Spiegelung des Lebens

Das Haus als Symbol der Seele, Teil 1

von Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 25/2007

Die Resonanz zwischen Mensch und Haus erschließt sich nicht durch kausale Ableitungen, sondern im Analogiedenken.

Im Feng Shui, der chinesischen Geomantieform, liest man oft, ein Mensch könne es in einem bestimmten Haus zu nichts bringen, da es „ein schlechtes Feng Shui“ habe. Dieser Aussage liegt das Kausalitätsdenken unserer Zeit zugrunde: Es geht mir schlecht, weil ein äußerer Faktor mich nicht vorankommen lässt. Auch in der Astrologie werden manchmal die Sterne kausal herangezogen, um Einflüsse zu erklären. Zuweilen bemüht man sogar physikalische Kräfte, um zu erklären, wie ein bestimmter Planet auf unsere Psyche einwirkt. Erst recht gilt diese Denkweise in Systemen, die sich aus den Naturwissenschaften entwickelt haben oder diesen gerne nahestehen möchten, wie z.B. die Radiästhesie oder die Elektrobiologie. Ich möchte diesem deterministischen Denken in kausalen Sachzwängen eine andere Denkart gegenüberstellen, die vielleicht zunächst etwas befremdend sein mag, die aber – so glaube ich – den Ursprüngen geo-mantischer Denksysteme viel näher liegt: Das Analogiedenken. Und ich möchte zeigen, dass selbst so kausal erscheinende Systeme wie die durch und durch physikalisch inspirierte Elektrobiologie sich ebenso analog deuten lassen, dass elektrische Felder in (deutbarem) Bezug stehen zu inneren Seelenereignissen und -zuständen.
Aber ist das nicht absurd? Welchen Einfluss sollten unsere Art zu denken und zu fühlen, unsere seelischen Schattenbereiche und Wünsche auf physikalisch messbare Ereignisse „dort draußen“ haben?
Nun, es stellt sich dabei die Frage, ob es ein solches „da draußen“ überhaupt gibt. Einige neuere Forschungsergebnisse der Gehirnforschung zeigen, dass dies ganz und gar nicht so zwangsläufig der Fall sein muss, wie wir es uns gern vorstellen.

Innen und Außen
Anfang der 1990er-Jahre erkannten die Neurophysiologen Giacomo Rizzolatti, Vittorio Gallese und Leonardo Fogassi aus Parma, dass das Gehirn keine Unterscheidung trifft, ob eine Handlung im Außen ausgeführt wird oder wir sie uns nur vorstellen: An Makakenäffchen wurden Elektroden am unteren prämotorischen Cortex platziert, einem Areal der Großhirnrinde, in dem Handlungen geplant werden. Die Messgeräte sprachen dementsprechend an, kurz bevor das Äffchen eine Nuss greifen wollte. Ein Zufall – wenn es denn einen solchen gibt – zeigte, dass die prämotorischen Neuronen genauso feuerten, wenn der Experimentator die Hand nach der Nuss ausstreckte. Egal, ob das Äffchen die Handlung im Innern plante, oder der Experimentator sie ausführen wollte, stets war dasselbe Hirnareal aktiv. Die entsprechenden Neuronen wurden daher auch „Spiegelneuronen“ getauft: Sie spiegelten das Außen in unserem Inneren, oder anders ausgedrückt: Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen Vorstellung im Inneren und Handlung im Außen.
Diese Versuchsreihe ließ sich noch viel weiter ausführen: Bei Paaren feuerten dieselben Neuronenareale der Frau, wenn ihrem männlichen Partner Schmerz zugefügt wurde – selbst, wenn sie dies nicht unmittelbar sehen konnte!
Der Forscher Karl Pribram vermutete als einer der ersten, dass unser Gehirn wie ein Hologramm aufgebaut sei und Informa-tionsverarbeitung überall im Gehirn stattfände. Für Pribram ist unser Realitätserleben an sich holografisch. Er beschrieb das Universum als holografischen Komplex, und der einzige Grund, warum wir das Gefühl hätten, „in“ der Realität zu sein, sei derjenige, dass sich unser Bewusstsein mit der Welt „dort draußen“ holografisch verbände. Unsere Wahrnehmung fände folglich nicht im Gehirn statt, sondern interagiere mit der Welt „dort draußen“.
Mit derartigen Aussagen nähert sich die Hirnforschung der Quantenphysik an: Das Bewusstsein, die Absicht des Forschers bestimmt, ob ein Phänomen als Welle oder Teilchen messbar sein wird. Als Welle betrachtet, haben Elektronen oder Photonen keinen festen Aufenthaltsort, sondern sind lediglich „Wahrscheinlichkeitsfelder“, beabsichtigt der Forscher aber, das Phänomen als Teilchen zu betrachten, kollabiert das Wahrscheinlichkeitsfeld und wird zu einem festen Objekt mit genau bestimmbarem Ort zu einer bestimmten Zeit: Das Universum zeigt sich als Spiegel unserer Wünsche und Erwartungen.

Form und Inhalt
Ebenso ist unser Haus ein solcher Spiegel und nicht etwa „schuld“ an einer gescheiterten Partnerschaft, weil es z.B. nach dem Drei-Türen-Bagua des Feng Shui im „Partnerschaftseck“ einen Fehlbereich aufweist. Die Wohnung zeigt analog zur Seelenentwicklung des Klienten bestimmte Formensprachen, von denen er sich durch Resonanz angezogen fühlt. Der Grundriss ist in dieser Sichtweise zunächst eine „Kristallkugel“, die es mir erlaubt, in die Seele des Bewohners zu blicken, nicht aber Ursache seines Seinszustands. So betrachtet, ist das Haus, in dem Sie wohnen, immer richtig! Es ist richtig, weil es mit Ihnen in Resonanz steht – und das tut es meiner Erfahrung nach immer.
Es ist ein wunderbarer Entschuldigungsmechanismus, unsere Umwelt für unsere Handlungen verantwortlich zu machen. Effektiver und machtvoller aber ist die Vorgehensweise, uns die Realität zu erschaffen, die wir wirklich haben möchten. Auch dazu dient uns die Geomantie: Als ein Werkzeug der Realitätsgestaltung.
Unsere Wohnung ist ein Spiegel. Ja, aber es ist ein magischer Spiegel. Dieser Spiegel erlaubt uns nämlich, Veränderungen an ihm vorzunehmen, die sich sozusagen auf die „Welt hinter dem Spiegel“, die Analogieebene, auswirken. Von diesen Wirklichkeitsebenen wirkt die Veränderung zurück bis in physische Realitäten hinein. Machen wir eine kleine Übung, um zu verdeutlichen, was gemeint ist:
Schließen Sie einen Augenblick die Augen, und beobachten Sie sich selbst. Wie geht es Ihnen gerade? Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Welche Gefühle sind da? Ist da ein Problem, das bewältigt werden muss? Ist da Trauer, weil etwas nicht so ist, wie es sein sollte?
Und nun betrachten Sie Ihre Haltung, Wie sitzen Sie? Wo sind Verspannungen? Wie ist die Haltung Ihres Kopfs? Spüren Sie in Ihr Gesicht hinein – welche Mimik haben Sie? Wie verhält sich die Stirn, wie verhalten sich die Mundwinkel?
Und nun stellen Sie sich vor, in welchem Zustand Sie gerne sein würden: Möchten Sie Freude empfinden? Zuversicht? Ausgelassenheit? Werden Sie sich klar darüber, was Sie möchten.
Wenn Sie das Wunschgefühl in sich spüren, beginnen Sie, Ihre äußere Haltung diesem Gefühl anzupassen. Bald sitzen Sie aufrechter mit entspannten Schultern, heben die Mundwinkel zu einem Lächeln. Lassen Sie den Körper eine Form annehmen, die dieses Gefühl ausdrückt. Verweilen Sie fünf Minuten in dieser Haltung. Dann entspannen Sie sich und spüren noch einmal nach. Hat sich etwas verändert?
Vielleicht fühlen Sie sich frischer, optimistischer, kraftvoller. Wenn dies so ist: War dann zuvor die äußere Haltung „schuld“ an ihrer Gemütsverfassung? Oder war sie eine Folge davon? Dies sind Fragen des Kausalitätsdenkens. Das Analogiedenken erkennt eine wechselseitige Resonanz. Indem Sie die Form verändert haben, änderte sich auch der Inhalt.
In diesem Sinn ändert sich unser Leben, wenn wir unseren Lebensraum gestalten. Durch das Erkennen des Spiegels erhalten wir das machtvolle Instrument des Wandels, eine Möglichkeit, unsere Realität zu gestalten!

Symbole und ihre Wirkung
Die bekanntesten und kraftvollsten Analogiesysteme sind Symbole. Symbole, so schlicht sie auch sein mögen, drücken sehr viel mehr aus, als uns der erste Anschein vermittelt. Nach C.G. Jung müssen wir das Symbol deutlich vom Zeichen unterscheiden. Ein Zeichen ist eine Abstrahierung einer eindeutigen Botschaft. Verkehrszeichen sind z.B. in diesem Sinn Zeichen. Sie sagen uns „Halt!“ oder „Jetzt darfst Du gehen!“ etc. Sie wollen und müssen eindeutig sein. Ihr Verständnis richtet sich auf den mentalen Intellekt. Symbole dagegen sind niemals eindeutig. Sie geben eine unglaubliche Fülle an Bedeutungskontexten wieder. Symbole können auch nicht erfunden werden, sie können nur ins Bewusstsein dringen, gefunden werden. Ein Symbol ist somit wie ein Tor, durch das die gesamte seelische Bedeutungsfülle aus einer anderen Ebene zu uns dringt.
Auch plastische Formen, Handlungen, ja Zustände, können symbolhaft sein. Wir können diese Symbole im Gegensatz zum Zeichen niemals mental verstehen. Ihre wirklicher Bedeutungsfülle erschließt sich uns durch den gefühlten Sinnzusammenhang. So ist auch jedes Symbol mit jedem anderen innerlich verbunden. Hätte man nur genügend Zeit, so könnte man aus jedem Symbol jedes andere herleiten – aus dem Viereck das Kreuz, aus diesem das Rad, aus diesem die Spirale und so fort. Wichtig ist, zu erkennen: Symbole wirken – auch ohne ein mentales Verständnis ihrer Bedeutung, denn sie sprechen in unserem Innersten, unserem kollektiven Unbewussten, etwas an, das uns mit der Quelle des Seins selbst verbindet. Symbole sind das Tor und die Sprache unserer Seele.

Das Haus als archetypisches Symbol
Alles kann Symbol sein, auch das Haus, unsere dritte Haut. In Träumen steht das Haus für unsere Seele. Oft träumen wir, dass wir neue Räume in einem Haus entdecken – ein Sinnbild für das Erschließen neuer Bewusstseinsbereiche. Der neue Raum ist ein neuer Seelenraum, die Bereitschaft, etwas Neues oder Verdrängtes zu erfahren und ins Tagesbewusstsein zu holen. Türen wachsen in Träumen oder schrumpfen zu engen Durchlässen. Sie zeigen uns Schwellen und Übergänge, Situationen, denen wir begegnen (werden) oder denen wir entwachsen sind (die uns zu klein wurden). Treppen sind die Wege des Bewusstseinswechsels. Über sie kommen wir in höhere oder tiefere Bewusstseinszustände. In Hogwarts – dem Zauberschloss aus „Harry Potter“ – wechseln die Treppen ihre Richtung, so dass man unerwartet an einer Stelle herauskommt, an die man nicht gelangen wollte: ein Symbol für die Fallstricke der Magie oder eben gerade für ihre Macht, „zu führen“. Treppen sind somit „Führer-Wesen“, die in andere Bewusstseinsebenen führen, manchmal auch ohne dass wir dies wollten.
Und dann wären da noch die -Fenster. Ein Sprichwort sagt: „Augen sind die Fenster unserer Seele.“ In der Umkehrung möchte ich formulieren: „Fenster sind die Augen unserer Seele!“ Haben wir „Durchblick“? „Weitsicht“? Oder sind sie „getrübt“? Fenster lassen äußeres Licht hinein und inneres Licht hinaus. So finden alle architektonischen Teile des Hauses eine wichtige Symbolik zu uns.

Feng Shui als Analogiesystem
Das Feng Shui eines Hauses oder einer Wohnung ist daher immer richtig. Es gibt kein „schlechtes Feng Shui“. Stets spiegelt unsere Wohnsituation unsere Seelensitua-tion wider. Umgekehrt ist es unmöglich, ein Haus zu bauen, das ein allgemeingültiges perfektes Feng Shui besitzt, da wir keine perfekten Wesen sind. Ein Haus kann lediglich auf den Seelenzustand einer einzelnen Person optimiert werden. Dies ist aber stets eine Momentaufnahme. Verändern sich mit der Zeit unsere Seelenzustände (wir entwickeln uns ja Gott sei Dank weiter!), wohnen andere Bewohner mit im Haus etc., wird es immer Faktoren geben, die nach orthodoxem Feng Shui „schlecht“ für einen der hier lebenden Menschen sind. Dennoch wird das Haus immer richtig sein, denn dieser scheinbare Mangel spiegelt einen noch schlummernden Teil unserer Seele wider, ein Potenzial, das geweckt werden möchte.
Ein anderer Aspekt des gewaltigen Spiegelneurons „Haus“ ist, dass wir wegen der Komplexität unseres Lebens vermutlich nie voraussagen können, wie genau sich das, was sich im Grundriss äußert, im „äußeren Leben“ ausdrücken wird.
Bleiben wir noch einen Moment bei den Richtungsqualitäten des Feng Shui. Der Süden wird hier dem Trigramm Li (Feuer, Element Feuer) zugeordnet. Dem Trigramm und dem Element entsprechen analog der Herz-Dünndarm-Meridian, das Kreislaufsystem, die Sexualität, aber auch das Empfinden von Anerkennung (Ruhm). Ein Fehlbereich (also ein Bereich, der zur Vervollständigung des Grundrisses zu einem gleichmäßigen Rechteck fehlen würde) im Süden lässt daher folgende Spiegelungs-Interpretation zu:
Auf seelischer Ebene hat der Klient möglicherweise das Gefühl, nicht genügend Anerkennung im Leben zu erhalten, auf körperlicher Ebene hat er vielleicht Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System, auf energetischer Ebene möglicherweise ein geschwächtes Sexualchakra.
Eine Verstärkung – ein Überhang – im Osten dagegen zeigt eine starke -Familien-Ahnen-Thematik an, ein (über-)aktives Stirnchakra, vielleicht gekoppelt mit häufigen Wahrnehmungen Verstorbener. Auf körperlicher Ebene kann dies ein Hinweis sein, dass der Lebermeridian (Holz) stark, vielleicht zu stark, aktiv ist … Hier hilft kein überstülpendes „So ist es!“ bzw. „So wird es sein!“, sondern lediglich ein spekulierend-fragendes „Kann es sein, dass …?“ Der Klient gibt folglich vor, welchen Lebensaspekt er stärken oder schwächen möchte, und es geht nicht um eine dogmatische Regel: „So muss es sein, dann wirst du glücklich“.
Die Komplexität der Analogie-Spiegelungsthematik kann darüber hinaus noch um ein Vielfaches höher sein: Der besagte Überhang im Osten (Element Holz) kann sich z.B. darin äußern, dass die Partnerschaft kriselt. Holz kontrolliert Erde. Der Südwesten wird unter anderem diesem Element zugeordnet. Eine typische Aussage eines Klienten in einem solchen Fall wäre z.B.: „Meine Frau (Trigramm Kun, das Weibliche) hat ständig das Gefühl, dass ich mich bei Konflikten zwischen ihr und meinen Eltern auf die Seite meiner Eltern (Ahnen, Familie – Osten) schlage. Sie fühlt sich davon angegriffen.“ Der Überhang im Osten ist jedoch nicht „schuld“ an dieser Situation, er spiegelt einen innerseelischen Zustand, der sich unterschiedlich – oft parallel auf mehreren Analogieebenen – auswirkt. Das Verstehen dieser Spiegelung ermöglicht eine Einflussnahme auf verschiedenen Ebenen: baulich-geomantisch, medizinisch oder therapeutisch.
Ebenso sind sogenannte geopathogene Zonen (wie Wasseradern oder geologische Verwerfungen) meines Erachtens nicht die Ursachen einer Erkrankung, können aber deutlich zu Seelenzuständen und Körpersymptomen in Bezug gesetzt werden. +

Der Artikel basiert stellenweise auf dem Buch „Das Haus – Spiegel unserer Seele“ von Stefan Brönnle, das demnächst im Neue Erde Verlag erscheint.