Grün

Einladung zu einer Farbmeditation

von Stephan Andreas Kordick erschienen in Hagia Chora 26/2007

Diese Farbreise ist eine Einladung, sich der Farbe Grün auf eine meditative und sinnliche Weise zu nähern. Da Grün in der Lebensraumgestaltung zwar eine sehr interessante Farbe ist, jedoch in Bezug auf Umsetzung und Farbtonauswahl dem Gestalter einiges Fingerspitzengefühl abverlangt, kann es sehr hilfreich sein, einige Facetten dieser Farbe aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

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Diese Farbreise ist eine Einladung, sich der Farbe Grün auf eine meditative und sinnliche Weise zu nähern. Da Grün in der Lebensraumgestaltung zwar eine sehr interessante Farbe ist, jedoch in Bezug auf Umsetzung und Farbtonauswahl dem Gestalter einiges Fingerspitzengefühl abverlangt, kann es sehr hilfreich sein, einige Facetten dieser Farbe aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Gerne lade ich Sie ein, mich auf einer farblichen Reise durch die Kräfte und Qualitäten der lebendigen Farbe Grün zu begleiten. Sie brauchen dafür 15 Minuten Zeit, in denen Sie die inneren Bilder und Empfindungen während der Reise einfach geschehen lassen. Nehmen Sie die großartigen Farb-impressionen, die Ihre Fantasie erzeugen kann, als Geschenk an. Zuerst lade ich Sie ein, den Blick über die verschiedenen Grüntöne auf dem nebenstehenden Bild schweifen zu lassen und zu beobachten, welches Grün Sie dabei am meisten anzieht. Wenn Sie ihren Grünton gefunden haben, lassen Sie sich innerlich ganz tief in diese Farbe hineinsinken. Nehmen Sie sich dazu ausreichend Zeit, den Kräften und Qualitäten dieser Farbe nachzuspüren. Wenn Sie jetzt die Augen schließen, das Gefühl der Farbe aber in Ihrem inneren Fokus behalten – welche Bilder sehen Sie jetzt? Kommen vielleicht Düfte oder Klänge in Ihren Sinn? Unsere Reise beginnt draußen in der Natur. Wir unternehmen einen Spaziergang und genießen den strahlenden, wolkenfreien Himmel und die Wärme der Nachmittagssonne, die uns wonnig durchstrahlt. Das leise Summen der Bienen und der Wohlgesang der Vögel lassen auch unsere Seele klingen. Die Natur mit all ihrem Reichtum scheint uns zu umarmen und einzuladen. Wir gehen unseres Weges und kommen zu einer großen Wiese, die in uns das unbändige Verlangen weckt, barfuß über das Gras zu laufen. Ihr frisches, saftiges Grün glänzt in der Sonne und schillert in unterschiedlichen Facetten. Wir sehen und empfinden das Grün der Wiese und ihre räumliche Weite. Wir spüren, wie sich unser Herz durch die Kraft des Grüns öffnet und über die Wiese verströmen möchte. Mittlerweile erstreckt sich die Wiese bis zum Horizont. Wir fühlen uns stark und vitalisiert, die Lebenskraft der Erde durchströmt unseren Körper, Geist und unsere Seele. Welches Grün entsteht vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie sich auf diese Wiese versetzen? Wie intensiv und kraftvoll, wie hell, kräftig oder dunkel erscheint es Ihnen? Die Wiese lädt uns ein, sie ganz zu erfahren, und sie bittet uns, uns hinzulegen. Wir spüren, wie das kühle und weiche Gras unseren Körper trägt. Mit der Zeit beginnt unser Körper durch das helle Sonnenlicht, das uns bescheint, ganz langsam durchsichtig, durchlässig zu werden, so dass die grüne Farbe aus dem Untergrund durch uns hindurchstrahlen kann. Wir werden ganz erfüllt von der Farbe Grün, bis wir völlig mit der Wiese verschmolzen und zu einem ihrer tausend Grashalme geworden sind. Trotzdem spüren wir noch unser eigenes Herz und unseren Körper. Wie fühlen Sie sich jetzt? Wie lebendig sind Sie? Welche Lebenskraft wohnt in Ihnen? Welchen Impuls wollen Sie genau jetzt gerne ausleben? Was würden Sie jetzt am liebsten tun? Wir erheben uns und möchten die Wiese und ihre Umgebung weiter erkunden. Bald können wir einen Waldrand erkennen, und wir schreiten andächtig auf das Baumwerk zu, das wie eine große Familie vor uns steht. Das Grün dieses Waldes hebt sich deutlich und kräftig vom Grün der Wiese ab. Es wirkt mächtig und erhaben auf uns ein, das Rauschen der Blätter singt uns ein herzliches Willkommenslied. Die grünen Blätter schmeicheln dem Wind und spielen die Sinfonien der Natur. In schattigen Winkeln nähert sich das dunkle Waldesgrün einer verführerischen Dunkelheit, die unsere Neugierde weckt. Was liegt hinter dieser Mauer aus Lebendigkeit, die der Wald vor uns aufgebaut hat? Welche Geheimnisse werden hier gehütet? Welche Kräfte wohnen in diesem Wald? Stellen Sie sich einmal vor, Ihr eigenes Haus oder ihre Wohnung bestünde nicht aus totem Holz und Steinen, sondern aus lebendigen Bäumen und Büschen. Wie wirkt dieses Bauwerk auf Sie? Welches Bauwerk hält uns selbst aufrecht wie den Baum? Welche Kräfte und Geheimnisse wohnen hinter unseren eigenen Mauern? Sind sie undurchdringlich wie eine Steinwand, oder durchlässig wie die Blätterwand des Waldes? Wie sehr wollen wir unser Inneres verbergen oder schützen? Wir nähern uns weiter dem Wald und erkennen bereits die einzelnen Bäume. Jeder von ihnen ist eine individuelle Persönlichkeit. Wir nehmen sie zugleich als einmaliges Individuum und als ganzheitliche Gruppe wahr, spüren ihre Verbundenheit und Stärke, ihr Miteinander und Füreinander. Nach ein paar Schritten in den Wald hinein gelangen wir an einen besonders großen und mächtigen Baum, der sein gewaltiges Blätterdach über uns aufspannt. Selbst durch dieses dichte Laub dringen Sonnenstrahlen bis an den Waldboden. Im Farbenspiel der Sonne wirkt das Grün einmal hell und einmal dunkel auf uns ein. Wie beschützt fühlen wir uns unter dem Blätterdach? Welche Empfindungen kommen in uns hoch, wenn wir durch den Vorhang der Sonnenstrahlen in dieser grünen Kathedrale Licht und Schatten zugleich erfahren? Wie verändert uns das?
Jetzt stellen wir uns mit dem Rücken an den großen Baum und schauen hinaus auf die weite Wiese, von der wir gekommen sind. Wir sind gestützt durch den Baum in unserem Rücken, über dessen Wurzeln wir mit unzähligen weiteren Bäumen, ja mit dem ganzen Wald und sogar mit den Gräsern der Wiese verbunden sind. Aus all ihnen strahlt die Kraft des lebendigen Grüns. Die Gräser und die Bäume bringen uns diese Farbe nahe und zeigen uns die enorme Willenskraft, gen Himmel zu steigen, dem Licht der Sonne entgegen. Auch wenn sie den Himmel nie erreichen, streben die Gräser und der Baum nach oben. Sie wollen wachsen und gedeihen, blühen und sprießen, sich selbst übertreffen und aus sich heraus treiben. Die Farbe Grün erfüllt uns mit der Lust und dem Willen, selbst zu wachsen und innerlich wie äußerlich zu erblühen. Sie vermittelt eine natürliche und selbstverständliche Lebendigkeit, die zu neuen Taten ermutigt. Bevor wir aus unserer inneren Landschaft in die Alltagswelt zurückkehren, nehmen wir noch einen tiefen Atemzug und strecken uns in alle Richtungen. Wir wollen in alle Richtungen des Lebens vorwärts streben und reiche Früchte ernten. Wir fühlen uns gesund und stark und erwachen mit weitem und offenem Herzen und gesundem und wachem Geist.