Ausverkauf des Heiligen

von Nigel Pennick erschienen in Hagia Chora 27/2007

Teamhair na Riogh – Das Tara der Könige – so wurde in alten Zeiten der Sitz der Hochkönige Irlands genannt, der heiligste und hoheitlichste Ort der ganzen Insel. In geomantischer Hinsicht ist Tara heute einer der wenigen noch existierenden spirituellen und königlichen Landschafts-Zentren Europas. Die Idee von einem Zentrum, einer gemeinsamen Mitte war für die in vier Provinzen gegliederte Insel Irland von höchster Bedeutung. Man glaubte an eine mythische fünfte Provinz, die nur in der Anderswelt existierte und durch einen Ort wie Tara repräsentiert wurde. Tara ist mit seinen Erdwerken, die von ritueller Nutzung zeugen, ein beeindruckender Ort. Der sogenannte Mound of the Hostages („Hügel der Geiseln bzw. Vasallen“), ein Gangrab aus neolithischer Zeit, gibt dem Kultplatz ein Alter von mindestens 6000 Jahren. Zum Komplex der erhaltenen sakralen und höfischen Siedlungsspuren gehört auch der Lia Fáil, der Schicksalsstein, ein geomantischer Omphalos, an dem die Hochkönige Irlands gekrönt wurden, und nach dem ganz Irland Plain of Fal genannt wurde. Jährlich zu Samhain kamen in Tara Repräsentanten der vier Provinzen Leinster, Munster, Connacht und Ulster zu Versammlungen zusammen. Und da Tara schließlich als Zentrum dieser Vierheit galt, ordnete man die Lager der Gesandten auf dem Versammlungsplatz entsprechend ihrer geopgraphischen Lage im Land an: Munster belegte eine „Halle“ (wohl eher ein fliegender Bau) im Süden der Anlage, Ulster eine im Norden, Connacht eine im Westen und Leinster eine im Osten. Die zentrale Halle des Hochkönigs befand sich in der Mitte, so dass die Versammlung ein Abbild ganz Irlands ergab, und was immer dort getan wurde, hatte Einfluss auf das gesamte Land. Der Makrokosmos der Insel von Irland reflektierte, was im Mikrokosmos Tara geschah.
Tara entsprangen auch die fünf königlichen Straßen Irlands: Slidge Midluachra, die zum Königssitz Emain Macha in der Nähe von Armagh im Norden verlief; Slige Asal führte Richtung Nordwesten; Slige Mór Richtung Westen verband Tara mit Uisnech, einem weiteren Ort, an dem sich die mythische fünfte Provinz in einem natrülichen Omphalos-Stein manifestiert, und führte weiter zum westlichen Ozean bei Galway. Nach Tipperary im Südwesten führte die Straße Slige Dála und nach Süden schließlich Slige Cualainn, die bis Behernabreena südlich von Dublin reichte. Diesen königlichen Straßen wohnte – wie ihren Gegenstücken auf den britischen Inseln – eine spirituelle Dimension inne, der Reisenden königlichen Schutz garantierte. Solche Wege hatten freilich nichts gemein mit den modernen Straßen, die zugunsten der Geschwindigkeit die subtilen Qualitäten der Landschaft vernutzen, sondern schmiegten sich den Konturen des Landes an.

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