Der Körper als Zauberer
Vor vielen Jahren erzählte mir ein bekannter deutscher Ethnologe, dass uns Menschen die Gabe innewohne, unseren menschlichen Körper zu verlassen, um als ein Tier erscheinen zu können. Vielleicht meinte er sogar, unseren menschlichen Körper in einen Tierkörper verwandeln zu können. Er schilderte mir mehrere Begebenheiten, in welchen Menschen eine solche Verwandlung beobachtet hätten. In der Landschaft von Hawaii stößt man überall auf solche Geschichten. Dort nennt man das Phänomen Shape Shifting: Das Bewusstsein gibt dem Körper die Form vor, die er dann auf wunderbare Weise annimmt. Warum sollte das nicht möglich sein, wo doch unser Bewusstsein ständig mit der gesamten Schöpfung schwingt? Die junge Heldin Pono hat in Kiana Davenports Roman „Haifischfrauen“ ihren Haifischkörper verlassen, gerade wieder ihren Menschenfrauenkörper angezogenen – sie hatte noch Seetang in den Zähnen –, als sie der Liebe ihres Lebens, Duke, am Strand in Kona in die Arme lief. So erleben wir uns in erweiterten Bewusstseinszuständen auch in Tierkörpern, wissen dann ganz genau, wie es sich anfühlt, wenn es eine Löwin in der Mähne juckt, wenn sie erregt ist.
Körper ohne Grenzen
Als Ethnologin habe ich gelernt, einer Geschichte Glauben zu schenken. Wenn sie auch nicht in mein Weltbild passt, so passt sie doch in das der anderen. Geckos, Lurche, und Eidechsen zeigen uns, dass sie zaubern können, wenn ein Teil des Schwanzes verlorengeht und sie ihn wieder wachsen lassen können. Wir können das auch. Wir haben es nur vergessen. Aber wir können wieder lernen, auch jenseits der von unserer Kultur erlaubten Grenzen zu leben, zu erleben, auf Reisen zu gehen. Manchmal begleite ich Menschen auf dem Weg zu solchen oft sehr intimen Pilgerreisen. Ich erlebe es immer wieder als große Ehre, Zeugin sein zu dürfen, wenn ein Mensch sich erlaubt, Impulsen seines Körpers nachzugeben, sich auf eine Führung zu seiner inneren Weisheit einlässt und erfährt, was er jetzt unbedingt wissen muss, um sein Leben auf den richtigen Weg zu bringen.
Unser Körper ist ein Tempel, ein Orakel, Hüter und Bewahrer unserer Weisheit. Zu unserem Körper zu gehen, wenn man Rat braucht, ist eine Pilgerreise auf Pfaden außerhalb der linearen Zeit. Sie zu beschreiten – wohl mit den feinstofflichen Anteilen unserer Existenz – scheint mir etwas ganz Natürliches. Davon wissen fast alle nicht-westlichen Kulturen. Mit der Professionalisierung der Medizin in Europa wurden unsere Körper kolonialisiert, und wir verloren die Vorstellung von unserer selbstregulierenden Heilfähigkeit.
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