Die Kraft in der Erde

Zur Methode bei der Auswahl der Muster von Bergen und Flüssen

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 25/2007

Mit dem Artikel „Der Körper des Drachen” in der vorigen Ausgabe von Hagia Chora hat der Sinologe Manfred Kubny eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Landschafts-Feng-Shui begonnen, die er hier fortführt.

Im Zentrum der Betrachtungen des letzten Beitrags stand die Analogie zwischen Erdkörper und menschlichem Körper. Wie in jedem belebten Körper fließt entsprechend dem traditionellen chinesischen Naturverständnis auch in der Erde das Qi, und dessen Bewegung wird als „Pulsbewegungen des Drachen“ beschrieben, wobei der Drache ein Synonym für die Erde selbst ist, insbesondere für Berge. Diesmal untersuche ich die Gesetzmäßigkeiten des Orts, in den eine solche Pulsbewegung einmündet und an dem sie zutage tritt: den Kraftort oder auch Xue.

Der Drache atmet
Die Auswahl der Muster von Bergen und Flüssen sind wesentliche Kriterien bei der Ermittlung der richtigen Umgebung eines „Aufenthaltsorts“ (zhai). Der erste Schritt im Feng Shui besteht darin, aus einer makroskopischen Perspektive die „Formen-Kraft“ der Berge zu prüfen: Man beobachtet das aufeinanderfolgende Auf- und Absteigen der Erdoberfläche. Diese Pulsbewegungen der Berge sind durch das „erzeugende (shengqi), das innerhalb der Erde fließt, miteinander verbunden.
Dabei ist zu beachten, dass sich der „ankommende Drache“ (lailong) – also die Berg- oder Hügelkette – sehr weit hinzieht und durch das erzeugende Qi verbunden ist. In meinem vorangegangenen Artikel habe ich bereits das Konzept der „Ahnenberge“ erwähnt: Der am weitesten entfernte und höchste Berg einer zusammenhängenden Kette, von dem die Pulsbewegung ausgeht, gilt als „Berg der Urahnen“ (zushan), gefolgt von weiteren Ahnenbergen bis hin zum „Berg von Vater und Mutter“ (fumu shan), in dem schließlich am Kraftort (xue) die Pulsbewegung der Berge austritt. Der „embryonale Atem“ (taixi) der Vater- und Mutterberge gebiert sozusagen das Qi, das sich in das offene Land ergießt.
Großer Wert wird auf eine „weitreichende Pulsbewegung des Drachen“ gelegt, denn „Weite bedeutet, dass der Drache lang ist, so dass [die Menge des] zu erhaltenden Wassers sehr groß ist. Nähe bedeutet, dass der Drache kurz ist, so dass [die Menge des] zu erhaltenden Wassers gering ist.“ Denn so groß wie der Drache ist auch die Kraft der Landschaft, die sich schließlich im Aufkommen von Wasser äußert. Ein Lehrsatz im berühmten Zangshu („Buch der Gräber“) lautet: „Das zu erhaltende Wasser ist von höherer Priorität als der gespeicherte Wind.“ Das betont die positive Wirkung langer Wasserwege entlang einer weitreichenden Pulsbewegung.

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