Ersungene Linien
Wie das Leben der Landschaft
erfahren werden kann
Auf der Suche nach Wegen, wie die Wechselwirkung zwischen den unsichtbaren Qualitäten der Landschaft und dem wahrnehmenden Menschen ausgedrückt werden kann, hat der Landschaftsplaner Peter Risto das absichtslose Zeichnen und Singen für sich entdeckt. Auf diese Weise entstehen „Singlinien“, die ihm den Zugang zum Dialog mit dem Genius Loci erschließen.
Als Landschaftsplaner war mir ein ganzheitliches Verständnis der Mitwelt immer ein großes Anliegen. Das Leben von Landschaften ist für mich nicht auf ökologische Aspekte reduziert. Nicht nur einzelne Elemente wie die Gesteinssphäre, Boden, Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere machen das Leben aus. Die Geomantie nennt unsichtbare Dimensionen einer Landschaft, die das Materiel-le bedingen und formen. Im Folgenden gehe ich daher der Frage nach, wie das Leben der Mitwelt sich unserer inneren Wahrnehmung mitteilen kann.
Mein eigener Weg zur Erfahrung der Vitalität der Mitwelt begann in der Kindheit, setzte sich im Beruf fort und führte auch zu einer Weiterbildung in Geomantie. Ein Schlüsselerlebnis für mein Verständnis der Interaktion zwischen Mensch und Mitwelt war bei meiner Abschlussarbeit im Rahmen der Geomantieausbildung das plötzliche „Sehen“ des Lebens einer Baumgruppe. Ich hatte das Gefühl, die Lebendigkeit der Bäume zu spüren, die farbige Bewegung des Lebens der Bäume zu erkennen. Baumstamm, Äste und Blätter waren Ausdruck von Leben und nicht Materie, die man einfach nur sieht. Dieses Erlebnis war von einer Flut weiterer innerer Bilder begleitet. Am deutlichsten war der Eindruck, dass jene Lebenskraft auch „Bedeutung“ für einen größeren Waldbereich habe. Wie kategorisiert man nun Leben, das man in aller Tiefe erfährt? Ich hatte an diesem Ort angesichts des ergreifenden Erlebnisses kein Verlangen, die Kraft des Orts einer bestimmbaren „Raumdimension“, sei es nun der urbildlichen oder der geistig-seelischen, zuzuordnen.
Ich muss gestehen, dass diese und weitere Erfahrungen mich von den in der Geomantieausbildung erlernten Sichtweisen der mehrdimensionalen Ebenen einer Landschaft etwas weggeführt haben. Stattdessen hat sich eine Art Fähigkeit eingestellt, schlicht und einfach das Leben in einem Landschaftsraum zu erfahren. Der Lebensausdruck einer Landschaft, eines Landschaftselements oder eines Wohnraums setzt sich dabei für mich aus mehreren Erfahrungsteilen zusammen. Als erstes zeigen sich Qualitäten eines Orts in meiner Gefühlswahrnehmung. Zuweilen korrespondieren sie mit Qualitäten, von denen in der Geomantie oft die Rede ist, wie jene von Herzplätzen oder Wandlungsplätzen, aber darüber hinaus zeigt sich ein noch größeres Spektrum von Gefühlsfärbungen und „Informationen“.
Zweitens habe ich oft den Eindruck, eine Landschaft „erzähle“ aus ihrer erdgeschichtlichen Entwicklung, beispielsweise von einem Meer, das sich schon vor Millionen Jahren aus einem Gebiet zurückgezogen hat, von Bergstürzen und Beben, die sich im Zug der Entstehung der Alpen ereigneten und anderem mehr. Manches bleibt für mich als „Zuschauer“ auch völlig unausdrückbar, nicht zu beschreiben, nicht zu besprechen – es bleibt nur ein Sehen des Lebens der Mitwelt.
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