Die Welt ist Raum

Raum, Form und Maß als Ausdruck des Lebens

von Wolf-Dieter Blank erschienen in Hagia Chora 26/2007

Räume bestimmen unser Leben, und wir orientieren uns im Raum mit differenzierten Sinneswahrnehmungen und Empfindungen. Architektur, die aus diesen Empfindungen lebt, stärkt den Menschen.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (546 KB)

Dach des Mailänder Doms (Duomo St. Maria Nascente), seine ca. 4000 Statuen machen ihn zu einem einmaligen Bauwerk.

Jeden Tag bewegen wir uns durch verschiedenste Räume. Doch nehmen wir wirklich wahr, was sie in uns bewirken? Ich lade Sie ein zu einem Experiment: Begeben Sie sich in einen interessanten, ungewöhnlichen, Sie negativ oder positiv beeinflussenden Raum, schließen Sie die Augen, und gehen Sie in Ruhe ein paar Fragen nach: Wie klingt der Raum an Ihr Ohr? Welchen Geschmack erzeugt er auf der Zunge? Wie fühlen sich Ihre Füße an, wie Ihr Bauch, der Brustbereich und der Kopf, wenn Sie in diesem Raum stehen? Experimentieren Sie in dem Raum mit all Ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten. Womöglich erhalten Sie ein Bild von Realitätsebenen, die jenseits unserer physischen Existenz liegen, aber dennoch eine Form von Sinneswahrnehmung erzeugen können. Was ist es nun, das uns in Räumen auf so vielschichtige Weise beeinflusst? Um diese Frage klären zu können, müssen wir uns zunächst mit der Form und den Maßen von Räumen befassen. Räume gibt es viele unterschiedlicher Art: Innenraum, Außenraum, Lebensraum, Freiraum (häufig vernachlässigt), Ort, Parzelle, Stadt, Hügel, Bach, Wiese, Schlucht, enge Gasse, Haus, Kinder- und Elternzimmer. Wir sprechen sogar vom Naturraum, vom Kulturraum bis hin zum Weltenraum. Raumqualitäten zu benennen, ist eher ungewöhnlich, doch man kann sie genauso selbstverständlich beschreiben wie gute Akustik oder die Qualität der Raumluft.

Was ist ein Raum?
Raum ist seit jeher in allen Kulturen ein unwiderstehliches Objekt der Begierde gewesen, bis heute reizt es die Herrscher, ihn zu erobern und ihre Macht mit viel Raum zu belegen. Zu einem Raum gehören Grenzen, sie gestalten sich durch natürliche Hindernisse, Markierungen mittels Steinen, Stadtmauern bis hin zu so massiven Schutzbauwerken wie die chinesische Mauer oder den Limes. Auch in unserem individuellen Zimmer ziehen wir Grenzen um uns. Sehr bewusst tun dies z.B. Heranwachsende, um sich vom elterlichen Einfluss zu distanzieren und sich zu verwirklichen. Der Planer, der Architekt, gestaltet mit seinem Tun immer ein Stückchen umgrenzten Raum und führt es einer besonderen Nutzung zu. Was geschieht dabei?
Der vormals „freie Raum“ wird durch den Menschen gebunden und geprägt, dabei kommt es zur gegenseitigen Beeinflussung. Die gesamte Erde ist geprägt von den unterschiedlichen Kulturen in unterschiedlichen Räumen. Zumeist ist Raum mit dem Begriff des Anhaftens verbunden. Längeres Anhaften an einen Raum nennt man Heimat: Starke Emotionen wurden in den Raum projiziert oder haben sich dort durch Erlebnisse verankert. Insofern erzeugt Raum auch psychische Beeinflussung und Probleme sowie Chancen auf verschiedenen Ebenen der Existenz. Jede Erfahrung ist immer mit einem Raum verbunden. Die Stadt ist ein von Menschen geschaffener Körper auf einem bestimmten Raum, der durch körperliche und spirituell-geistige Aktivitäten und Emotionen seine eigene Identität erhält. Wir sprechen auch vom Stadtraum oder Stadtkörper. Hier existieren unterschiedliche „Unterräume“ nebeneinander: Wohn- und Arbeitsflächen, Straßen und Parkplätze, grüne Inseln und Müllhalden, Sanierungsgebiete oder neue Siedlungen, Hafenbecken oder Flughafen, die alle eine auf ihre Art eigene Raumerfahrung bewirken und zusammen die Erfahrung „der spezifischen Stadt“ ermöglichen. Die Stadt dient als Bühne, als Labyrinth, als Katastrophe, als Kulisse, als ein spezifischer Weg durch die Welt.
Der historische Stadtraum manifestierte in jeder Epoche eine spezifische Gestalt. Ursprünglich sollte die Stadtgestalt eine Verknüpfung von Himmel und Erde sein, während der heutige Stadtraum vom mechanistischen Weltbild der Trennung von Mensch und Natur, von Subjekt und Objekt, Technikdominanz, Funktionalität und Rationalität geprägt ist. Zugunsten der Rationalität wurden dabei andere Aspekte des Seins zurückgedrängt: Emotio-nalität, Spiritualität, Sensitivität, aber auch die Kunst. Spiritualität wird aus dem Denken verbannt, der Geist der Moderne drückt sich in Gegnerschaft gegenüber nicht-rationalen Positionen aus. So wirkt der städtische Raum oft agressiv, -asozial, monoton, gewalttätig. Er macht krank durch seine Maße, die Materialkälte und Dominanz rechteckiger Formbildung, als bestehe die Welt nur aus Grenzen: Körper und Seele, Mensch und Natur, feindliche Umwelt und menschliche Ego-Bedürfnisse. Doch es zeigt sich bereits eine neue Welt. Unbestimmtheit in Bezug auf die Zukunft unserer Erde, neue Theorien in der Physik, die ein Denken in Feldern und Systemen mit sich bringen, das Verständnis, in einem schöpferischen Kosmos zu leben und die Erkenntnis der unsichtbaren Organisationskräfte der Natur – sie transzendieren das mechanistische Weltbild und bringen uralte Werte in neuem Gewand zum Vorschein.

Raum in Ost und West

Säulen in den Tempelanlagen von Karnak in Luxor, Ägypten.

Bei den alten Chinesen ist die Kraft des Universums, des kosmischen Raums, das Dao, das das Eine erzeugt, aus dem die Zwei entstehen: Yin und Yang. Diese wiederum erzeugen die Drei: Himmel, Erde und Mensch. Diese drei erzeugen alle Wesen. Die alte chinesische Kultur hat die Verantwortung und das Wissen um energetische Qualitäten des Raums und der Zeit in einzigartiger Weise bewusst verarbeitet und formalisiert. So findet sich im Yijing – wie ebenfalls in der altindisch-vedischen Literatur – der Grundsatz: Nicht die ruhenden Zustände sind die letzte Wirklichkeit, sondern das geistige Gesetz, von dem jegliches Geschehen seinen Sinn und Impuls dauernder Wirkung erhält. Der Wandel, bedingt durch Yin und Yang und die fünf Elemente, ist unausweichlich und ein fester Bestandteil der Welt Der Westen ist im Wandel. Zwar zeigt sich die westliche Ökologie noch recht technisch orientiert, doch keimt ein neues Verhältnis zur Natur, zur Landschaft, zur Erde, zum Wasser und zum Wind, den Kräften, die das Feng Shui als „nicht erfassbar und greifbar“ apostrophiert. Ein Weg zeigt sich, der in ein neues Verständnis des Raums und in die Liebe zum Raum hineinführt. Westliche und östliche Geomantie und Planungen haben gezeigt, dass das Zusammenspiel aus Umfeld, Stadt, Häuserblock, Haus und Wohnraum ein reich gegliedertes Kraftfeld darstellt, das den Menschen mannigfaltig positiv und negativ durch die entstehenden Felder und Schwingungen und verschiedensten Informationen beeinflusst. Wird eine Struktur in eine Landschaft hineingestellt, ergeben sich zahlreiche lebendige Interaktionen und Wandlungsprozesse in den verschiedenen Dimensionen. So gesehen, kann auch eine Stadt eine spezifische Form von Natur werden. Dies ist ein noch sehr weiter Weg, insbesondere in Deutschland, aber lohnenswert zu beschreiten und unausweichlich.

Die Form
Genau wie uns in der Natur ein schöner Baum unwillkürlich „anspricht“, so „spricht“ jeder Bau zum Betrachter. Die Frage nach der Wirkung von Architektur auf den Menschen beschäftigt im Westen die Architekturpsychologie. Und die Psychologie sagt uns, dass 90 Prozent aller Kommunikation nonverbal stattfindet. Dazu zählen Gesten, Musik, Bilder und auch Architektur.
Der bekannte holländische Architekt Rem Koolhaas, Träger des „Pritzker-Preises“, des Architektur-Oskars, sagte in einem Interview mit der Zeitung „Welt am Sonntag“: „Die Architektur von heute ist hohl und desorganisiert.“ Er spricht von der Masse an schneller und billiger moderner Architektur als „Schundraum, … der bewohnbar ist, … denn Menschen können sich überall schlecht fühlen. … Architektur hat damit nichts zu tun!“ Was er hier anspricht, ist in erster Linie die Form, die Gestalt eines Baukörpers, die zu einer spezifischen Raumwirkung führt. Eine alte Symbolform beispielsweise berührt uns im Innersten, sie öffnet quasi einen Raum in uns, kommuniziert mit uns und übermittelt eine Information. Formen, die sich aus der Gestalt und den Proportionen des menschlichen Körpers oder Gegebenheiten der Natur ableiten, wirken positiv auf den Menschen, ebenso Grundformen der Geometrie (heilige Geometrie), die zu allen Zeiten kulturübergreifend in die Architektur eingeflossen sind. Die geometrische Struktur der Spiegelung finden wir in tibetischen Mandalas, mittelalterlichen Fensterrosetten wie im indianischen Medizinrad. Diese archetypische Form liegt im Grundriss vieler sakraler Bauten, weil sie den Menschen an geistige Inhalte führen kann. Besondere Bedeutung kommt dem Mittelpunkt als Fokus der Meditation und Durchlass in geistige Welten zu. Positiv ist eine Form auf jeden Fall, wenn sie architektonisch auf die Sinne der Menschen abgestimmt ist, auch auf den Gleichgewichtssinn. Schrägen, insbesondere im Vertikalen, führen zu Irritationen. Und spitze Formen sind immer ein Ausdruck einer gewissen Aggression. Entscheidend für eine Form ist auch das Maß. Bereits 1887 wurde von dem Psychologen Gustav Theodor Fechner durch Test-reihen festgestellt, dass unter 10 verschieden proportionierten Rechtecken das dem goldenen Schnitt am meisten angenäherte mit dem Seitenverhältnis 21:34 von der Mehrzahl der Testpersonen als das wohlgefälligste empfunden wurde.

Das Maß

Tempel der Moderne: Die Walt Disney Concert Hall, entworfen von Architekt Frank Gehry. Das Gebäude ist die Heimat des Philharmonie-Orchesters von Los Angeles und versteht sich als Symbol für die „einzigartige Energie und den kreativen Geist der Stadt Los Angeles“.

Das Wort Maß steht bei uns auch heute im Mittelpunkt einer großen Vielfalt von Begriffen, die über Naturwissenschaft, Philosophie, Ethik, Ästhetik, Architektur bis zur Politik reicht. Interessante Wörter sind z.B. Angemessenheit, Maßlosigkeit, Übermaß, Vermessenheit oder Maßstab. Schon im 5. Jahrhundert v.Chr. sagte der Philosoph Protagoras „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, und der Nichtseienden, dass sie nicht sind.“ Und von dem römischen Architekten Vitruv stammt der Satz: „Kein Tempel kann ohne Symmetrie und Proportion eine vernünftige Formgebung haben, wenn seine Glieder nicht in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen wie die Glieder eines wohlgeformten Menschen.“ Darauf beriefen sich fast alle mittel- und nachmittelalterlichen Maßvorstellungen; die Renaissance sah in den menschlichen Maßverhältnissen die rationale Grundlage der Schönheit und Vorbedingung künstlerischen Schaffens. Die Basis dieser Maße bilden Quadrat und Kreis, in die der menschliche Körper ausgestreckt eingeschlossen ist. Der Kreis ist das Symbol für den Himmel (das Helle) und das Quadrat das Symbol für die Erde (das Dunkle). Aus beiden erwachsen eine Fülle von Formen. Die alten Bezeichnungen für Baumaße entspringen alle dem menschliche Körper: Die Elle entspricht der Länge des Unterarms bis zur Spitze des Mittelfingers, es gibt den „Fuß“ als Maß ebenso wie den Schritt, Hand- und Fingerbreiten. Die Spanne entspricht dem Abstand vom Daumen bis zum kleinsten Finger bei gespreizter Hand, ein Klafter ist der Abstand zwischen den Fingerspitzen ausgestreckter Arme. Die Versuche, einen gültigen Kanon der menschlichen Gestalt festzulegen, reichen von den Ägyptern bis in die heutige Zeit. Eine Schlüsselrolle nahm hierzu Vitruv ein (siehe auch Sigfried Braunfels et al.: „Der vermessene Mensch“, München 1973). Das Maß hat auch immer etwas mit Qualität zu tun – die Doppelbedeutung des Wortes zeigt dies. Maßlosigkeit verursacht Unbehagen an vielen Bauten unserer Zeit, während umgekehrt die Qualität vieler bewunderter Bauwerke verschiedener früherer Zeit-epochen gerade in der Sicherheit der Proportionen, als einem weiteren Aspekt der Form zu finden ist. Der Architekt Kurt Lehmann schreibt 1956: „Es ist nicht gut, dass die künstlerische Verantwortung, die das Motiv‚ in Form bringt‘, abhanden gekommen ist. Und so mag man, wenn man über das unzweifelhafte Abgleiten der neuen Baukunst in die Niederungen des Geschäftlichen nachdenkt, als die Hauptursache den mangelnden Ernst des Proportionierens erkennen.“ Proportion ist nun ein Teilproblem der Form, sie kann aber ebenso wenig wie Harmonie an sich keine Form schaffen, jedoch der gestaltenden Form eine Dauer verleihen. Sie ist die Beziehung zwischen zwei und mehr Größen. Formenbildung ist abhängig vom Zeitgeist und unterliegt damit Wandlungsphasen. Die Proportion unterliegt keiner Veränderung. Die Verhältnisse 1:2 oder 3:4 bleiben immer gleich, insofern ist die Struktur der Proportion immer jenseits des Zeitgeistes anzusiedeln. Selbst die WHO beschäftigt dieses Thema: „Es ist wohlbekannt, dass Faktoren wie die Größe und Proportionen von Räumen große psychologische Effekte haben. … Die Proportionen von Wohnräumen sind von größter Bedeutung für das Wohlbefinden.“ Eine Abkehr und Lösung vom Maß des Menschen vollzog sich bereits in der französischen Revolution mit der Einführung des Metermaßes als 0,0004. Teil des Erdumfangs an Stelle von Fuß und Elle. Damit war der erste Schritt getan in einen Funktualismus und zur „Traurigkeit“ weiter Teile der heutigen Architektur.

Schönheit
Kommen wir zu einem weiteren Aspekt der Form: der Schönheit. Andreas Palladio stellt fest: „Die Schönheit erwächst aus der schönen Form, aus der Übereinstimmung mit den Teilen, der Teile untereinander und mit dem Ganzen …“ Der Neuplatoniker Plotin (um 250) sah die irdische Schönheit auf der Ausstrahlung des absolut Schönen beruhend, also als einen Widerschein der übersinnlichen Welt. Bedeutsam ist auch der mittelalterliche Gedanke der Ordo –, der auf das Göttliche ausgerichteten Ordnung der Welt: Nichts steht außerhalb der göttlichen Ordnung, nichts im Universum ist ungeordnet. Im Buch der Weisheit finden wir: Alles hast Du nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. In moderneren Zeiten wurde diesem Aspekt natürlicher Ordnung zunehmend weniger Bedeutung beigemessen, und in den Abhandlungen über Architektur kam es zunehmend zu starren Systemen von Proportionsregeln, die die Erzeugung architektonischer Schönheit garantieren soll (z.B. Säulenordnungen). Ordnung wird heutzutage mit einschränkender Bevormundung gleichgesetzt. Dabei haben die Begriffe Ordnung und Harmonie in einem ganzheitlichen Sinn die abendländische Weltvorstellung jahrhundertelang geprägt. Der griechische Begriff Harmonia bedeutet Anpassung, Verbindung, Verknüpfung, Vereinigung von verschiedenen Dingen zu einem geordneten Ganzen.

Zum Maß gehört die Zahl
In der Zahl, die messbare Gestalt und Form annimmt, offenbart sich der Kosmos als ein Ordnungszusammenhang. Für die Pytha-go-räer waren die Zahlen das Gesetz der Welt, in ihnen lag auch das Gesetz des Schönen und der Werke der Schaffenden. Von Aristoteles stammt der Satz „… der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl“. Im griechischen Zahlensystem fehlte die Null, die Eins hatte dadurch eine besondere Stellung und galt als das höchste Sein. Die Zwei entspricht der Linie als Verbindung zweier Punkte, Drei ist die Fläche im Dreieck als einfachste Flächengestalt, die Vier der Körper als Tetraeder. 1+2+3+4 =10, das Zusammenfassen der Vielheit zur Einheit –10 – stand für die vollkommene Zahl. Die Griechen unterschieden bereits gerade und ungerade Zahlen, die ihren Ursprung in der Eins – im Sein – haben. Nach pytha-goräischer Lehre ist das Ungerade das positive Prinzip, es bedeutet „Grenze“, das Gerade dagegen ist das Unbegrenzte. Beide sind Ausdruck der Polarität. Bei Plutarch (ca 100 v.Chr.) hat die gerade Zahl in der Mitte einen leeren, empfängnisbereiten Raum, die ungerade dagegen eine zeugungskräftige „Mitte“. Diese Mitte lässt sich z.B. durch die Untersuchungen von Eike Hensch bezüglich der energetischen Abstrahlung von Kerzenleuchtern gut nachvollziehen: Eine starke Wirkung geht von einem drei- oder fünfarmigem Leuchter aus, da sich ein intensives Wirkungsfeld in dessen Mitte ausbildet. Bei einem zwei- oder vierarmigen Leuchter fehlt die Mitte und bleibt somit „empfängnisbereit“ offen – die zur Zentrierung komplementäre Qualität entsteht. Je nachdem, ob man mit einer Architektur die Wirkung von Offenheit oder Geschlossenheit erzielen möchte, wird man folglich mit unterschiedlichen Zahlen arbeiten. Sie können dieses Phänomen selbst einmal testen, z.B. mit zwei Kerzenleuchtern, von denen der eine eine gerade und der andere eine ungerade Anzahl Kerzen trägt: Sie entzünden jeweils die Kerzen eines Leuchters und setzen sich in einer meditativen Stimmung davor. Welche inneren Bilder tauchen auf bei einem dreiarmigen Leuchter – welche bei einem vierarmigen? Die Vier gilt als Zahl der geschaffenen Welt, der vier Elemente und Himmelsrichtungen, im Christlichen auch als Zahl des Kreuzes. Die Verbindung von Quadrat und Kreis als Zeichen des die Welt befreienden Erlösers findet sehr viele Darstellungen im Grundriss des Quadrats mit einer sich darüber spannenden Kuppel. Bei der Neugründung von Städten nahmen die Römer zunächst eine Vierteilung des Raums vor durch die sich am „Nabel“ der zukünftigen Stadt kreuzenden Nord-Süd bzw. Ost-West ausgerichteten Achsen Cardo und Decumanus. Das „magische Quadrat“ hat neun Felder, es ist Symbol für Ordnung und Organisation und Grundriss der chinesischen Stadt. Die Hauptstadt bestand aus einem Viereck aus neun Quadraten. Die römische Stadt ist ein nach Norden ausgelegtes Quadrat und im Raum spirituell verankert, Mittelpunkt war eine Grube, die mit diversen Opfergaben gefüllt war. Im christlichen Kontext wird die Stadt Jerusalem als ein Quadrat mit 12 Toren dargestellt. Oder Indien: Im Vastu-Purusha-Mandala wird der ungegliederte Kosmos bei Stadt- oder Hausgründung in eine rechteckige Form gezwungen. Dies geschieht durch Eingreifen der Götter, die den herabgestürzten Purusha flach auf dem Boden festhalten, wobei die Fläche idealerweise aus 9 Quadraten besteht. Über die Zahl kommen wir auch zu den Intervallen. Töne und Zahlen entsprechen sich, denn schwingende Seiten erklingen in musikalischen Intervallen, wenn ihre Längen zueinander in ganzen Zahlenverhältnissen stehen: 1:2 ergibt die Oktave, 2:3 die Quinte etc. Der Gedanke eines nach musikalischen Zahlenverhältnissen aufgebauten Kosmos ist verbunden mit der Idee der Sphärenharmonie, die bis zu Johannes Kepler (16./17. Jahrhundert) lebendig war. Die Harmonie der Weltseele findet nach -Plato ihr Abbild in der menschlichen Einzelseele: Es sei ein Kennzeichen der Verwandtschaft des Menschen mit den Göttern, dass der Mensch mit Sinn für Ordnung, Maß, Proportion und Harmonie ausgestattet sei. Das Wesen des Schönen und Guten liege im rechten Maß und in der Symmetrie. Auch heute ist der Gedanke von harmonikalem Bauen und Wohnen lebendig. Neben der Planung von Häusern, die nach Quinte, Quarte, Terz etc. auf der Basis eines Grundtons als dem längsten Maß berechnet werden, erfolgt dieses z.B. auch bei Möbeln; es gibt bereits sogenannte Resonanzmöbel.

Die Zeit bringt den Wandel
Heute geht es in Architektur und Stadtplanung auch um die Entwicklung neuer Ordnungssysteme. Funktionen haben sich gewandelt, der Satz Form follows function hat längst an Gültigkeit verloren. Auch traditionelle Typologien in der Architektur gibt es nicht mehr, ein Haus muss nicht mehr wie ein Haus aussehen, ein Bahnhof nicht mehr wie ein Bahnhof, ein Badezimmer nicht mehr wie ein übliches Badezimmer. Die Anforderungen an den Raum sind komplexer geworden. Eine ideale Form, den Raum zu organisieren, gibt es nicht mehr. Heute ist fast alles möglich – das einzige, was heute noch nicht beherrschbar ist, ist die Schwerkraft, Gebäude müssen noch immer „landen“. Menschen sind aktiv auf der Ebene von Körper, Seele und Spiritualität, deshalb sollte der ganzheitlich denkende Planer in der Lage sein, Gegensätze zusammenzufügen – den materiellen Bau mit dem geistig-spirituellen Anliegen, so dass immer auch ein geistiges Wachstum ermöglicht wird. Architektur muss viele Disziplinen zusammenfügen und verknüpfen, um ein würdiges Leben und Wohnen zu erreichen. Ein neuer Geist drückt sich auch darin aus, dass man beim Erwerb eines Raums nicht das zeitweilige Besitztum in den Vordergrund stellt, sondern die Verantwortung für den Platz und die Erde, das Erkennen ihrer Kräfte, der Versuch ihrer Heilung abhängig von Bewusstsein und Erkenntnisfähigkeit des Heilenden. Die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und das Zurücknehmen des Ichs, die Hinwendung mit offenem, liebevollem Herz und Geist, das Einlassen von Empfindungen und Gefühlen muss erst geübt werden, um nicht vom Ego und vom Verstand überlagert zu werden. Maya, Täuschung, – um ein Wort aus der indischen Philosophie zu verwenden – ist immer um uns herum und verschleiert unsere Sicht und unser Bewusstsein.
Es gibt viele Wege, das eigene Bewusstsein für den Raum zu stärken. Dabei hilft es, das eigene „Innen“ mit dem „Außen“ zu verbinden. Folgen Sie zum Beispiel einmal dieser Vorstellung: Sie stellen sich Ihren eigenen Innenraum wie einen großen, physischen Raum vor und lassen sich diesen Raum immer weiter ausdehnen, bis er die gesamte Weite des Kosmos umspannt. In dieser Weite lassen Sie nun Ihren Körper schweben, er wird ganz sicher gehalten in der Harmonie der Sphären. Dann fließt aus Ihrem Herzen eine Lichtspur zu dem Ort, an dem Sie leben. Das ist Ihr Ankerseil im Kosmos, mit dem Sie in Ihren irdischen Heimat-Raum zurückkehren. Wieder angekommen, verschmelzen Sie mit der Erde und spüren zugleich, wie sie im Kosmos schwebt. Architektur ist nicht zuletzt eine Frage der Bildung: Bilden und Bauen – beides formt das menschliche Leben. Ersteres im Inneren durch Wissen, Erfahrung und Ausrichtung, Letzeres im Äußeren durch das Schaffen der Lebensräume aus physischem Material. In beiden Bereichen ist von denjenigen, die die Formgebung zu verantworten haben, Vorauswissen und eine ausgebildete Gestaltungskraft gefordert. Insofern ist die (Herzens-)-Bildung des Planers ein wichtiger Beitrag für eine neue Um- und Mitwelt. +