Traumzeit
Auf der Suche nach dem Urgrund des Lebens
Auf der Suche nach lebendigen Traditionen im Umgang mit der Erde begaben sich -Dorothea Mader und Siegfried Prumbach ins australische Outback. Ihre Begegnungen mit Aborigines und deren -alter Bildersprache lehrten sie, zu begreifen, wie die Erde die Menschen heilt.
Im Zug unserer Vorbereitungen zu unserer geomantischen Studienreise zu den Aborigines Australiens lasen Siegfried Prumbach und ich uns durch eine ganze Bibliothek über ihre Kultur. Wir fanden Verbindungen zur Geomantie und anderen Gebieten, und in uns schien ein Verständnis für diese – wie es heißt – älteste Kultur der Menschheit zu wachsen. Als wir dann in Australien waren, stimmte immer noch, was wir gelesen hatten, nur war alles ganz anders. Wir waren – und so ging es, glaube ich, auch den meisten Mitreisenden – überwältigt von der Andersartigkeit jenes Landes. Woher kam das? Mir fiel auf, dass all die vor der Reise gelesenen Bücher von Nicht-Aborigines geschrieben waren. Die wenigen von Alt-Australiern geschriebenen Bücher, die wir im Land entdeckten, enthielten Geschichten zu Aspekten ihres Weltbilds in der Sprache mythologischer Bilder. Bereits das Aufschreiben war ein Zugeständnis an die Welt der Weißen. Bei unserem Aufenthalt in Iga Warta erzählte uns der Ab-origine Terrence Coulthard eine Geschichte seines Volkes, der Adnyamathanha, in seiner Muttersprache Yura Ngawarla: „Awi Irta oder: Wie das Rotkehlchen zu seiner roten Brust kam“:
Wadu matyari. Yura-apina wanggangga. Tha atyiimba matyarri marni vulka vaatapi ngalkunda. Vulka vulka yanakanaa, vulka vulka yanakanaa wandyura artuna – ucha aldangatamarnggu. Vulka vulka yanakanaa. Wandyura artuna – ucha nanggu nguthatamanggala urdla nguthatamanggala. Tha nakanggala awi nganda yurrunga matyarri valanaka. Vuka vulka yanakanaa. Vuka vulka yanakanaa, wandyura atuna – ucha aldangatamarnggu. Marni vulka – ucha napaptyinangga vaatapi adinana ngalkunda yuarnggu. Tha awi idla ngudininangga yadna vambatananga idla awi yarramanangga. Vulka vulka yanakanaa. Vulka vulka yanakanaa wandyura artuna – ucha aldangatamarngga. Vulka vulka yanakanaa! Yawa yawu vulka awi yamayamimanaka nunggu awi inanga idla yarramananda! Tyawu, tyawu, tyawu adatyi warrika – naa vaatapi - naa nguna ngunanda ngartyu yadliya. Wandyura artuna vapardla athanga idla artirana vitanggulu arti ukatanggulu nalirangga. Tha animbityaidla awi irtana ikanda ukarta yalthanda ikanduidla.“
Die meisten Leser werden diese Ballade übersprungen haben. Obwohl sich bei lautem Lesen Sprachklang und Rhythmus das Rufen des Rotkehlchen ahnen lassen, bleibt die fremde Sprache ohne Gestik leer. Terrence Coulthard erzählte die Geschichte abends am Feuer. Die Zuhörer, von denen die meisten kein Yura Ngawarla verstanden, saßen in einem großen Kreis. Terrence stand auf und bewegte sich mit einem Flügelschlag seiner Arme nach Westen, und während er die Geschichte erzählte, griffen seine Hände in die Luft, und er führte sie immer wieder zum Mund. Er lief nach Osten und forderte mit einer Geste etwas im Westen auf, zu kommen. Im Osten war er damit beschäftigt, etwas zu bauen, seine Hände machten das Zeichen für Schutz. Dann reckte er die Hände gen Himmel und zeigte auf etwas Bedrohliches. Er rief wieder nach Westen und winkte dem anderen, zu kommen. Nun wechselte er die Rolle, lief zum Westen, drehte dem Osten den Rücken zu und steckte wieder etwas in seinen Mund. Er wechselte zum Osten, zeigte energischer zum Himmel und rief lauter sein vulka vulka yanankanaa nach Westen. Er wechselte die Rolle erneut, führte weiter die Hand zum Mund und antwortete dem Osten zum ersten Mal: „tyawu, tyawu, tyawu …“ und wandte sich wieder seiner Beschäftigung zu. Zurück im Osten hob Terrence etwas vom Boden auf, lief mit großen Schritten zum Westen, hob die Arme und schlug auf den Westen ein. Terrence ließ seine Hände vom Kopf bis zur Brust gleiten. So kam das Rotkehlchenmännchen zu seiner roten Brust.
Die Inszenierung wurde im Wesen von allen verstanden. Doch blieben wir Weißen unbefriedigt. Wir hatten die Handlung wahrgenommen, aber unser Verstand verlangte nach mehr, nach der Bedeutung eines jeden Wortes. Uns fehlten die Worte für Regen, Windschutz bauen, Beeren essen und vulka vulka yanakanaa. Terrence erzählte von der Bedeutung gespielter Darstellungen in einem Land, in dem es mehr als 200 verschiedene Sprachen gibt.
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