Architektur der Kraft

Gebaute Räume als ganzheitliche Dienstleistung für den Menschen

von Justus Dahinden erschienen in Hagia Chora 25/2007

Auf der Suche nach Bezügen zwischen der zeitgenössischen -Architektur und der Geomantie wurden wir bei dem Schweizer Architekten Justus Dahinden fündig. Er entwickelt eine -philosophische Basis der Architektur, die -unsere emotionale wie unsere energetische Beziehung zu gebauten Räumen einschließt.

Architektur reflektiert gesellschaftliche Prozesse; sie ist Abbild der humanen Bedürfnisstruktur. Die Philosophie schlägt Brücken zwischen dem materiellen Bedarf des Menschen und seinen geistigen Anliegen; sie schafft Verbindungen zwischen dem Gegenständlichen und dem Ungegen-ständlichen.
Die menschliche Seinsform und ihr Abbild, der architektonische Raum, schließen das Übersinnliche und den Mythos ein. Der Philosoph Hans Heinz Holz sagt: „Im mythischen Selbstverständnis des Menschen werden die Raumbeziehungen mit geistigen Qualitäten besetzt.“ Im Mythos reproduzieren sich auch die Gesellschaftsverhältnisse und unsere Lebensform unter der Vorstellung einer transzendenten Wesenheit, die im Ritual abgebildet und wiederholt wird. Der Philosoph folgert, dass die Stilisierung von Bauwerken zu Funktionsträgern des Rituals der Architektur „ideologische“ Kompetenz verleiht.
Philosophisch begründete Architektur geht über den reinen Zweck hinaus und kommt damit zu einer materiellen und geistigen Wertethik. Philosophie „arbeitet“ gerne mit Utopien. In den Utopien kommen äußere und innere Welten zusammen. Sigmund Freud hat als erster den ursächlichen Zusammenhang einer äußeren mit einer inneren Welt erkenntnistheoretisch dargestellt. Solche Zusammenhänge werden innerhalb westlicher Anschauungen einseitig als Wirkung der äußeren auf die innere Welt verstanden. Östliche Philosophen hingegen verstehen die äußere Welt als Auswirkung der inneren.
Swami Vivekananda (1863–1902), einer der wichtigsten Interpreten der indischen Philosophiesysteme, versucht, die westliche Anschauung mit der östlichen zu vereinen. Obwohl er in der Weltordnung grundsätzlich das Äußere (Gröbere) als die Auswirkung und das Innere (Feinere) als die Ursache sieht, betont er andererseits, dass rückwirkend das Äußere, „Gröbere“, Einfluss nimmt auf das Innere, „Feinere“. Solche Wechselwirkungen verfeinern das architektonische Denken. Vivekananda definiert Mensch-Raum-Bezüge als „Urharmonien“; er bezeichnet die Kraft, die vom Raum ausgeht, auch als „das Ewige“, von dem der Mensch nicht Schöpfer, sondern Empfänger oder Übermittler ist. Im Architektonischen ist das Phänomen solcher Urharmonien verbunden mit dem Begriff der Identität, dem Gleichklang zwischen einer inneren und äußeren Welt mittels Identifikation. Identität mit dem Raum entsteht, indem der Mensch Teile seiner „Persona“ (C.G. Jung) mit Teilen des Raums zur Deckung bringt. Die Schwingungen des Raums und die Schwingungen des Individuums korrelieren, bis der Raum zum zweiten Ich wird. Auch Vivekananda sieht diese Übereinstimmung der Fremdschwingungen (des Raums, des Gröberen) mit den Individualschwingungen (des Menschen, des Feineren) als Identitätsfindung. Wir sagen: Mensch und Raum drücken einander den Stempel auf.
Anschaulicher wird die Sache, wenn man sich den Vorgang so vorstellt: Beim Menschen, der sich dem gestalteten Raum aussetzt, werden alle jene Frequenzbänder, die eine Entsprechung zu denen des Raums darstellen, aktiviert, langsam moduliert und gehen dann in die gleiche Grundschwingung über. Gewisse Räume bleiben wertmäßig stabil, sie sind zeitlos: Man spricht von Archetypen. C.G. Jung definiert den Archetypus als eine dem Menschen zugrundegelegte Struktur, die sich jeder begrifflichen Einengung entzieht und deshalb eine ihr immanent zustehende Kraft besitzt, welche bewirkt, dass Bauten über Kulturen und Religionen hinweg für den Menschen bedeutsam bleiben.
Die Suche nach philosophischen Fundamenten beim Bauen ist seit Frank Lloyd Wright neu erkannt worden. Er sagt: „Was wir in der Architektur brauchen, ist eine Philosophie, nicht eine Ästhetik.“ In Martin Heideggers Daseinsanalyse und Existenzphilosophie über „Bauen, Wohnen, Denken“ (1951) und über „Die Kunst und der Raum“ (1969) wird versucht, die Raumgebung aus der Sicht der Weltenbeziehung des Menschen darzustellen. Der Mensch habe selbst ein eigenes „Im-Raum-Sein“, er sei folglich selbst ein räumliches Wesen, was ihm ermöglicht, in der Welt räumlich zu wirken. Der Mensch erlebe Räume dann wesenhaft, wenn er die transrationale Wirklichkeit mit der materiellen Wirklichkeit verbinde. Zu dieser Existenzweise gehört nach Heidegger das „Wohnen“. Räume zum Wohnen nehmen den Menschen bergend auf.
Der amerikanische Architekt Paolo Soleri sagt über das Bauen: „Wir wollen eine Brücke schlagen zwischen Materie und Geist“. Das Ziel ist eine überzeitliche Kosmosgenesis: Masse und Energie werden dem Geist dienstbar gemacht. Soleri spricht von einer Dynamik der Realitäten, die in die Identität von Materie und Geist einbezogen ist. Das Gleichgewicht stellt sich dann ein, wenn zwischen Gesellschaft und Lebensraum eine ökologische Kongruenz entsteht. Soleri definiert ein „Empfinden des Universums“ als krea-tiven Akt. Geistige Energien der Gesellschaft müssen mobilisiert werden, damit der aktuellen Degradation des angestrebten Ganzheitsprinzips Einhalt geboten wird.

Ursymbole und ihre Bedeutung für Architektur
Die Ursymbole sind in verschiedenen Kulturen unabhängig voneinander und oft gleichzeitig für bauliches Gestalten herangezogen worden. Ihre sozial-psychologische und mythisch-religiöse Bedeutung ist unbestritten.
Ursymbole sind Impulsgeber für Raumschöpfungen, die mit Formenergien in Verbindung zu bringen sind. Ihre Herkunft kann im Hinduismus, in der Inka- und Aztekenkultur, im alten Ägypten, im babylonischen Kulturkreis sowie bei gewissen Naturvölkern nachgewiesen werden. Alte Spuren dieser bauphilosophischen Gesinnung kann man in der Tradition der chinesischen geomantischen Wissenschaft (Feng Shui) finden. Hier besteht die Vermutung, dass bestimmte Formen, in Materie umgesetzt, die elektromagnetischen Energiefelder verändern und sich in nachhaltiger Weise auf den Menschen auswirken. Der ökologisch orien-tierte Architekt Pierre Robert Sabady sagt: „Das Wissen über die Formentwicklung und ‚göttliche Proportionen‘ ist uralt, was die Effekte kosmischer Kräfte betrifft. Die Bauten sollen den Zweck haben, zwischen Himmel und Erde den Energieaustausch zum Wohle der Menschen, die sich in Räumen aufhalten, zu fördern. Unter diesem Aspekt konnte man damals nur dann von echter Bau- und Wohnkultur reden, wenn zwischen allen natürlichen und künstlichen Formen, in und um die Gebäude einerseits und zwischen den jeweils vorherrschenden kosmischen und terrestrischen Energien andererseits, ein harmonisches Verhältnis erzielt werden konnte.“
In den 20er-Jahren haben französische Ingenieure (Turenne, Lesourd sowie Enel, Sprink, Belizal, Chaumery, Morel, Cordonnier) sich bemüht, messtechnische Methoden bei Auswirkungen von Form-energien auszuarbeiten. Es wird festgestellt, dass Pyramiden oder Spiralen Kräfte mobilisieren können und kosmische Energien bündeln.
Die Umsetzung von Ursymbolen an ganzen Bauwerken oder an deren Details sind in der Architektur von hoher Bedeutung. Sie beinhalten eine Botschaft, die in erster Linie philosophisch zu werten ist. „Das Symbol ist der bestmögliche Ausdruck für einen erst geahnten, aber noch unerkannten, eben unbewussten Inhalt“, sagt. C.G. Jung.
Ursymbole realiseren das Dualitätsprinzip. Es liegen zwei Dreiecke vor, die ineinandergestellt sind und insgesamt ein Hexagramm bilden. Die Basis jedes Dreiecks verbindet zwei polare Kräfte, die sich in der Wirkung gegenseitig aufheben. Die Spitze des jeweiligen Dreiecks bezeichnet die Synthese, eine verbindende, integrale oder eben harmonisierende Kraft.
!Primärbezug (Dreieck 1)
Basisdualität: Konzentration – Expansion
Spitze integral: Bewegung
!Sekundärbezug (Dreieck 2)
Basisdualität; Aktivkreativität – Passivkreativität
Spitze integral: Kristallisation
Der Primärbezug im Dreieck 1
Dreiecke als Formkonzept werden gleichzeitig als offen und geschlossen definiert. Räumliche Konkretionen kommen in der Architektur einer Manifestation gleich.
Das Formprinzip Konzentration
Charakteristisch ist die gleichförmige Zurichtung von einer äußeren Masse zu einer inneren. Die verschachtelten Kreisringe bleiben unbewegt. Die eingeschlossenen Zwischenräume werden nicht aktiviert. Die Bezugsfarbe zu diesem Ursymbol ist blau. Philosophisch betrachtet, entspricht dieses Ursymbol „östlichen Denksystemen“, also keiner linear entwickelte Logik, sondern einem in sich gekehrten, ruhenden Denkgefüge.
Das Formprinzip Expansion
Charakteristisch ist ein radiales Linearbündel. Es weist von innen nach außen oder von außen nach innen. Diese Weggerichtetheit kommt einer gleichförmigen Stetigkeit gleich. Der wegzeitliche Ablauf solcher Stetigkeiten bleibt ohne Spannung. Die Bezugsfarbe zu diesem Ursymbol ist gelb. Philosophisch betrachtet, entspricht dieses Ursymbol „westlichen Denksystemen“, einer fortschreitenden (linearen) Kausal-Logik.
Das Formprinzip Bewegung
Die Synthese zwischen Konzentration und Expansion führt zur Form der Spirale. Ihr Bewegungsmotiv dynamisiert die Zustandsformen entweder evolutiv (von innen nach außen) oder involutiv (von außen nach innen). Das geradlinige Wegstreben einer Mitte (Strahlenbündel) wird ersetzt durch ein Drehprinzip, das einen beschleunigenden oder verlangsamenden Effekt hat. Die Bezugsfarbe zu diesem Ursymbol ist rot. Philosophisch deutet man die Spiraltendenz als Weltorganisationsform des biotischen Kosmos. „Unsere gesamte Kosmologie gipfelt in der Erscheinung und Einsicht einer wechselnden Ausfaltung und Einfaltung der Spirale im Makrokosmos und im Mikrokosmos“, sagt Hans Mislin. Das rhythmisch-dynamische Prinzip, das der Spirale innewohnt, versinnbildlicht das Leben selbst, bei dem die Entwicklung stets auf eine andere, höhere Stufe gehoben wird. „La spirale, c’est la vie“, sagt Teilhard de Chardin, dessen Evolutionstheorie in Richtung einer zunehmenden Komplexität der Dinge verläuft, die ihrerseits von einem dynamischen Aufstieg des Bewusstseins begleitet wird. Die evolutive Spirale führt von „Ausgangspunkten“ zu „Erfüllungspunkten“ bis die höchste Geistessphäre erreicht ist.
Archaische Tempel auf Malta im 4. Jahrtausend v.Chr. zeigen Spiralen, die man als Sonnenweg im Jahresablauf oder als den Lebens-Todes-Weg deutet. In der Steinzeit fand man Doppelspiralen und Umkehrspiralen, welche die Wandlungen der menschlichen Entwicklung bezeichnen. Platon deutete die Spirale als Seelenweg; im „Phaidon“ gibt er eine ausführliche Schilderung der „Spiralisation“ des Erinnerns. In mittelalterlichen Kathedralen des französischen Kulturkreises gibt es Bodenspiralen, die als priesterliche Tanzwege benutzt wurden. Ähnliche Labyrinthspiralen wurden im frühen Christentum zum Symbol der Wiedergeburt. Spiralbewegungen gibt es auch bei den tanzenden Derwischen im islamischen Kulturkreis.
In der Tiefenpsychologie umschreibt man die „einrollende Bewegung zur dunklen Mitte“ und die „ausrollende zum neuen Leben“ spiralisch. Die Doppelspirale, die der Mathematiker Jakob Bernoulli beschreibt, weist auf das Prinzip von Introversion und Extraversion hin. Man stellt die Formeigenheit der Spirale überall in den wissenschaftlichen Disziplinen fest, in der Molekularbiologie genauso wie bei Sternhaufen und dem Sonnensystem.
Die Spirale als (aufsteigendes) Bewegungsmotiv beim -Bauen erweist sich als grundlegend für architektonische Entwürfe. Beispiele sind das Spiralminarett der Freitagsmoschee in Samarra (848-852) im Irak oder die Rekonstruktion des chaldäischen Tempels von Chipiez (um 1902). Wichtig ist der Vorschlag von Le Corbusier für ein Museum für zeitgenössische Kunst in Paris, 1930, sowie für ein Musée à Croissance Illimitée, 1939. Einprägsam ist das Bavinger House für einen Pflanzenliebhaber in Norman, Oklahoma, von Bruce Soff (1950) mit einem Spiralraum, der von der Basis bis zur Spitze kontinuierlich ansteigt, wobei die Nutzebenen in ein frei schwingendes statisches System eingehängt sind. Bekannt sind auch das Schneckenhausprojekt von Emilio Terry (1930) sowie neuestens die Kapelle von Philip Johnson in Dallas, Texas. Zwei zeitgenössische Projekte mögen die kurze Überschau von typischen Spiralarchitekturen ergänzen: Der Indiana-Turm von Cesar Pelli in Indianapolis sowie der Entwurf für ein Verwaltungsgebäude „Vallo di Diano“ in Salerno, Italien von Paolo Portoghesi (1979). Ich selbst habe die St. Antonius Kirche in Wildegg (1970) in diesem Sinn konzipiert (siehe nebenstehender Grundriss).
Mario Merz hat die in der Spirale integrierte Zahlenreihe des Pisaner Mathematikers Fibonacci (1180-1240) nachgewiesen. Diese Zahlenreihe besteht darin, dass sich jede Zahl aus der Summe der beiden vorangegangenen zusammensetzt (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 ...). Man sieht heute darin die (spiralbildende) Grundstruktur allen Wachstums oder das Modell für eine Weltharmonie.
Der Sekundärbezug im Dreieck 2
Mit dem Ursymbol der Passivkreativität verbindet man ein auf eine Betrachtungsebene ausgerichtetes Kräftefeld. Es gibt keine Bewegungen mehr. Es wird Kontem-plation gefordert. In diesem Sinn ist das Prinzip empfangend (weiblich). Die Bezugsfarbe zu diesem Ursymbol ist Violett. Das Symbol ist die Schleife. Mit dem Ursymbol der Aktivkreativität verbindet man eine auf bloßes Agieren ausgerichtete Kraft. Bewegungen werden verschieden motiviert. Nicht das Anschauliche steht im Vordergrund, sondern der spontane Impuls (männlich). Die Bezugsfarbe zu diesem Ursymbol ist Orange. Das Symbol ist die Swastika, ein uraltes Zeichen, bekannt in vielen Kulturen der Welt. Man hat es in der griechischen, japanischen und chinesischen Kunst gefunden. Auch die Pueblo-Indianer haben sich in der Swastika geübt. Im historischen Indien und in Malaysia wird die Swastika als Sonnensymbol gewertet, gleichbedeutend wie das Licht als Grundlage des Lebens.
Das Ursymbol der Kristallisation drückt ein potenziertes Kraftfeld aus, das aus der Vereinigung der beiden dualen Kreativitäten hervorgeht. Kristallisation ist gleichzeitig Brennpunktwirkung und kräftesammelnde Ökonomie. Die Bezugsfarbe dieses Ursymbols ist Grün. Auf dem Kristallisationsprinzip aufgebaut sind Raumarchitekturen im Islam.
Die Ursymbole haben sich baugeschichtlich als wichtige Zeichen für kulturelle Äußerungen von ganzen Epochen erwiesen. Die Umsetzung in Architektur und Gestaltung hat zu immanenten Typen geführt.

Mensch und Raum
Die Mensch-Raum-Beziehung ist für die Stadtgesellschaft existenziell geworden. Wir suchen nach einer Konvention, welche die Vorstellungen des urbanen Menschen im Umgang mit dem Raum als Lebensqualität qualifiziert. Daraus entsteht Lebensmotiva-tion. Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden, und zwar solche, welche den Menschen in räumlicher Geborgenheit wieder in den Mittelpunkt stellen. Städtisches Wohnen sollte über den reinen Effizienzgedanken einer wirtschaftlichen Unterbringung von vielen Menschen auf engem Raum hinausgehen.
Die „Weltbeziehung des Menschen ist räumlich und raumerschließend“, sagt Martin Heidegger in seinem Aufsatz über -Bauen – Wohnen – Denken. Und weiter: „Der Mensch erlebt Räume wesenhaft, indem er die transrationale Wirklichkeit mit der materiellen verbindet. Räume sind jene Stellen, an denen der Mensch seiner physischen und metaphysischen Situation entsprechend wohnt, und wo sich das Ineinandergreifen der Wirklichkeiten von Erde und Himmel, von Göttlichem und Sterblichem ereignet“. An der Herstellung dieser Wirklichkeiten ist die Architektur beteiligt. Ihr zentrales Problem ist die Herstellung von Raum, praktisch-zweckhaft und einfühlend-sinnlich: Raum als ganzheitliche Dienstleistung für den Menschen!
Der Raum, mit dem wir umgehen, dient dem Menschen zur Erfüllung seiner praktischen Bedürfnisse. Dieser Raum muss aber auch Bereitschaft erzeugen und den Gebrauch motivieren durch seine Erscheinung. Das ist die Gestaltfunktion. Zur vollen Dienstschaft des Raums gehört letztlich die Eignung als Transformationsstätte metaphysischer Beziehungen. Das ist eine geistige Funktion. Wir benötigen die räumliche Architektur demnach in einer dreifachen Weise: als zweckdienliches Objekt, als sinnliches Medium und als Manifestation des Geistes. Diese Dreifachfunk-tion verwirklicht sich im Gesetz der Drei, das zur anvisierten Konvention über Architekturqualitäten werden könnte.
Es gibt ein Gesetz, das in allen esoterischen Traditionen als Gesetz der Schöpfung und Evolution verstanden wird. Grundsätzlich sagt es aus, dass sich aus zwei entgegengesetzten Kräften eine dritte, neue Kraft entwickelt, die über die zwei Grundkräfte hinausreicht und die zu tun hat mit höheren Werten jenseits der wahrnehmbaren Welt. Sie manifestiert sich übersinnlich. Im Sinn von Architektur stehen sich in diesem Gesetz der Ganzheitlichkeit die zwei Basiskräfte Struktur und Gestalt gegenüber; sie werden überhöht durch die dritte Kraft des Geistes. In seiner Raum-gebundenheit (Domosphäre) steht der Mensch im Mittelpunkt dieses dreiteiligen Kräftebezugs:
!Struktur ist die Verdinglichung der Architektur in Natürlichkeit und Künstlichkeit. Ihre baubiologische Tauglichkeit hängt davon ab, wie weit die Methoden und die Baustoffe zur Gesund-erhaltung des Menschen dienen. Als sich selbst einpendelndes ökologisches System wirkt Architektur wie die dritte Haut des Menschen.
!Gestalt wird durch unsere Sinne vermittelt. Daraus entstehen Empfindungen; „sie sind die Quelle der Form“, sagt Walter -Gropius. Architektur als sinnliches Medium mobilisiert die Emotionen. Es zeigt sich, ob ein Raum den Menschen aufnimmt oder abweist, ob er uns wärmt oder frieren lässt. Gestalt ist auch Information: Es wird die Bedeutung eines Bauwerks mitgeteilt. Schönheit ist dazu da, um es zu veredeln.
!Geist hebt die Architektur über das konstruktiv Zweckhafte und über das sinnlich Gestalthafte hinaus. Während der Sachverstand und die Sinne nur eine begrenzte Wahrnehmung ermöglichen, gelangt der menschliche Geist zu übergreifenden Vorstellungen und Assoziationen. Sie stimulieren das Transleben. Dazu gehören auch der Mythos und das Ritual, welche zu allen Zeiten hochrangige Bauwerke geprägt haben. Im Geistigen komplettiert sich die menschliche Seinsform und ihr Abbild, der Raum. Im Geistigen kann der Mensch sein höchstes Ziel erreichen, nämlich die Verwirklichung von sich selbst. Im Geistigen etabliert sich auch der Zusammenhang im gesellschaftlichen Kulturkreis.
Das Gesetz der Drei basiert auf einem ökologischen Universalbewusstsein. Dieses Bewusstsein schließt Einseitigkeiten aus. An solchen Einseitigkeiten kranken architektonische Ansprüche immer wieder, auch heute:
!Einseitig ist, wenn Architektur als nur rational beurteilt wird;
!einseitig ist, wenn beim Umgang mit dem Raum das instinktive Handeln versagt;
!einseitig sind bauliche Funktionsabsichten, die nicht durch philosophisches Denken kontrolliert werden;
!einseitig ist die vordergründige Technisierung des architektonischen Produkts, das den emotionalen Eingriff nicht zulässt;
!einseitig ist der Verzicht von Überzeitlichkeit bei der Architektur;
!einseitig ist eine ästhetische Autonomie der Architektur.
Solche und ähnliche Einseitigkeiten bringen die architektonische Dienstleistung aus dem Gleichgewicht. Es entstehen schnelllebige Trends und eine Baukultur ohne Tiefgang.
Aber es gibt auch den entgegengesetzten Trend: Architekten, denen die Begegnung des Menschen mit dem Raum ein Anliegen ist. Im Vordergrund meiner Arbeit steht die Gefühlsansteckung, die sich bei dieser Begegnung einstellt. Die Wahrnehmungsstrukturen eines Raums lösen in Menschen Empfindungen aus; sie beeinflussen das Verhalten des Menschen, der sich im Raum aufhält. Wichtig ist die sinnliche Realität, der Aufforderungs-charakter von Räumen, in denen der Mensch lebt. Die Dienstleistung der Architektur ist dann vollständig, wenn der Gebrauch durch Wahrnehmung motiviert wird. +

Dieser Artikel basiert auf drei Kapiteln des Buchs „Mensch und Raum“ von -Justus Dahinden, erschienen 2005 im Karl Krämer Verlag, www.kraemerverlag.com.