Geopunkturkreise

Ankerpunkte für eine neue Kulturbildung, Teil 3: Der Steinkreis in Tamera

von Peter Frank erschienen in Hagia Chora 25/2007

Der Steinkreis, der im Rahmen des internationalen Geopunktur-Projekts über mehrere Jahre hinweg auf dem Gelände der Gemeinschaft Tamera in Portugal entstanden ist, erzählt die -Geschichte vom Zyklus des Lebens. Seine verschiedenen Bereiche verkörpern vielfältige Aspekte der Welt. Peter Frank lädt zu einem Spaziergang durch den Steinkreis ein.

Der Steinkreis, der im Rahmen des internationalen Geopunktur-Projekts über mehrere Jahre hinweg auf dem Gelände der Gemeinschaft Tamera in Portugal entstanden ist, erzählt die -Geschichte vom Zyklus des Lebens. Seine verschiedenen Bereiche verkörpern vielfältige Aspekte der Welt. Peter Frank lädt zu einem Spaziergang durch den Steinkreis ein.
Auf einem sanften Hügel in der kargen Landschaft im südlichen Alentejo in Portugal stehen unterschiedliche Steine anmutig zusammengefügt zu einem Steinkreis. Seit 2004 errichten in Tamera, so heißen der Platz und die dort lebende Gemeinschaft, Mitglieder dieser Gemeinschaft gemeinsam mit internationalen Teilnehmern an diesem Projekt einen modernen Steinkreis. Inzwischen versammeln sich hier knapp 60 Steine, die größtenteils mit Kosmogrammen gestalterisch bearbeitet wurden und als Ganzes eine kreisartige Anordnung bilden.
Drei Zugänge eröffnen den Eintritt in das Erlebnis des Orts, dessen geomantische Grundlage das Herzzentrum des Holons Tamera bildet. An jedem der Eingänge markiert ein Hüterstein die Schwelle, die einlädt und zu Klärung und innerer Ausrichtung auffordert, bevor man das Innere des Kreises betritt. Ich lade Sie ein, einmal in der Vorstellung durch den Steinkreis zu gehen.

Weg der Transformation
Am südlichsten Punkt ragt ein imposanter, quaderförmiger, grüner Marmor in den Himmel, dessen Thema „Wandlung und Auferstehung der männlichen Kraft“ von Marko Poga?cnik als Kosmogramm gestaltet und in den Stein gemeißelt wurde. Wenn wir uns dort nach rechts drehen, in Richtung Osten, erkennen wir kleinere Steine aus hellem und dunklen Marmor im Wechsel, dazwischen einige Granite, die dem Thema „Tiere“ gewidmet sind. Währende einzelne Steine Tierarten repräsentieren, wie z.B. die Ratte, stehen andere Steine für die seelische Dimension der Tiere und ihre Funktion für die Erde. Einige bringen die göttliche Präsenz in den Tieren zum Ausdruck, beispielsweise in Form eines unbehauenen, verwitterten Marmors, der die Assoziation zu archaischen Vogelgöttinendarstellungen hervorruft.
Wenden wir uns weiter nach Osten, gelangen wir zum Bereich des Eros, nicht ohne vorher einen Schwellenhüter passieren zu müssen. Nicht nur den Steinkreis als Ganzen hüten bestimmte Schwellensteine, auch innerhalb des Kreises sind die Übergänge zwischen den Bereichen bewacht. Dieser Aufbau erschließt sich vor allem dann, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Abfolge der Steine einen Entwicklungsprozess verkörpert. Eine Analogie zu diesem Prozess innerhalb des Kreises ist eine menschliche Lebensspanne. Der Bereich der Tiere, den wir gerade verlassen, entspricht in diesem Bild der Lebensspanne der Kindheit bis zur Pubertät. Sich mit dem Schwellenstein an diesem Übergang zu konfrontieren, heißt, der Kraft zu begegnen, die beim Übergang aus der Kindheit in die Jugend wirkt. Dieser Stein vor dem Bereich, der die Liebe in ihrer sinnlichen Form zum Thema hat, ist Mutter Erde gewidmet. Ein „Delphinstein“ erinnert noch an die vorherige Phase, verkörpert gleichzeitig den spielerischen Impuls des körperlichen Kontakts, der zugleich von tiefer Spiritualität geprägt ist. Ein organisch ausgewaschener, rosafarbener Marmor verkörpert die sinnliche Schönheit der Materie.
Aus unmittelbarer Nähe blickt der „Herzstein“ herüber, ein majestätischer Marmor in Tropfenform, in dessen Rücken sowohl die Schatten unserer Kultur als Potenzial für Wandlung und Heilung ihren Platz finden als auch die energetische Manifestation von Initiativen und Projekten, die dem Erblühen einer neuen Kultur gewidmet sind. Ein Stein in diesem Bereich ist mit einem Kosmogramm gestaltet, das die Heilung und Transformation von faschistischen Gedanken und Ideen zum Thema hat: Das Hakenkreuz wurde abgewandelt und in eine Bewegung versetzt, welche die starre Assoziation der Moderne überwindet und die ganzheitliche Aussage des Symbols wieder sichtbar werden lässt. Zwischen Herzstein und den Schattensteinen stehen neben Steinen zu Themen wie „Politik des Herzens“ oder „Kommunika-tion“ auch der „Gnadenstein“ als Instanz, die jenseits menschlichen Vermögens Vergebung schenken kann.
Im weiteren Verlauf des Kreises gelangen wir über den nordöstlichen Bereich in den Norden. Hier finden die Themen ihren Platz, die den geistig-spirituellen Aspekten des Lebens verbunden sind, z.B. dem Kontakt zu Wesenheiten wie den Ahnen, zu den Seelen, die sich wieder inkarnieren wollen, dem Licht und der Ewigkeit, dem Heilen oder der Göttin.
Der Vernetzung des Steinkreises, seines Orts und seiner Landschaft mit anderen Orten und Plätzen auf der Welt ist das folgende Segment gewidmet, wobei die Überänge immer fließend bleiben. Es gibt zum Beispiel Steine, die Kolumbien und Israel/Palästina gewidmet sind, aber auch der Anknüpfung an einen alten Steinkreis in Portugal bei Almendres, der die Arbeit an diesem Werk stark inspirierte, ebenso wie der Integration dieser Landschaft in den Gesamtorganismus Europa.
Über den Westen, in dem Steine für bestimmte Berufe und das Thema „Ausbildung“ stehen und damit verbundene Themen wie „Geld“ und eine heile Form des Wirtschaftens ansprechen, kommen wir über einen weiteren Hüter, der „Meisterintelligenz der Elemente“, zur letzten Station vor dem Ausgangspunkt, diejenige der Pflanzenwelt und Elementarwesen. Typische Pflanzen der Region finden ihre Würdigung, wie die Olive und die Korkeiche, aber auch übergreifende Lebensformen wie der Wald als Organismus werden in den Steinen lebendig erfahrbar.
Stellvertretend für die Tiefe der Erfahrung und der Gedanken, die jeder einzelnen Skulptur zugrundeliegen, möchte ich noch zwei Steine gesondert vorstellen:

Hüter der Elemente
Eine hochgewachsene Steinsäule steht für die Umweltgeister, welche die Lebenszyk-len der Natur lenken und dynamisieren. Sie sind Wesenheiten, reines Bewusstsein und Kraftströmungen zugleich, und das Kosmogramm möchte sie in dieser Mehrschichtigkeit ansprechen. Es zeigt in seiner Mitte ein labyrinthartiges Juwel, das durch die Geste zweier Hände gehütet wird und das Geheimnis der Lebenszyklen darstellt. Die hütenden Hände bilden gleichzeitig die Umrisse eines Gesichts, wobei sich unter den Daumen die Augen befinden. Es ist kein menschliches Gesicht, eher ein tierisches, um anzudeuten, dass es um Wesenheiten jenseits des Menschlichen geht. Die vierfingeringen Hände sind keine menschlichen, sondern eher die eines Wesens, das durch die vier Elemente schaffend das Leben um uns manifestiert und lenkt.

Urwissens
Ein Stein im Norden verkörpert den Zugang zum Urwissen der Menschheit. Indem ich diesen Begriff verwende, gehe ich davon aus, dass in jeder menschlichen Zelle die gesamten Erfahrungen unserer persönlichen und überpersönlichen Entwicklung gespeichert und dem innerlich Suchenden zugänglich sind.
Das Kosmogramm ist geprägt von einem Fisch, der das Urwissen symbolisiert. Aus dem Auge des Fisches führt eine Spirale nach innen und weist den Suchenden an, seinen Blick in sein Inneres zu wenden. Im Zentrum kehrt sich die Bewegung um, und es öffnet sich das Tor in die Welt des Urwissens. Doch der Zugang wird von einem Maskenwesen gehütet, das die Motivation der suchenden Seele prüft.
Neben dem Kosmogramm entstand ein Text zu diesem Thema, von dem ich einen Auszug ans Ende des Besuchs dieses Geopunkturkreises stellen möchte: „Wir sind die Erfahrungen. Wir sind Leib. In den Zellen gespeichert ist das Wissen der Urzeit, als Leben noch nicht getrennt war in ich und du. Das Wissen pulsiert im Lichtkern der Zellen; um es zu wecken musst du es ansprechen. Das Gedächtnis deiner Zellen ist universal.“ +