Yin-Yang-Haus

Wie ein ausgeglichener Lebensort entsteht

von Andrea Schmidt erschienen in Hagia Chora 28/2007

Andrea Schmidt arbeitet als Feng-Shui-Architektin. Ausgehend von ihrer intuitiven Wahrnehmung integriert sie Feng-Shui-Aspekte in ihre Arbeit mit dem Ziel, für die Bewohner ein ­ausgeglichenes Kräftefeld von Himmel und Erde zu schaffen.

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Ein Wohnhaus zu entwerfen, ist für mich als Architektin immer wieder aufregend und spannend, denn gebauter Raum hat einen großen Einfluss auf Menschen, und zwar darauf, wie sie sich in dem Haus fühlen, und welche Möglichkeiten es ihnen bietet, einen Bezug zu sich selbst und zur Umgebung herzustellen.
Der individuelle Mensch geht mit dem Ort und dem gebauten Raum eine Symbiose ein – das ist für mich Feng-Shui-Architektur, sie schafft ein wirkliches Zuhause. Innere und äußere Räume werden miteinander verbunden, und die Beziehung von Mensch, Ort und Raum wird zur Gestaltungsgrundlage.
Das hier vorgestellte Wohnhaus in Potsdam wurde von mir auf der Grundlage des „energetischen Feng Shui“ geplant. Bei dieser Art des Feng Shui beziehe ich mich mit einer ganzheitlichen Sichtweise auf die Wahrnehmung und die Interpretation der Energien aller zur Verfügung stehenden Ebenen eines Orts. Dazu gehört die rein physikalische Ebene, beispielsweise Störfelder durch Wasseradern, und die bereits etwas feinere Ebene der Erdgitter ebenso wie die emotionale und psychische Ebene, wo es um die Frage des Wohlfühlens an einem Ort bzw. in einem Raum geht. Noch weiter reichen die kosmische Ebene, auf der manche Menschen Verbindungen zu Planeten oder gar Engeln spüren können, und die karmische Ebene der vergangenen Geschehnisse an einem Ort. Den Bewohnern gebührt selbstverständlich die gleiche Aufmerksamkeit wie dem Haus – ihren Wünschen, Zielen, Vorlieben, Stärken, Schwächen und den Strukturen ihrer feinstofflichen Körper.

Das Herz ausdehnen
Insgesamt könnte man diese Arbeit auch als eine intuitiv-geomantische Herangehensweise beschreiben, in die ganz selbstverständlich auch Feng-Shui-Aspekte einfließen. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich die geomantischen Techniken der verschiedenen Kulturen ohnehin miteinander vermischt, und ihr Kern scheint immer der Gleiche zu sein: die Sensibilisierung der Wahrnehmung.
Wahrnehmung bedeutet für mich die Ausdehnung der Liebe im Herzen. Je mehr Liebe ich im Herzen zulasse und ausdehne, desto mehr nehme ich die feinstofflichen Strukturen in der Umgebung bei Mensch und Ort wahr, und zwar unmittelbar und direkt (siehe auch mein Beitrag in Hagia Chora 27, Seite 41). Und eben davon sprechen Menschen zu allen Zeiten und Kulturen, wie der Dichter Friedrich Hölderlin, wenn er fragt: „Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll, seit ich liebe?“, oder der aus dem 10. Jahrhundert stammende chinesische Philosoph Cheng Hao, wenn er fragt: „… aber was ist das Herz? Es ist nichts anderes als das Mitempfinden und Wahrnehmen. Was ist das Mitempfinden und Wahrnehmen? Es ist das Leben. Das, was nicht lebt, empfindet nicht mit.“
Aus einer solchen Haltung heraus lassen sich auch Feng-Shui-Methoden, wie sie üblicherweise verstanden werden, gut anwenden. Dabei geht es mir darum, die Energiestrukturen der Umgebung mit denen der zukünftigen Bewohner zusammenzubringen, die Räume werden entsprechend geplant, aufgeteilt und ausgerichtet, die Gestaltung mit Farben und Möbeln wird vorgenommen – hier ist von Bedeutung, welche Farben und welche Positionen für die Möbel gewählt werden. Nun bestimme ich die Bagua-Qualitäten, allerdings nicht anhand des Bagua-Rasters, sondern individuell intuitiv. Finden sich bestimmte Qualitäten nicht wieder, werden sie energetisch initiiert. Ebenso wird den Elementen ein Platz gegeben, beispielsweise dem Feuerelement mit Hilfe eines Kamins. Bei der Analyse bemühe ich mich auch immer darum, eventuelle Probleme – ich spreche lieber von Aufgabenstellungen oder Herausforderungen – der zukünftigen Bewohner wahrzunehmen. Ich bringe die Themen zur Sprache und biete meine Unterstützung bei der inneren Arbeit daran an. Denn alle geomantischen bzw. Feng-Shui-Analysen und Behandlungen verhelfen nicht zu einem zufriedenen und glücklichen Leben, wenn der Mensch selber seine Aufgabenstellungen ungelöst mit sich herumträgt oder vor sich herschiebt.

Projektbeschreibung:
Die Vorgaben des städtischen Bebauungsplans legten die genaue Position, die Dachform und die Außenmaße des Gebäudes fest. Somit gab es keinerlei Einfluss auf den Standort innerhalb des zur Verfügung stehenden Grundstückes.
Bei der geomantischen Analyse des Grundstücks (siehe folgende Seite) fanden wir eine Wasserader, die aus nördlicher Richtung vom oberen Teil des Grundstücks durch das spätere Gebäude hindurch in Richtung Süden verläuft, sowie einen Störbereich im oberen nordwestlichen Grundstücksteil und drei Kraftpunkte, die mehr oder weniger aktiv waren.
Eine genauere Analyse zeigte die Qualitäten der Kraftpunkte:
! Ausgleich von Himmel und Erde (Yin und Yang),
! die Qualität des Seins (Buddha),
! „Ausdehnung“.
Des weiteren wurden die Chakren-Qualitäten des Grundstücks analysiert, denn die unterschiedlichen Qualitäten der ­Energien, die mit den ihnen zugeordneten Körperregio­nen in Resonanz gehen, können von den Bewohnern bewusst genutzt werden. Während der Bauphase wurden die Plätze allerdings energetisch geschützt und gewissermaßen zugedeckelt, um Schäden zu vermeiden. Erst wenn das Haus ganz und gar fertiggestellt ist, werden wir alle Punkte wieder aktivieren.
Heute ist der Bau des Gebäudes schon weitgehend vollendet, wenn auch im Innenraum noch Handwerker am Werk sind. Betritt man das fertige Gebäude, erhält man Zugang zur Lebensphilosophie des Bauherren. Man erlebt Räume, die durch ihre Offenheit eine erfrischende Großzügigkeit ausstrahlen. Moderne Architektur sorgt durch ihre Proportionen für Harmonie und lässt ein Spiel von Materialien, Licht, Leichtigkeit und Transparenz entstehen.
Die Grundrissplanung sieht Schlafplätze außerhalb der Strahlungsreichweite der Wasserader vor. Um den Energiefluss des Kraftpunkts „Ausdehnung“ zu unterstützen, wurde durch die Anordnung einer gegenläufigen doppelten Galerie in Form des Ying und Yang-Symbols das Gebäude bis unter die Dachspitze freigehalten. Im Bereich der Galerien befindet sich der Wohnbereich der Familie, der durch eine Stufe tiefer in die Erde versinkt. In diesem Bereich befindet sich auch der Feuerplatz.
Im Eingangsbereich wird man durch die im europäischen Wohnungsbau wohl höchste freistehende Stampflehmwand begrüßt. Sie ist in drei verschiedenen Radien gebogen und zieht sich über 11,41 Meter Höhe vom Keller bis ins Dachgeschoß. Sie erzielt damit ihre ganz eigene Wirkung auf den Menschen: wohltuend, beschützend und beruhigend. Eine kräftigende Erdverbundenheit wird unmittelbar wahrgenommen. Stampflehm ist der ursprünglichste Baustoff überhaupt. Als krümelige, feuchte Erde wird er in Schalungen gestampft und verdichtet und erhält dadurch seine einzigartige monolithische Form. Er funktioniert als Klimawand, indem er bis zu 40 % seines Volumens an Feuchtigkeit aufnehmen kann und bei trockener Raumluft wieder abgibt. Auch deshalb wurden alle Nassräume an der Rückseite der Stampflehmwand angeordnet. Weitere Eigenschaften des Stampflehms sind Diffusionsoffenheit, Atmungsaktivität, Wärmespeicherung, Geruchsneutralität, Schadstoffabsorbierung und –neutralisierung. Für Allergiker ist er aus seinen Eigenschaften heraus ein sehr interessanter Baustoff.
In unserem Projekt verleiht die Stampflehmwand dem Haus eine Seele.
Ökologische Gesichtpunkte spielten bei der Materialwahl sowie bei der Auswahl der Technik also eine wichtige Rolle. Als Dämmmaterial wurde Hanf verwendet. Das Gebäude erhält ein intelligentes Gebäudemanagement, ein EIB-System (Europäischer Installationsbus), das durch seine Netzwerktechnik stromführende Kabel reduziert. Einzelne Stromkreise können ­darüber hinaus individuell freigeschaltet werden.

Bauen als sozialer Prozess
Ein weiterer Aspekt der Planung mit Feng Shui ist die Qualität der sozialen Interaktion. Ort, Material, Energien und Formensprache bilden eine wichtige Grundlage, doch die Haltung und Einstellung, mit der das Gebäude entsteht, sind untrennbar mit den beteiligten Menschen verbunden, mit den Bauherren, dem Architekt und den Handwerkern.
An dieser Stelle möchte ich einen alten Baumeister zitieren: „Die Erfahrung des Bauens soll Freude machen. Wenn man beim Bauen keine Freude empfindet, darf man nicht erwarten, dass sie sich im fertigen Bau einstellt.“
Aus diesem Grund war für die Auftragsvergabe nicht unbedingt der Preis ausschlaggebend, sondern eher das gute Gefühl, mit dem jeweiligen Handwerker zusammenarbeiten zu können und die mitunter nicht einfachen Bauaufgaben gut zu lösen. Aber denken Sie nun nicht, dass jeder beteiligte Handwerker sich dem Feng Shui verbunden gefühlt hätte, nein, eher mit seinem Beruf, den er mit Freude und Zufriedenheit ausführt. Niemand war irritiert von unserer energetischen Herangehensweise.
Es war schön, zu erleben, wie unkompliziert es auf der Baustelle zuging, sowohl in der Kommunikation zwischen Bauherrn, Architektin und Firmen als auch zwischen den Firmen untereinander. Die Stimmung auf der Baustelle war stets gelöst, und jeder fühlte sich in seiner Leistung anerkannt und respektiert, die Arbeiten wurden sorgfältig und weitestgehend termingerecht ausgeführt. Der Bitte der Architektin bei der Grundsteinlegung, bei eventuellen Streitigkeiten „vor die Türe“ zu gehen, musste nicht Folge geleistet werden, denn es gab keine Streitigkeiten.
Mit dem Ritual der Grundsteinlegung erhielt das Haus seine Widmung: „Loka samasta sukhino bhavantu“. Das ist ein Segensspruch aus dem Sanskrit und bedeutet übersetzt: „Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.“ Geistige Welten sollen sich eingeladen fühlen, und Bewohner, Erbauer und künftige Besucher des Gebäudes sollen jeweils ein Stück des Glücks mitnehmen und in ihre Welt hineintragen. +