Der Urstoff
Energie-Konzepte aus Ost und West. Teil 2
In seiner Artikelreihe über das chinesische Qi und westliche Konzepte zur Feinstofflichkeit vertieft Manfred Kubny seine bisherigen Ausführungen zu Pneuma und Äther und macht auf die Bedeutungsvielfalt des Qi-Begriffs aufmerksam.
Die Frage nach dem Urstoff der Welt beschäftigte die westlich-abendländische Kultur ebenso wie die chinesische. Beide Kulturen entwickelten vielfältige Ansätze für die Klärung der Frage nach dem Urgrund des menschlichen Daseins und der Welt. Während man im Lauf der Jahrhunderte in Europa eine Zersplitterung der dafür verwendeten Begriffe beobachten kann, scheint das chinesische Konzpet des Qi nach außen hin einigermaßen stabil geblieben zu sein.
Bereits im vorigen Beitrag (Hagia Chora Ausgabe 27) war die Rede von den Vorsokratikern (7. und 6. Jahrhundert v. Chr.), die in einem der Elemente Wasser, Feuer oder Luft das „Urelement“ suchten. Später entwickelte sich daraus die antike Elemententheorie, die den vier abendländischen Elementen den Äther als fünftes Element bzw. als Ursprung zugrundelegte. Wie bei den chinesischen Wandlungsphasen hat man sich auch in den antiken Konzepten das Feuer, das Wasser, die Luft und die Erde nicht als grobstoffliche Substanzen vorzustellen, sondern sie symbolisieren feinstoffliche oder immaterielle Prinzipien oder Substanzen.
Pneuma
Der erwähnte Vorsokratiker Anaximenes (528–525 v. Chr.) vertrat die Auffassung, dass der Kosmos genauso durch eine Pneuma genannte Substanz zusammengehalten werde, wie die aus Luft bestehende Seele den Menschen zusammenhalte. Das Wort Pneuma ist abgeleitet von griechisch pneo = „ich atme“ und bedeutet ursprünglich Wehen, Hauch, Atem, bewegte Luft. Das Konzept des Pneuma hatte sehr viele Varianten, die jeweils der persönlichen Auffasssung des Autors oblagen. Der ionische Arztphilosoph Diogenes von Appollonia (ca. 499–428 v. Chr.) beispielsweise betrachtete Luft als universelles Prinzip des Kosmos und schrieb dem Pneuma wichtige Funktionen in der menschlichen Physiologie zu. Es bewegte sich nach seiner Auffassung mit dem Blut durch die Adern und war Ursache der biologischen Prozesse. Andere Aufassungen, wie beispielsweise die sizilianische Schule der griechischen Medizin, lokalisierten das Pneuma im Herzen, von wo es mit dem Blut im Körper zirkuliere, oder aber sahen wie die Hippokratiker das Zentrum des Pneuma im Gehirn. Aristoteles diversifizierte das sizilianische Konzept weiter und unterschied zwei Arten von Pneuma, das physische Pneuma der eingeatmeten Luft und ein psychisches Pneuma mit Sitz im Herzen, das er als Substrat der Lebenswärme und erstes Werkzeug der Seele bezeichnete.
In der philosophischen Schule der Stoiker in Griechenland und Rom (Zenon, Chrysipp, Poseidonios, Seneca, Marc Aurel, 300 v. Chr.–300 n. Chr.) erhielt das Pneuma eine umfassendere Bedeutung: Es zeigte animistische Züge, wurde sowohl zur Substanz der Gottheit und der individuellen menschlichen Seele wie auch der universellen Weltseele. Die Gottheit selbst war ein Pneuma, ein Lebensatem, der den kosmischen Organismus von innen her beseelte. Alle physikalischen Zustände und Eigenschaften wurden als Wirkungen des Pneumas aufgefasst, ebenso die Lebensäußerungen des Menschen, wie Wahrnehmung, Bewegung, Zusammenhalt und Koordination des Organismus. Von einem zentralen „Steuerungsteil“ der Seele aus sollten pneumatische Strömungen zur Peripherie des Leibes fließen und umgekehrt. Nach dem Tod behielt nach stoischer Auffassung das Pneuma eines Menschen eine Zeitlang seine Kohärenz und Individualität, um dann in die allgemeine Weltseele aufgenommen zu werden.
Der letzte große Arzt der Antike, Galenos von Pergamon (129–199), der bis ins 17. Jahrhundert das medizinische und biologische Denken des Abendlands bestimmte, stand in der Tradition der Stoiker. Bei ihm wurde das griechische Pneuma zum lateinischen Spiritus, da er die griechischen Lehren nach Rom brachte. Nach Galen führte der Weg des Pneuma aus der Luft über den Atem via Lunge, Herz und Arterien ins Gehirn. Das Herz hatte dabei die Aufgabe, durch die der linken Herzkammer „eingeborene Wärme“ den „spiritus naturalis“ der Luft in einen „spiritus vitalis“, ein „Lebenspneuma“, umzuwandeln. Dieser gelangte dann mit dem Blut über die Leber, wo sich seine größte Konzentration befand, zum Gehirn, wo es zum „spiritus animalis“, dem „psychischen Pneuma“, destillierte, das dann die Ventrikel des Gehirns erfüllte. Von dort und vom Rückenmark, so nahm er an, gingen feinste Kanäle in den ganzen Körper, durch welche der „spiritus animalis“ verteilt wurde. Die Vorstellung, dass der „Spiritus“ in verschiedenen Organen in eine andere Form umgewandelt wird, ähnelt dabei dem chinesischen Konzept der Spiritualisierung des menschlichen Körpers, bei dem auch bestimmten Organen nachgesagt wird, Emotionen und auch Seelenzustände zu speichern. Das „Huangdi Neijing“ 黃帝內經 („Der innere Klassiker des gelben Kaisers“), das wichtigste Buch der chinesischen Medizin, berichtet beispielsweise von folgender Funktionsweise:
„Die Leber speichert das Blut. Das Blut beherbergt die Geist-Seele. Wenn das Qi der Leber leer ist, dann entsteht Angst, wenn es voll ist, dann entsteht Wut.
Die Milz speichert das Aufbau-Qi. Das Aufbau-Qi beherbergt die Gedanken. Wenn das Qi der Milz leer ist, dann funktionieren die vier Gliedmaßen nicht, und die fünf Körperspeicher sind nicht friedlich. Wenn es voll ist, dann ist der Unterbauch geschwollen, und man kann kein Wasser lassen.
Das Herz speichert die Pulsbewegungen und beherbergt den Geist. Wenn das Qi des Herzens leer ist, dann entsteht Traurigkeit, wenn es voll ist, dann kann [der Mensch] mit dem Lachen nicht mehr aufhören.
Die Lunge speichert das Qi [des Himmels], das Qi [der Lunge] beherbergt die Körperseele. Wenn das Qi der Lunge leer ist, dann ist die Nase verstopft, und es gibt nicht die geringste freie Passage für das Qi, [durch die Nase in den Körper zu dringen]. Wenn [das Qi der Lunge] voll ist, dann keucht [der Mensch], der Brustraum ist voll, und der Mensch schmeichelt sich [bei anderen Leuten] ein.
Die Nieren speichern die Feinststoffe. Die Feinststoffe beherbergen den Willen. Wenn das Qi der Nieren leer ist, dann verfällt [der Körper des Menschen], ist es voll, dann schwillt er an, und die fünf Körperspeicher sind nicht friedlich.
Wenn man die Gestalt der Krankheiten der fünf Körperspeicher untersucht und dadurch die Mangel- oder Völle-[Situation] ihres Qi kennt, dann [kann man] sie vorsichtig regulieren.“
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