Der Kristallplanet

Ideengeschichte der globalen Gitternetze

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 24/2006

Mit diesem vorletzten Beitrag geht Marco Bischofs ausgedehnte Recherche über die Theorien zu Gitternetzen und einer Kristallstruktur der Erde ihrem Abschluss entgegen. Bevor der Autor ein Resümee zieht, beleuchtet er noch einmal die Extreme im Spektrum der Theorien, das sich zwischen wissenschaftlicher Forschung einerseits und durchaus exotischen esoterischen Phantasien andererseits auffächert.

In der vorletzten Folge dieser Serie werden zunächst einige lose Enden aufgenommen und bislang noch nicht vorgestellte weitere Beträge zur Kristallplaneten-Theorie ergänzt. Anschließend schildere ich eine Reihe von Erscheinungen der letzten Jahrzehnte, die zeigen, zu welch eigenartigen Auswüchsen die Kristallplaneten-Vorstellungen geführt haben. Ein weiterer Abschnitt behandelt wissenschaftliche Hinweise auf die Möglichkeit von feldartigen Gitternetzen und einer Kristallstruktur des Planeten. Dies werde ich dann in der letzten Folge weiter ausführen, woraus sich die abschließende Diskussion und das Fazit ergeben.

Beiträge zur Kristallplanet-Theorie
In den letzten zwanzig Jahren haben Leylinien und verwandte Vorstellungen immer weitere Kreise gezogen. Selbst die populären Bestsellerautoren Erich von Däniken und Johannes von Buttlar stiegen in die Leylinien-Spekulation ein und veröffentlichten entsprechende Bücher (von Däniken 1989, 1995; Buttlar 1990). Bereits in früheren Jahren sind jedoch neben den bereits in unserer Serie vorgestellten noch eine Reihe weiterer Beiträge zur Kristallplaneten-Theorie vorgebracht worden. Hier ist auch der Hinweis angebracht, wie sehr manche dieser Vorstellungen der theo-sophischen Theorie über die Erde aus dem 19. Jahrhundert ähneln. Nach der Begründerin der Theosophie, Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891), ist jeder der sichtbaren physischen Himmelskörper, von den Sonnen über die Planeten bis zu den Monden, mit sieben (Variante: elf) unsichtbaren „höheren“ Körpern verbunden, genauso wie der Mensch mit seinen feinstofflichen Körpern. Die sieben Körper der Erde bilden eine „Kette“ bzw. einen Zyk-lus, da sie Stadien oder Phasen darstellen, die jeder Himmelskörper auf seinem Lebensweg nacheinander durchläuft.
Unter den zusätzlichen Kristallplaneten-Theorien muss als erste diejenige des amerikanischen Geophysikers, Ozeanographen, Meteorologen und Erfinders Athelstan F. Spilhaus (1912–1998) erwähnt werden (Jochmans 1996). Der in Südafrika geborene Wissenschaftler und Professor an der Universität von Minnesota, der auch Berater mehrerer US-Regierungen und 1954 bis 1958 erster amerikanischer Botschafter bei der UNESCO war, führte 1976 im Auftrag der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) eine weltweite Untersuchung geologischer Strukturen und Kartenprojektionen durch. Dabei glaubte er zu entdecken, dass beim Auseinanderbrechen des Ur-Kontinents „Pangäa“, das die Geologie etwa 220 Millionen Jahre vor unserer Zeit ansetzt und durch das die heutigen Kontinente entstanden sein sollen, die Bruchlinien entlang äquidistanten (gleich weit entfernten) Linien liefen, die die Kanten und Ecken eines Tetraeders bildeten. Auf der Basis der Forschungen von Dr. Han-Shou Liu vom Planetary Geodynamics Laboratory am Goddard Space Flight Center in Greenbelt, Maryland, der die Spannungslinien der Erdkruste analysiert hatte, die während der letzten 200 Millionen Jahre auf Grund von Pol- und Landbewegungen entstanden waren (siehe z.B. Liu 1974), stellte Spilhaus fest, dass sich als nächstes Strukturen bildeten, die als eine Kombination von Würfel und Oktaeder (Kuboktaeder) beschrieben werden können. Diese nächsten zwei in der Reihe der höheren platonischen Körper nach dem Tetraeder sind aus sechs Quadraten bzw. acht Dreiecken zusammengesetzt. Doch damit war, wie Spilhaus schrieb, die kristallene Evolution der Erde noch nicht beendet, sondern entwickelte sich weiter zu einem Ikosa-Dodekaeder (Kombination von Ikosaeder und Dodekaeder). Spilhaus verwendete sein Modell des Globalnetzgitters zur Vor-aussage von seismischen Aktivitäten, der Kontinentaldrift und anderen geophysikalischen Ereignissen, die in Zusammenhang mit geologischen Bruch- und Verwerfungszonen stehen.
Eine weitere Variante der Kristallplaneten-Vorstellung findet sich bei James -Hurtak, einer der eigenartigsten Figuren der modernen Grenzwissenschaften. Der Orientalist, Linguist und Historiker, Gründer der Academy for Future -Sciences in Los Gatos, Kalifornien, ist auch ein bekannter UFO-Forscher und glaubt, in telepathischem Kontakt mit jenen außerirdischen Wesen vom Sternbild Orion zu sein, die die ägyptischen Pyramiden als „Sternentor“ (Star Gate) für die Kommunikation mit der Menschheit errichtet hätten. Von diesem Channelling-Kontakt fühlt sich Hurtak seither in allen seinen Arbeiten inspiriert, so auch in seinem bekanntesten Werk „The Keys of Enoch“ (1977). In diesem eigenartigen Buch, in dem Hurtak ein ganzes Weltdeutungssystem aus einer neo-kabbalistischen Interpretation des hebräischen Alphabets entwickelt, schreibt der Autor, dass es auf der Erde zwölf natürliche Gebiete mit „Zeit-Krümmung“ gebe, die von einer geheimen „Bruderschaft des Lichts“ als Kommunikationssystem benutzt würden. Weitere solche Gebiete veränderter Gravitation seien von der Bruderschaft „künstlich hergestellt“ worden. Einige der in Hurtaks System vorkommenden Gitterpunkte decken sich nach William Becker und Bethe Hagens (1984) mit dem russischen Gitter von Gontscharow, Morosow und Makarow.

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