Editorial

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 25/2007

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

weil unser Bewusstsein bestimme, wie wir die Welt sähen, zeige sich das Universum als Spiegel unserer Wünsche und Erwartungen – diese Behauptung scheint von mannigfacher Erfahrung und Forschung gestützt, und wir lesen sie immer wieder, sowohl in unseren eigenen Zeitschriften als auch in verwandten Publikationen, in denen man sich kulturkreative Gedanken über das Wesen des Bewusstseins macht. „Ich erschaffe mir meine Wirklichkeit selbst“, so wird allent-halben gepredigt, verbunden mit der Aufforderung, Selbstverantwortung zu übernehmen. Letzteres ist unstrittig ein lauteres Anliegen, braucht aber in Zeiten global organisierter Verantwortungslosigkeit, die von denjenigen, die geldgeil mit dem Globus spielen, dreist als „Selbstverantwortung“ umetikettiert wird, eine ethische Definition, die Gammel vom Guten zu unterscheiden hilft. Denn ersteres stimmt auch zum Beispiel für Monsanto, Syngenta, Pioneer: Diese geballten Bewusstseine kreieren zielstrebig ihre Wirklichkeit – und alle, die deren genetische Monster fördern und zulassen, verantworten die Folgen vor sich selbst und der Welt vollmundig ganz allein. Dasselbe gilt für alle übrigen globalen Zocker – um den Euphemismus Global Players nicht zu strapazieren –: die Konsumgütergiganten, Gentiermäster, Waffenhersteller, Wasserprivatisierer, Ressourcengeier, Machtgernhaber.
Grübelt man über diesen offensichtlichen Missbrauch des Worts „Selbstverantwortung“, und assoziiert man mit der Behauptung von der Selbsterschaffung der Wirklichkeit etwa das eine oder andere Wort großer Meister des Dao, so keimt der Verdacht auf, dass im genauen Gegenteil dieselbe Wahrheit liegen könnte. Uns persönlich macht es nachdenklich, warum so wenig von der komplementären Perspektive die Rede ist, erscheint sie uns doch viel spannendere Konsequenzen als die ichzentrierte Variante zu bergen, gerade für uns Westeuropäer, die wir nur allzu gern zu mentaler Einigelung neigen. Denn was tut der gespiegelte Satz mit uns: „Weil alles um uns herum Bewusstsein ist, das seine Welten formt, sind wir ein Spiegel der Wünsche und Erwartungen des Universums?“ Und wie klingt das: „Ich bin Ausdruck der Selbstverantwortung all dessen, was mich umgibt?“ Wir sind nun mal nicht isoliert voneinander, und so mag meine Wirklichkeit vielleicht nichts anderes sein als das Resultat der kreativen Essenz all der Bewusstseine, die da sind, meines eingeschlossen. Allein dass ich so etwas denken und äußern kann, setzt doch voraus, dass mein Gedanke und seine Äußerung in der Wirklichkeit eines anderen Bewusstseins zugelassen, ja tatsächlich gewünscht sind. Ich komme offenbar in vielen Bewusstseinen vor, die mich zum Beispiel als Gegenüber in ihrer jeweiligen Wirklichkeit kreieren. Es ist aufregend, sich das bildlich vorzustellen. Jede Zelle, die sich in uns äußert – und das tun sie alle permanent, solange sie leben –, jedes Molekül in uns, das mit einem anderen mit Hilfe der Biophotonenstrahlung kommuniziert – alle bestimmen ihre Umwelt, empfangen zugleich und werden durch das bestimmt, was sie empfangen. Alles, was sich in uns und um uns herum befindet, strömt auf unser Bewusstsein ein, drückt sich darin ab, formt unsere Wirklichkeit – und offensichtlich wollen wir alle genau das, denn genau das ist die Wirklichkeit, die wir gemeinsam kreieren, ein milliardenstimmiges Bewusstseinskonzert der Wesen auf diesem Planeten.
Haben wir Angst davor, fremdbestimmt zu sein, abhängig von den Gedanken, Gefühlen, Wünschen und Ewartungen der Menschen, Tiere, Pflanzen, Pilze, Einzeller und Bakterien um uns herum? Müssen wir unser Ich als Bollwerk gegen diesen auf uns einströmenden Bewusstseinsstrom ausrichten? Ist das der Grund für die Autohypnose der „selbstkreierten Wirklichkeit“? Für uns hat das Bild der Miteinanderbewegung Heimatqualität gewonnen, es ist ununterscheidbar, wer wen bewegt und was durch was bewegt wird – Kohärenz. Offenbar scheint sich der Kosmos ein Wesen zu wünschen, das genau wir sind. Es scheint, als seien wir willkommen – und frei, unsere Wirklichkeit so zu erschaffen, dass restlos alles, was auf uns einströmt, darin vorkommen kann, darf und soll.
Lara Mallien und Johannes Heimrath