Erdgestalten

Zyklen der Natur als Wesenheiten

von Morvane B. Frank erschienen in Hagia Chora 28/2007

Mythen, Märchen und Träume bedienen sich der universellen Sprache der Bilder und Symbole. Morvane Frank spürt mit ­ihren Plastiken einem der stärksten Bilder nach: der Erde als Bewahrerin, Zerstörerin und Schöpferin.

Auf Reisen in meiner Kindheit: Wir wanderten im Allgäu Bachbetten hinauf, die im Sommer nur wenig Wasser führten. Was für eine andere Welt erschloss sich da nur wenige Meter jenseits des langweiligen Wanderwegs. Immer von Stein zu Stein, gemeinsam mit Vater und Bruder. Nur nicht abrutschen, nicht die Schuhe nass machen … Ein Spiel, das Geschicklichkeit und Gleichgewichtssinn schulte. Aber auch den Blick für Gesteinsformationen und die Kräfte des Wassers.
Plötzlich waren die Steine keine Steine mehr, sondern Hasen und Vögel und Drachen und noch ganz andere, abenteuer­liche Wesen. Abends hörte ich Geschichten von Zwergen und Gnomen und dem Einhorn. Eine magische Welt. Von weitem sahen die Berge oft aus wie liegende Menschen oder Köpfe mit großen Nasen oder Hüten. Tiefhängende Wolken waren Schleier oder Mützen. Segelten die Wolken hoch am blauen Himmel, gab es dort Lindwürmer zu sehen, Elefanten, Kroko­dile, ­einen ganzen Zoo.
An der Ostsee, an ruhigen, windstillen Tagen – die ich weniger schätzte als stürmische, an denen die Wellen schäumten – waren Spiegelungen Tore in die Anderswelt: eine Verdoppelung der Wolken, Steine und umgestürzten Bäume. Mit meinem Vater sammelte ich Baumwurzeln und interessant gewachsenes Holz, aus denen wir märchenhafte Gestalten „herausholten“ – eigentlich schon der Anfang der Bild­hauerei, die ich später lernen und zu einem Teil meines Berufs machen sollte.
Mit dem Erwachsenwerden bemerkte ich, dass sich an bestimmten Orten meine Empfindungen veränderten. Beispielsweise die Gesichter im Moos in verwunschenen Wäldern im Elsaß. Die Steinsetzungen in der Bretagne, die Steinkreise in Südengland verstärkten den Eindruck in mir, dass es so etwas wie heilige Orte gibt. Als meine Tochter im „Zwergenalter“ war, betraten wir gemeinsam die Welt der Elementarwesen, der unsichtbaren Energien.
In dieser Zeit experimentierte ich spielerisch mit Ton, ließ entstehen, was sich zeigen wollte, und das waren teils putzige, teils erschreckende Gesichter – Hausgeister, Wächterinnen, Mischwesen. Bilder entstanden, auf denen ich viel Farbe mit viel Wasser fließen ließ. Nach dem Trocknen holte ich mit Stiften und Pinseln heraus, was sich sonst zeigte, um auch für Kunstbetrachter andere Dimensionen, andere Energien erfahrbar zu machen und das Gefühl der Eingebundenheit in die Natur zu stärken. In den letzten zwölf Jahren kam immer mehr die Landschaftskunst hinzu. Die verschiedenen Energien der Orte forderten mich heraus, auf mein Gefühl zu hören und die besondere Eigenheit von Kraftplätzen zu erkennen. Dieser Weg brachte mich zum Schamanismus.

Die dreifache Göttin
Im Jahr 2005 war ich eingeladen worden, mich an einer herbstlichen Landschaftskunstausstellung auf einem Biolandhof bei Bad Bevensen zu beteiligen. Meine Arbeit „Die Dreifache Göttin“ entstand aus dem Dialog mit einer alten Linde heraus, die mich mit ihrem sanften Kraftfeld anzog. Sie steht am Rand der Hofbebauung auf der Grenze zum freien Feld und verbindet so nicht nur die obere mit der unteren Welt, sondern auch die durch Häuser geschützte mit der offenen Natur. Zu dem Zeitpunkt beschäftigte ich mich schon seit geraumer Zeit mit Frauenthemen, und diese wunderbare alte Linde lud mich ein, die Zyklen der Natur darzustellen, das Werden und Vergehen, das alle Lebewesen auf unserer Mutter Erde einschließt.

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