Das Qi der Natur

Energie-Konzepte aus Ost und West. Teil 1

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 27/2007

Den Begriff Qi übersetzt man meist mit „Energie“, doch wird man damit seiner Vielschichtigkeit gerecht? Und auf welcher historischen Entwicklung basiert der Energie-Begriff? Manfred Kubny wirft einen Blick in die Geschichte.

In der Mitte des linken Schaubilds steht der sogenannte Himmelskontrolleur, der die Bewegungen des Himmels festlegt, von dem die Qi-Erscheinungen auf der Erde bestimmt werden. Der äußere Ring zeigt die Generierung der sechs Qi aus den fünf Wandlungsphasen und Yin und Yang: Feuchtigkeit, Feuer, Trockenheit, Kälte, Wind und Hitze. Sie sind im rechten Schaubild im Innenkreis wiederum dargestellt, umgeben von übergeordneten ontologischen und klimatischen Parametern.

Den Begriff Qi übersetzt man meist mit „Energie“, doch wird man damit seiner Vielschichtigkeit gerecht? Und auf welcher historischen Entwicklung basiert der Energie-Begriff? Manfred Kubny wirft einen Blick in die Geschichte.
Im westlichen Sprachraum übersetzt man den chinesischen Begriff Qi meist mit „Energie“, zuweilen auch mit „Lebensenergie“, sei es im Feng Shui, in der traditionellen chinesischen Medizin oder in anderem Kontext. Doch mit welchen Inhalten füllen wir diese dehnbaren Begriffe? Um dies näher zu beleuchten, muss ich etwas weiter ausholen und die Entwicklung der Begriffe „Energie“ und „Qi“ durch die Zeiten hinweg verfolgen. Dabei lege ich den Schwerpunkt auf das in der Natur wirksame Qi.

Die griechische Enérgeia
„Energie“ bedeutet in der deutschen Umgangssprache so etwas wie „Tatkraft, Kraft, Schwung, Nachdruck“. Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften beinhaltet der Begriff verschiedene physikalische Konzepte wie die mathematische Umschreibung der sogenannten kinetischen oder der potentiellen Energie. Das in verschiedenen modernen psychologischen, psychosomatischen und esoterischen Ansätzen beschriebene Konzept einer Energie ist ursprünglich eine Übernahme aus dem Französischen und entstammt sprachgeschichtlich dem Griechischen, wo es „die Wirksamkeit, die Betätigung oder die Tatkraft“, kurz jegliche Art von Aktivität bezeichnet.
Die frühesten philosophischen Bezüge zum Begriff Energie begegnen uns bei den vorsokratischen Philosophen in Begriffen wie Bewegung (kinesis) oder Kraft (dynamis) im Kontext einer religiös orientierten, pantheistisch gefärbten Kraftlehre. Den vier Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft wohnte beispielsweise eine Dynamis als Kraftpotenzial inne. Erst Aristoteles (384–322 v. Chr.) prägte den Begriff ­enérgeia als Kunstwort, abgeleitet von en ergô einai, „in Werk sein“. Er setzte ­Enérgeia als „Wirklichkeit“ der Dynamis als Potenzialität, Bewegung und Veränderung zu bewirken oder zu erleiden, gegenüber. Die reine, absolute Energéia ist nach Aristoteles das Prinzip schöpferischer Tätigkeit und damit zugleich Geist bzw. das Göttliche. Einige Wichtigkeit hat das Energie-Konzept im christlichen Kontext bei Augustinus (345–430), der die für das Wirken Gottes in der Schöpfung verantwortliche Kraft vis divina nannte und die drei Konzepte Vis, Dynamis und ­Enérgeia als die Hauptfaktoren verstand, welche die sichtbare Welt bewirkten.

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