Mit dem Drachen fliegen
Auf den Burgen der Katharer in Südfrankreich
Was wäre Europa, hätte die Inquisition nicht soviel Geist und Weisheit vernichtet? Auf einer geomantischen Reise erfuhr Ingeborg M. Lüdeling die Orte der Katharer mit den Mitteln der Radiästhesie und der vertieften Wahrnehmung als verschüttete Quellen der Weisheit Europas.
Über die Bergrücken windet sich ein nebliges, in sich pulsierendes Schlangenband. Minimal und kaum wahrnehmbar zittert der Boden unter den Füßen.
Ich schließe die Augen. Das Zittern wird zum Vibrieren, und Wellen schlängeln sich von unten nach oben sehr intensiv durch meinen Körper. In den Ohren ertönt ein Brausen wie von tausend wilden Windgeistern. Unter meinen Füßen windet sich in Spiralen eine kraftvolle Energie an einer dicken Säule empor. Dann bricht die Erde auf, und ein gewaltiger Drache schießt heraus. Weil ich gerade dort stehe, lande ich beim Aufbäumen des Drachenkörpers auf seinem Rücken. Sekundenbruchteile später breitet das Fabelwesen seine Flügel aus und erhebt sich mit mir in den Himmel. Ich reite auf dem Drachen!
Was geschieht hier? Träume ich?
Der kalte Luftzug und der unglaubliche Lärm nehmen mir die Antwort ab. Die Flügel sehen wie Leder aus, der Drachenkörper kommt mir warm und vertraut vor. Auch die großen Hautschuppen fühlen sich weich an. Angst verspüre ich nicht, auch nicht, als unter mir die Burg, die Berge, die Erde immer kleiner werden.
Der Drache fliegt mit mir auf ein riesiges, schwarzes Tunnelloch zu. Am Eingang steht eine schwarze, in grünschwarze Schleier gehüllte Frau. Sie fliegt mühelos neben uns her, setzt sich auf den Drachenkopf und schaut mich an. Ihre übergroßen Augen sind zu meiner Verwunderung nicht tiefdunkel, sondern wie alter Bernstein, der helle Strahlen aussendet. In diesem Strahlen kann ich sie wahrnehmen, denn um uns herrscht dunkle Nacht.
Wer ist das? Die Frau lächelt, und telepatisch höre ich ihre amüsierte Stimme: „Lilith“. Bevor ich darüber nachdenken kann, wird es heller. Das Dunkel löst sich in Grautönen auf, wird dann so weiß und grell, dass ich die Augen schließe und mich an den Drachenkörper klammere. Bloß nicht jetzt und hier runterrutschen!
Das Licht wird sanfter, ich öffne vorsichtig wieder meine Augen, und alles, was ich sehen kann, ist, wie eine dunkle Frau mit Bernsteinaugen eine goldene Frau mit dunklen Augen gebiert. Mein Drache legt sich vor die schimmernde, wunderschöne neugeborene Frau. An ihrer rechten Seite steht ein goldener, ziegenköpfiger Faun. Die Konturen der Frau und des Fauns verschwimmen ständig mit dem sie umgebenden Lichtraum. Sie atmen den Raum ein, oder atmet der Raum sie aus?
Ich öffne meine Augen. Goldenes Licht umgibt unseren Kreis. Die Sonne scheint warm in mein Gesicht, leises Gemurmel dringt an mein Ohr, die Hände rechts und links lösen sich sacht aus meinen Händen. Wo bin ich, und was tue ich hier? Begann unsere Meditation vor einigen Minuten, Stunden, Tagen, Monaten, Jahren oder Jahrzehnten? Ich erinnere mich, wie wir uns auf den Turm der Burg Quéribus zu einem Kreis zusammenstellten, immer die linke, aufnehmende Hand nach oben geöffnet, die rechte, abgebende Hand nach unten geöffnet dem Nachbarn gaben. Dann spürte ich dieses seltsame Vibrieren, und der Drachenritt begann …
War ich in ein altes Transformationsritual der Katharer geraten?
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