschaftsformationen, die sich einer nur auf Sonne und Mond bezogenen archäoastronomischen Interpretation entzogen. Es waren weder lunisolare Observatorien wie Goseck oder Rohrbach (keine Tallage mit Visuren zu markanten Sonnenauf- und -untergangspunkten) noch symbolische „Weltmittelpunkte“ wie Einzingen oder der Wendelstein bei Memleben (Höhenlage, aber keine sinnvollen Visurpunkte am Horizontbogen), aber dennoch prägnante Landmarken mit mythologischen Bezügen: Berge, die am Horizont gut sichtbar waren. Nach dem Frauenberg bei Sondershausen gab ich ihnen als Überbegriff den Namen „Frauenberge“.
Erst als ich meine bisherigen Untersuchungsmethoden mit der Radiästhesie ergänzte, war es mir möglich, ihre wahre Natur zu enträtseln.
Zum ersten Mal kam ich mit dieser alternativen Untersuchungsmethode durch Wolfram Voigt aus Schkölen/Willschütz in Berührung. Am Igelsberg-Hügel bei Goseck stellte er durch seine Arbeit mit der Rute fest, dass dieser Punkt von einer Ringstruktur umgeben war, die an zwei Stellen eine Unterbrechung aufwies, und zwar genau in der Nord- und der Ostrichtung. Die Ringstruktur bestand aus mehreren konzentrischen „Kraftlinien“, die an den bezeichneten Richtungen etwa zwei Meter breit unterbrochen waren und damit „Tore“ bildeten. Diese Untersuchungsmethode habe ich anschließend auch auf die Observatorien von Rohrbach und Einzingen angewandt und wieder Kreisstrukturen festgestellt.
Damit wurde endgültig mein Interesse für die Radiästhesie geweckt. Eines meiner ersten Untersuchungsobjekte war der Gipfel des Petersbergs bei Halle an der Saale. Rund um die Alte Kapelle nördlich der Stiftskirche fand ich eine Ringstruktur. Der Zentralpunkt war genau die Mitte der Rotunde der Alten Kapelle, und ein Tor im Ring öffnete sich nach Westen.
Erfreut über meine Erfolge untersuchte ich auch meinen Kleingarten und stellte zu meiner Überraschung fest, dass sich auch dort eine Ringstruktur feststellen ließ mit einer Toröffnung nach Süden. Der Zentralpunkt befand sich aber nicht auf einem Kultplatz, sondern genau über dem gemauerten Schacht, in dem die Wasseruhr untergebracht ist. Der gleiche Effekt stellte sich auch bei der Untersuchung von Wasser- und Abwasserschächten auf Straßen und öffentlichen Plätzen ein.
Meine Hypothese für dieses Phänomen: Bei ungestörtem geologischem Untergrund existiert ein Feld, dessen Natur der Wissenschaft unbekannt ist und das die Radiästhesie als „Gitternetz“ (Hartmann-Netz, Curry-Netz) beschreibt. Eine schachtähnliche Störung des Untergrunds erzeugt in diesem Feld eine radiästhetische Ringstruktur mit unterschiedlich ausgerichteten Toren.
Geologen der Martin-Luther-Universität Halle haben nun festgestellt, dass die Kreisgrabenanlage von Goseck auf einer wasserdurchlässigen Schotterschicht steht. Dort befindet sich also eine schachtähnliche Störung des Untergrunds. Müsste sich dort auch eine radiästhetische Ringstruktur ausbilden?
Im September 2006 hatte ich die Gelegenheit zur Überprüfung meiner Vorhersage für Goseck. Ich stellte tatsächlich eine starke Ringstruktur mit drei Toren fest. Die nördliche Toröffnung weist mit einem Azimut von 8,1° genau zum Nordtor der Ringwallanlage. Wurde das Nordtor nach radiästhetischen Vorgaben gebaut, damit man sich, ohne die Ringstruktur zu schneiden, in das Innere der Anlage begeben konnte? Die beiden anderen Tore der radiästhetischen Ringstruktur stimmen in ihrer Richtung mit dem Südost- und dem Südwesttor der Ringwallanlage überein. Meines Erachtens ist das ein Hinweis auf die Beachtung von radiästhetischen Gegebenheiten, vorgefunden oder erzeugt durch unsere Vorfahren.
Unsere Vorfahren unterteilten die Welt in Midgard, die Wohnstätte der Menschen, in Asgard, den astralen Bereich der Götter und in Utgard, den Herrschaftsbereich von Jöten, Schwarzalben und Reifriesen, der hinter dem Horizont begann und sich bis unter die Füße der Menschen fortsetzte. Die möglichen Einbruchstellen der unheilvollen Mächte durch verborgene Schächte wurden womöglich durch radiästhetische Ringstrukturen erkennbar. Wahrscheinlich wurden solche Orte gemieden oder als Kultplätze und Observatorien genutzt. Das Betreten erfolgte entlang der Torwege, und die Verbindung von Unterwelt, Menschenwelt und Götterwelt konnte man am Zentralpunkt der Ringstruktur erleben.

Frauenberge als Horizontmarken
Bedingt durch die Nähe zu meinem Wohnort begann ich mit meinen Untersuchungen am Quetzer Berg. Auf einer Porphyrkuppe südlich von Zörbig befindet sich hier ein vorgeschichtlicher Grabhügel, der auch als Gerichtsplatz genutzt wurde. Urkundlich ist festgehalten, dass hier Eike von Repgow, der Verfasser des Sachsenspiegels, einen Vertrag bezeugt hat.
Bei meiner radiästhetischen Untersuchung erlebte ich eine Überraschung: Ich stellte eine Ringstruktur fest, die fünf Tore aufwies. Diese waren äquiangular über den Horizontbogen verteilt, wiesen also jeweils einen Winkelabstand von 72° auf. Mit Stangen und Absperrband machte ich meine Funde sichtbar. Ein Tor war genau auf Nordwest ausgerichtet, das entspricht einem Azimut von 315°. Genau in dieser Richtung befindet sich der vorgeschichtliche Hügel in Spören. Auch die anderen Tore sind auf markante Punkte der Umgebung ausgerichtet, wobei hier der Landsberger Kapellenberg heraussticht.
Diese Zielpunkte weisen selbst radiästhetische Ringstrukturen auf. Interessant ist die Nordost-Ausrichtung des Tors auf dem Landsberger Kapellenberg. Diese Richtung zeigt genau über die Kirche von Brehna (alter Kultplatz) auf die Wüstung Radekin. Die Visurlinie aus dem Nordtor der Ringstruktur von Radekin kreuzt sich mit der 27°-Visurlinie des Quetzer Bergs in der Wolfener Flur, die schon lange im Fokus meiner Recherchen liegt, die aber noch nicht zu Ergebnissen geführt haben. Damit will ich wieder auf die Zusammenhänge in einer „heiligen Landschaft“ hinweisen, in der kein Kultplatz als solitär betrachtet werden kann, sondern die Beziehungen zwischen den „heiligen Orten“ wie ein Netz über das Land gelegt sind.

Horizontastronomie der Venus
Die wichtigste Frage, die sich bei der Suche nach einer sinnvollen Interpretation der Quetzer Kultanlage stellt, ist der Sinn der auffälligen Nordwest-Ausrichtung (Azimut 315° = Nordwest) eines der Tore, die noch durch den vorgeschichtlichen Hügel neben der Spörener Kirche als markante Visur dieser Ausrichtung betont wird.
Im Untersuchungsgebiet zwischen 51° und 52° nördlicher Breite beträgt der maximale Sonnenuntergangsazimut zur Sommersonnenwende etwa 310° und der maximale Monduntergangsazimut zum Jul-Vollmond etwa 320°. Sonne und Mond können hier also nicht die entscheidende Rolle gespielt haben. Die nächstliegende Erklärung könnte die Venus liefern. Als innerer Planet (wie der Merkur) hat sie in ihrer Beobachtbarkeit Besonderheiten aufzuweisen. Ich zitiere im Folgenden aus der Internet-Enzyklopädie Wikipedia:
„Steht die Venus östlich der Sonne, kann sie als Abendstern am Westhimmel beobachtet werden, steht sie westlich, kann sie als Morgenstern am Osthimmel gesehen werden. Hierbei sind Sichtbar-keitszeiten von bis zu 4,5 Stunden möglich, wenn die Venus in der Ekliptik eine höhere Position als die Sonne einnimmt. Bei günstigem Wetter kann sie zur Zeit der größten Elongation von 48 Grad am Tag mit bloßem Auge gesehen werden. Unterschreitet die Elongation der Venus bei Sonnenannäherung den Wert von 11°, tritt eine Phase der Nichtsichtbarkeit ein.“
Das Symbol der Venus ist das Pentagramm, sowohl des Planeten als auch der Göttin. Aufgrund des Verhältnisses der siderischen Umlaufzeiten von Erde (365,256 Tage) und Venus (224,7 Tage) von fast genau 13 : 8 (genau 13,004 : 8), umläuft der Planet Venus in acht (Erd-)Jahren nahezu exakt dreizehnmal die Sonne. Während dieser Zeitspanne begegnen sich Venus und Erde (untere Konjunktion) genau fünfmal. Die Positionen der Konjunktio­nen liegen, eingetragen in ein Polarkoor­dinatensystem und beginnend bei 0°, nacheinander bei 144°, 288°, 72°, 216° und wieder 0°. So bilden die himmlischen Begegnungspunkte von Erde und Venus im Zeitraum von acht Jahren ein nahezu perfektes Fünfeck.
Jetzt können wir wieder auf das Problem der Teilung des Horizontbogens in fünf gleich große Winkelabschnitte zurückkommen, wie sie die radiästhetische Ringstruktur am Quetzer Berg aufweist. Sie lässt sich womöglich auf die Teilung des Achtjahres (Griechisch: Oktaetris) in Konjunktionsperioden von 583,9 Tagen zurückführen. Zu beachten ist, dass acht Jahre auch mit 99 Lunationen zusammenfallen. Lunation bezeichnet die Zeit von einem Neumond, wenn Sonne und Mond in Konjunktion stehen, zum nächsten Neumond, die Periode der Mondphasen. Da diese stark schwankt, bezeichnet man die mittlere Lunationsdauer als synodischen Monat.
Dieses Zusammenfallen von drei wichtigen Perioden mit einer Abweichung von 2 Tagen von der Tageszahl der acht Erdenjahre (das entspricht einer Abweichung von 0,07 %) blieb den Menschen der Vorgeschichte natürlich nicht verborgen. Die Verwendung dieser Achtjahresperiode untersuchte u. a. Otto Siegfrid Reuter in seinem Werk „Germanische Himmelskunde“ (Reuters Beiträge sind sachlich interessant, jedoch wie praktisch alle deutschen Arbeiten aus jener Zeit rassistisch gefärbt.) Er führte beispielsweise das dänische Achtjahresopfer von Lethra an (um 934 von König Heinrich I. aufgehoben), das gesetzliche Achtjahr der altschwedischen „Landschuld“, das noch um 1300 existierte, aus dem Sagenschatz z. B. die achtjährige freiwillige Dienstbarkeit Siegfrieds bei König Gibich, dem Vater von Kriemhild, die acht Winter, die das Schwanenmädchen bei Wieland und seinen Brüdern aushielt, oder Odins Zauberring Draupnir, von dem in jeder neunten Nacht (nach acht Tagen) acht ebenbürtige Ringe tropfen.
Hinweise auf dieses Motiv fand ich auch in der Sage vom Frauenberg bei Sondershausen. Hier begegnet uns der Schwan als Mondsymbol und ein goldener Ring als Sonnensymbol:
„Das Innere des Frauenberges ist hohl. In dieser gewaltigen Höhle erstreckt sich ein großer See. In der Mitte des Sees schwimmt ein blütenweißer Schwan, der einen goldenen Ring in seinem Schnabel hält. Von diesem Ring hängt das Gleichgewicht der Welt ab. Wenn der Schwan den Schnabel öffnet und den Ring fallen lässt, so endet das Schicksal unserer Welt.“
Interpretiert man den Ring als Draupnir, den Ring Odins, wird auf einen engen Zusammenhang zwischen Mond und Venus hingewiesen, der auf diesem Frauenberg sorgsam beachtet werden sollte.
Bei der zweiten Sage steht der Mutzenbrunnen bei Seehausen/Hainleite im Mittelpunkt. Es geht um einen weißen Hirsch als Himmelsaspekt und das schöne Waldfräulein als erdgebundenen Aspekt der Venus: Ein Jäger (Symbol des Kulturheros), wird von einem rätselhaften Waldfräulein davon abgehalten, den weißen Hirschen zu schießen. Stattdessen gibt sie ihm aus einem Becher Wasser aus dem Mutzenbrunnen zu trinken, und er nimmt sie zur Frau. In sieben Jahren bringt die Waldfrau sieben Kinder zur Welt. Doch dann kann sich der Jäger eines Tages nicht mehr beherrschen und schießt am Brunnen den weißen Hirschen. Das Feuer richtet sich auf ihn selbst. Die Waldfrau begräbt ihn voll Trauer, geht mit ihren Kindern zum Brunnen, gibt ihnen Wasser zu trinken und verschwindet für immer.

Analyse der Venusazimute
Meine Analyse der Azimute von Venusauf- und -untergang gibt Hinweise zur Deutung dieser Sage. Es würde zu weit führen, diese Berechnungen im Rahmen dieses Artikels detailliert vorzustellen. Hier sei kurz mein Ergebnis zusammengefasst:
Innerhalb eines Venusjahrs, das annähernd 8 Jahre, genauer gesagt, 2921 Tage umfasst (mit einer entsprechenden Software kann man dies für die Jahre 2004 bis 2012, in denen jeweils Auf- und Untergangsmaxima liegen, nachvollziehen), ergeben sich eine bestimmte Anzahl Zeiten, in denen die Venus als Morgen- oder als Abendstern zu sehen ist. Wenn wir die Zahl der Morgenstern- und Abendsternperioden bestimmen, die zwischen zwei Maxima liegen, sollten wir für die Suche in vorgeschichtlichen Sagen und Mythen die Perioden der beiden Maxima mitzählen. Damit erhalten wir eine Abfolge von elf Morgenstern- und Abendsternperioden von Maximum zu Maximum. Zwischen zwei Maxima erreicht die Venus niemals den größtmöglichen Azimutwert, sondern sieben Nebenmaxima, in denen sie jeweils als Morgen- oder Abendstern sichtbar ist. Drei Nebenmaxima fallen in die Abendsternperiode, drei Nebenmaxima fallen in die Morgensternperiode und ein Nebenmaximum in die Periode der Nicht-Sichtbarkeit. Soll man diesen Sachverhalt in der mythologischen Sprache ausdrücken, drängt sich ein Bild geradezu auf: Frau Venus hat in acht Jahren sieben Kinder, drei Mädchen, drei Jungen und ein Kind mit einem schweren Schicksal, da es unsichtbar bleibt. Die Grundaussage dieses Bildes ist in der Sage vom Mutzenbrunnen enthalten.
Die Nebenmaxima haben keinen einheitlichen Wert, pendeln aber alle zum jetzigen Zeitpunkt um die 315°. Das Maximum des Azimuts des Venusuntergangs beträgt heute etwa 320°. Der Archäoastronom Holger Filling kommt in seinem unveröffentlichten Manuskript „Die extremen Deklinationen der Venus im Wandel der Zeit“ zu dem Ergebnis, dass im Jahr 4709 v. Chr. dieses Maximum einen Wert von 314,7° betrug. Der Richtungsvektor vom Quetzer Berg zum Spörener Hügel beträgt genau 314,5°. Unter Berücksichtigung der astronomischen Refraktion von etwa 0,2° kommt man zu einer erstaunlich genauen Übereinstimmung von Hügelrichtung und maximalem Venus­azimut. Aus diesem Grund stelle ich die Hypothese auf, dass der Spörener Hügel vom Beob­achtungsort Quetzer Berg aus um 5000 v. Chr. den nördlichsten Untergangsort der Venus am Horizontbogen markiert. Daher könnte sie als Grundrichtung der Fünfteilung des Horizontbogens auf den Frauenbergen eingeführt worden sein.
Wenn die Venus an diesem Horizont­ort unterging, war der Zeitraum der Oktaetris beendet, das heißt, dass ein heiliger Zyklus sich vollendet hatte und ein neuer begann. Zu diesem Zeitpunkt konnte der zeitliche innere Zusammenhang von Venus-, Mond- und Sonnenzyklus überprüft werden. Und wie wichtig dieser Zusammenhang für unsere Vorfahren war, wurde schon in der Frauenbergsage von Sondershausen betont.
Die Mutzenbrunnen-Sage deute ich so, dass sie Bewegungen von Venus und Mond auf dem Hainleite-Kamm, beobachtet vom Seegelsberg aus, ­illustriert. Man kann der Sage entnehmen, dass alle acht Jahre die Venus lebensgefährlich bedroht wurde. Der Grund ist, dass die Venus dem Untergangsort des Mondes zu diesem Zeitpunkt gefährlich nahe kommt. Damit die Venus nicht in den dort befindlichen und nur dem Mond vorbehaltenen Brunnen fällt, muss sie durch Kulturheroen gerettet werden, die durch ihre Tat ein Weiterbestehen der himmlischen Ordnung bewirken.
Labyrinthe
Für die Verfolgung der Venus auf ihrem Himmelsweg reicht es nicht aus, nur die Aufgangsazimute oder nur die Untergangsazimute zu beobachten, da sie immer wieder von Perioden der Nicht-Sichtbarkeit betroffen werden. Einem Aufgangs­azimut entspricht genau ein Untergangsazimut, dessen Entstehung durch Spiegelung am Meridian gedacht werden kann. Personifiziert man diese Vorgänge, wie es in der mythologischen Sprache geschieht, so erhält man zwei Kulturheroen mit Zwillingsnatur, die abwechselnd der Venus folgen und sie nur gemeinsam am Ende ihrer Reise vor dem Absturz in den Mondbrunnen bewahren können. Man kann davon ausgehen, dass die Menschen der Vorzeit für diesen Sachverhalt auch eine symbolische Darstellung gefunden haben.
Und welches Symbol könnte das sein? Es müsste Bögen als Sinnbild der Venusbahn enthalten, einen mehrfachen Wechsel des Drehsinns aufweisen (Wechsel vom Abendstern am Westhimmel zum Morgenstern am Osthimmel), und die Höhen der einzelnen Bögen sollten wechseln, da die Werte der Nebenmaxima ebenfalls in unterschiedlicher Reihenfolge auftreten.
Das Symbol der Venus ist das über das ganze prähistorische Europa verbreitete Labyrinth. Als Zahl der darzustellenden Venusbögen in der Oktaetris ist zum einen die Sieben möglich (Anzahl der Nebenmaxima zwischen den beiden Hauptmaxima) und zum anderen die Elf (elf Wechsel von Morgenstern zu Abendstern zwischen den Hauptmaxima).
In der Landschaft finden sich Labyrinthe in Skandinavien als „Trojaburgen“. In meiner Gegend gibt es die Rasenlabyrinthe von Graitschen bei Schkö­len und von Steigra, beide mit elf Umläufen. In Steigra wird nach wie vor ein Ritualspiel aufgeführt, das meiner Interpretation zufolge Vorgänge am Himmel nachvollzieht. Die Namen der im Spiel auftretenden Helden wurden christianisiert, aber das Ritual hat sicherlich heidnischen Ursprung, denn es spielt die Befreiung der Himmelsjungfrau.
John Kraft hat in seinem Buch „Die Göttin im Labyrinth“ (1997) die mit den Labyrinthen verbundenen mythologischen Erzählungen und Ritualspiele weltweit untersucht. Dabei stellte er erstaunt fest, dass der Kulturheros, der die Himmelsfrau befreit, eigentlich ein Zwilling ist:
! In der nordischen Mythologie schickt der Gott Frey seinen Diener Skirne auf eine Fahrt, um die Göttin Gerd zu befreien. Skirne, dessen Name „der Strahlende“ bedeutet, ist Doppelgänger Freys.
! In der griechischen Mythologie entführt Theseus zusammen mit seinem Gefährten Peirithous die junge Helena.
! Im Epos Ramayana erobert Rama mit Hilfe seines Bruders Lakhsmana die magische Festung Lanka und befreit dort seine Gattin Sita. Im Buch von Alberuni über Indien von 1045 wird die Festung Lanka als Labyrinth dargestellt.
Und es gibt viele weitere Beispiele. John Kraft spricht von einem weltweit verbreiteten mythologischen Motiv von „zwei Brüdern und einer Braut“. Eine Dekodierung dieses mythologischen Elements bietet er nicht an. Aus der Analyse des Azimutverhaltens der Venus geht aber genau die Bedeutung dieses Motivs hervor.

Labyrinth und Frauenberge
Existiert nun ein Zusammenhang zwischen Labyrinthen und Frauenbergen? Neben dem Rasenlabyrinth von Steigra liegt ein kleiner Hügel. Auf ihm fand ich eine fünftorige radiästhetische Ringstruktur, wie ich sie auf dem Quetzer Berg und inzwischen auf allen Frauenbergen gefunden habe. In der Folge untersuchte ich auch das Labyrinth von Graitschen und seine Umgebung. Inmitten eines Kreises aus alten Kastanien südlich des Labyrinths konnte ich die charakteristische Ringstruktur mit fünf Toren ermitteln. Wie erwartet zeigt eine Toröffnung genau nach Nordwest. Aus der Broschüre zur Ortsgeschichte geht hervor, dass dieser Platz früher der Tanzplatz der Dorfbewohner war, also auf eine lange Tradition zurückgeht, vielleicht sogar bis auf einen vorgeschichtlichen Kultplatz. Dort stand bis 1911 die „Schwedenkiefer“, die einen Drehwuchs aufwies. Auch wurde sie mehrmals durch Blitzeinschläge geschädigt. Das aber sind die Charakteristika von Bäumen, die auf radiästhetisch aktiven Punkten wachsen. Eine Kultstätte muss eine Verbindung zwischen Unterwelt, Menschenwelt und Götterwelt verwirklichen, um ihrer Funktion gerecht zu werden, und dazu gehört eine radiästhetische Aufladung. Diese Ansicht bekräftigte meine Untersuchung des Drehbergs bei Wörlitz. Das ist ein künstlich angelegter Hügel, der als Zentrum der Aufklärung in die Geschichte eingegangen ist. Zwischen 1777 und 1799 trafen zur „Lust am Drehberge“ der Fürst Franz und die Stände des Volks zusammen. Einmal im Jahr, am Geburtstag der Fürstin Luise, lud Fürst Franz zu einem festlichen Wettkampf ein, der dem Vorbild der antiken olympischen Spiele folgte. Wie ein Gesellschaftsspiel sollte der Tag ein Stück zukünftigen Lebens in vollendeter Harmonie – unter Aufhebung der Rolle des Fürsten – darstellen.
Diese Intentionen kommen den Vorstellungen eines Kultplatzes sehr nahe. Aus meiner Sicht fehlen aber zwei wesentliche Dinge: zum einen der astronomische Bezug und zum anderen die radiästhetische Aufladung des Orts. Im gesamten Bereich der Anlage sind keine radiästhetischen Ringstrukturen nachweisbar. Das Wissen um die Schaffung solcher Strukturen war verlorengegangen. Der Drehberg bleibt somit vergängliches Menschenwerk. +


Literatur: Kurt Hübner, „Die Wahrheit des Mythos“, Verlag C. H. Beck, München 1985 • Ralf Koneckis: „Mythen und Märchen“, Frankh-Kosmos-Verlag Stuttgart 1994 • John Kraft: Die Göttin Im Labyrinth, edition amalia, 1997 • Giorgio de Santillana, Hertha von Dechend: „Die Mühle des Hamlet“, Springer-Verlag, Wien 1994.