Editorial

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 26/2007

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

sind Sie schon mal am Abend vor einem Bienenstock gestanden und haben Kontakt zu diesen Wundertieren aufgenommen? Ein erstaunliches Erlebnis! Keine
Abfl üge, keine Landungen mehr, aber alles krabbelt noch emsig herum, geschäftiges Treiben am Eingang – und dann das Konzert der abertausend Flügelschläge, die den Bienenstock auf der richtigen Temperatur halten. Es duftet nach Wachs und Honig. Nichts könnte behaglicher sein. Aber kennen Bienen so etwas wie ein Gefühl von Behaglichkeit? Gibt es überhaupt eine Verbindung zwischen ihnen und uns? Wenn die Bienen in uns Gefühle auslösen, fühlen sie dann auch den stillen Beobachter vor ihrer summenden Welt? Das individuelle Tier lebt nur wenige Monate, aber der Bien – in der Sprache der Imker das Bienenvolk – erkennt seinen Bienenvater über Generationen. Am Abend vor dem vollen Stock ist das kollektive Bienen-Bewusstseinsfeld fast greifbar zu spüren. Wie aber verhält es sich tagsüber, wenn sich der Bien weit übers Land hinweg vereinzelt, in Tausende von Blüten kriecht, vom köstlichsten Stoff des Planeten nascht, dabei ganz nebenbei fundamental lebensfördernde Arbeit verrichtet, bevor er abends wieder in dichtem Gewimmel zusammenkommt? Wie mag sich solches Leben, solches Bewusstsein anfühlen? Noch ist die Forschung über die Intelligenz zum Beispiel von Insekten rar, und erst wenige Autoren fragen, wie diese Intelligenz mit unserem Leben in Beziehung zu setzen sei. Es braucht lange Hingabe, bis ein Imker seinen Bienen so nahe ist, dass ihm die Nuancen im Klang des abendlichen Gesumms sagen, wie es ihnen geht – bis er irgendwann mit der Immenseele sprechen kann. Geomantinnen und Geomanten mühen sich, wieder mit der Erdseele ins Gespräch zu kommen. In seiner „Liebeserklärung an die Erde“, seinem neuen Buch, entwickelt Marko Pogac?nik ein schönes Bild: Man könne sich die Erde als Stern vorstellen, der es geschafft habe, seine Leuchtkraft im Inneren zu behalten und somit an seiner Oberfl äche fruchtbares Leben gedeihen zu lassen, das über die Schönheit der Blumen, die schneebedeckten Berge und silbernen Ozeane in den kosmischen Raum hineinstrahlt. Ein solches Bild kann helfen, die Erkältung unserer Beziehung zu Gaia – nur ein unbedeutender Steinbrocken, der am Rand einer mediokren Galaxie um einen mickerigen Gasball kreist? – zu heilen. Wesen scheinen Zentrierung zu brauchen. Den Bienen mag ihr Stock das warme Zentrum ihres Kosmos bedeuten, das die Identität ihrer Gruppenseele sichert. Für den Naturphilosophen Jochen Kirchhoff ist die Erde ein bewusstes Gestirn, ein kosmisches Wesen mit einer Seele, die sich im Zentrum radial verstrahlt. Es scheint schwer genug, mit dem Bewusstseinsfeld getigerter, flauschiger, sechsbeiniger Haustiere zu kommunizieren. Wieviel schwieriger, sich die Erdmitte als Bewusstseinsfokus unserer Lebensträgerin vorzustellen – schnell gerät das Denken in bloße Abstraktion, und das Gefühl versagt vor der Idee der Größe des Erd wesens. Dabei lebte Gaia urdenkliche Zeiten lang im Bewusstsein der Menschen als Archetyp „Frau“. Sie war die Mutter der Jahreszeiten, die Gebärerin allen Lebens, sie war die mit den tausend Namen und Gesichtern. Der Modernismus tut derlei Personifi zierung als kindlich-naiv ab, und selbst zeitgenössische Visio nen, die die Erde als Ganze zu fassen versuchen, nähern sich nur auf Umwegen der persönlichen Intimität der frühen Beziehung: James Lovelocks Gaia-Hypothese, Vladimir Vernadskys und Teilhard de Chardins Noosphären oder Jochen Kirchhoffs Radialfeld-Vorstellung. Es geht wohl nicht darum, welches Bild das richtigere, aufgeklärtere oder spirituellere sei. Die Frage heißt, was diese Bilder in jeder Sekunde des Alltags bedeuten, ob wir nun die Biene am Fenster, den Kühlschrank in der Ecke oder unseren eigenen Kopf brummen hören. Ist Gaia wirklich lebendig, dann ist alles, was wir hören und sagen, letztlich ihre Stimme, dann ist, was wir fühlen, Ausdruck ihres Gefühls, dann ist alles, was da ist, ihr Geschenk. Und sind die Bienen und wir nichts anderes als Gaias Geschenke, dann dürfte die Kluft zwischen uns nicht so breit sein, als dass wir sie nicht auf der Brücke der primordialen Qualität der Erdseele überqueren könnten – der Liebe. Ändert sich etwas, wenn uns dieses Bewusstsein nicht mehr verlässt? Mit den besten Wünschen für eine honigduftende Sommerzeit.