Fülle des Lebens

Das Horror-vacui-Prinzip

von Marko Pogačnik erschienen in Hagia Chora 26/2007

„Horror vacui“ – Angst vor der Leere – ist für die Wissenschaft Ursache der künstlerischen Gestaltung von Flächen bei Urvölkern. Kinder und Urvölker tendieren dazu, eine gegebene Fläche voll auszufüllen und keinen Raum der Leere zu überlassen. Liegt dem tatsächlich Angst zugrunde? Oder geht es um ein anderes Weltbild? In seinen neuen grafischen Arbeiten erkundet Marko Pogaˇcnik die Potenziale des Horror-Vacui-Prinzips.

Das globalisierte Bewusstsein des modernen Menschen sieht sich selbst getrennt von der Ganzheit, die er als seine Umwelt betrachtet. Wir sprechen davon, dass sich Bäume, Häuser oder Berge „um uns herum“ befinden – nicht davon, dass wir in ihre Kraftfelder und in ihr Bewusstsein eingewoben sind. Objekte der Umwelt werden – durch die Augen des Verstands betrachtet – als einzelne und isolierte Erscheinungen wahrgenommen. Folglich kann man sie auch in der Kunst einzeln und isoliert darstellen. Auf diese Weise wurde die hoch bejubelte Kunst der Renaissance und des späteren Realismus möglich. Betrachtet aus der Perspektive der fälschlicherweise Horror vacui benannten Kunst, gibt es keine Leere, keine Lücke, die zwischen dem in die Ganzheit des Seins eingebundenen Menschen und der Fülle der Lebenserscheinungen klaffen würde. Diese künstlerische Ausdrucksweise entspricht einem Weltbild, bei dem der Mensch auf die Ebenen und Dimensionen des Erdkosmos eingestimmt mitschwingt. Gibt es aber eine Möglichkeit, die beiden entgegengesetzten Weltanschauungen zu vereinen? In den Konzepten und Ausdrucksformen der Geomantie finden wir viele Entsprechungen zum Bewusstsein der Allverbundenheit, beispielsweise im Thema der Kraftfelder. Es handelt sich hier nicht nur um elektromagnetische Felder, in die wir als physische Körper naturgemäß eingeschlossen sind. Ich spreche vor allem von den feinstofflichen Feldern des Raums, die man als Aura von Orten und Landschaften wahrnehmen kann – wir können sie als die vital-energetischen, emotionalen und mentalen Kraftfelder, aus denen die Aura eines Orts oder Gegenstands komponiert ist, bezeichnen. Letztlich kann man auch von der Gesamtaura des Planeten sprechen. Alle Wesenheiten der Erde baden in der mehrdimensionalen Aura der Landschaft und der Wohnräume – eine Bedingtheit des Lebens, der wir nicht entfliehen können, solange wir lebendige Wesen sind. Wesentlich ist: Wir entscheiden selbst, ob wir uns in die Aura der Welt eingewoben fühlen oder nicht.

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