Gespräche über ein Haus

Die Entstehungsgeschichte eines ungewöhnlichen Gebäudes

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 27/2007

Das neue Verkaufsgebäude des Ökomode--Unternehmens Hess Natur ist das Ergebnis eines langen Geburtsprozesses. Die Urheber des energetisch gelungenen Baus, Geschäftsführer Wolf Lüdge, Architekt Thomas Rau und Kreativberater Matthias Schenk geben Einblick in ihre Motive und Absichten.

Auf der Autobahn zwischen Gießen und Frankfurt zieht seit November 2006 ein neuer Baukörper die Blicke der Vorbeifahrenden auf sich: Am südlichen Ortsrand von Butzbach, in einem Gewerbegebiet zwischen Autohof und Aldi, wölbt sich ein anmutig geschwungenes Dach über einer durch blaue und grüne Farbflächen gegliederten Glasfassade: das neue Verkaufsgebäude des bekannten Textiluntenehmens Hess Natur. Das geomantisch geschulte Auge registriert überrascht, wie harmonisch der Schwung des Dachs die Bewegung und Energie der umgebenden Hügel aufnimmt. Sollte hier jemand mehr im Sinn gehabt haben als den bloßen Zweck: Verkaufen? Neugierig darauf, welche Menschen, Prozesse und Inspirationen sich hinter diesem Bauwerk verbergen, baten wir um einen Termin beim Geschäftsführer von Hess Natur, Wolf Lüdge.
Zum vereinbarten Gesprächstermin sehen wir das Objekt unseres Interesses erstmals aus größerer Nähe als von der Autobahn aus. Da liegt ein freundlicher, zierlicher Bau in der Frühlingssonne inmitten eines vor kurzem neu angelegten Parkgeländes, das vor allem für Kinder viel Anregung bietet. Die durch farbige Kassetten gegliederte Fassade weckt auf den ersten Blick Assoziationen an ein Kulturzentrum oder eine außergewöhnlich gestaltete Schule. Das soll ein Ladengeschäft sein?
Wir lassen den Bau links liegen und steigen die Treppen im Hauptgebäude von Hess Natur zu Wolf Lüdges Büro hinauf. Auch dieses Haus ist kein Standardbau. 1992 wurde es von Winfried Reindl, einem anthroposophisch orientierten Architekten, errichtet. Der im vergangenen Jahr verstorbene Firmengründer Heinz Hess gehörte wie die Vertreter der biologisch-dynamischen Landwirtschaft zu den Pionieren einer ethisch-ökologischen Ökonomie, für die der Mensch eine Seele ist, die einen Körper hat.
Sieht sich auch der 38-jährige Wolf Lüdge in dieser geistigen Tradition? „Ich bin kein Anthroposoph“, meint er. „Ich kann mich zwar den Themen der Anthroposophie nähern, aber der Weg, wie ich zu den Menschen finde, führt über das Herz und nicht über den Kopf. Viele Ideen der Anthroposophie erscheinen mir gut, aber das Theoriegebäude ist mir zum Teil zu verkopft. Mein Hintergrund ist pragmatisch. Nach einer Banklehre habe ich Betriebswirtschaftslehre studiert, aber mein anschließender Job hat mir nicht das Gefühl für eine sinnvolle Lebensaufgabe vermittelt. Meine damalige Partnerin arbeitete bei Hess Natur, und so eröffnete sich mir in dieser Firma plötzlich eine ungeahnte Möglichkeit, nämlich meine Wertevorstellungen und meine Haltung ins Berufsleben einzubringen. Ich war begeistert vom Idealismus, der hinter der Firmen-idee von Hess Natur stand. Drei Jahre lang war ich im Bereich Controlling tätig. Im Jahr 2001, als Hess in eine schwierige Phase kam, ging ich in die Geschäftsleitung. Wir mussten viele hausgemachte Probleme lösen, vieles neu strukturieren und zu einer neuen Kostenstruktur kommen. Nach einem Jahr intensivem Einsatz hatten wir bei gleichem Umsatz ein weitaus besseres Betriebsergebnis.“