Designtherapie

Ansätze zu einer heilsamen Architektur

von Reinhold Fäth erschienen in Hagia Chora 28/2007

Als Kunstwissenschaftler sieht Reinhold -Johann Fäth die -Architektur aus besonderer Perspektive. Sein Raumverständnis beruht auf den Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Architektur und Kosmos. Es nähert sich der Geomantie, die nach der heilenden Wirkung von Räumen sucht. Fäths „Designtherapie“ dehnt den Architekturbegriff auf das Gebiet der Kunst- und Gebrauchsobjekte aus und erweitert damit die etablierten -Formen der Kunsttherapie.

Welche Funktion hat Architektur? Die Frage wäre mit dem Hinweis auf das jedem notwendige Dach über dem Kopf leicht zu beantworten, ist doch die Funktion des Nützlichen ein -besonderes Merkmal der Architektur, das sie von allen anderen Künsten unterscheidet.
Ihre notwendig nützliche Funktion geriet der Architektur unter der Bezeichnung „Funktionalismus“ zum Problem eines „Bauens ohne Architektur“, einer Baukunst ohne Kunst. Nach Ansicht des Funktionalismus sollte sich durch zweckmäßige Konstruktionen und technische Lösungen von Bauaufgaben eine „affektfreie“, schnörkellose Schönheit quasi von selbst einstellen.
Die fotogenen Extreme auf Seiten der künstlerischen Architektur verfallen dagegen einem Zwang zur Originalität um jeden Preis. Jene postmoderne Architektur, die beispielsweise ein Gebäude in Form einer Riesen-Ente (Robert Venturi) feiert, erscheint als provokant witzige Reaktion auf die freudlose Askese der Moderne verständlich, aber nicht als „gesunde“ Lösung und für „normale“ menschliche Wohnbedürfnisse geeignet.
Woher kommt diese dualistische Zerrissenheit, und warum soll es keine normale Architektur als Kunst (von Wert) geben? Denn: Architektur vor zwei-, dreihundert Jahren und früher kannte unsere heutigen Probleme nicht. Ob es sich um die herausragende Kunst großer Bauten oder um die bescheidene Baukunst normaler Wohnhäuser handelte, Architektur war künstlerisch befriedigend. Diese selbstverständliche, lebendige Schönheit wird noch heute von fast allen Architekturkennern und Laien bewundert. Mittelalterliche Stadtkerne, eine gotische Kathedrale, alte Dörfer und Gehöfte – sie sprechen alle unser Gemüt an und fast ausnahmslos unseren architektonischen Kunstsinn. Warum hat sich das so sehr geändert?
Architekturgeschichtliche Untersuchun-gen haben gezeigt, dass dem modernen Architekturdualismus ein problematisch gewandeltes Verhältnis der neueren Menschheit zu körperlicher Selbstwahrnehmung und zu körperlichem Selbstverständnis zugrunde liegt. Kent C. Bloomer und Charles W. Moore konstatieren in ihren Überlegungen zu Körper und Raum einen „Übergang von der Gegenwart des Körpers als ‚himmlischem‘ Organisationsprinzip in der Architektur zu einer mechanischeren Organisationsform“.1 Sie meinen, dass mit den Anfängen des naturwissenschaftlichen Zeitalters seit Galilei eine „Entzauberung“ der räumlichen Welt begann, die auch die Entzauberung der gebauten Welt mit sich brachte. Architektur ging dazu über, nicht mehr „die Eigenschaften des menschlichen Körpers“ als erlebte Räumlichkeit auszudrücken, sondern physikalisch-mechanische Organisationsformen.

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