St. Jakob und Isis
Eine Templerkirche am Ammersee?
Auf der Suche nach dem Ursprung der besonderen Ausstrahlung der romanischen St.-Jakobs-Kirche in Schondorf am Ammersee stieß Christoph Hintenender auf Spuren der Templer: Tatzenkreuze und eine vermauerte Tür zur mysteriösen Oberkirche.
Am Ammersee im südwestlichen Oberbayern steht eine kleine Kirche, die es mir seit Jahren angetan hat. St. Jakob in Schondorf, ein „Juwel in der Perlenkette des Jakobsweges“. Wenn man vom Dampfersteg kommt, ragt sie schmal und hoch direkt am Westufer auf. Die eigentlich kleine Kirche wirkt mächtig auf ihrem Jakobsbergerl, das hier hochwasserfest mit Stützmauer eingefasst ist. Eigenständigkeit spricht aus der Lage schräg zu den umgebenden Häusern, die alle im rechten Winkel zum Seeufer stehen. Nur einladend wirkt sie nicht, fast fensterlos aus dieser Perspektive.
Dafür hat die Umfassungsmauer eine Lücke mit Treppe, die auf ihren Hügel mit von Kastanien beschattetem Biergarten einlädt. So finden sich die meisten Menschen dort und nicht in der Kirche. Dieses sehr bayerische Konzept mag vom Kloster Andechs stammen, das im Südosten vom heiligen Berg über den See grüßt. Da St.Jakobs kreisrunde Apsis genau nach Osten zeigt, lässt sie es rechts liegen. Das ist keine Arroganz, denn sie ist viel älter als das weltberühmte Kloster, das damals die Burg der Andechs-Dießener Grafen war. Deren Ministeriale Konrad von Schondorf soll St. Jakob Mitte des 12. Jahrhunderts nach einem Gelübde auf dem Kreuzzug 1147–49 gebaut haben. Sie ist die älteste erhaltene Kirche am See. Reine, schmucklose Form in unverputztem Quadermauerwerk aus Ammerseetuffstein. Deshalb fallen die Lisenen (Mauerblenden) der Apsis umso mehr ins Auge. Sie längen diese durch Dreiteilung, und ziehen den Blick nach oben zu zwölf Halbkreisbögen am Gesims. Unverfälschte Romanik ist hier selten, wenig südlich des Sees liegt Kloster Wessobrunn, die Hochburg des bayrischen Barock. Über 1000 Kirchen wurden von dort aus barockisiert, verschleiert, versiegelt. Diese nicht. Keine figürlichen Botschaften, nur das Licht spielt in den Poren des Kalktuffs und verzaubert das Auge. Das Tympanon über der Türe, auf dem ein bidhauerischer Hinweis zu erwarten wäre, ist zerstört.
Zeichen der Templer
Wie kommt so ein Juwel, das nachgewiesenermaßen nie Pfarrkirche war, um 1150 in ein Fischernest, damals noch mit Namen „See“, dann Niederschondorf? Selbst der Jakobsweg ist hier nicht belegt, nur von Passau nach Lindau südlich der Seen. München existierte noch nicht.
Was soll die zugemauerte Türe in 5 Metern Höhe der sonst öffnungslosen Westwand? Der normale Eingang befindet sich nicht wie üblich im Westen, sondern neben dem Mittelpfeiler der Südwand, fast in der Mitte der Kirche.
Wer beherrschte in bäuerlicher Umgebung den sauberen Steinschnitt für ein fast fugenloses Quader-Mauerwerk? Und wofür war der sonderbare Raum über dem Gewölbe, der die Kirche so besonders hoch macht? Dort hinauf führt eine Treppe in den dicken Wänden, vom Kirchenraum, über die zugemauerte Türe in der Westwand, über das Gewölbe. Was ist unter dem Hügel, auf dem sie steht? Dieser hätte als Hochwasserschutz bereits ausgereicht, doch der Sockel der Kirche erhöht sie nochmals um anderthalb Meter.
Kunstgeschichtler haben über sie geschrieben, mit Be- und Verwunderung. Das treffendste Wort fällt mehrfach: „Kathedral“ wirke sie, obwohl der Grundriss nicht mal 10 × 20 m misst. Kathedra – so hieß einst der Thron der Isis.
Meiner Auffassung nach ist dies ein ehemaliger Isis-Tempel. Wer das für Ketzerei hält, lese bitte das Hinweisschild an der gegenüberliegenden Klosterkirche St. Nikolaus und Elisabeth in Andechs. „Diese Kirchen sind ebenso heilig wie Christuskirchen“ ist dort zu lesen. Ihre schwarze Madonna unter einer Venus-Aphrodite mit reichlich geschnitztem Schaum unter der weiblichen Dreifaltigkeit in der Kuppel hat die entsprechenden Energien, die „eine Klosterdisziplin sehr erschweren“.
Und ein Madonnenbild mit Kind schaut einen auch als erstes an, wenn man in St.Jakob eintritt und sich schlagartig in eine andere Welt versetzt fühlt. Dem eigenartigen Südeingang gegenüber grüßt sie mit Kind hoch vom Mittelpfeiler. Diese Wandmalerei ist mit zwölf Tatzenkreuzen um die Wandkerzenleuchter der einzige originale Schmuck aus dem 12. Jahrhundert. Beides könnten die entscheidenden Hinweise sein: Weibliche Energien sind im Norden deutlich zu spüren, und die Tatzenkreuze soll der Templerorden (neben anderen) verwendet haben. Nur wenig späteres Beiwerk lenkt das Auge ab: Der geschnitzte Altaraufsatz mit schwarzem Jakob und fünf Muscheln stammt aus der Renaissance. Der originale Altar darunter ist ein Block aus Ammerseetuff. Das Kruzifix aus dem frühen 13. Jahrhundert wirkt auf mich deplaziert. Übrigens hatte meines Wissens auch keine der gotischen Kathedralen des 12. und 13. Jahrhunderts im Original eine Kreuzigungsdarstellung.
Die Kathedrale in Sens wurde etwa zeitgleich mit St. Jakob in Schondorf gebaut, Bourges geplant. Was bringt mich auf den verwegenen Vergleich? Die Architektur scheint die Energien dieses Orts in einer Weise zu verstärken, schafft hier einen „Klangraum der Seele“, wie ich es sonst nur von der französischen Hochgotik kenne und von einer kleinen Templerkirche bei Island. Die hat einen Strebepfeiler, den ich einfach umarmen musste, und so geht es mir auch in St. Jakob. Dabei habe ich den Vorteil, unter den Kerzenleuchter zu passen. An dem Marienpfeiler kann ich Energien tanken, die mich tagelang begleiten.
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