Leys – auf den Boden gebracht
Das Phänomen der schnurgeraden Geisterpfade
Seit Jahrzehnten geistern die unterschiedlichsten Mythen über das Wesen der Leys durch die geomantische Ideenwelt. Ebenso lange forscht Paul -Devereux über das Phänomen der geraden Linien in der Landschaft – und stieß auf einen weltweiten archaischen Geisterglauben.
© Foto: Paul Devereux
Die „Cataloo Steps“, Trittsteine auf dem Lych Way, einem Leichenweg im Dartmoor.
Obwohl manchen vielleicht bekannt, will ich zunächst die Entwicklung des Ley-Konzepts nachzeichnen, um den heutigen Mythos einzugrenzen.
!1921: Der walisische Geschäftsmann und Fotograf Alfred Watkins erklärt erstmals öffentlich Alignments (engl.: geradlinig angeordnete Objekte) und spricht von steinzeitlichen Vermessungsexperten, die mit Hilfe von Pfosten und Signalfeuern schnurgerade Handelswege über das Land angelegt und diese mit Steinen, Erdwerken und Wasserstellen gekennzeichnet hätten. Einige jener Plätze seien später zu Kapellen, Steinkreuzen und Kirchen christianisiert worden. Heute könne man die vergessenen geraden Wege an den Resten ihrer Markierungspunkte festmachen. Watkins suchte auf Karten und vor Ort weitere Hinweise für seine Idee, was seine historisch durchaus wertvolle Dokumentation der Landschaft des walisischen Grenzlands immer umfangreicher werden ließ.
* 1922: Watkins’ erstes Buch „Early British Trackways“ („Frühe Handelswege in Britannien“) erscheint.
* 1925: „The Old Straight Track“ („Gerade Pfade des Altertums“), Watkins’ Hauptwerk über Leys, wird veröffentlicht.
* 1927: Watkins veröffentlicht „The Ley Hunter’s Manual“ („Das Handbuch der Ley-Sucher“). Er prägt den Begriff Ley (altenglisch für ein gerodetes Stück Land) für die von ihm gefundenen Alignments, hält ihn jedoch nicht unbedingt für geeignet und ersetzt ihn 1930 durch -Archaic track – „frühgeschichtlicher Weg“.
* 1932: „Archaic Tracks Round Cambridge“ ist Watkins’ letztes Werk zum Konzept der Ley-Linien vor seinem Tod 1935.
* 1936: Die Okkultistin Dion Fortune publiziert den Roman „The Goat-Foot God“ („Der ziegenfüßige Gott“), in dem sie von Alignments zwischen prähistorischen Stätten als magischen Kraftkanälen spricht.
* 1938: Arthur Lawtons Buch „Mysteries of Ancient Man“ („Geheimnisse des Frühen Menschen“) erscheint, in dem er behauptet, die Platzierung alter Kultstätten bilde Muster, die sich als kosmische Energien mit der Wünschelrute erspüren lassen.
* 1961: Ein Ex-Pilot der Royal Air Force, Tony Wedd, verbindet in dem Pamphlet „Skyways and Landmarks“ (Himmelsstraßen und Landmarken“) Watkins’ Ley-Linien mit Vorstellungen über UFOs, die entlang „magnetischer Pfade“ fliegen sollen. Dies verschafft dem inzwischen vergessenen, zu Watkins’ Zeiten jedoch sehr populären Ley-Hunting (der „Jagd“ bzw. Suche nach Leys) neue Aufmerksamkeit.
* 1962–1966: Philip Heselton und Jimmy Goddard gründen den Ley Hunter’s Club; das Ley-Hunter-Magazin erscheint erstmals. Das Thema wird Gegenstand gegenkultureller Publikationen der 60er-Jahre. Die Erfindung der Radiokarbon-Methode revolutioniert die Archäologie, und die neue Zunft der Archäo-astronomie beweist, dass die Megalith-Bauwerke weitaus älter sind und die Steinzeitmenschen weitaus intelligenter waren, als man bis dato gedacht hatte. Der Zeitgeist begünstigt das Aufkommen von Ideen wie „prähistorische Raumfahrt“ und verwurzelt sie geistig im Themenkomplex der Ley-Linien.
* 1967: Alexander Thoms Buch „Megalithic Sites in Britain“ („Megalithstätten in Britannien“) sichert der Archäoastronomie den Rang eines wissenschaftlichen Fachgebiets. Der Unversalgelehrte John Michell verknüpft in seinem Buch „The Flying Saucer Vision“ (etwa: „Was uns fliegende Untertassen sagen“) die Idee der prähistorischen Raumfahrt mit dem Ley-Thema. Für das immer breiter werdende Feld der Ancient Mysteries („frühgeschichtliche Rätsel“) wird der Begriff Geomancy – „Geomantie“ – geprägt.
* 1969: Michell veröffentlicht sein bahnbrechendes Werk „The View Over Atlantis“ (die später erweiterte Ausgabe wurde 1984 von Marco Bischof unter dem Titel „Die Geomantie von Atlantis“ ins Deutsche übersetzt), in dem er die Ley-Theorien auf ein neues Niveau hebt und mit Themen wie Psychologie, Geheimlehren, heilige Geometrie oder Gematrie sowie einigen vom Feng Shui beeinflussten Ideen verknüpft. Im gleichen Jahr nimmt der Journalist Paul Screeton die Herausgabe des Ley-Hunter-Magazins wieder auf.
* 1972: Janet und Colin Bord veröffentlichen „Mysterious Britain“ („Geheimnisvolles England“), das die Vorlage für viele ähnliche Werke bildet. Ley-Linien werden hier in den weiten Kontext der „Ancient Mysteries“ einbezogen.
* 1974: Der „Whole Earth Catalog“ („Eine-Welt-Katalog“) nennt die Themen-Mixtur rund um die alten Kultstätten Earth Myst-eries („Erdgeheimnisse“). Der Begriff verdrängt das Wort „Geomancy“ im englischen Sprachraum. Michell veröffentlicht „The Old Stones of Land’s End“ („Die alten Steine von Land’s End“), einen Forschungsbericht zu Alignments von Menhiren und alten Kreuzen in Cornwall. Der amerikanische Rutengänger Terry Ross identifizert in einem Artikel für die „American Society of Dowsers“ Ley-Linien mit Energien, die radiästhetisch gefunden werden können. In der Folge assoziiert die aufkommende New-Age-Konsumbewegung diese Sichtweise automatisch mit dem Begriff Ley. Die Tautologie Leyline – „Ley-Linie“ – bürgert sich allgemein ein.
* 1975: Nigel Pennick gründet das „Institute of Geomantic Research“, das zahlreiche Bändchen über die Archiv- und Feldforschung zur Geomantie herausgibt.
* 1976: Screeton übergibt mir die Herausgeberschaft des Ley-Hunter-Magazins. Im Rahmen der Zeitschrift organisiere ich eine Reihe von jährlichen Konferenzen, bei denen über Energie-Vorstellungen debattiert wird. Es entzünden sich hitzige Diskussionen mit Archäologen und Statistikern über das Ley-Phänomen und Alignments generell. Im selben Jahr erscheint Tom Graves’ Buch „Dowsing: Techniques and Applications“, das die modische Assoziation von Rutengehen, „Energien“ und Ley-Linien weiter nährt (deutsch: „Radiästhesie. Pendel und Wünschelrute. Theorie und praktische Anwendung“, Herrmann Bauer Verlag, 1987).
* 1979: Gemeinsam mit Ian Thomson veröffentliche ich den „Ley Hunter’s Companion“, einen Führer zu britischen Alignments im Sinn von Watkins’ seinerzeitiger Definition. Für das Buch unternahmen wir eine detaillierte Feldforschung und ein ausgedehntes Kartenstudium, legten über 7000 Kilometer zurück und untersuchten mehr als 300 veröffentlichte Leys. Für die meisten angenommenen Leys konnten wir beweisen, dass sie den Namen zu Unrecht trugen, hoffnungslos ungenau waren und manchmal schlicht nicht existierten.
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