Die lebendige Vernunft

Oder: Heraklits Lobgesang auf die Polarität der Welt

von Robert Josef Kozljanic erschienen in Hagia Chora 27/2007

Heraklit ist der Urvater naturverbundenen Denkens und Welt-Erlebens in der abendländischen Tradition. Wer sich von der Diktatur der reinen Vernunft lösen möchte, sollte sich von dem Philosophen Robert J. Kozljanič durch Heraklits Welt des Werdens führen lassen.

Heraklit von Ephesos (ca. 540–480 v.Chr.) ist einer der aller-ersten abendländischen Philosophen. Wenn wir heute nach einem neuen Naturverständnis suchen, lohnt es sich, an dieser frühen Wurzel unseres europäischen Denkens anzuknüpfen: Heraklit war der wohl tiefsinnigste, naturnaheste und lebendigste der frühen Denker. Bei ihm kann man lernen, was es heißt, naturnah und lebendig in Kreisläufen und Polaritäten zu denken. Auf antikem Boden gibt es nur einen Philosophen, der ihm darin annähernd zur Seite gestellt werden könnte: Empedokles (ca. 490–430 v.Chr.).
Heraklits Denken ist ein Denken des natürlich-dynamischen Werdens und Vergehens und Wiederwerdens, nicht aber ein Denken des statischen, unveränderlichen, ewigen Seins, wie es als erster sein etwas jüngerer Zeitgenosse Parmenides (ca. 515–445 v.Chr.) entwickelt und propagiert hat. Als sich Platon (427–347 v.Chr.) dann die parmenideische Seins-Lehre (Ontologie) aneignete und sie zu einer bis heute faszinierenden und wirkmächtigen metaphysisch-idealistischen Weltanschauung ausbaute, war die Entscheidung gefallen. Und sie hieß: für ein parmenideisches, vernunftzentriertes, logozentrisches Denken des Seins und gegen ein herakliteisches, natur- und lebenszentriertes, bio-zentrisches Denken des Werdens. Es war eine verhängnisvolle abendländische Entscheidung und Weichenstellung. Bis heute.
Im platonischen Dialog „Timaios“ heißt es: „Zuerst nun haben wir meiner Meinung nach Folgendes zu unterscheiden: Was ist das stets Seiende (òn) und kein Entstehen Habende und was das stets Werdende (gignómenon), aber nimmerdar Seiende; das eine ist durch verstandesmäßiges Denken zu erfassen, ist stets sich selbst gleich, das andere dagegen durch bloßes mit vernunftloser Sinneswahrnehmung verbundenes Meinen zu vermuten, ist werdend und vergehend, nie aber wirklich seiend.“
Die von Platon auf parmenideischer Grundlage eingeführte Vorgabe lautet also: Nur das nicht-sinnliche, „reine“ Denken erfasst das wahre und ewige Sein der Welt. Die sinnliche Wahrnehmung – als vernunftlos degradiert – kann bestenfalls den vergänglichen Schatten dieses Seins erahnen und vermeinen: als ein diffuses Werden.
Damit beginnt auf abendländischem Boden die logozentrische Diktatur der „reinen“ (metaphysisch-dialektischen) und „wissenschaftlichen (mathematisch-logischen) Vernunft“ über die „lebendige Vernunft“. Die lebendige Vernunft: Das ist eine Vernunft, die, wie eine Blume aus dem Erdboden, frei aus dem Unbewussten und Sinnlichen entwächst und auf dieser Grundlage erst ihre Blüten treibt und treiben darf; eine Vernunft, die sich auf der Grundlage der gewachsenen Muttersprache und nicht auf der Grundlage einer konstruierten Fachsprache ausdrückt und ausdrücken kann; also eine Erfahrungs- und Wahrnehmungsvernunft, der es in erster Linie um die Artikulation von leib- und lebensnahen Erfahrungen und nicht um die Fabrikation von logisch widerspruchsfreiem Buchwissen und zweckrationalem Herrschaftswissen geht. Genau von dieser lebendigen Vernunft aus argumentiert Heraklit. Für diese Vernunft gilt die ontologische Prämisse „reines Denken versus vernunftloses Wahrnehmen“ nicht. Die lebendige Vernunft ist ein Vernehmen, das sich nicht nur auf Vorvernünftiges, Vorbewusstes, Tiefsinnliches einlässt, sondern, vor allem, dieses erst einmal zulässt und dann vernimmt, was sich ihr von dort her zusprechen will. Diesen vorvernünftigen Zuspruch nimmt sie entgegen und versucht dann, ihn möglichst adäquat und schonend zu verbalisieren.

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