Stadt am strudelnden Fluss

Geomantische Anregungen zur energetischen Belebung von Pankow

von Annette Brandes , Carsten Müller , Roland Buch erschienen in Hagia Chora 27/2007

Ein Team von drei Geomanten beschäftigte sich mit der Stadtlandschaft von Berlin Pankow, einem Stadteil der Großstadt, der früher für seine großartigen alten Bäume im Schlosspark berühmt war. Noch heute kann man einige von ihnen finden. An ihre Qualität könne man zur Stärkung des Orts mit einfachen Gestaltungsmitteln wieder anknüpfen, meinen Annette Brandes, Roland Buch und Carsten Müller.

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Pankow heute

Im Oktober 2006 sowie im Juli dieses Jahres habe ich mich gemeinsam mit meinen Kollegen Annette Brandes und Roland Buch mit dem Ortscharakter des Zentrums des Berliner Stadtteils Pankow befasst. Unsere Absicht war, mit Hilfe von Beobachtung und Erfahrung der qualitativen Ortsstrukturen Gestaltungsvorschläge für einige Plätze zu erarbeiten, welche die Ausstrahlungs- bzw. Anziehungskraft des Stadtteils erhöhen und stärken könnten.
Zunächst beschäftigten wir uns mit der Geschichte des Orts. Die Besiedelungs-ursprünge von Pankow gehen weit in die Vorzeit zurück, bis etliche Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung. Überreste von Lagerplätzen sowie Siedlungsspuren fanden sich aus der Steinzeit, der Bronze- und der Eisenzeit.
Anfang des 13. Jahrhunderts errichteten Zisterziensermönche aus Feldsteinen eine Kapelle nahe des ehemaligen Gletscherabflusses Panke. Die Mönche drangen in dieser Zeit als „Kultivatoren des Germanischen Waldes“ bis zur Ostsee vor, gründeten Niederlassungen in Sumpfgebieten und verwandelten diese in fruchtbares Acker- und Weideland.
Das Dorf Pankow wurde etwa im Jahr 1220 von einem sogenannten Lokator im Auftrag des Landesherrn als „wilde Wurzel“, also wahrscheinlich ohne slawische Vorgängersiedlung, gegründet. Ein Lokator musste sich vor der beginnenden Besiedelung, die im Auftrag eines adligen oder geistlichen Grundherrn erfolgte, um die Anwerbung von Siedlern kümmern, das Land vermessen und zuweisen und war verpflichtet, den Siedlern während der Rodungszeit den Lebensunterhalt zu gewährleisten. So dürfte er wohl daran interessiert gewesen sein, ihnen einen „guten Ort“ zuzuweisen, denn diese Verantwortung war ein nicht unbeträchtliches Risiko. Für seine Leistungen erhielt er daher in sogenannten Handfesten (Urkunden) verbriefte Vergünstigungen vom Eigentümer des Landes.
Pankow wurde ein typisches Angerdorf mit Dorfplatz und Kirche zwischen den Häuserzeilen. Die damals angelegte Grundstruktur und Wegführung ist heute noch deutlich erkennbar.
Ende des 15. Jahrhunderts war Pankow Jagd- und Erholungsgebiet der Brandenburgischen Kurfürsten. Eine Legende erzählt, dass an dem Platz an der Panke, an dem der Vogelherd des Kurfürsten Johann Ciecero (1455–1499) stand, sich ein slawischer Tempel befunden haben soll und dieser namensgebend für Pankow war, nämlich Pan = Herr und Kow= Hain, also Hain des Herrn.
Im Jahr 1662 wurde in dem an der Panke (westslawisch: „strudelnder Fluss“) gelegenen Wiesen- und Auenland ein Landsitz errichtet, der wenig später zum Schloss Schönhausen ausgebaut wurde. Hier residierte von 1740 bis 1797 die Gemahlin Friedrichs des Großen, Königin Elisabeth Christine. Ab 1825 bewohnten Herzog und Herzogin von Cumberland das Schloss, und Peter Joseph Lenné wurde mit der Gestaltung des Parks beauftragt.
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Pankow hauptsächlich von Adligen und gut betuchten Bürgern zur Erholung aufgesucht. Später dann, mit dem Entstehen der Biergärten und Volksfeste, war Pankow bis in die 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts eines der beliebtesten Ausflugsziele der Berliner.
Nach 1945 bis etwa 1960 wurde insbesondere ein in der Nähe des Schlosses gelegenes Villenviertel als Wohnsitz von Regierungsmitgliedern der ehemaligen DDR genutzt. Dort und in der näheren Umgebung wurden unter anderem Literaten und Künstler angesiedelt, die aus dem Moskauer Exil zurückkehrten. Das Schloss Schönhausen diente als Gästehaus der DDR-Regierung.
Inzwischen werben Wohnraum-Anbieter verstärkt mit der grünen Seite Pankows und prägen Slogans wie „Wohnen, wo Pankow am schönsten ist“.
Aber Pankow ist heute keine blühende Stadt: Auf der zentralen Geschäftsmeile „Breite Straße“ fällt auf, dass allzu viele Wohnungen und Geschäftsräume zur Vermietung angeboten werden und an zentraler Stelle eine geschlossene Kaufhalle auf weitere Nutzung wartet.

Energetische Grundstrukturen

Die stimmgabelförmig gewachsene Linde im Alten Städtischen Friedhof.

In Pankow gibt es viele Grünanlagen und zwei nahe dem Zentrum gelegene Parks, den Bürgerpark und den Schlosspark.
Der Schlosspark war nicht nur wegen seines alten Baumbestands, sondern auch für besonders eigentümlich gewachsene Bäume weithin bekannt. Berühmt waren beispielsweise die „Rübezahlfichte“ und die „Krumme Birke“. Die Birke war entlang einer Brücke fast quer über die Panke gewachsen. Die „Rübezahlfichte“ erhielt ihren Namen, weil der Stamm dicht über dem Boden im Bereich des Stammfußes derart verwachsen war, dass man hier mit etwas Phantasie Rübezahls Gesicht erkennen konnte. Einige der alten Eichen im Schlosspark sollen bereits um die vorletzte Jahrhundertwende 400 bis 500 Jahre alt gewesen sein. Somit gehören sie zu den ältesten Eichen im Raum Berlin.
Die Panke war noch Mitte des 19. Jahrhunderts ein fischreiches, breites Gewässer, das sich über Wasserfälle hinweg durch Pankow schlängelte. Sie trieb Mühlen an und lud zum Baden ein. Doch ab 1900 wurde die Panke reguliert und begradigt. Bei unserer Begehung entlang der Panke nahmen wir den Fluss als sehr gebändigt und nicht mehr wild und vital sprudelnd wahr. Doch wir fanden auch Orte, die noch ein wenig an die Atmosphäre der vorindustriellen Kulturlandschaft Pankows erinnerten: Die Restbestände der früheren Eichengruppen im Schlosspark erlebten wir noch an einigen wenigen Plätzen als kraftvoll und erdend.
Diese Erfahrung drängte uns umso mehr, die Frage zu stellen, welche Auswirkungen wohl der Rückbau der ehemals vor Lebenskraft sprudelnden Panke und das Abholzen des Eichenwalds mit mehren hundert Jahre alten Bäumen auf das lebendige Beziehungsgeflecht zwischen Natur und Stadtraum mit den dort lebenden Menschen hatte.

Die Ortsmitte
Die Mitte Pankows liegt auf dem Kirch- und Marktplatz in der „Breiten Straße“ zwischen der Feldsteinkirche, heute evangelische Pfarrkirche, im Osten und dem Markt im Westen. In diesem Bereich befindet sich ein kleiner Platz mit Sitzbänken um einen wackeligen, kleinen Backsteinsockel in der Mitte.
Traditionell wurde der Mitte eines Raums, eines Platzes, eines Stadteils oder einer Stadt auch im europäischen Kulturraum eine besondere Bedeutung beigemessen. In der klassischen Antike symbolisierte die Mitte einer Stadt, die Kreuzung der beiden Hauptstraßen, das Zentrum der Welt und wurde zuweilen mit einem „Nabel-Stein“, einem Omphalos, markiert. Warum jede traditionelle Kultur der Mitte enorme Bedeutung gibt, liegt auf der Hand: Wie es für den Menschen selbst wichtig ist, in seiner Mitte zu sein, um gesund und stabil seine Aufgaben zu bewältigen, so ist auch im übertragenen Sinn eine schön gestaltete, stabile Mitte für den Ort, die Stadt oder das Haus von existenzieller Bedeutung. Von der Mitte geht die Kraft aus, die Stabilität und Ausgeglichenheit mit sich bringt, und so ist die Stadtmitte für die Harmonie jeder Stadtlandschaft entscheidend. Wie das Auge im Sturm bildet die Mitte einen Ruhepunkt im lebhaften städtischen Treiben.
In Pankow steht nun in der Mitte ein wackeliger Sockel! Dieser Ort wird vereinzelt von Menschen als Ruheplatz genutzt, insgesamt aber wenig beachtet.
Wir möchten anregen, diese Mitte auf einfache, aber wirkungsvolle Weise neu zu gestalten, damit dieser Platz gefestigt wird, in seine Kraft kommt und die Aufgaben einer Mitte würdig entfalten kann. Dafür sind keine großen Baumaßnahmen erforderlich, auch mit geringem Aufwand lassen sich wirkungsvolle Veränderungen erzielen. Wir empfehlen als Gestaltungsele-ment für diesen Platz einen großen, kräftigen, aus der Region stammenden Findling, in den speziell für die Stärkung und Entwicklung Pankows entwickelte und abgestimmte Motive (Informationszeichen) eingemeißelt werden. Wenn ein wohlproportionierter Stein für diesen Platz gefunden wird, kann er die Qualität der Mitte Pankows betonen und anheben.

Die Verkehrsinsel am Rathaus

Die Kastanie auf der Verkehrsinsel.

Zwischen dem Pankower Rathaus und dem Alten Städtischen Friedhof befindet sich eine kleine, dreieckige Insel zwischen vielbefahrenen Verkehrsführungen, auf der ein mittelgroßer Kastanienbaum steht. Dieser Kastanienbaum weist eine besondere Wuchsform an einigen Ästen auf. Setzen wir voraus, dass diese Äste einen Grund haben müssen, so speziell zu wachsen, so laden wir Sie an dieser Stelle zu einer praktischen Übung ein, die man in solch einem Fall anwenden kann, um der Qualität eines Orts näherzukommen.
!Stellen Sie sich aufrecht und entspannt in die Nähe eines Baums, zunächst mit dem Bauch zum Stamm. Die Zunge liegt am Gaumen, die Augen sind geschlossen.
!Atmen Sie in den Bauch, und sammeln Sie sich dort. Machen Sie einen tiefen Atemzug, und während Sie ausatmen, fließt Ihre Aufmerksamkeit in Richtung des Baums. Atmen Sie in der Folge auf diese Weise ein paar Mal ganz langsam.
!Spüren Sie nach, welche Emotionen der Baum in Ihnen erzeugt. Sind Sie Ihnen angenehm, so machen Sie die Übung auch mit dem Rücken zum Baum. Probieren Sie es auch aus anderen Richtungen.
!Spüren Sie Ihren Emotionen nach, und bedanken Sie sich für diese Erfahrung.
Als wir auf diese Weise mit der Pankower Kastanie arbeiteten, war für uns eine wesenhafte Präsenz wahrnehmbar. In der Geomantie spricht man oft von Naturwesen – damit sind nicht Elfen und Zwerge aus Kinderbüchern gemeint, sondern die Wahrnehmung der Natur als lebendiges Gegenüber statt als gefühllose Materie.
An diesem Ort laden bereits zwei neben-einanderstehende Bänke zum Verweilen ein. Doch man könnte der -Verkehrsinsel viel mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen. In Form einer anspruchsvollen Platzgestaltung und Pflege ließe sich die Grundqualität der „Insel“ und die Funktionstüchtigkeit dieses Orts inmitten der beiden Hauptverkehrsadern verbessern und stärken. Am westlichen Rand dieses Platzes liegt bereits ein größerer Feldstein. Dieser könnte eventuell anders platziert und mit einem eingemeißelten Motiv versehen werden, um den Platz und seine Bedeutung hervorzuheben.

Der Alte Städtische Friedhof
Der Alte Städtische Friedhof mit einigen alten Grabmalen und besonders gewachsenen, großen und markanten Bäumen wirkt wie ein Ruhepol in dem geschäftigen Treiben des Stadtteils. Neben einer Linde mit stimmgabelförmigem Wuchs entdeckten wir einen Platz, von dem aus sich das Gefühl einer unmittelbaren Verbindung zu einigen anderen Orten der Pankower Stadtlandschaft einstellte. An der Linde hatten wir den Eindruck, Zugang zu einer „Naturschwingung“, die alles Leben durchdringt und verbindet, zu erhalten. Es war, als hörten wir den „Klang“ der Pankower Landschaft, der uns das Charakteristische dieses Orts fast hörbar erspüren ließ. Aus eigener Erfahrung mit solchen Phänomenen scheint es uns wichtig, dass den Menschen Möglichkeiten angeboten werden, mit dieser natürlichen Schwingung in Verbindung zu kommen.
Um diese „Naturschwingung“ symbolisch umzusetzen und mit der Ortsmitte zu verbinden, entstand die Idee einer künstlerischen Installation, die diese Schwingung in einer Form einfängt und an einem von Menschen stark frequentierten Ort, wie zum Beispiel am ungestalteten Ostende des Marktplatzes oder am Eingangsbereich des Rathauses aufgestellt wird. So könnte sie viele Menschen erreichen.
Das Setzen der Mitte sowie die energetische Verbindung der Ortsmitte mit der Verkehrsinsel und dem Marktplatz bzw. Rathaus durch die künstlerisch-geomantisch gestalteten Installationen könnte sich aufbauend auf die Entwicklung der Stadtlandschaft und die Aufenthaltsqualität an diesen zentralen Plätzen Pankows auswirken. Wir hoffen, dass mit der Stadt Pankow ein konstruktives Gespräch über diese Möglichkeiten beginnt. +

Literatur: Feuer, Stein und Eisen, Bezirksamt Pankow, Berlin 1996 • Museumsverbund Pankow: Vom „Petit Palais“ zum Gästehaus, Kulturamt Pankow 1998