Gespräche über ein Haus

Die Entstehungsgeschichte eines ungewöhnlichen Gebäudes

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 27/2007

Das neue Verkaufsgebäude des Ökomode--Unternehmens Hess Natur ist das Ergebnis eines langen Geburtsprozesses. Die Urheber des energetisch gelungenen Baus, Geschäftsführer Wolf Lüdge, Architekt Thomas Rau und Kreativberater Matthias Schenk geben Einblick in ihre Motive und Absichten.

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Auf der Autobahn zwischen Gießen und Frankfurt zieht seit November 2006 ein neuer Baukörper die Blicke der Vorbeifahrenden auf sich: Am südlichen Ortsrand von Butzbach, in einem Gewerbegebiet zwischen Autohof und Aldi, wölbt sich ein anmutig geschwungenes Dach über einer durch blaue und grüne Farbflächen gegliederten Glasfassade: das neue Verkaufsgebäude des bekannten Textiluntenehmens Hess Natur. Das geomantisch geschulte Auge registriert überrascht, wie harmonisch der Schwung des Dachs die Bewegung und Energie der umgebenden Hügel aufnimmt. Sollte hier jemand mehr im Sinn gehabt haben als den bloßen Zweck: Verkaufen? Neugierig darauf, welche Menschen, Prozesse und Inspirationen sich hinter diesem Bauwerk verbergen, baten wir um einen Termin beim Geschäftsführer von Hess Natur, Wolf Lüdge.
Zum vereinbarten Gesprächstermin sehen wir das Objekt unseres Interesses erstmals aus größerer Nähe als von der Autobahn aus. Da liegt ein freundlicher, zierlicher Bau in der Frühlingssonne inmitten eines vor kurzem neu angelegten Parkgeländes, das vor allem für Kinder viel Anregung bietet. Die durch farbige Kassetten gegliederte Fassade weckt auf den ersten Blick Assoziationen an ein Kulturzentrum oder eine außergewöhnlich gestaltete Schule. Das soll ein Ladengeschäft sein?
Wir lassen den Bau links liegen und steigen die Treppen im Hauptgebäude von Hess Natur zu Wolf Lüdges Büro hinauf. Auch dieses Haus ist kein Standardbau. 1992 wurde es von Winfried Reindl, einem anthroposophisch orientierten Architekten, errichtet. Der im vergangenen Jahr verstorbene Firmengründer Heinz Hess gehörte wie die Vertreter der biologisch-dynamischen Landwirtschaft zu den Pionieren einer ethisch-ökologischen Ökonomie, für die der Mensch eine Seele ist, die einen Körper hat.
Sieht sich auch der 38-jährige Wolf Lüdge in dieser geistigen Tradition? „Ich bin kein Anthroposoph“, meint er. „Ich kann mich zwar den Themen der Anthroposophie nähern, aber der Weg, wie ich zu den Menschen finde, führt über das Herz und nicht über den Kopf. Viele Ideen der Anthroposophie erscheinen mir gut, aber das Theoriegebäude ist mir zum Teil zu verkopft. Mein Hintergrund ist pragmatisch. Nach einer Banklehre habe ich Betriebswirtschaftslehre studiert, aber mein anschließender Job hat mir nicht das Gefühl für eine sinnvolle Lebensaufgabe vermittelt. Meine damalige Partnerin arbeitete bei Hess Natur, und so eröffnete sich mir in dieser Firma plötzlich eine ungeahnte Möglichkeit, nämlich meine Wertevorstellungen und meine Haltung ins Berufsleben einzubringen. Ich war begeistert vom Idealismus, der hinter der Firmen-idee von Hess Natur stand. Drei Jahre lang war ich im Bereich Controlling tätig. Im Jahr 2001, als Hess in eine schwierige Phase kam, ging ich in die Geschäftsleitung. Wir mussten viele hausgemachte Probleme lösen, vieles neu strukturieren und zu einer neuen Kostenstruktur kommen. Nach einem Jahr intensivem Einsatz hatten wir bei gleichem Umsatz ein weitaus besseres Betriebsergebnis.“
Die Aufgabe, die Wolf Lüdge derzeit am meisten beschäftigt, ist, das Image eines alternativen ökologisch-anthroposophischen Bekleidungsanbieters abzustreifen und sich als zeitgemäßes, kulturkreatives Modehaus zu erkennen zu geben. „Die Naturkosmetik hat es geschafft, nicht mehr mit Müsli, sondern mit Pflege und Lifestyle in Verbindung gebracht zu werden. Das Gleiche steht der Naturmode bevor. Organische Kleidung, -Ethical Fashion – das kann auch Mode sein. Unser Problem sieht so aus: Wenn namhafte Modelabels T-Shirts aus Biobaumwolle produzieren, erregen sie viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit als wir. Dabei mischen sie nur einem ihrer T-Shirts ein wenig ökologische Baumwolle bei, doch die ganze Verarbeitung ist weiterhin konventionell. Ein wirklich nachhaltiges Produkt ist etwas völlig anderes, und vom Design her können wir mühelos mit Marc O’Polo, Esprit oder vergleichbaren Marken mithalten.“

Eine neue Sprache sprechen
Offenbar hat diese Haltung etwas mit der Gestalt des Baukörpers zu tun, um den es uns geht. Von Lüdges Büro im dritten Stock können wir auf das sanft geschwungene Dach des neuen Verkaufsgebäudes schauen: Das Objekt wirkt wie ein Schiff, das in der offenen Hügellandschaft der Wetterau ruhig dahinsegelt.
In der Vergangenheit war Hess Natur ein reines Versandhandelshaus. Im Zug der neuen Ausrichtung sah man im Ladenverkauf neue Potenziale. Niemand wollte jedoch eines der üblichen -Fabrik-Outlets, bei denen die Geiz-ist-Geil-Mentalität das Maß aller Dinge ist. Vielmehr sollte ein Ort geschaffen werden, an dem der Geist, der Hess Natur beseelt, erfahren werden könnte.
Der erste Plan entstand zusammen mit dem Architekten des bestehenden Bürogebäudes, Winfried Reindl. Die Gedanken kreisten um einen Verkaufsturm, einen Anbau an der rückwärtigen Seite des Haupthauses. Das erschien allen nützlich, und so zog man im nächsten Schritt einen Fachmann für die Außengestaltung hinzu. Damit hatte man sich nun eine Laus in den Öko-Pelz gesetzt. Der Berater war -Matthias Schenk, ehemaliger Zirkus-direktor und Initiator des „Erfahrungsfelds zur Entfaltung der Sinne und des Denkens“ im Schloss Freudenberg in Wiesbaden. An jenem eindrucksvollen Ort, zu dessen Entwicklung unter anderen auch Marko Pogaˇcnik einen Beitrag geleistet hat, können Menschen essenzielle Sinneserfahrungen machen: in der Dunkelbar im Stockfinsteren Tee trinken und von Blinden bedient werden, auf sandbestreuten Metallplatten Chladnische Klangfiguren erzeugen, sich von optischen Täuschungen und Experimenten zu Goethes Farbenlehre verzaubern lassen oder im Park auf einer Partnerschaukel, im Labyrinth oder unter der Windharfe das Zusammenspiel von Menschen und den Naturkräften erleben.
„Ihr müsst auf die Wiese!“ Mehr hatte Matthias Schenk angesichts des Verkaufsturm-Entwurfs nicht zu sagen. „Vor eurem Büro liegt ein großes, offenes Gelände – dort müsst ihr hin mit dem Hess-Laden, nicht euch verstecken. Ihr wollt doch einen neuen, frischen Geist verbreiten. Ihr entwickelt gerade eine neue Sprache für Hess Natur. Dann muss auch die Architektur die neue Hess-Sprache sprechen.“ Das überzeugte. Aber wer konnte so etwas bauen? „Nur einer“, so Matthias Schenk: „Thomas Rau.“
Man dankte dem bisherigen Architekten für seinen Entwurf, bezahlte ihn, buchte die Kosten auf das Konto „Forschung und Entwicklung“ und beschritt einen völlig neuen Weg.

Die Kunst der Übertreibung

Die frisch angelegte Außenfläche um das Verkaufsgebäude soll für die Hess-Produkte relevante Aspekte der Natur sinnlich erfahrbar machen.

Es entstand ein neues Kreativ-Team aus Wolf Lüdge, dessen damaligem Kollegen in der Geschäftsleitung Bernhard Oppenrieder, dem Enfant terrible Matthias Schenk, dem Architekten Thomas Rau und dem Haustechnikspezialisten Jörg Probst. Matthias Schenk schildert die Brainstorming-Phase: „Es brauchte eine Ideen-vielfalt. Mal ohne jegliche Grenzen im Kopf an die Sache herangehen. Wenn man sich das traut, realisieren sich in der Wirklichkeit vielleicht tatsächlich ein paar neue Gedanken. Eine der ersten Ideen war, in den Fokus des neuen Ladens lebende Tiere zu stellen. Denn die Anzüge, Socken und Hemden sind aus Wolle oder aus Seide. Man sollte die Schafe und die Alpakas weiden und die Seidenraupen herumkrabbeln sehen. So könnte man Beziehung zu den Lebewesen aufnehmen, die für die feinen Bekleidungsstücke ihre Rohstoffe spenden. Auf dem Weg in den Laden sollte man durch Baumwoll- und Hanffelder spazieren. Vielleicht wäre in seiner Mitte eine Manege, wo vorgeführt wird, wie man ein Schaf schert oder seine Klauen pflegt – alles auf hohem ästhetischen Niveau, mit viel Abstand inszeniert. Nach dem -Motto: Du bekommst deinen Pullover nur, wenn du verstanden hast, was 100% Wolle‘ bedeutet.“ Matthias Schenk bekommt leuchtende Augen, wenn er von den ursprünglichen Ideen für den Hess-Laden erzählt. Einige Zeit nach unserem Besuch in Butzbach unterhielten wir uns mit ihm in Schloss Freudenberg.
„Neben dem eigentlichen Verkaufsraum hatten wir ernsthaft einen Kindergarten und eine Gärtnerei mit einem Hofladen für regionale Produkte geplant. Auch zu Details wie der Konstruktion der Umkleidekabinen gab es neue Ideen. Dass sie sich wie Schmetterlingskokons überall von der Decke auf Abruf herabsenken, und wenn man ‚fertig‘ ruft, würden sie wieder hinaufgezogen. Oder dass die Kabinen an der Außenwand angebracht sein könnten, damit die draußen weidenden Schafe sich die Leute, denen sie ihre Wolle geben, durchs Fenster ansehen könnten.
Bereits auf dem Parkplatz wollten wir die Kunden in eine andere Welt entführen. Die Autos sollten auf schiefe Ebenen fahren, und es sollten einige offenstehende Autos unauffällig herumstehen, in denen bereits Hess-Klamotten liegen. So etwas irritiert erstmal, man hält an und wundert sich. Der Weg vom Parkplatz zum Laden sollte eine weitere Entschleunigungszone sein. Man käme z.B. plötzlich zu einer Baumpflanzung mit einem Windharfen-Ensemble. Schließlich sollten sich wie im Märchen von Frau Holle drei verschiedene Eingänge öffnen, die Kunden mit unterschiedlichen Bedürfnissen anlocken: diejenigen, die einen schnellen Einkauf wünschten, die nur schnuppern wollten, oder die sich vom Kulturprogramm des Ladens begeistern ließen. Im Eingangsbereich sollte man zunächst in eine Werkstatt kommen, um die Grenze zwischen Herstellung und Verkauf aufzulösen.
Der Fußboden sollte aus Glas sein, eine Vitrine, deren Ausstattung je nach Jahreszeit geändert würde. Auch über Gastronomie haben wir nachgedacht, über eine Bühne für kulturelle Veranstaltungen und Modenschauen – überall sollten kleine Aufwachpunkte für den Geist, die Sinne und die Seele sein. So dass z.B. jemand nach dem Einkaufen sagen könnte: Das war toll! Ich bin heute in der Biblio-thek von Hess Natur über einen Aufsatz von Oscar Wilde über die Krawatte gestoßen und hab selten so gelacht.“
Die Pläne zu Werkstätten, Gärten, Kindergarten und Tierhaltung stellten sich als zu kompliziert heraus. Aber die Grundidee, dass man sich beim Einkaufen nicht nur um den Geldbeutel der Kunden, sondern auch um ihre Sinne kümmern wollte, blieb.
„Bisher gab es solche ganzheitlichen Erlebnis-Konzepte eher im Hotelbereich“, meint Matthias Schenk. „Dass ein Laden sagt: Wo bleiben die Seele und der Geist meiner Kunden? Wie geht es den Kindern meiner Kunden? – das war etwas Neues und für mich eine schöne Herausforderung zum Mitdenken. Sicherlich waren unsere Konzepte der Zeit weit voraus. Es stellte sich auch die Frage, wie weit man in einem konventionellen Gewerbe-gebiet mit neuen Ideen gehen kann, ohne völlig abgehoben zu wirken. Kann man zwischen einem Aldi-Warenverteilzentrum und einem Reisebus-Unternehmen einen Tempel hinstellen? Wie weit können sich die Angestellten aus der Umgebung noch mit ‚ihrem‘ Laden identifizieren? Allen Beteiligten war klar, dass sich gute Architektur auch mit den sozialen Bedingungen des Orts verbinden muss. Das Haus sollte ganz nah an den Menschen sein, die dort arbeiten und einkaufen.“

Die Wirkung
Als wir nach unserem Gespräch mit Wolf Lüdge das Verkaufsgebäude besuchen, erstaunt uns, dass wir zuerst an einem Baumwollfeld vorbeikommen. Auch ohne schon viel vom Konzept des Gebäudes gehört zu haben, erscheint uns die Anlage einleuchtend: Zuerst geht man durch ein Stück kultivierter Natur, tritt dann durch eine transparente Schranke, die farbige Glasfassade, in einem Raum für das vollendete, veredelte Naturprodukt. Von innen erschließt sich die Metapher der kassettierten Fassade sofort: Sie ist ein großes Regal, eine Vitrine für die Produkte und zugleich ein Fenster in die Natur und für die Natur. Ihre hölzernen Fächer mit den blauen und grünen Glasscheiben wirken freundlich und lebensnah – alles vermittelte einen ganz selbstverständlichen Eindruck, nicht übertrieben exklusiv oder gewöhnungsbedürftig unkonventionell.
Doch darüber hinaus hat der Raum für uns etwas Erhebendes. Uns erinnert unsere Wahrnehmung einer aufstrebenden Kraft an die Wirkung gotischer Kathedralen, auch wenn es fast blasphemisch erscheint, einen kommerziellen Verkaufsraum mit einem Sakralraum zu vergleichen. Doch die Parallele drängt sich auf. Das hölzerne, fünfflächig geschwungene Dach schwebt auf schlanken, gefiederten Metallsäulen. Ähnlich wie bei den Kathedralen fragen wir uns, wie ein solcher Baukörper statisch überhaupt möglich ist. Die Glasfassade macht so gar nicht den Anschein einer tragenden Wand. Die tragende Pfeilerkonstruktion macht sich vollständig unsichtbar. Der filigranen Deckenkon-struktion stehen erdende Elemente gegenüber: Eine massive, unverputzte Stampflehmwand über zwei Drittel der Gebäudelänge ist für die Regulation des Raumklimas zuständig. Hinter diese Rückwand tritt ein abgesenkter Raum, dessen aus Ziegeln gemauerte Wand bald unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die schlichte Backsteinwand vermittelt eine wohltuende Ruhe und eine schlichte Feierlichkeit, von ihr scheint die sakrale Informa-tion abzustrahlen, die dem gesamten Raum und den darin anwesenden Menschen und sogar den stilvoll präsentierten Produkten die Würde geben. „Die Ziegel stammen von einem polnischen Kloster“, ist Wolf Lüdges Antwort auf unsere Wahrnehmung.
Vor der Ziegelwand, im Halbrund der abgestuften „Oase“, spielen Kinder, eine Mutter stillt ihr Baby. In der angrenzenden Cafeteria wird Zeitung gelesen und angeregt geplaudert. Daneben sind die letzten Kunden vor Ladenschluss auf Streifzügen zwischen den Bekleidungsständern unterwegs – ein friedliches Bild, das so gar nichts mit der Hektik einer Einkaufsetage im Fußgängerzonenkaufhaus zu tun hat.

Die Kunst der Realisierung

Das rhythmisch geschwungene Dach überwölbt in mehreren Segmenten den Verkaufsraum. Es verbindet zudem die verschiedenen Veredelungsschritte der mineralischen Baustoffe, die durch den Dreiklang Ziegelwand – Lehmwand – Glaswand repräsentiert sind.

Einige Wochen nach unseren Gesprächen mit Wolf Lüdge und Matthias Schenk sitzen wir in einem Vorort von Amsterdam am Verandatisch von Thomas Rau, dem Architekten, lassen uns von seinem quirligen Sohn Damian, der gerade sechs Jahre alt geworden ist, die Geburtstagsgeschenke erklären, und wollen wissen, warum Rau an der westlichen Rückwand des Hess-Ladengeschäfts ausgerechnet die Backsteinziegel eines polnischen Klosters verbaut hat.
„Dass die Steine von einem Kloster stammen, ist einerseits Zufall. Recycling-Backsteine, die mit Muschelkalk vermörtelt waren, erhält man in größeren Mengen fast nur noch von alten Klöstern. Andererseits steht eine Absicht hinter der Ziegelmauer: Dort sollte ein bereits verwendetes Baumaterial quasi reinkarniert werden. Das Material gab den Grundton vor, aus dem wir Neuland entwickelt haben, den Grundton eines Dreiklangs, in dem das Gebäude schwingt: Backstein – Lehm – Glas, drei unterschiedliche Formen desselben Minerals, repräsentiert durch die Ziegelwand, die Stampflehmwand und die Außenfassade. Das passt zu einem Ort der Veredelung, als den wir das Hess-Geschäft verstanden haben. Im Übrigen schaffen wir mit unserer Haltung solche scheinbaren Zufälle.“
Thomas Rau betreibt in Amsterdam ein großes Architekturbüro, dessen Website www.oneplanetarchitecture.nl programmatisch bezeichnet ist. Er realisiert in der Regel weitaus größere Objekte, bis hin zu ganzen Stadtvierteln. Dennoch: „Der Entstehungsprozess dieses Gebäudes war ein wichtiger Schritt in der Biografie unseres Büros. Budgetmäßig war es eine Fingerübung, aber prozessual eine Attraktion.“
Der spannende Prozess war die Identitäts-Neufindung der Firma Hess Natur. Die Frage, welche Architektur zum Unternehmen passe, stellte die bereits vorher virulent gewordene Fragestellung „Wofür steht die Marke Hess Natur im 21. Jahrhundert?“ ins Zentrum aller Überlegungen. Mit einem Marken-Spezialisten dachte man über den zukünftigen Weg des Unternehmens nach: Hess Natur sei eine weibliche Marke, befreit vom hausbackenen Alternativszene-Image und ebenso frei vom Druck, ganz vorne in der Modeszene mitwirken zu müssen. „Du musst nicht gleich Herzrhythmusstörungen bekommen, weil deine Frau mit einem Hess-Nachthemd ins Schlafzimmer kommt,“ resümiert Matthias Schenk die Debatten. „Es muss nichts Extravagantes sein, aber doch sinnlich und angenehm zu tragen. Kleidung, die den Menschen schöner macht und zeigt, was in ihm steckt.“  Wesentlich erschien für die Marke Authentizität und der Anspruch an höchste ökologische Qualität. Die Marke sollte die Sicherheit vermitteln, dass man sich bei Hess Natur keine Sorge um ethisches Geschäftsgebaren machen müsse.
Ein sensibler Architekt wie Thomas Rau nimmt aber nicht nur die konzeptionellen Vorgaben des Unternehmens auf, sondern auch den Charakter der Menschen, die dahinterstehen. Und das waren zwei: Wolf Lüdge und sein Kollege Bernhard Oppenrieder. Entsprechend kam Thomas Rau mit zwei Varianten zur Demonstration seines ersten Entwurfs. Der eine Vorschlag griff die Metapher einer Garnrolle auf. Es war eine Art Schneckenhaus, in dem man die Veredelung der Naturprodukte von der Baumwolle bis zum fertigen Hemd auf einem spiralförmigen Wandergang erleben würde. Der zweite Vorschlag war ein Wäscheschrank als Vitrine – ein Gebäude aus Schubladen, die man herausziehen und unterschiedlich präsentieren könnte.
„Das verkörperte beispielhaft die beiden Kräfte Oppenrieder und Lüdge“, erinnert sich Matthias Schenk. Man konnte sich weder für den einen noch für den anderen Entwurf entscheiden, sondern versuchte, das Runde ins Eckige zu bringen. Thomas Rau nahm die Herausforderung an, tauchte nächstes Mal aber nicht mit einem, sondern gleich mit fünf neuen Entwürfen auf. Danach wurde es kompliziert.
„Wir sind nicht die ‚genialen Architekten‘, die auf dem Flug-ticket ihren Einfall skizzieren und die Sache dann so durchziehen“, beschreibt Thomas Rau den Arbeitsstil seines Büros. „Noch ohne eine Form vor Augen zu haben, setzen wir beim Bewusstsein der Menschen an, die den Bau realisieren möchten. Wir versuchen, Bilder aus der Zukunft sichtbar zu machen, etwas, das noch niemand der Beteiligten kennt. Wir versuchen zu erfühlen, was an dem jeweiligen Ort sein will – zunächst kann man dabei nur Qualitäten in Worte fassen. Für Hess hatten wir einen ganzen Katalog von Begriffen für die Qualität des Zukünftigen entwickelt wie Erlebniskaufhaus, Raum als Bühne, Dach als Landschaft, Prinzip des Webens, Leuchtobjekt bei Nacht, Wand als Ge-Wand, Verwandlung innerhalb der Jahreszeiten, pures Material etc.
In der Entwurfsphase, in der wir aus den Inspirationen aus dem thematischen Feld zu konkreten Formen finden, arbeite ich immer mit einem Kollegen zusammen. Etwa fünfmal präsentieren wir den Bauherren jeweils neue Entwürfe. Die nächste Runde basiert auf den positiven und negativen Qualitäten der letzten Entwürfe und zeigt wieder etwas ganz Neues. Wir haben daher keinen formalen, sondern einen methodischen Stil, der immer zu einem Unikat führt.
Es ist nicht einfach, so zu arbeiten. Bei jedem Projekt kommt es in der Regel zu einem ‚Todespunkt‘, einer vollkommen verfahrenen Situation, in der du am liebsten alles hinschmeißen möchtest. Aber wenn man diesen Punkt nicht erreicht, kann man nichts Neues schaffen. Das ist eine Gesetzmäßigkeit, man muss sich mit einer gewissen professionellen Naivität darauf einlassen.“
In der Geschichte der Entwürfe für den Hess-Natur-Bau steuerte der Prozess zielstrebig auf einen solchen Punkt zu. Es war eher eine regelrechte „Todeszone“, so Thomas Rau, in der Konflikte alles blockierten. Doch auch diesmal zeigte sich, dass diese Phasen wichtig sind, dass man sie in aller Intensität durchleben muss, um die entscheidenden Klärungsprozesse zu durchlaufen und die Kreativität für den endgültigen Entwurf freizusetzen.
Nachdem mit dem Bau begonnen worden war, stellte sich für Wolf Lüdge gleich die nächste Herausforderung: „Thomas Rau hatte uns ein Generalmanagement für den Bau angeboten, aber das hätte unser Budget gesprengt. Stattdessen beauftragten wir mit der eigentlichen Baubetreuung einen Projekt-Steuerer der Konzernzentrale. Bald stellte sich heraus, dass er mit dem Rau-Team überhaupt nicht harmonierte. Das hat mich einige Nerven gekostet. Aber irgendwann habe ich mich zurückgelehnt und mir gesagt: Meine Aufgabe ist hier, das Spiel am Laufen zu halten. Ich muss nichts weiter tun, als die Spieler im Spiel zu halten und das Ganze als sozialen Prozess zu begreifen. In diesem Bewusstsein konnte ich das Spiel zu Ende führen. Und ich habe erreicht, was ich wollte. Das macht mich enorm stolz. Wenn ich heute den Bau sehe, weiß ich: Da ist in einem spannenden, vielschichtigen Prozess etwas Einzigartiges entstanden. Es gab Monate, da wollte ich kein Wort vom Bau mehr hören. Heute freue ich mich jedesmal, wenn ich auf das Haus schaue.“
Der rote Faden, der schließlich für den Entwurf gefunden wurde, war die Metapher der Arche Noah: eine Arche für die Idee des nachhaltigen Wirtschaftens, die einer neuen Zeit entgegensteuert. Das war auch unsere erste Assoziation beim Blick auf das Gebäude: Ein stolzes Schiff, das in das umgebende Hügelland hinein auf neue Ufer zusegelt.
Eine neue Selbstverständlichkeit
Was ist das Geheimnis dieser harmonischen Anbindung an die Landschaft, wollen wir von Thomas Rau wissen – was hat ihm der Genius Loci des Orts gesagt? „Was wir gebaut haben, ist gar nichts Spektakuläres – das Haus ist ja kein Museum und keine Fab-rik, sondern ein Laden. Es ging nicht darum, Krach zu machen, sondern darum, an diesem Ort eine Melodie zu spielen mit dem Tenor: Mode muss der Natur keine Konkurrenz machen. Das fordert dich auf, dich dem Ort langsam und mit Bedacht zu nähern. Von der Autobahn aus betrachtet, sieht man, wie die Gebäudeform die Motive der Hügellandschaft aufnimmt und überhöht. Auch die Glasfassade sticht nicht hervor, weil die Fenster in den wichtigsten Farben der Natur, Grün und Blau, gehalten sind. Aus seiner Einbettung in die Landschaft tritt das Haus erst prominent hervor, wenn man direkt vor ihm steht und es sich mit seiner großen Eingangstür für den Besucher öffnet.
Anfangs empfand ich den Standort als sehr schwierig für einen Laden. Ein Verkaufsgeschäft braucht Dichte und Intimität, zumal es ja um Kleidung geht. Wir standen dort zunächst auf einer großen, leeren Fläche, blickten auf die Autobahn und die wenig ansprechenden Gewerbegebäude in der Umgebung. Die Situation war vergleichbar mit der Aufgabe, in der Wüste einen Baum zu pflanzen. Die Qualitäten, auf die man normalerweise an einem Ort Bezug nehmen kann, musste man hier erst schaffen. Unser Anker war schließlich der ‚Klosterflügel‘, die Ziegelrückwand zwischen dem Verkaufsgeschäft und dem rechteckigen Lagergebäude im Hintergrund. Diese Wand steht genau parallel zur Aldi-Halle in der Nachbarschaft. Sie macht deutlich: Ich weiß genau, wo ich stehe, ich spiele mit, füge mich ein in die Struktur des Orts, bin aber trotzdem etwas ganz Eigenes. Diese Wand hat sozusagen ein Bewusstsein über ihre städtebauliche Struktur, zudem fluchtet sie mit dem alten Hess-Gebäude. Die unsymmetrischen Seitenwände und die Fassade dürfen hingegen frei aus der Reihe tanzen.
Ich war immer überzeugt, dass das Gelände der richtige Ort für diesen Laden ist, trotz aller Schwierigkeiten. Vielleicht gerade deswegen, weil es eine Herausforderung war, zu zeigen, dass auch an solchen zunächst trostlosten Orten Räume entstehen können, die Genuss und Erlebnis vermitteln.“
Uns erinnert der Grundriss an die Zentralkammer eines neolithischen Ganggrabs. Die Ziegelwand übernimmt die Rolle des Rücksteins der hintersten Kammer, der den energetischen Anker für die gesamte Anlage bildet. Absicht? „Es war keine Absicht, aber so etwas passiert uns öfter. Indem wir uns in der Phase, in der wir die Rahmenbedingungen für die Entwürfe erarbeiten, mit eigenen gestalterischen Vorstellungen sehr zurückhalten, schaffen wir einen Denk- und Intuitionsraum, in dem wir alten Urbildern die Möglichkeit geben, sich zeitgemäß zu übersetzen und erlebbar zu werden.“
Zunehmend begreifen wir, warum wir den Hess-Natur-Laden als geomantisch perfektes Gebäude erleben, obwohl hier im klassischen Sinn keine „Geomanten“ am Werk waren. Allerdings Menschen, die sich über die Aufgabe, die Identiät und die Integ-ration eines neu zu schaffenden Gebäudes die richtigen Gedanken gemacht haben, professionell, pragmatisch und visionär zugleich. Für Thomas Rau sind viele geomantische Aspekte schlicht selbstverständlich: „Zur Entwicklung der Fassade haben wir uns die Maße der Pullover und Schuhe durchgeben lassen und auf dieser Basis unsere Proportionen für die ‚Fächer‘ des ‚Regals‘ ermittelt. So gibt es eine Resonanzfrequenz zu den Proportionen der ausgestellten Produkte.
In meiner Arbeit geht es mir darum, dass sich die Menschen wieder als ‚Gäste der Erde‘ erleben können. Derzeit verhalten wir uns eher wie schlimme ‚Pächter der Erde‘, die nach Belieben über sie verfügen zu können glauben. In Wirklichkeit sind wir ihre Gäste. Wir möchten die Bewunderung für die Schöpfung in unsere Arbeit integrieren.“
Aus dieser Haltung heraus ergibt sich auch Thomas Raus ökologischer Anspruch an seine Häuser: „Ein modernes Gebäude sollte heutzutage mehr Energie produzieren, als es verbraucht. Ideal ist z.B., die Lebensenergie, die die Menschen verstrahlen, zum Heizen und Kühlen eines Hauses zu nutzen. Im Hess-Bau meistert die Lehmwand diese Aufgabe, sie hat einen gestalterischen, einen handwerklichen und einen ökologischen Wert. Dank der natürlichen Eigenschaften des Lehms reguliert sie den Feuchtigkeitshaushalt im Raum – ohne diese Wand hätten wir dafür große technische Anlagen benötigt. Außerdem verläuft in ihr ein Labyrinth aus Luft- und Wasserleitungen. Durch Unterdruck wird warme Luft aus dem Raum in diese Leitungen gesogen und erkaltet in der kühlen Lehmwand. Um den dadurch erwärmten Lehm am Abend wieder abzukühlen, arbeiten wir mit der Nachtkühle.“

Die „vier Tiere“ eines Hauses
Beim Einweihungsfest des Hess-Natur-Verkaufsgebäudes vermittelte Thomas Rau einige der Ideen, die hinter dem Gebäude stehen. Dazu verwendete er das Märchen der Bremer Stadtmusikanten. Ein gutes Haus sei wie die Pyramide von Esel, Hund, Katze und Hahn aufgebaut: „Der Esel entspricht der physischen Ebene, in der Architektur ist das die geduldig tragende Struktur. Das Tragen und Lasten ist in diesem Raum deutlich erlebbar, wie die Kräfte vom Dach in die Erde abgeleitet werden, durch Stützen, durch Bögen, durch gestapelte Regale. Der Esel macht die Ursache erlebbar. Der Hund steht für die Organisation des Lebens. Er begleitet und schützt seinen Herrn und assistiert ihm. Auf die Architektur übertragen sind das alle Maßnahmen, die man ergreifen muss, um ein Gebäude überhaupt betreiben zu können. Je nach Jahreszeit und Tageszeit gibt es dort unterschiedliche Bedürfnisse zu erfüllen, z.B. in Bezug auf Wärme und Licht. In den Hunde-Aspekten erlebt man die Wirkung. Die Katze, die sich gerne hinter den warmen Ofen kuschelt, aber auch Mäuse töten kann, entspricht unseren Empfindungen. In der Architektur ist das die Geste. Dieses Haus macht eine öffnende Geste, so dass der Besucher mit einem breiten Lächeln empfangen wird, einem Lächeln, das sich über das ganze ‚Gesicht‘ des Hauses, die Vorderfassade, hinzieht. Die Katze macht die Absicht erlebbar. Der Hahn schließlich ist das einzige Wesensglied dieses Vierergespanns, das in der Lage ist, planend über den Tag hinauszuschauen: Der Hahn prophezeit gutes Wetter. Sein Krähen weckt das Ich, das morgens in den Leib einzieht. In der Architektur ist dies das Image, der Anspruch der Firma Hess Natur, all ihre Produkte in Harmonie mit Mensch und Natur herzustellen. Der Hahn macht die Haltung erlebbar. Im Märchen sind die vier Gestalten in einem bejammernswerten Zustand, sie sind alt und schwach geworden, und man will sie nicht mehr füttern. Das ist das Bild der Krankheit: Die vier Wesensglieder arbeiten nicht mehr sinnvoll zusammen. Wenn man sie hingegen neu koordiniert, können sie selbst die Räuber vertreiben oder neue Märkte erschließen …“
Unsere Gespräche über das neue Hess-Haus unseren Eindruck vertieft, dass die Haltung des Hahns bei Hess Natur keine Tünche ist. Sie ist auch nach dreißig Jahren nicht zum modischen Ausdruck von Lifestyle in unserer Konsumkultur geworden, die aktuell das Mäntelchen der Nachhaltigkeit umlegt. Die Haltungen der drei Menschen, die wir zu diesem Bau befragt haben, vermittelten uns authentisch die Werte einer Welt, die als Alternative zu den gegenwärtigen Untergangsszenarien heranwächst. Eine kulturkreative Erfahrung von Ganzheit, Lebensfreude und Erdung.

Internetadressen der Gesprächspartner:
www.hess-natur.de, www.schloss-freudenberg.de, www.rau.nl.