Die Qualität ohne Namen

Die Mustersprachen des Christopher Alexander

von Jascha Rohr erschienen in Hagia Chora 29/2008

Auf der Suche nach Kriterien für ortsbezogene Gestaltungen stieß Jascha Rohr, Philosoph und Permakultur-Designer, auf die Arbeiten des Architekten Christopher Alexander, der das Konzept der Mustersprachen entwickelt hat. Demnach wird ein Ort erst lebenswert, wenn er viele solche Muster harmonisch zusammenführt. Jascha Rohr entschlüsselt das subtile geomantische Verständnis ­hinter diesem Konzept.

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Es gibt Dinge, in die muss man erst hineinwachsen. Am Anfang ist häufig nicht mehr als eine leise Ahnung: ein Schimmer, dass einem etwas von Bedeutung begegnet ist. Man beginnt die Sache zu umkreisen und den Geschmack der Begriffe, die mit ihr zusammenhängen, im Gaumen zu wälzen. Man be­ginnt leise zu forschen und innerlich zu fragen, wartet gedämpft gespannt auf die Ereignisse und Zeichen, die einem sagen: Hier liegt etwas für dich verborgen, hier gilt es einen Schatz zu heben, und doch bleibt einem der Zugang vorerst versperrt, scheinen sich andere Dinge dazwischenzudrängen. Erst allmählich verdichten sich die Anzeichen, fügen sich die Begegnungen, und es werden Muster erkennbar, die einem die Richtung und den Weg weisen, und plötzlich steckt man mittendrin, so als würden sich die vielen einzelnen Indizien zu einem dicken Knoten verdichten, zu einem Gravitationszentrum, um das immer mehr Bedeutungen und Vorkommnisse kreisen.

Rätselhafte Mustersprache
Mit der Theorie der Mustersprachen von Christopher Alexander ging es mir so. Das Wort Mustersprache übte vom Moment an, da ich es hörte, eine magische Anziehung auf mich aus. Damals lebte ich in London und hatte gerade begonnen, mich mit der nachhaltigen Gestaltung von Lebensräumen durch Permakultur zu beschäftigen. Christopher Alexander galt als Geheimtipp. Sein Buch: „A Pattern ­Language“ wurde – vielleicht auch wegen des hohen Preises – mit Ehrfurcht weitergereicht. Es bestand aus einer Sammlung von 253 Mustern: Beschreibungen von Elementen, durch deren Kombination es möglich sei, eine harmonische, lebendige Stadt zu gestalten. Zumindest entsprach das damals meinem Verständnis. Wie genau dies mit dem Buch zu bewerkstelligen sei, erschloss sich mir aber noch nicht deutlich. Das Buch war schwer zugänglich und beinhaltete keine Handlungsanweisungen, daher blieb es für mich lange Zeit ein wundersames Kompendium, dessen Worte ich zwar verstand, dessen Magie ich ahnte, aber dessen konkrete Anwendung sich mir wieder und wieder entzog.

Harmonie gestalten
Mich beschäftigte damals die Frage, wie es möglich sei, Orte zu gestalten, in denen Mensch und Natur harmonisch koexistieren, ja sich sogar gegenseitig unterstützen könnten. Der Ansatz der Permakultur gründet in erster Linie im Verständnis komplexer Ökosysteme. Gelingt es, in unseren Gestaltungen diese Ökosysteme nachzuempfinden, so können Bio­tope geschaffen werden, in denen der Mensch ein Teil des Systems ist. Um Ökosysteme, und damit die Natur, zu verstehen, werden vor allem Beobachtungs- und Analyse­methoden angewandt. Die Beob­achtung natürlicher Muster und das Verständnis ihrer Funktionen unterstützen die Gestaltung analoger eigener Systeme für nachhaltiges Leben. Ein Beispiel ist die Beobachtung von natürlichen Spiralformen. Diese Form inspirierte Bill Mollison, den Begründer der Permakultur, unter anderem zum Design der Kräuterspirale, wie wir sie heute kennen. Diese Analogisierung natürlicher Formen auf funktionales Design ist eingängig und leicht zu verstehen.
Wenn Christopher Alexander jedoch von Mustern sprach, meinte er offensichtlich etwas anderes als diese eindeutig zu beobachtenden Formen in der Natur. Seine Muster betrafen Stadtformen und -strukturen, Gebäude und Konstruktionsdetails. Sie beinhalteten immer eine räumliche Komponente in Verbindung mit der Nutzung durch Menschen. Alexander ist Architekt und Stadtplaner und lehrte bis vor kurzem als Professor an der University of California in Berkeley in dem von ihm gegründeten Center for Environmental Structure. Als Architekt hat er viele Bauvorhaben gestaltet und durchgeführt. Er war aber auch immer schon Philosoph. Es genügte ihm nicht, einfach nur zu bauen oder eine ästhetisch schöne und funktionale Architektur zu produzieren. Sein Fragen schürfte tiefer.
Christopher Alexander hatte schon früh eine leise Ahnung gehabt, dass ihm in seinen Beobachtungen etwas von Bedeutung begegnet war. Er hatte wahrgenommen, dass es Orte gab, die von einer besonderen Qualität erfüllt waren, die er aber schwer fassen und noch schwerer erklären konnte. Er wusste aus seinen Beobachtungen: Es gibt Orte, Städte und Gebäude, die von einem inneren Feuer erfasst sind, die lebendig sind und doch voll innerer Ruhe, die funktional und doch von einfacher Schönheit sind, die in einem Menschen Gefühle berühren, die man sonst nur von Naturerfahrungen her kennt. Alexander nannte diese Qualität eine „subtile Art von Freiheit vor inneren Widersprüchen“. Er versuchte, sie mit Begriffen zu umschreiben wie: lebendig, ganz, frei, egolos, ewig, doch kein Begriff schien ihm die Tiefe, Vielschichtigkeit und einfache Klarheit der Qualität zu treffen. Er schrieb: „Es gibt eine zentrale Qualität, die das fundamentale Kriterium für das Leben und den Geist eines Menschen, einer Stadt, eines Gebäudes oder der Wildnis ist. Diese Qualität ist objektiv und präzise, aber sie kann nicht benannt werden.“ (TWB S. ix)

Die Qualität ohne Namen
Alexander nannte diese Qualität „die Qualität ohne Namen“, begann zu forschen und zu fragen. Er wusste, dass es hier einen Schatz für ihn zu heben galt, und so machte er sich auf die Suche. Er versuchte, die Qualität mit Fotos einzufangen, sie zu beschreiben und zu erklären. Ich selbst begriff die Wichtigkeit dieser Qualität für Alexanders Mustersprachentheorie erst, als ich wieder einmal irritiert und fragend in „A Pattern Language“ las. Nachdem ich mehrere Jahre versucht hatte, aus Alexanders Mustern ein eigenes Verständnis zu entwickeln, wurde ich nun in der Einleitung fündig: Hier las ich, dass das Buch, das ich in Händen hielt, ausschließlich Alexanders eigene Mustersprache darstellt, nicht jedoch die Theorie darüber, wie Mustersprachen funktionieren, wie man sie entwickelt und wie man mit ihnen gestalten kann. Diese Fragen werden in dem Band „The Timeless Way of Building“ („Die zeitlose Kunst des ­Bauens“) behandelt. Dort wird der Leser von der ersten Seite an mit der „Qualität ohne Namen“ konfrontiert, denn sie steht im Zentrum dessen, was Alexander als Architekt und, wie sich in diesem Buch zeigt, auch als Mensch erreichen möchte.
Nachdem ich länger versucht hatte, sie beobachtend zu umkreisen, wurde mir die Qualität ohne Namen schlagartig beim Lesen der einleitenden Passage aus „Effi Briest“ von Theodor Fontane bewusst, in der Fontane fast filmisch den Ort der kindlichen Unschuld Effi Briests beschreibt: „In Front des schon seit Kurfürst Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit ­Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen, weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldetem Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angeketteltem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing – die Pfosten der Balken­lage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.“

Lebendige Orte

Fontane gelingt es, durch die Beschreibung eines Orts mit seinen Elementen und den sich daraus eröffnenden Potenzialen eine Atmosphäre einzufangen, die für mich die Qualität ohne Namen widerspiegelt. Die Beschreibung veranschaulicht aber auch den nächsten Gedankenschritt Christopher Alexanders. Denn Alexander beobachtete, dass jeder Ort seinen Charakter durch wiederkehrende Muster von Vorkommnissen erhält, die an den Orten stattfinden: Ein Marktplatz lebt von den Standbesitzern, die frühmorgens ihre Waren in den Ständen auslegen, von den Pärchen, die sich küssend auf den Bänken am Rand des Platzes sitzen, von den Cafés, die bei Sonnenschein ihre Stühle und Tische auf den Platz stellen. Ein Hauseingang lebt von der Katze, die in der Nachmittagssonne auf der Schwelle döst, vom Postboten, der sich unter dem Vordach den Erhalt eines Pakets quittieren lässt, aber auch von Mustern, die nicht-menschliche Situationen beschreiben: vom Duft des Flieders, vom Efeu, der sich um den Vordach­pfosten rankt, und dem Knarren des Baums im Wind, der neben dem Hauseingang steht. All diese Muster sind nach Alexander nicht bloße, sich zufällig wiederholende Vorkommnisse, sondern sie bilden überhaupt erst die Gestalt eines Orts, also die Konfiguration, die dem Ort seine spezifische Art und Weise, zu sein, ermöglicht. Der Raum wird so zu einer Matrix für die Muster, die in ihm zum Leben kommen, indem sie an Orten teilhaben. Alexander schreibt: „Und in der Tat hat die Welt eine Struktur, eben weil diese sich wiederholenden Muster von Vorkommnissen immer im Raum verankert sind.“ (TWB S. 69)
Es gibt also einen engen Zusammenhang zwischen der räumlichen Konfiguration eines Orts und den Vorkommnissen, die in dieser Konfiguration entstehen und sie gleichzeitig prägen. Einige Vorkommnisse scheinen geradezu notwendig zu bestimmten Orten zu gehören. Sie fügen sich so zwanglos und selbstverständlich in seine Gestalt ein, dass der Ort und die ihn konstituierenden Muster ineinander verschwimmen. Noch einmal Effi Briest:
„Auch die Front des Herrenhauses – eine mit Aloekübeln und ein paar Gartenstühlen besetzte Rampe – gewährte bei bewölktem Himmel einen angenehmen Aufenthalt; an Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses, die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein paar offene, von wildem Wein umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleißig bei der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch bunt durch­einander, dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit großen, schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale.“
Der Fliesengang in seiner Zusammensetzung aus Schatten, Fenstern, dem Wein, Treppe und angrenzendem Garten, sowie die Handarbeit von Mutter und Tochter und daneben das Stillleben aus Wollsträhnen, Seidendocken, Desserttellern und Obstschale bilden eine selbstverständliche, in sich ruhende Harmonie, die nach Alexander die Qualität ohne Namen besitzt, weil dieser Ort durch die ihn prägenden Muster eine sich selbst erfüllende Bestimmung erhält. Das Ensemble der Muster ist es nach Alexander, durch das die Qualität ohne Namen entstehen kann, wenn es zur Lebendigkeit des Orts beiträgt: „Die spezifischen Muster, aus denen ein Gebäude oder eine Stadt gemacht sind, mögen tot oder lebendig sein. Zu dem Grad, zu dem sie lebendig sind, lassen sie innere Kräfte frei, die wiederum uns befreien, aber wenn sie tot sind, sperren sie uns ein in innere Konflikte. Je mehr lebendige Muster an einem Ort sind – einem Raum, einem Gebäude oder einer Stadt – desto lebendiger wird er als Gesamtheit, desto stärker beginnt er zu leuchten, desto stärker brennt in ihm dieses selbsterhaltende Feuer, das die Qualität ohne Namen ist. Und wenn ein Gebäude dieses Feuer hat, dann wird es ein Teil der Natur. Wie Ozeanwellen oder Grashalme werden seine Teile regiert durch das endlose Spiel von Wiederholung und Vielfalt, geschöpft aus der Gegenwart der Einsicht, dass alle Dinge vergehen. Dies ist die Qualität selbst.“ (TWB S. xf)

Wiederholung und Idividualität
Die Struktur eines Orts, bei Alexander einer Stadt oder eines Gebäudes, liegt nicht allein im Material oder in einer gestalterischen Idee begründet, sondern in den Beziehungen der Muster zueinander. Muster eröffnen die Möglichkeit, in unendlichen Variationen immer wieder neue, lebendige Orte zu schaffen, weil Muster gerade nicht wie ein Baukastensystem funktio­nieren, sondern weil in ihnen schon ein spezifischer und doch variabler Zusammenhang zwischen einem räumlichen Aspekt und einem Vorkommnis kodiert ist. Das Muster „Handarbeit im Schatten“ kann in tausenden Ausprägungen entstehen, und es kann Teil von unendlich vielen räumlichen Konfigurationen und damit von lebendigen Orten werden, und trotzdem bleibt es stets das Muster „Handarbeit im Schatten“. Muster wiederholen sich also, und doch gleicht keine konkrete Ausprägung eines Musters einer anderen. Alex­ander sieht hier eine weitere Verbindung zur Natur: Auch in der Natur finden sich keine zwei Blätter, die genau gleich sind, oder Ozeanwellen, die exakt die gleiche Form besitzen, und doch ist das ­gleiche, sich wiederholende Muster in ihnen erkennbar.
Wenn die Qualität ohne Namen entsteht, so Alexander, lassen die Muster und ihre Beziehungen untereinander Orte entstehen, an denen es möglich ist, innere und äußere Konflikte zu lösen, während ein Ort, an dem diese Qualität nicht entsteht, den Stress erhöht und innere und äußere Konflikte eskalieren lässt.
Was genau ist aber nun ein Muster? Ich habe schon beschrieben, dass ein Mus­ter aus einer räumlichen Komponente in Kombination mit einem Vorkommnis besteht. Alexander, ursprünglich als Mathematiker ausgebildet, findet eine nüchterne Beschreibung: Ein Muster ist eine Kombination aus einem Kontext, einem Problem und dessen Lösung. Das Muster „Haupteingang“ z. B. verdeutlicht, dass mit der Position des Haupteingangs eines Gebäudes unter Berücksichtigung der Umgebung eine der wichtigsten Entscheidungen für die Gestaltung eines Gebäudes überhaupt getroffen wird. Die Position des Haupteingangs beeinflusst die Innenaufteilung des Gebäudes, die Hauptverkehrswege zu und von dem Gebäude. Alexander merkt an, dass eine gut gewählte Position des Haupteingangs alle Bewegungen innerhalb und außerhalb des Gebäudes positiv beeinflusst, dass aber ein schlecht gewählter Haupteingang dazu führen kann, dass nichts im und um das Gebäude im richtigen Verhältnis zueinander erscheinen wird. Die Lösung ist daher, Haupteingänge so zu platzieren, dass sie von den Hauptverkehrswegen direkt zu erreichen sind, dass sie klar erkennbar eingefasst sind und dass sie einen zentralen Platz in der Hausfassade einnehmen, um einen guten Zugang zu den inneren Bereichen zu gewährleisten. Trotzdem muss nicht ein Haupteingang einem anderen gleichen.
Ein anderes Beispiel ist das Muster „Gemeinschaftlich essen“. Egal, ob Menschen an einem Ort gemeinsam arbeiten, als Gemeinschaft leben oder Freizeitbeschäftigungen nachgehen: das Muster „Gemeinschaftlich essen“ darf Alexander zufolge nicht fehlen, soll der Zusammenhalt der Gruppen von Dauer sein. Damit dieses Mus­ter funktioniert, braucht es einen angemessenen und fürs Essen eingerichteten Raum sowie einen zeitlichen Rhythmus, der allen Beteiligten bekannt ist. Wieder gilt: Obwohl man klare Regeln für das optimale Funktionieren eines Musters erstellen kann, wird die jeweilige konkrete Ausprägung sehr unterschiedlich ausfallen.

Beziehungen

Liest man die Muster, die Alexander und seine Kollegen in „A Pattern ­Language“ gesammelt haben, dann überkommt einen oft das Gefühl, hier würden derart allgemeine Wahrheiten beschrieben, dass man die Notwendigkeit, sie aufschreiben zu müssen, bezweifeln kann. Sie sind so einfach und eingängig, dass es fast schon unangenehm ist, sie auszusprechen. Doch die Erkenntnis eines guten, lebendigen Musters allein lässt noch keinen lebendigen Ort, der die Qualität ohne Namen besitzt, entstehen. Es muss noch etwas dazukommen, nämlich die Fähigkeit, Muster so miteinander in Beziehung zu setzen, dass sich in immer neuen Variationen individuelle Orte ausprägen und mit Leben füllen. Und dazu bedarf es der Mustersprachen.
Alexander hat sich immer wieder gefragt, warum er die Qualität ohne Namen vor allem in traditionell gewachsenen Städten, Dorfstrukturen und Gebäuden vorfand, obwohl es hier weder Stararchitekten noch städtebauliche Masterpläne gab. Vielmehr schien es ihm, als seien die­se Orte organisch aus unzähligen, nicht miteinander abgestimmten Einzelentscheidungen und Arbeitsschritten gewachsen, die oft von architektonisch ungebildeten Menschen vor Ort durchgeführt wurden. Seine Erklärung ist, dass die Menschen solcher traditionell gewachsener Orte unbewusst über eine gemeinsame Mustersprache verfügen.

Kollektive Mustersprachen
Nach Alexander ist eine Mustersprache ein großes Repertoire an kulturellen und regional natürlichen Mustern, die die dort lebenden Menschen mit der Muttermilch aufgesogen haben. So wie wir mit den Wörtern unserer Sprache Sätze von Bedeutung formulieren können, so sind die Menschen in der Lage, die Muster ihrer Kultur und ihrer natürlichen Umgebung zu kombinieren, um Gestaltungsentscheidungen zu treffen, z. B. beim Bau einer neuen Scheune, bei der Anlage eines ­neuen Terrassenfelds in einer Bergregion oder beim gemeinsamen Bau eines Tempels. Nur so kann sich Alexander die große Gemeinsamkeit bei gleichzeitig unendlicher Individualität der Gebäude erklären, egal, ob es sich um die mit Ochsenblut gestrichenen schwedischen Landhäuser handelt, um die langgezogenen Niedersachsenhäuser mit ihren grünen Doppeltoren, um bretonische Dorfplätze mit ihren Kirchen und rechtwinkligen Grünflächen oder die Cluster von Almdörfern in den Alpen. So besteht ein Niedersachsenhaus aus dem 19. Jahrhundert unter anderem aus den Mustern:

  • „Eingeschoßig“
  • „Heuboden im Dach“
  • „Ein Drittel Wohnbereich, zwei Drittel Stallbereich“
  • „Tiefgezogenes Reetdach“
  • „Holzständerwerk mit Ziegelgefachen“
  • „Kleine Fenster an den Seiten“
  • „Grünes Doppelscheunentor“
  • „Seitentür zum Bauerngarten“
  • „Offene Feuerstelle im Gemeinschaftsbereich“
  • „Pferdeköpfe als Giebelzierde“
  • „Schlafalkoven“ …

Es gibt kaum ein Niedersachsenhaus, das von diesen Mustern gravierend abweicht, und doch werden sich nicht zwei gleiche Niedersachsenhäuser finden. Mus­tersprachen sind keine Baukastensysteme, denn die individuell ausgeprägten Muster im lebendigen Zusammenspiel bilden eine je neue Gestalt, die sich durch ein bloßes Addieren von Modulen nicht erreichen ließe. Diese Muster, die aus der Verwendung der gleichen Materialien, der ähnlichen räumlichen Anordnung der Bauelemente und der kulturell geprägten Gemeinsamkeit der Nutzung entstehen, führen frappierend oft zu Orten, in denen Alexander die Qualität ohne Namen ausmacht.
Zur Zeit wird viel von kollektiver Intelligenz gesprochen. Alexander hat mit seiner Mustersprachentheorie meiner Meinung nach einen guten Ansatz gefunden, um kollektive Intelligenz zu erklären. Er schreibt: „Auf die gleiche Art können Gruppen ihre größeren öffentlichen Gebäude erhalten, in dem sie einer gemeinsamen Mustersprache folgen, fast so, als hätten sie einen gemeinsamen Geist. Zu guter Letzt, innerhalb des Rahmens einer gemeinsamen Mustersprache, werden Millionen individueller Bauhandlungen zusammen eine Stadt generieren, die lebendig und ganz ist, unvorhersagbar und ohne Kontrolle. Dies ist die langsame Entstehung der Qualität ohne Namen, fast wie aus dem Nichts.“ (TWB S. xiiv–xiv)
Heute sind diese gemeinsamen, kulturell geprägten Mustersprachen zusammengebrochen. Insbesondere in der westlichen Welt ist kaum ein Mensch mehr in der Lage, ein einfaches Wohnhaus oder auch nur einen Werkzeugschuppen nach den Mustern seiner Region und Kultur zu gestalten und zu erstellen. Stattdessen haben wir uns mit der industriell-modularisierten Baumarkt- und Schöner-Wohnen-Fertighauskultur abgefunden, deren Muster selten an örtlichen, natürlichen und menschlichen Bedürfnissen, sondern meist an Produktions- und Marktzwängen orientiert sind. Kein Wunder, dass die daraus resultierenden Orte selten originäre und individuelle Antworten auf die Probleme, Bedürfnisse und Lebenskontexte der Menschen enthalten und dass aus der Kombination dieser oft pervertierten Muster Orte entstehen, denen die Qualität ohne Namen vollständig abhandengekommen ist. Diesen Mangel beheben dann auch die Prestigebauten großer Architekten nur selten, versuchen sie doch oft, die fehlende Qualität ohne Namen und die damit einhergehende Sinnleere mit einem von diesem Mangel ablenkenden, kollektiven Wow!-Effekt visuell zu übertönen. Solche Orte haben so sehr ihre eigene innere Berechtigung verloren, dass der Anthropologe Marc Augé schreibt: „Wenn ein Ort als relational, historisch und mit Identität belegt definiert werden kann, dann muss ein Ort, bei dem dies nicht der Fall ist, als Nicht-Ort (non-place) gelten.“ (NP S. 77)

Die Wahrnehmung schulen
Für Alexander erschließt sich daraus eine Aufgabe, die uns alle betrifft: Wir müssen wieder lernen, Mustersprachen zu sprechen. Dafür können wir aber nicht mehr auf überlieferte und kulturell erlernte Mus­ter zurückgreifen, da diese zum einen verloren sind, zum anderen aus Kontexten stammen, die es heute so nicht mehr gibt und, drittens, oft ebenfalls limitiert waren. Vielmehr müssen wir unsere eigene Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Beob­achtungsfähigkeit schulen, um die Muster ausfindig zu machen, die weiterhin in unseren heutigen Kontexten funktionieren, und aus diesen Beobachtungen unsere eigenen Sammlungen an Mustern und damit Mustersprachen erstellen. Das ist jedoch eine Aufgabe, in die man erst hineinwachsen muss. Man muss den leisen Ahnungen nachgehen, aufhorchen, wenn wir einem Mus­ter von Bedeutung begegnen, ihren Spuren folgen, sie umkreisen und die Schätze heben, die in unseren Beobachtungen verborgen liegen. Nur so verdichten sie sich zu Mustern von Bedeutungen, und nur so entstehen neue, lebendige Mustersprachen, die das Potenzial in sich tragen, mit ihnen Orte gestalten zu können, die die Qualität ohne Namen besitzen.
Christopher Alexander ist oft vorgeworfen worden, er wolle auf diese Weise allen Architekten eine gleiche, einförmige Architektur aufzwingen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Es geht ihm darum, dass jeder aus seinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen Mustersprachen entwickelt, die im eigenen Kontext funktionieren. Das Buch, in dem er mit seinen Kollegen die eigene Mustersprache veröffentlicht hat, heißt „A Pattern Language“ und nicht „The Pattern Language“. Anders würden Mustersprachen gar nicht in der Lage sein, das persönliche kreative Potenzial in einem gegebenen Zusammenhang auszuschöpfen. Mustersprachen zu entwickeln heißt immer, auch die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Kontext, in dem man sich befindet, zu suchen. Alexander merkt an: „Wir müssen zuerst eine Disziplin lernen, die uns die wahre Beziehung zwischen uns und unserer Umgebung lehrt.“ (TWB S. 16)
Wenn wir diesen Weg gehen, dann bleiben auch wir selbst nicht unberührt von dem Prozess, der aus unserer bewusst beob­achtenden und handelnden Partizipation entsteht. Wir nehmen teil an der spezifischen Beschaffenheit eines Orts, und dieses Ereignis erzeugt in uns einen Widerhall. Unausweichlich lernen wir aus unserer Suche nach Möglichkeiten, harmonische, lebendige Orte zu gestalten, auch etwas über uns selbst: „Wir erkennen, dass wir schon vorher wussten, wie wir ein Gebäude lebendig machen konnten, aber dass diese Kraft in uns eingefroren war: dass wir sie besitzen, aber dass wir Angst haben, sie zu nutzen, dass wir verkrüppelt sind durch unsere Ängste. (…) Und was letztendlich passiert, ist, dass wir lernen, wie wir unsere Ängste überwinden.“ (TWB S. 13)
„Paradoxerweise lernst du, dass du ein Gebäude nur dann lebendig machen kannst, wenn du frei genug bist, um die Muster von dir zu weisen, die dir gerade noch geholfen haben. (…) Daher mag es dir vorkommen, dass Mustersprachen doch nutzlos sind. (…) Aber es ist deine Mustersprache, die dir geholfen hat, dein Ego loszulassen. (…) An diesem Punkt sind die Muster nicht länger wichtig: Die Muster haben dir geholfen, offen zu sein für das, was real ist.“ (TWB S. 542–545) +

Literatur: Alexander, Christopher: The Timeless Way of Building. Oxford University Press, New York 1979 (TWB); The Nature of Order, Book 1, Centre of Environmental Structure, 2004 (NOI) • Alexan­der, Christopher, Sara Ishikawa et al.: A Pattern Language. Oxford University Press, New York 1977 (APL) • Augé, Marc: non-places. Introduction to an anthropology of supermodernity, Verso, London 1995 (NP) • Fontane, Theodor : Effi Briest. In: Sämtliche Werke, Hrsg. Walter Keitel, 4. Band: Romane, Erzählungen, Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1963.