Malta

Insel der Göttin – Tor zu den Sternen

von Sibylle Krähenbühl , Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 28/2007

Sibylle Krähenbühl und Stefan Brönnle erforschten auf ihren Reisen die Geomantie der ­Megalithtempel der Insel ­Malta. Auf Schritt und Tritt begegneten ihnen dabei die Themen der großen Göttin.

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Als wir zum ersten Mal beabsichtigten, nach Malta zu fliegen, hatten wir nur eine verschwommene Vorstellung von dem, was uns erwarten würde. Im Kontext der Geomantie wird Malta und seine Göttinnenkultur immer wieder erwähnt, und so erwarteten wir alte Tempelanlagen aus einer groben Steinarchitektur mit einer stark erdhaft-chthonischen Kraft. Wie überrascht waren wir angesichts der perfekten Tempelarchitektur, deren Präzision und Ausführung weitaus jüngere Orte wie Stonehenge weit hinter sich lässt. Zutiefst innerlich berührt und verändert hat uns die hohe geistige Präsenz, die an den Tempelplätzen spürbar war, ein geistiger Kosmos von einer Helle und Klarheit, die man zunächst wohl nicht mit „erdhaft“ beschrieben hätte. Doch diese geistige Präsenz verband sich hier mit der Kraft der Körperlichkeit. Die Erde als ein geistiges Wesen zeigte ihr ganzes Sein.

Die Tempelzeit auf Malta
Der größte Teil des mittleren und östlichen Maltas und das Zentralplateau von Gozo bestehen aus weichem Globigerina-Kalkstein, der auch zum Tempelbau benutzt wurde. Die plateauartigen Erhebungen (bis 253 m über dem Meeresspiegel) prägen das Landschaftsbild auf Malta und die Verteilung und Lage der Tempel. An den Randzonen dieser Hochflächen entspringen zahlreiche Quellen. Auffällig sind auch die viele Wuchsanoma­lien der Bäume. Extreme Schrägwüchse und Krebsbildungen sind sehr häufig. Sie rühren von der Strahlung der vielen Bruch- und Verwerfungszonen her.
Die erste Besiedelung Maltas erfolgte um 5000 v. Chr. Aus dieser frühen Zeit sind vor allem Keramiken und bewohnte oder kultisch genutzte Höhlen bekannt, wie die für diese Phase namengebende Ghar-Dalam-Höhle. Um etwa 4000 v. Chr. muss es eine erneute Einwanderungswelle gegeben haben. Die Einführung eines neuen Begräbnisrituals und das relativ plötzliche Entstehen der Tempelarchitektur weisen auf eine neue Kultur hin. Die sogenannte Tempelzeit dauerte über 1500 Jahre und ließ Tempelanlagen entstehen, die die älteste freistehende Steinarchitektur der Welt darstellen.
So plötzlich wie die Tempelkultur entstand, verschwand sie um 2500 v. Chr. Die Gründe dafür bleiben rätselhaft. Eine Epidemie wird ebenso angenommen wie eine langanhaltende Dürre oder eine Tsunami-Katastrophe. Als etwa 500 Jahre später neue Siedler Malta übernahmen und mit ihrem Wissen über Metallverarbeitung die Bronzezeit auf Malta einläuteten, war der Tempel von Tarxien ebenso wie das berühmte Hypogäum von einer Schlammschicht bedeckt. Dies würde die Theorie einer Umweltkatastrophe stützen.

Die Göttin von Malta
Die Verehrung der großen Göttin hat in Malta lange Tradition. Beispielsweise befand sich bei Tas-Silg im Süden Maltas eine Siedlung aus der matriarchalen Ghar-Dalam-Zeit. Ihr folgte ein megalithischer Tempel in der Tempelzeit, auf den ein phönizischer Astrate-Tempel, gefolgt von einem römischen Juno-Tempel, errichtet wurde. Schließlich wurde das Baptisterium eines frühchristlich-byzantinischen Marienheiligtums in die Hauptapsis des Megalithtempels gebaut. Die in Geomantiekreisen überwiegend akzeptierte These einer matriarchalen Tradition Maltas, die auch im Folgenden weiter belegt werden soll, ist jedoch in der akademischen Archäologie bei weitem noch nicht anerkannt. Selbst die Existenz einer „matriarchalen Phase“ wird nach wie vor angezweifelt. In Malta wird dieser Zweifel unter anderem damit begründet, dass viele der gefundenen Göttinnenstatuetten wie die Fat Ladies keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale aufweisen. Oberflächlich betrachtet wirken sie an­drogyn. Doch ihre Formensprache (breite Hüften, dicker Bauch) steht in einer Linie mit den eindeutig weiblichen Statuetten wie der „Venus von Willendorf“ (30 000 v. Chr). Oder auch der „Venus von Hagar Qim“, wie es die Archäologin Marija Gimbutas in ihrem Werk „Die Sprache der Göttin“ eindrucksvoll aufzeigt. Das frühzeitliche Konzept der Göttin war offenbar kein spezifisch weibliches, sondern die „Göttin“ enthielt alles, sowohl das Männliche wie das Weibliche.
Im frühen Neolithikum erfuhr die große Göttin auf Malta Verehrung zunächst in Kulthöhlen wie Ghar Dalam oder Latnija. Alles scheint ihr geweiht gewesen zu sein, auch Gebrauchskeramik, die mit Zickzacklinien, Regentropfen und sprießenden Keimen gestaltet wurde. Diese Symbolik deutet auf eine starke Präsenz des Wässrigen in der mythologischen Weltauffassung und eine Entwicklung hin zum Erdigen.
Ab 4400 v. Chr. finden sich Mondmotive und Henkel in doppelter Dreiecksform. Typisch für diese Phase ist das „neolithische Clustering“: Ein Symbol steht nicht nur für sich, sondern wird mit anderen verquickt, abstrahiert, um vielschichtige Bedeutungsebenen in einem Bild zu vermitteln. Ein Beispiel: Das Dreieck steht als Symbol für die zyklische Dreiheit der Göttin, die drei Mondphasen, das Schamdreieck und den Uterus. Hinzu kommt ein Bogen, der für das Abbild des Mondes, die Hörner des Fruchtbarkeit versprechenden Rinds, eine Schale und das Empfangen steht. Kombiniert man Dreieck und Bogen, entsteht der Kopf einer Kuh, aber auch das Abbild von Uterus und Eileiter – Göttin, Scham, Uterus, Kuh und Mond bilden ein Cluster.
In der Tempelzeit wird das Clustering komplexer und der Ausdruck immer figürlicher und weniger abstrakt. Gegenständlich-gestalthafter Ausdruck sind hier nicht nur die berühmten Fat Ladies von Malta, sondern auch eine zunächst recht missgestaltet erscheinende Figur, die im Megalithtempel Tarxien gefunden wurde, und als Paradebeispiel für die vielschichtigen Symboliken dieser Zeit dienen kann (Abb. oben). Sie zeigt eine offensichtlich schwangere, ja gebärende Frau. Eine Hand hält sie hinter den Kopf und betont damit die Geistigkeit dieses Augenblicks, eine an das Kind bzw. die Vulva und betont damit die Körperlichkeit. Auf dem Rücken finden sich wie Rippen erscheinende Kerbungen, neun an der Zahl, eine für jeden Schwangerschaftsmonat. Drei mal drei – die Zahl der Göttin im Quadrat. Und an charakteristischen, energetisch wichtigen Körperstellen wie der Brust, dem Bauch, dem Kopf, der Scham, an den Schultern und in den Achselhöhlen stecken Muschelsplitter! Die Figur erinnert uns an eine Akupunkturpuppe aus der chinesischen Medizin – war sie vielleicht ein Modell zur heilerischen Unterstützung der Geburt?

Die Tempel
Die typische Form der Kultbauten der Tempelzeit, die von 4100 bis 2500 v. Chr. dauerte, besteht aus drei bis sechs Apsiden, die durch einen zentralen Eingang betreten werden. Meist bilden zwei bis drei Tempel einen Tempelkomplex, die wiederum mit zwei bis drei weiteren Tempelkomplexen Gruppierungen bilden. Diese „Tempel­cluster“ wurden vermutlich von unterschiedlichen Clans oder Stämmen ­erbaut.
Obwohl nie selbst Begräbnisstätten, so waren die auf älteren Gräbern errichteten Tempel sicherlich rituelle „Totentempel“. Ihre Form erinnert an die Göttinnen-Statuetten, die mit ausladendem Brust- und Beckenbereich sitzend (später stehend) dargestellt wurden. Einige Archäologen sehen darin reinen Zufall. Doch ist die Praxis, den menschlichen Körper als Form für den Sakralbau zu wählen, weit verbreitet. In Indien ist die Vastu-Purusha-Figur die Vorlage für den Tempelbau und im Christentum die Gestalt des gekreuzigten Christus.
Freilich war die Form nur von innen heraus erfahrbar, da die Tempel überdacht und durch Steinschüttungen in den Zwischenräumen gefüllt waren. Man „sah“ die Göttin also nicht, man erlebte sie im Betreten des Tempels. Der Eingang war der Geburtskanal, die Vulva. Man betrat im umgekehrten Geburtsprozess den Körper der Göttin. Sehr häufig wurden zwei Tempel unmittelbar nebeneinander gebaut, manchmal ein dritter etwas abseits. Bei den Anlagen von Ggantija, Skorba und Ta Hagrat besitzt der linke Tempel eine „Kopfapsis“, der rechte nicht. Dies erinnert an eine Statue aus Xaghra: eine Doppelgöttin, die zwei zusammenhängende Figuren zeigt – eine mit und eine ohne Kopf. Wie die paarweise angeordneten Tempel könnte sie die Polariät von Tod und Leben verkörpern. Wir werden noch sehen, dass auch in der Ausrichtung der Tempel dieses Polaritätsprinzip eine große Rolle spielt.
Es begegnet uns auch im Verhältnis der Tempel zu den Hypogäen (Hypogäum = „unter der Erde“). Weltweit bekannt ist das Hypogäum Hal Saflieni, in dem man die berühmt gewordene Tonstatuette der „Schlafenden“ sowie über 6000 Skelette fand. Wie in vielen Höhlen waren die Wände mit rotem Ocker und mit schwarzen und weißen Karomustern bemalt – die Farben der Göttin. Es gibt weitere Hypogäen wie diejenigen von Xaghra umd ­Xemxija. Sie liegen stets westlich der Tempel, in Richtung der untergehenden Sonne, die im interkulturellen Vergleich sehr oft mit dem Land der Toten assoziiert wird. Im Osten erfolgt dann mit dem Aufgang der Sonne eine Wiedergeburt.
Alle Tempel befinden sich, umgeben von zur Tempelzeit gutem, fruchtbarem Ackerland, auf der höchsten Erhebung des jeweiligen Landschaftsraums – meist nicht unmittelbar auf dem Gipfel, sondern in Hanglage, wobei die Tempeleingänge ins Tal weisen. Die Ausrichtung der Eingänge schwankt dabei zwischen Südost und Südwest.

Astronomische Ausrichtungen
Die Tempel besitzen aufschlussreiche astro­nomische Ausrichtungen. Von 33 Tempeln weisen neun mit ihrem Eingang und ihrer Mittelachse nach Südosten, sieben nach Südwesten, drei exakt nach Osten, vier nach Süden, einer nach Westen und einer nach Norden (dessen Eingangssituation aber inzwischen sehr stark bezweifelt wird, da er zu schlecht erhalten ist). Bei acht Tempeln ist wegen des schlechten Erhaltungszustands eine Tempelachse nicht mehr zu bestimmen. Dies bedeutet, dass alle eindeutigen Eingänge sich zwischen Osten über Süden und Westen orientieren. Sie weisen nach Sonnenaufgang, Sonnenhöchststand und Sonnenuntergang und vertreten damit die drei Göttinnenprinzipien Jungfräulichkeit (weiß), Fruchtbarkeit (rot) und Tod bzw. Wandlung (schwarz).
Am offensichtlichsten ist die astronomische Orientierung im Südtempel von Mnajdra, wie es zuerst von Paul Micallef 1989 beschrieben wurde. Exakt zu den Tagundnachtgleichen fällt das Licht der aufgehenden Sonne für 5 bis 10 Minuten durch den Eingang, die Tempelachse entlang bis in die „Kopfapsis“. Zur Wintersonnenwende fällt der erste Sonnenstrahl auf einen aufrechten Stein, der mit einem horizontalen Stein eine Art Seitenaltar bildet und sich rechts von der Zentralachse befindet. Zur Sommersonnenwende wird dagegen der linke Seitenaltar beleuchtet.
Der Lichtstrahl der Sonne fällt durch die „Vagina“ der Göttinengestalt in den Tempel und befruchtet sie, so dass sie die Fruchtbarkeit in die nahen agrarisch genutzten Täler hinein „gebären“ kann.
Frank Ventura beschreibt in seinen Arbeiten eine Fülle weiterer astronomischer Bezüge der Tempel. So fällt beispielsweise am 21. Juni, zur Sommersonnenwende, das Licht der aufgehenden Sonne durch eine „Orakelloch“ genannte Öffnung im Tempel Hagar Qim und wirft einen Lichtpunkt auf die gegenüberliegende Wand.
Wie der deutsche Forscher Klaus ­Albrecht schreibt, sind die Aufgangspunkte der Sonne am Horizont auch landschaftlich markiert. Bei den direkt an der Küste liegenden Tempeln geht die Sonne an Sonnenwenden oder Äquinoxien in der Regel am Schnittpunkt zwischen Meer und Land am Horizont auf. Bei anderen Tempelanlagen wie Ta Hagrat und Ggantija ist auffällig, dass die Tempelachsen auf Hügel am Horizont weisen, die den Namen „Nadur“ tragen. „Nadur“ ist ein arabisches Wort und bedeutet soviel wie „Wächter“ oder „Beobachter“. Der Tempelort „Borg-in-Nadur“ heißt übersetzt „Steine der Beob­achtung“. Das Wappen des Orts Nadur, auf den sich der Tempel von Ggantija orientiert, zeigt eine aufgehende Sonne. Wie Klaus Albrecht beschreibt, geht hier die Sonne zur Wintersonnenwende zwischen zwei Hügeln auf der Hochebene von Nadur auf, die eine Art „Sonnentor“ bilden. Die Erde gebiert hier sozusagen die Sonne am kürzesten Tag des Jahres neu.
Am Osttempel von Mnajdra befinden sich an der Schwelle zur „Kopfnische“ des Tempels zwei Steine mit Reihen gebohrter Löcher. Auf dem östlichen Stein befindet sich eine Gruppe von Löchern, die der Sternengruppe der Plejaden ähnelt. Die Plejaden waren ein wichtiger Beobachtungsmarker, denn ihr heliakischer Aufgang bezeichnete den Frühjahrsbeginn. (Der heliakische Aufgang ist der Tag, an dem der betreffende Stern oder Planet zum ersten Mal kurz vor dem Sonnenaufgang am östlichen Horizont erscheint.)
19 Tage nach den Plejaden geht nun, vom Osttempel aus betrachtet, Aldebaran (im Sternzeichen Stier) auf. Entsprechend finden sich 19 Lochbohrungen im Stein. Zwischen 4000 und 1700 v. Chr., also während der Zeit der Tempelkultur, bezeichnete das Sternbild Stier, dessen Schulter die Plejaden bilden, den Frühlingspunkt. Weitere 13 Tage später folgt der heliakische Aufgang der Hyaden, entsprechend finden wir eine Reihe von 13 Bohrungen. Wie die Plejaden wird auch diese Sterngruppe mythologisch oft als Frauengruppe gedeutet. Bei den römischen Bacchus-Festen umtanzten Mädchen, die die Hyaden darstellten, einen blumengeschmückten Stier.
Alle neun Reihen von Lochbohrungen weisen eine unmittelbare Entsprechung zum heliakische Aufgang von Sternen oder Sterngruppen auf. Nicht nur die Sonne „befruchtet“ also die Erdgöttin, sondern der Kosmos, der Himmel als Ganzer. Das Kosmisch-Geistige führt zur Verkörperlichung, ganz so wie in der beschriebenen Statuette von Tarxien.

Die Tempelkonstruktion
Auf Malta gibt es bis heute eine auffällig hohe Zahl von Kirchen mit Kuppeln. In der Kuppel wird symbolisch die Himmelskuppel ebenso präsent wie der Raum der Gebärmutter, das Geistige ebenso wie das Physische. Auch die Tempel waren einst mit Kuppeln überwölbt. Freilich waren es sogenannte Kraggewölbe, die nicht erst durch den Schlussstein gehalten werden, sondern bei denen jede Steinreihe ein Stück weiter nach innen ragt und die Steine des Gewölbes sich durch ihr Gewicht gegenseitig halten. Nichtsdestotrotz benötigt eine solche Architektur bereits einen hohen Grad an Spezialisierung.
In akribischer Arbeit ist es uns gelungen, die harmonikale Konstruktion der zunächst als sehr schlicht empfundenen Tempelarchitektur zu entschlüsseln. Interessant sind bereits die verwendeten Maße: Die kleinsten Konstruktionskreise des Ggantija-Tempels auf Gozo haben ein Maß von 423,9 cm, das ein ganzzahliges oktaviertes Resonanzmaß der Lecherwerte 2,7 LA und 5,5 LA darstellt, die wir an den Schwellen der Tempelkammern entdeckten. Die Konstruktionskreise der Tempelanlage haben als Grundmaß jeweils ein Vielfaches des Grundmaßes von 0,8478, das etwa einem Yard entspricht. (Das Yard hat in verschiedenen Ländern unterschiedliche Längen, z. B. in Kalifornien und ­Texas 0,847 m, in England = 0,9144 m).
Die konkave Fassade von Ggantija entsteht durch einen Zirkelschlag am Tempelvorplatz. Die Außenform des Tempels selbst wird ebenfalls durch einen Kreis definiert. Beide Kreise – der nicht materielle, nicht umbaute Raum des Tempelvorplatzes und der umbaute, definierte Raum des Tempels selbst, überschneiden sich und bilden die klassische Vesica Piscis, die Fischblase oder Mandorla – das Kosmisch-Geistige und das Erdhaft-Physische durchdringen sich. An den mehrfachen Kreisüberschneidungen im Tempel liegen die Schwellen, Orte des Übergangs, der transformierenden Kraft.
Die Formgebung des Tempels wird zudem durch die mehrfache Konstruktion eines Pentagramms bestimmt. Dies allein ist schon bemerkenswert, denn im Vergleich z. B. zu einem Quadrat oder Sechseck ist das Pentagramm eine eher schwer zu konstruierende geometrische Figur. Selbst in der so hochgelobten Gothik wurde lieber die einfachere Triangulatur angewendet. Das Pentagramm ist ein Symbol der ­Venus, da der Planet in seinem Lauf, geozentrisch betrachtet, ein Pentagramm ans Firmament zeichnet. Als Morgen- und als Abendstern steht sie mal „vor“, mal „hinter“ der Sonne; sie wechselt die Welten. Yin und Yang, Tag und Nacht, kosmische Klarheit und chthonische Dunkelheit sind Aspekte der Venus-Symbolik in vielen Kulturen der Welt.
Von den kleinen Konstruktionskreisen (Apsidenkreisen) liegen sechs auf der Mittelachse des Tempels. Sie entsprechen den sechs „Muschel-Akupunktur-Zonen“ der erwähnten Figur aus Tarxien. Die vier Kreise, die die Form der vier Seitenapsiden vorgeben, entsprechen der „Nadelung“ an den Achseln und im Bereich der Eierstöcke. So erkennen wir in der Konstruktionsweise des maltesischen Tempels das typische neolitische Clustering wieder. Wenn hier so oft von der so unscheinbaren Statuette von Tarxien die Rede ist, dann nicht, weil wir sie für die Grundlage maltesischer Tempelkultur halten. Vielmehr gibt sie einen Einblick in das körperenergetische Weltbild der damaligen Kultur, das implizit sicherlich auch der Geomantie und der Architektur zugrundeliegt.

Die Geometrie von Ggantija
Die Tempelanlage von Ggantija besteht aus zwei ineinander gebauten Einzeltempeln, umgeben von einer gemeinsamen Umfassungsmauer. Die Eingänge beider Tempel öffnen sich nach Südosten zu einem ovalen Vorhof hin, der ehemals eine hohe Umfassungsmauer aufwies.
Der hintere, kleeblattförmige Teil des sogenannten Südtempels wird auf 3600 v. Chr. datiert, die vorderen beiden Apsiden auf 3200 v. Chr. Der Nordtempel entstand nach archäologischer Datierung erst um 3000 v. Chr. Der größte darin verbaute Stein hat eine Länge von 5,70 m, eine Breite von 3,80 m und ein Gewicht von sage und schreibe 57 Tonnen.
Die umseitige Abbildung zeigt die geo­metrische Analyse des Südtempels. Die Konstruktion des Nordtempels nimmt, obwohl weitere 200 Jahre später erbaut, unmittelbar Bezug auf die vorhergehenden Konstruktionen. Doch es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, all diese Bezüge darzustellen. Nur soviel sei verraten: Die Mittelachse des Nordtempels weist gegenüber der Achse des Südtempels eine Verschwenkung um 8 Grad auf. Dies entspricht der Präzession astronomischer Beob­achtungen im Lauf von 577,6 Jahren (1 Grad = 72,2 Jahre) und damit der Datierung des Süd- (ca. 3600 v. Chr) und des Nordtempels (ca. 3000 v. Chr.). Somit war man in der Lage, mit Hilfe dieser Tempel eine Korrektur der Präzession vorzunehmen. Dies ist die Basis für exakte astronomische Beobachtungen auch nach 600 Jahren. Heilige Geometrie und die Beobachtung des Himmels greifen ineinander.

Energetische Bezüge
Maltas Geologie ist geprägt von zahlreichen Spalten und Verwerfungen. Offenbar wird dies auch in einer Legende: Während der Türkenangriffe im 16. Jahrhundert belagerten die Moslems auch die Stadt ­Mdina über viele Tage hinweg. Da erschien ein strahlendes Licht über der Ebene und erschreckte die Türken so sehr, dass sie abzogen. In der Legende wird in dem Licht der heilige Paulus gesehen, doch solche Lichterscheinungen in Form von elektromagnetischen Lichtkugeln sind über Verwerfungszonen nichts Ungewöhnliches, wie Paul Devereux in seinem Werk „Earthlights Revelation“ einleuchtend erklärt. Ihr starkes elektromagnetisches Feld kann Halluzinationen hervorrufen. In den Tempelanlagen Maltas jedenfalls ist sowohl die radiästhetische Verwerfungsgrifflänge (4,3 bzw. 8,6 LA) ebenso anzutreffen wie die Grifflängen für „Risse“ und Spalten (7,4 LA). Wuchsanomalien an den raren Bäumen zeugen von dieser Ortsqualität.
Wir fanden in Malta zwei lineare Energiesysteme, die häufiger an Tempelanlagen zu entdecken sind: Drachenlinien und Leylines. Es muss hier betont werden, dass verschiedene Autoren oftmals andere Phänomene unter diesen Begriffen verstehen. Wir verwenden diese Bezeichnung, wie sie sich in der Zusammenarbeit mit Johanna Markl, Elvira Recke und Marko Pogaˇcnik entwickelt hat. Dabei sind Leylines, abweichend vom historischen Begriff, der reine Luftlinienverbindungen meint, mehr oder weniger geradlinig verlaufende Energiesysteme mit starker vitalenergetischer Wirbelbildung, während Drachenlinien eher auf der geistigen Urkraftebene der Erde anzusiedeln sind. Im Tempel von Tarxien, Hagar Qim und Mnajdra, sowie Ggantija konnten wir Drachenlinien feststellen. Mnajdra, Hagar Qim und Tas Silg liegen auf einer gemeinsamen Leylinie. Ebenso ist in Ggantija eine Leylinie wahrnehmbar. So kommt es in Hagar Qim und Mnajdra, sowie in Ggantija zu einer Kreuzung von Ley- und Drachenlinie.
In Ggantija werden beide energetischen Systeme auch durch Sagen und Flurnamen gefasst: Ggantija soll durch die Riesin Sansuna erbaut worden sein, indem sie Steine von Ta Cenc (Gozo) zum Bauplatz trug. In einem Arm ihr Kind stillend haltend, schuf sie mit der anderen Hand die riesige Tempelanlage in nur einem Tag. Zieht man eine Linie von Ggantija nach Ta Cenc, wo auch ein Dolmen steht, liegt der Dom von Xewkija exakt darauf. Grabungen lassen die Reste eines weiteren Tempels unter dem Dom vermuten. Dieses Alignment wurde nach unserer Wahrnehmung und radiästhetischen Begehung als Leyline eingeordnet. Fast rechtwinklig dazu zeigt sich ein weiteres Alignment von Ggantija über den nordwestlich gelegenen Ort Ta Sansuna, an dem ebenfalls prähistorische Reste zu finden sind, nach Südwesten zur Kirche bei Tac Cawl, das wir als Drachenlinie einordneten. Wieder durchdringen sich vitalenergetisch-körperliche (Ley-) und erdkosmisch-geistige Systeme (Drachenlinie).
Betrachtet man die lappenförmige Bauweise der Tempelarchitektur, die sich quasi in mehreren Stufen aufbaut, so ergibt sich eine überraschende Synchronizität zur Formensprache der Flowforms nach John Wilkes. In den Flowforms wird Wasser über mehrere Stufen so in Schwingung versetzt, dass es sichtbar zu pulsen beginnt und dadurch seine Kraft entfaltet. Insbesondere der Mitteltempel von Tarxien zeigt durch seine auch in der Höhe gestufte Bauweise der einzelnen Apsiden eine faszinierende Ähnlichkeit mit den Kaskaden der energetischen Brunnenanlagen: Das „Geistige“, das sich in der Kopfapsis der gestalthaften Tempelform fokussiert, wird in mehreren Stufen „transformiert“ und in „Schwingung“ versetzt, um sich schließlich durch den Eingang des Tempels in die Landschaft hinein zu ergießen und diese mit „Kraft“ zu beschenken.

Malta und der Gral
Die geomantischen Strukturen scheinen auch von den nachfolgenden Kulturen erkannt worden sein. Dazu nur eines von vielen Beispielen: 1530 erhielten die Johanniter Malta als „ewiges Lehen“, nachdem sie zunächst aus Jerusalem und dann von Rhodos vertrieben worden waren. Ein typisches Beispiel johannitischer Geomantie ist die 1566 gegründete Planstadt und heutige Hauptstadt Maltas, Valletta. Sie ist die erste auf dem Reißbrett entstandene Stadt der Neuzeit. Im Zentrum der Stadt, auf einem sogenannten Drachenrücken, einem Felsrücken, gelegen, wurde zu Ehren des Schutzpatrons des Ordens die Kathedrale St. John’s erbaut. Sie liegt auf derselben Drachenlinie, die auch die ­Mnajdra-Tempel kreuzt.
Wie die Stadt Valletta zwölf Bastionen besitzt, so besitzt ihr Zentrum, die besagte Kathedrale, zwölf Apsiden bzw. Seitenaltäre. Zwei Drittel davon wurden von den verschiedenen „Zungen“ des Johanniterordens ausgestaltet. Die Einteilung des Ordens in Zungen (Sprachen bzw. Regionen der Ordensbrüder) stammte noch aus der Ordenszeit auf Rhodos. Ebenso wurden acht der zwölf Bastionen von je einer Zunge verteidigt. So ergibt sich das Johanniterkreuz (oder Malteserkreuz), das sich von St. John’s aus über die Stadt legt.
In der Kathedrale klingen die matriarchalen Themen Maltas auf vielen Ebene an, angefangen bei der Farbgebung in schwarzem, weißem und rotem Marmor bis hin zu den Patrozinien der drei östlichen Apsiden, die sich als schwarze Göttin (St. Katharina), rote Göttin (St. Georg) und weiße Göttin in der zentralen Apsis hinter dem Hauptaltar (Taufe Christi) interpretieren lassen. Die Taufe ist das geistig-kosmische Prinzip der weißen Göttin. Der Geist der Göttin Maltas entfaltet sich bis in christliche Zeit. Wen wundert es da, dass der Kirchenpatron wie die neolithische Göttin auch oft kopflos gezeigt wird?
Das Stichwort „Taufe“ führt uns direkt zu einem mythischen Motiv, das wir als Symbol, das alle Aspekte Maltas umfasst, erkannt haben: Der heilige Gral als mythisches Gefäß oder Stein. Er offenbart sich im Geistigen, entfaltet aber seine Wirkung bis in die Materie hinein durch die Schöpfung von Fruchtbarkeit und Fülle. Im Gralsmythos des Parzivals von Wolfram von Eschenbach schauen die Gralsritter in einem täglichen Ritual den Gral. Eine Frau ist es, die ihn bewahrt und hütet.
Der Gralsmythos ist die große spirituelle Mythologie Europas im Mittelalter. Es wundert daher nicht, dass die Johanniter in unmittelbarer Tradition der Gralsritterschaft stehend gesehen werden. Der Gral ist jene Kraft, die in der geistigen Urkraftebene der Erde wurzelt und ihre Wirkung bis in die Materie hinein entfaltet, indem sie Fruchtbarkeit und Leben spendet. Gleicht dies nicht der gefundenen Statuette von Tarxien (eine Hand am Kopf, eine am Kind im Geburtsprozess)? Gleicht es nicht der berühmten „Schlafenden“ aus dem Hypogäum? – Runde, weiche, Fruchtbarkeit verheißende Formen des Körpers und Attribute der Schwangerschaft auf dem Rock? Und doch ruht ihr Geist gerade nicht im Körper, ist in der Traumwelt, dem Geistigen zu Hause. Gleicht es nicht der Suche nach dem Gral, wenn zwölf Bastio­nen wie die Ritter der Tafelrunde das Zentrum Vallettas umringen, eine Kathedrale, die der Taufe gewidmet ist, dem mythischen Prozess des Eintauchens des Geistigen in die Materie? So wird die Insel selbst zum Gral: Die Tempel der Hauptinsel Malta liegen dort, wo die „Göttin von ­Tarxien“ ihre „Akupunkturpunkte“ hat. Malta ist die Göttin – Gozo ist das Kind. Zugleich ist Malta großräumig in einen landschaftsmythologischen Raum des Mittelmeers eingebunden. Betrachtet man die Küstenlinien Afrikas und Siziliens sowie die Linien der unterseeischen Höhenzüge und Täler, entsteht das Abbild eines Kelchs oder einer Gebärmutter: Der Gral! 

 

Eine umfangreiche Langversion diese Artikels ist erhältlich bei: Inana, Kloster Moosen 12, 84405 Dorfen, geomantie@inana.info, www.inana.info.

Literatur: Albrecht, Klaus: Maltas Tempel. Zwischen Religion und Astronomie, Naether Verlag, Wilhelmshorst 2004 • Cilia, Daniel (Hrsg): Malta before History, Miranda, Sliema/Malta 2004 • Freeden, Joachim v.: Malta und die Baukunst seiner Megalith-Tempel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993 • Gimbutas, Marija: Die Sprache der Göttin, Zweitausendeins, Frankfurt 1995 • Gregory, Isabeele V.: The Human Form in Neolithic Malta, Midsea Books, Malta 2005 • Micallef, Paul: Mnajdra Prehistoric Tempel. A Calendar in Stone, Malta 1990 • Trump, David H.: Malta. Prähistorische Zeit und Tempel, Midsea Books, Malta 2002 • Veen, Veronica: Die Göttin von Malta, Inanna, Haarlem 1992.