Maßgeschneidertes Wohnen

Ein Einfamilienhaus wird nach Feng Shui geplant

von Tilman Weiland erschienen in Hagia Chora 26/2007

Versteht sich ein Architekt als Designer, geht es ihm meist darum, seine Idee von einem Haus an den Kunden zu bringen. Tilman Weiland versteht sich eher als Dienstleister, der den Bauwilligen hilft, ihre eigenen Vorstellungen zu ihrem Haus zu realisieren. Sein Zugang zu Mensch und Ort ist die Feng-Shui-Methodik.

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Plan des Straßendorfs bei Ellwangen. Das Grundstück für den Neubau liegt dort, wo die Hauptstraße nach Osten abbiegt.

Ein Schwerpunkt in meiner Arbeit als Berater und Architekt ist die Planung von Einfamilienhäusern. In diesem Bereich Feng Shui sinnvoll anzuwenden, erfordert viel intuitive Arbeit und detaillierte Ortsanalysen. Letztlich geht es darum, herauszufinden, was die Menschen, für die das jeweilige Haus gebaut wird, wirklich möchten, und was das Potenzial des Ortes ist.
Wenn ich zu Beginn eines Projekts den Eindruck habe, dass meine Auftraggeber Feng Shui nur als Etikett oder Markenzeichen aus Prestigegründen auf ihr zukünftiges Haus kleben möchten, ist es für mich schwierig, einen Einstieg zu finden. Dann ist Vermittlungsaufwand gefragt, damit deutlich wird, dass wir es bei Feng Shui mit einer Naturphilosophie zu tun haben, die erst in der lebendigen Interaktion des Menschen mit seinen Räumlichkeiten in der jeweiligen Situation ihre Wirkung entfaltet. Wenn das gelingt, realisiert sich ein kultureller Austausch zwischen Ost und West im Sinn eines transkulturellen Ziels: einen stimmigen Lebensort zu finden und glücklich zu leben.

Himmel, Erde und Mensch

Im Folgenden berichte ich über eines meiner aktuellen Projekte, an dem man von außen nicht zwingend erkennen wird, dass hier Feng Shui im Spiel war. Das Haus, das derzeit nahe der Ortschaft Ellwangen in der schwäbischen Ostalb neu entsteht, hat nichts Chinesisches an sich, sondern wird ein ganz „normales“ europäisches Wohnhaus.
Der Kunde wollte sich ein ruhiges Haus auf dem Land als Wohnsitz bauen. Den Baugrund in Ellwangen zu kaufen, war für ihn eine Bauchentscheidung, er fand den Platz einfach schön. Beim näheren Hinsehen passte das Grundstück tatsächlich ausgesprochen gut zu ihm, die Ausrichtung nach Osten hin mit Blick über ein sanftes Tal deckte sich günstig mit den Qi-Qualitäten seiner Konstitution.
Die typischen Schritte der Feng-Shui-Analyse, die meine Kollegen und ich im Lauf der Zeit in unserer Bürogemeinschaft etabliert haben, folgen dem Prinzip San Cai, das sich in etwa mit „Drei Entitäten“ übersetzen lässt. Diese drei sind Himmel, Erde und Mensch. Der Himmel repräsentiert in der chinesischen Kosmologie das reine Yang, die Erde das Yin und der Mensch deren ideale Mischung. Die Einflüsse auf einen Ort lassen sich mit diesem Konzept in drei sinnvolle Ebenen gliedern. Zum Himmel gehören beispielsweise Einflüsse durch das Wetter oder die Lichtverhältnisse ebenso wie zeitliche Aspekte.
Indem ich zunächst die vier Himmelsrichtungen in den Fokus nehme, wird schon vieles über den Charakter eines Geländes deutlich. Das Ellwanger Grundstück gliedert sich in einen wärmeren, nach Süden gewandten Bereich, und einen kälteren, der weniger Sonne erhält. Die Haupt-Windrichtung dieser Gegend ist Nordwest, so dass bereits klar ist, welche Richtung den meisten Schutz benötigt.

Die Umgebung sprechen lassen

Blick über das Tal nach Osten.

Zu den ersten Schritten gehört für mich auch, optische Achsen in der Landschaft zu suchen, an denen sich das zukünftige Gebäude orientieren kann. Die dominierende Achse ist in unserem Beispiel der Blick über das Tal auf eine prominente Landmarke, eine Wallfahrtskirche auf der Kuppe eines Hügels. Damit sind wir beim Bereich „Erde“ angekommen – beim Blick auf die Landschaft rund um den Baugrund. Wenn man sich nicht ausreichend Zeit nimmt, die Umgebung zu betrachten, beraubt man sich vieler Potenziale, die für die Arbeit eines Architekten von zentraler Bedeutung sind. Wu Wei ist hier eine angemessene Herangehensweise, der Zustand des Nicht-Handelns: Selbst still sein, – nicht aktiv eingreifen – und die Umgebung sprechen lassen.
Es ist erstaunlich, auf wie vielen Ebenen ein Grundstück Charakter zeigt. Das reicht von physischen Erfahrungen – bekomme ich hier nasse Füße, oder bläst mir der Wind Sand in die Augen? – über gefühlte Eindrücke – ist es ein lieblicher, geschützter oder ein exponierter, herausfordernder Platz? – bis hin zum Erkennen von bildhaften Mustern auf einer topografischen Karte. All dies sind Ebenen des Qi, das Naturkräfte, körperliche Lebenskraft, emotionale Herzenskraft wie auch geistige Kraft in einer universellen Lebensphilosophie vereint. Bei einer Betrachtung der Qi-Flüsse um das Ellwanger Grundstück kommen wir zum Menschen-Qi, das „auf der Straße“ fließt. Hier stellt sich die Frage, wie sich dieses Qi in der neu zu bauenden Struktur „verfangen“ kann, und ob es notwendig ist, dieses Qi zunächst zu verlangsamen, damit es sich sammeln kann. Das Grundstück ist nicht von sich aus gut an den Qi-Fluss der Straße angebunden, deshalb galt bei meiner Planung dieser Verbindung besondere Aufmerksamkeit. Das Erd-Qi des Orts kommt vornehmlich aus dem östlichen Tal, in dem eine starke Yin-Energie wahrnehmbar ist – eine Art Sammelbecken für natürliches Qi, das für das Straßendorf bei Ellwangen prägend ist.
Wenn wir bei der Landschaft sind, stellt sich als nächste Frage, ob sich auf dem Grundstück die vier Tiere finden lassen – das Modell eines idealen Feng-Shui-Orts: im Rücken die schützende Schildkröte, in Blickrichtung der aufsteigende Phönix, an den Flanken der stärkende Tiger und der Drache. Im Rückenbereich bietet die Topografie wenig Deckung, so dass das Haus selbst einen starken Rücken ausbilden muss. In diese grundlegende Landschaftsinterpretations-Technik konnte ich auch meine Kunden einbeziehen. Für sie war es sehr aufschlussreich, bewusst in alle Richtungen zu schauen, das Vorhandene auf sich wirken zu lassen, und eine Vision für Neues zu entwickeln.
Selbstverständlich untersuchte ich das Grundstück auch hinsichtlich Wasser-adern, Verwerfungen und anderen radiästhetischen Phänomenen. Geomantisch interessant war ein Kruzifix, wie man es in Süddeutschland des öfteren findet. Es steht an der Straße an einer der Längsseiten des Grundstücks. Von dort aus führt eine geomantische Linie auf die Kirche des gegenüberliegenden Bergs zu, die das Grundstück wohl an eine größere energetische Landschaftsstruktur anbindet. Ich machte gegenüber meinen Kunden wegen dieser Entdeckung kein großes Aufheben, aber diese Energie erschien mir sehr stimmig. Der Hausherr ist eine kraftvolle Person; er weiß, was er kann, und will zukünftig noch mehr von seinem Potenzial  verwirklichen. So empfand ich die kraftvolle geomantische Struktur als passende Spiegelung der Persönlichkeit. Diese Kraft soll auch das Haus ausdrücken.

Planen mit weichen Faktoren

Das unbebaute Grundstück.

Auf dem Weg zum Entwurf lege ich viele Zwischenstufen ein, von klassischen westlichen Herangehensweisen wie topologischen Studien, die in den 70er-Jahren üblich waren, bis hin zu diversen Skizzen mit bildhaften Darstellungen, die Analogien aus dem Feng Shui aufgreifen. Dabei stellen sich grundsätzliche Fragen wie: Gehen wir mit dem Gebäude in die Mitte und setzen eine prägnante Marke, oder rücken wir zur Seite und ordnen uns unter? Schließlich muss geklärt werden, ob die vorgeschlagene Bauform mit dem örtlichen Bauordnungsrecht übereinstimmt.
Der Entwurf, der hier letztlich entstanden ist, orientiert sich an den Hauptaufgaben des Hauses: erstens, eine angenehme Lebensqualität zu ermöglichen, indem die Schönheit der Umgebung auch in den Innenräumen erlebt werden kann; zweitens, eine maßgeschneiderte, flexible Nutzungsverteilung im Grundriss mit dem Wunsch nach einem offenen Haus zu verbinden; und drittens, den neuen Baukörper gut in das Dorf einzugliedern.
Die Form des Gebäudes und die Wegeführung realisieren die Anbindung an die Qi-Flüsse auf dem Grundstück. Es ist eine Struktur entstanden, die wörtlich „die Arme ausstreckt“: Die Zufahrt beschreibt eine einladende Geste zum Qi-Fluss der Straße hin, der sich in einem Vorhof sammeln kann. Die Ostseite blickt zum Tal hin und kann mit einem Wintergarten das natürliche Qi aus dieser Richtung aufnehmen. Im Westen schützt ein langgestreckter Gebäudeteil, der die Gästezimmer und Hobbyräume beherbergen wird.
Das Zonierungskonzept berücksichtigt, dass die Räume im Norden dunkler sind, sie entsprechen dem Yin, die hellen Räume im Süden dem Yang. In der Mitte entsteht eine ausgeglichene Zone. Also bietet sich der Norden für die privaten Ruheräume, der Süden für einen Wellnessbereich mit Swimmingpool (Yang steht für Aktivität) und die nach Osten blickende Mitte als Wohnzimmer an. Es gab in den Entwürfen mehrere Varianten dieser Aufteilung, die vor allem damit spielten, wie die Mitte des Hauses funktionieren würde. Die Mitte, das Taiji, ist der ruhige Pol, in dem alles verwirklicht ist, und um den alles kreist. Durch die Wegeführung steht das Zentrum in Verbindung mit dem „Qi-Sammelplatz“ (Mingtang) auf dem Vorhof und einem weiteren Mingtang innerhalb des Hauses im Übergangsbereich zum Garten im Osten. Die Kunst für ein gutes Feng Shui im Haus ist jeweils, einen harmonischen Rhythmus von Sammlung und Bewegung  zu erreichen.
Auf diese Weise ist eine einfache Architektur entstanden. Ein Außenstehender würde nichts von den differenzierten Schritten, die zu ihrer Umsetzung geführt haben, bemerken. Doch sicherlich werden die Bewohner und Besucher des Hauses spüren, dass dies ein stärkender Ort sein wird, in dem sich ihre Potenziale frei entfalten können.