Landschaften der Himmelsfrau

Untersuchungen zur Horizont-Astronomie der Venus

von Manfred Backes erschienen in Hagia Chora 29/2008

Lokale Sagen, zeitlose Symbole und radiästhetische Untersuchungen führten den Vermessungstechniker Manfred Backes bei seinen archäoastronomischen Untersuchungen auf die Spur einer vom Tanz der Venus inspirierten Kulturlandschaft.

In meiner archäoastronomischen Forschung habe ich mich insbesondere mit mutmaßlichen Kultstätten im Umkreis der Kreisgrabenanlage von Goseck beschäftigt. Ich wollte herausfinden, ob bestimmte prägnante Visuren, die auf den ersten Blick keine Bezüge zu Sonnen- und Mondaufgangspunkten aufweisen, dennoch astronomische Bedeutung besitzen. Lange habe ich nach einem Schlüssel gesucht, der Licht in diese Zusammenhänge bringen könnte, und habe ihn schließlich gefunden: Es waren die Auf- und Untergangsazimute der Venus – der „strahlenden Himmelsfrau“.
Als meine wichtigsten Arbeitsinstrumente standen mir ein GPS-Empfänger, digitales Kartenmaterial, geodätische Auswertungsprogramme und Software für astronomische Berechnungen zur Verfügung. Auf diese Weise habe ich beispielsweise die Azimute von Sonnen- und Mondextremen der Anlage von Goseck vermessen. Messungen solcher Art wurden selbstverständlich auch von den in Goseck tätigen Archäologen ausgeführt und von namhaften Astronomen wie Wolfhard Schlosser, Professor an der Ruhruniversität Bochum, in der einschlägigen Literatur beschrieben. Doch dieses Datenmaterial ist nicht allgemein zugänglich, und so habe ich mir eine eigene Datenbasis geschaffen.
Warum es von Bedeutung ist, die extremen Auf- und Untergangspunkte der wichtigsten Himmelskörper am Horizont kultischer Anlagen wie derjenigen von Goseck zu finden, geht aus dem Konzept der „heiligen Landschaft“ hervor. Es beruht auf der vor-monotheistischen Naturauffassung, dass jedes Objekt, ob belebt oder unbelebt, eine eigene Seele, eine eigene Lebenskraft und ein eigenes Schicksal hat. Schicksal heißt Geburt, Dasein und Tod. Davon sind nicht einmal die Götter ausgenommen, die auch ihren Untergang und ihre Neugeburt erleben. Der frühgeschichtliche Zeitbegriff war ein zyklischer, und alle Dinge und Erscheinungen hatten ihre Zyklen, die sie immer und immer wieder durchlebten. So war z. B. die Morgendämmerung von heute die gleiche wie die von morgen, wie die jedes neuen Tags, da sie ja immer dieselbe Göttin (bei den Griechen Aurora) bewirkte. Die Zeitauffassung wurde erst durch die monotheistische Weltanschauung linear, da die Ankunft des Propheten oder des Erlösers die Zeit in ein Davor und ein Danach spaltete. Seitdem hat die Zeit nur eine Richtung hin zum Ende der Welt. Es ist daher sinnlos, eine vorgeschichtliche Kultstätte ohne Beziehung zu der umgebenden Landschaft zu betrachten, in der die Elemente des Ritus ihren Ausdruck fanden. An den Hori zontpunkten z. B. des Sonnenauf- oder -untergangs zum Zeitpunkt der Sonnenwenden fanden Kulthandlungen statt, und damit wurde auch diesen Orten durch den Zentralort eine hohe Bedeutung zuteil.
Bei den Gosecker Untersuchungen war für mich ein Schlüsselerlebnis die Identifizierung des kleinen Julmondextrems mit dem Freya-Brunnen in der ehemaligen Jagdschlossanlage Klein Friedenthal. Zum einen war dieser Brunnen über Sagen mit einer Zeit verbunden, die bis ins alte Thüringer Königreich führte. Zum anderen war er eine greifbare Realisierung der Verbindung zwischen der Natur des Mondes und des Wassers, wie sie in der Mythologie dargestellt wird.

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