Antennen der Seele

Was die Geomantie mit dem Haupthaar zu tun hat

von Iris Weber erschienen in Hagia Chora 26/2007

Was hat unser Haupthaar mit Geomantie zu tun? Iris Weber, im Hauptberuf Frisörin, gelangte durch ihre geomantische Tätigkeit im Zweitberuf zu überraschenden Analogien von Naturlandschaften und Haarlandschaften.

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Haare und ihre Wuchsrichtung sind beweglicher Ausdruck unseres Wesens. Als Frisörin, die täglich mit der Haarpracht von Menschen umgeht, erfahre ich deren Kopf- und Gesichtshaut wie eine Landschaft in der Natur oder auch wie ein Kunstwerk. Der schalenförmige Schädel ist vergleichbar mit der Kuppel eines Doms, unter der gedacht und gefühlt wird. Die Haare sind wie ein Gemälde, ein Mandala oder ein Kosmogramm auf dem Äußeren dieser Kuppel. Das Besondere dabei ist, dass sie beweglich sind – ein Schwingungsbild abgeben. Ich vergleiche Haare gerne mit Wasserklangbildern: Sie formen sich durch die dem Menschen innewohnende Energie und Information. Der oberste Teil des Körpers, das Haupt, ist wie eine von Menschenhand noch unberührte Landschaft. Unberührt, weil wir Haut und Haare nicht selbst bewegen können. Die Haare wachsen aus der Kopfhaut wie Pflanzen in der Natur. Insofern kann man diese Landschaft analog zur Landschafts- oder Stadtgeomantie deuten. Im sensiblen Umgang mit Haaren geht es wie in der Geomantie um das Verstehen von Form, Kraft und Energiefluss sowie um das Erspüren des „Wesentlichen“, des inneren Bilds.

Haare als Antennen

Zwischen Schädel und Kopfhaut gibt es weder Fettgewebe noch Muskulatur. So ist dort kein Platz für gewachsene Körperformen, und es ist keine willentliche oder unbewusste Mimik möglich. Die Haut über dem Schädel kann weder lächeln noch zürnen – sie ist wie sie ist. Stellen Sie sich einmal ihren Kopf als einen Erdball vor. Blut und Lymphe bilden Flüsse und Seen, die Knochen das Gestein, die Haut den fruchtbaren Boden, und darauf wachsen die Haare. Sie sind wie die Pflanzen und Blumen für die Erde der Schmuck des Menschen. Haare bewegen die Haut, die den Resonanzboden des Gehirns bildet. Sie bewegen sich ohne unser willentliches Bewusstsein durch die Art und Weise, in der sie im jeweiligen Moment fallen, sowie durch die Dynamik ihres Wachstums. Dabei verhalten sie sich wie Bäume: Sie weichen Störzonen aus und verändern ihre Wuchsrichtung. Kinder spielen mit ihren Haarlocken, wenn sie nachdenken, oder zupfen sich Haare aus, wenn sie traurig sind. Man kennt den Drang, in schöne Haare zu fassen, oder über den Kopf zu streichen. Wir kommunizieren ganz selbstverständlich von Kindesbeinen an mit unseren Haaren, wie in Urzeiten die Menschen wohl mit den Bäumen und Steinen gesprochen haben. Redewendungen über Haare sind plakativ: „um Haaresbreite“, „den Zopf abschneiden“, etwas „am Schopf packen“, ein „haariges Problem“. Die Wuchsrichtung und die daraus entstehende Form der Haare ist einmalig wie ein Fingerabdruck. Wohl deshalb wurden Haare bis heute rituell und kommunikativ verwendet und bewertet. Als Mode getarnt, sind moderne Frisuren Zugehörigkeitsmarke und bildlicher Ausdruck der Persönlichkeit. In natürlicher, gesunder Verfassung sind Haare ein Bild des Ichs. Sie wachsen dort, wo der Mensch seinen körperlichen Höhepunkt hat, wo er sich die Krone aufsetzt. Wie die Blütenblätter einer Blume wendet sich das Muster der Haarlocken dem Himmel entgegen. Ich spreche von Haaren gerne als schwingende, Wellen erzeugende Antennen, die senden und empfangen: Eindruck, Ausdruck, Licht, Farbe, jegliche Energie. Und so weit hergeholt ist die Analogie zur Antenne nicht: Haare sind in ihrer molekularen und äußeren Struktur spiralförmig aufgebaut. Jede Veränderung an den Haaren ergibt eine andere „Sendung“ – von außen nach innen und umgekehrt.

Der Weg zum „Goldenen Schnitt“

Links: Blütenmuster bei gesundem Haar.
Mitte: Nachwachsende, gesundende Haare.
Rechts: Hier zeigt sich der Feder- und Flügelcharakter von Haaren.

Während meiner Geomantie-Ausbildung habe ich begonnen, geomantische Herangehensweisen auf meine berufliche Tätigkeit als Frisörin zu übertragen. Da es bei Frisuren ja um das Finden der richtigen Proportion geht, lag es nahe, sich intensiver mit heiliger Geometrie und Harmonik zu befassen. Dabei machte ich die erstaunliche Beobachtung, welch harmonisierende Wirkung es hat, auch bei Frisuren die Proportion des goldenen Schnitts, des harmonischen Maßes des Menschen, anzuwenden. Von dort ausgehend, entwickelte ich ein neuartiges Haarschneidesystem, das ich den „Goldenen Schnitt“ nenne. Diese Schneidetechnik folgt der natürlichen Wuchsrichtung und der Torsions-eigenschaft (Drehkraft) der Haare. Sie beinhaltet eine erweiterte Wahrnehmungstechnik für das persönliche Wesensbild in den Haaren, für den energetischen Inhalt von Haar und Form und möchte den natürlichen Energiefluss und die Ausbildung der ursprünglichen Signatur des Menschen in den Haaren unterstützen. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass eine Harmonisierung der Haare energetisch auf Körper und Seele zurückwirkt – schließlich wirken Haare wie feinste Akupunkturnadeln in die Kopfhaut ein. Der Entwicklungsprozess dieser Haarformungstechnik hat nicht nur die Haare und die Menschen, die ich so behandelt habe, verändert, sondern zunächst einmal mich selbst. Er brachte mich zurück zu meinen Wurzeln. Der erste Beruf meines Großvaters war Bildhauer, erst später wurde er aus gesundheitlichen Gründen Frisör. So ging ich, nach 30 Jahren professioneller Frisörpraxis, in der Tradition unserer Familie wieder zurück zu einem künstlerischen Weg. Das gewohnte Handwerksbild des Frisörs hatte schon lange nicht mehr der Vorstellung, wie ich mit Haaren umgehen wollte, entsprochen. Ich wollte den Menschen keine modischen Standards aufdrücken, sondern begann die Haare zu fragen, was sie wirklich wollen. Doch war es zunächst nicht einfach, ihre Sprache verstehen zu lernen. Die intensive Beschäftigung mit Biologie, natürlicher Heilkunde, energetischer Medizin, Psychologie und zuletzt auch Geomantie brachten mich schließlich dem Ziel näher, Haare „lesen“ zu können. Die ständige Beobachtung brachte mir mit der Zeit ihre Sprache bei, und die Erkenntnisse der genannten Wissenschaften ließen sich analog in die Welt der Haare übersetzen. Die Vielschichtigkeit des Ausdrucks der Haare hat meine Bereitschaft, in diesem Bereich weiter gefasst zu denken, verstärkt und bestätigt. Heute entspricht meine Arbeit meinem Herzensanliegen: Ich nehme Haare in die Hand, beobachte und frage, was und wohin sie wollen, wo sie abgeschnitten sein wollen – welchen „Schnitt“ es zur Neu-orientierung braucht, was sie brauchen, um schön zu sein und die Persönlichkeit des jeweiligen Menschen in die Sprache seiner Haare zu übersetzen. Dieses neue Handwerk nenne ich Haargeomantie, weil ich in der Geomantie die ideale Begleitung und Analogie für meine Arbeit sehe. Mit diesem Begriff kann ich Menschen ermutigen, ihre Wahrnehmung von ihrem Kopf wie auch von der Landschaft zu erweitern und die eigene Körperlandschaft als Teil der Natur zu begreifen. Ein Haarschnitt kann für einen Menschen eine tiefgreifende Transformation bedeuten. Deshalb gewinnt für mich das persönliche Gespräch während dieses Prozesses zunehmend an Bedeutung. Häufig zeigen sich während des Haareschneidens Wesensbilder aus der Kindheit oder aus anderen prägenden Lebenszeiten im Gesicht. Symbolhafte, archaische Ausdrücke, wie z.B. das Wilde, das Engelhafte, das Erdige etc., werden sichtbar. Die Menschen werden tief berührt, wenn sie sehen, was in ihnen steckt, und beginnen, sich zu trauen, bisher versteckte Seiten zu leben. Das wirkt wiederum auf die Haarpracht zurück, denn Haare reagieren auf Gefühle ebenso wie auf körperliche Veränderungen. Stress entzieht unseren Haar-Antennen beispielsweise Kraft, dadurch zieht der Körper symbolisch gesprochen seine Fahne auf Halbmast – die Haare leiden.

Haarlandschaften

Das Konstruktionsmuster einer Spirale im goldenen Schnitt – das „Auge Gottes“. Der innerste, kleinste Kreis, entspricht dem Punkt, an dem ein Haarwirbel aus der Kopfhaut herauswächst.

Wo liegen nun weitere Parallen zwischen der Geomantie und der Behandlung von Haaren, die einen so ungewöhnlichen Begriff wie Haargeomantie – eigentlich müsste man ja von „Pilimantie“ sprechen (lat. pilus, das Haar) – rechtfertigen? Wie Verletzungen in der Landschaft geschaut und erspürt werden können, so können über die Formensprache, das Haarpsychogramm, die Physiognomie und das erweiterte Schauen und Hören Ungleichgewichte von Körper und Seele in Haut und Haar wahrgenommen werden. Einzelne Haare und Haarsträhnen können wie Akupunkturnadeln genutzt werden. „Verwerfungen“ und „Wasser-adern“ im Mikrokosmos des Planeten Kopf sind – wie an der Bewegung der Bäume in der Erdlandschaft – an den Haaren erkennbar. -Haare zwieseln, haben Drehwuchs, wachsen flach oder ausweichend aus der Kopfhaut, scheiteln oder verwirbeln sich, um auszudrücken, was unter ihnen vor sich geht.
Haarausfall wirkt wie ein abgestorbener Wald. Gewohntes ist verschwunden, die Elementarwelt hält das System nicht mehr zusammen. Die Zellen verweigern die Nahrungsaufnahme – auch hier kann man nach tieferliegenden Gründen suchen. Hat auch die Kopf-Landschaft ihren Genius Loci? Meine Erfahrung ist, dass wenn das Wesentliche dieser Landschaft wieder gesehen wird, sich der Genius entfaltet. Achtet und würdigt man den Wesensgeist des Menschen, die Gestalt und Gestaltung seiner Seelenkraft, so wächst seine Lebenskraft und körperliche Vitalität. In der raumharmonischen Gestaltung, bei Kleidern und in der Farbtherapie ist die Wirkung von Licht und den Farben unbestritten. Und das Färben von Haaren ist so alt wie die Tradition, Kleider zu färben oder Lehmhütten und die Haut zu bemalen. Oft wird graues Haar als langweilig und gar altmachend geächtet, aber auch ein Grau kann glänzen und strahlen. Graues Haar ist ein kluges Ergebnis einer Körperregeneration: Minerale werden durch Übersäuerung im Körper dem Haar entzogen, gleichzeitig wird dadurch mehr Licht in die Zellen geleitet. Da weißes Haar wie ein Prisma wirkt, erhält der Körper damit wieder das volle Angebot aller Spektralfarben. Nicht umsonst werden bei Naturvölkern die „Grauen“ als weise Personen besonders gewürdigt. In der Haargeomantie setze ich Farbe als Mittel der Balancierung ein. Farbe zieht, führt und leitet Energie. Farbige Haarsträhnen können als Netzwerk von Kraftlinien und Kraftpunkten Wirbel und Scheitelungen aufwecken, entlasten oder überhaupt erstmals verbinden. Sieht man den menschlichen Körper als Gebäude, entspricht die Haut der Außenmauer. Der Aufbau der Haut, zu der auch die Haare gehören, gleicht einer natürlichen Steinschichtung, aber auch einer Schutzmauer, in die durch die Anordnung der Steine bewusst schützende Strukturen, wie beispielsweise das Opus Spicatum (Fischgrätmuster zur Harmonisierung von Erdstrahlen) eingebaut sind. Für den Austausch lebenserhaltender Stoffe wie Wasser, Luft und Minerale wirkt die Anordnung der Hautschichten in der Oberhaut wie gutes Mauerwerk, das Stau und Austrocknung verhindert. Durch verschließende Hautpflege oder Gewebeübersäuerung entsteht durch Flüssigkeitsstau eine Auflösung und Zerstörung des kristallinen Teils der Barriereschicht in der Oberhaut. Die Haut kann nicht mehr entgiften, stofflich wie ätherisch, und unbequeme Frequenzen können eindringen, die normalerweise „abgewehrt“ werden.

Mit den Haaren sprechen

Wer nun seine Kopfhaut und seine Haare, anders als bisher gewohnt, bewusster in den Fokus nehmen möchte, braucht sich nur die Kopfhaut als Landschaft mit all ihren Wesens- und Formeigenschaften vorzustellen. Es lohnt sich, diese Körperlandschaft in Ruhe zu erkunden. Massieren Sie sich beispielsweise am Morgen in aller Ruhe die Kopfhaut: Tasten Sie sich mit den Fingerspitzen von Ort zu Ort, gehen Sie in Gedanken auf Ihrem Schädel spazieren, halten Sie Ausschau, was Ihnen dort begegnet. Hände sind sensible Wahrnehmungsorgane: Welche inneren Bilder tauchen in Ihnen auf, wenn Sie die Schläfen, den Scheitel oder den Atlas-Wirbel massieren? Als Massagerichtung empfehle ich, sich vom höchsten Punkt abwärts bis zum Nacken vorzuarbeiten. Haarekämmen ist eine gute Möglichkeit, sich von einem Zuviel an Energie, das man eventuell durch geomantische Arbeit, wie es beim Rutengehen leicht passieren kann, aufgenommen hat, wieder zu befreien. Wichtig ist, dabei eine Naturborstenbürste zu verwenden, am besten mit Wildschweinborsten, denn diese befreien am besten von anhaftenden Energien – es sei an die wilde Sau als Ritualtier erinnert. Das tägliche Kämmen mit einer Naturborstenbürste befreit die Kopfhaut von Salzen und Fetten, die wiederum für die Haare das beste Pflegemittel sind. Wer die Haare lang trägt, sollte darauf achten, dass sie bis in die Spitzen in guter Qualität sind. Die Basis der Pflege sind natürliche Produkte, keine chemischen Mittel, die unsere „Haarantennen“ nur voneinander isolieren, so dass sie nicht mehr miteinander sprechen können. Empfehlenswert sind auch intensive Massagen beim Haarewaschen und tägliches Bürsten. Haare helfen, uns zu entladen. Lassen wir es zu und unterstützen wir sie, indem wir ihnen Aufmerksamkeit schenken und uns der Form, in der wir sie gerade tragen, bewusst werden. Haare haben ein gutes Gedächtnis und sind Speicher für Giftstoffe, Mineralstoffe und energetische Muster (Information). Selbst an abgeschnittenen Zöpfen kann man die Information aus der damaligen Lebenszeit noch erspüren. Damit arbeite ich auch, um zum Beispiel die Haarlänge zu ermitteln – wieviel soll im wahrsten Sinne abgeschnitten werden, um sich -dem Neuen zuwenden zu können? Trauen Sie sich, Ihre Haare über Ihre Geschichte zu befragen – was ist dort noch gespeichert und möchte vielleicht gelöst oder transformiert werden? Es kann sehr spannend sein, die eigenen Haare zu befragen, besonders die Haare oder Haarbündel, die so gar nicht unserem Wohlgefühl -entsprechen.