Und tanzt die ganze Nacht
Das extreme Mondjahr 2006
Das Jahr 2006 ist eines der Jahre, in denen der Mond seine Extrempunkt aufsucht. Günter Paul Bolze erklärt das Phänomen und denkt über die Beziehung der Menschen zu den Gestirnen nach. Wer ihre Bewegungen kennt, findet zu einem intensiveren Kontakt mit den Himmelskörpern.

Von den Hyperboräern, dem für die Griechen sagenumwobenen Volk jenseits des Nordwinds, ist überliefert, dass ihnen nur alle 19 Jahre eine Gottheit erschien. Diodorus von -Sizilien, ein griechischer Historiker aus dem 1. Jahr-hundert v.Chr. wird konkreter, indem er sich auf einen heiligen Platz in Britannien bezieht: Auf der Insel befindet sich auch ein bemerkenswerter Tempel, der von sphärischer Form ist. Von dieser Insel wird berichtet, dass der Mond in greifbarer Nähe über den Horizont streift und dass diese Gottheit alle 19 Jahre erscheint und die ganze Nacht durch tanzt von der Frühlingstagundnachtgleiche bis zum Aufgang der Plejaden.
Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei dem heiligen Platz in der genannten Schilderung um den Steinkreis von Callanish auf der Hebriden-Insel Lewis. Offenbar war der Mond in diesen Regionen zu bestimmten Zeiten zirkumpolar und als besondere Erscheinungsform der Mondrhythmik im kollektiven Bewusstsein der Antike gespeichert und mystifiziert.
Die Interpretation der Himmelsscheibe von Nebra gibt reichlich Aufschluss über Wissen und Können in der Bronzezeit, was die Himmelskunde betrifft. Es hat die Fachwelt überrascht, dass diese Zivilisa-tionen sich eines astronomischen Weltbilds bedienten, um jahreszeitliche Abläufe am Sternenhimmel zu kommunizieren. Außerdem zeugt die künstlerisch-handwerkliche Ausführung der Scheibe von weitreichenden, überregionalen Kontakten. Angesichts der Scheibe von Nebra verblassten viele frühe Kultanlagen hinsichtlich ihrer astronomischen bzw. kalendertechnischen Aussage, die sich anlagebedingt auf die Registrierung von Auf- oder Untergangsazimuten (Winkelmarken am Horizont) der Sonne gegebenenfalls auch des Mondes beschränken mussten. Nur bei einigen wenigen, z.B. den Externsteinen oder der Kreisgrabenanlage von Goseck in Sachsen-Anhalt lässt sich eine astronomische Nutzung nachweisen. Bei letzterer fand man neben der Orientierung nach den Haupthimmelsrichtungen Bezüge zum vieltradierten Mondextrem.
Dass es ein vorgeschichtliches Wissen um den Mondzyklus von rund 19 Jahren gegeben hat, dokumentieren unter anderem auch die bronzezeitlichen Megalithen der Surselva in Graubünden. Kartierungen zeigen eine größere Anzahl an Peilungen für Auf- und Untergänge des Mondes in den Extrempositionen.
2006 ein Sonderjahr?
Dass 2006 symbolisch ein Mondjahr ist, zeigt schon der Jahresregent an. Außerdem wurde das Jahr mit einem Neumond am Silvestertag eingeleitet, die junge Mondsichel erschien noch am Neujahrsabend. Der Jahresauftakt 2006 war somit von einer besonderen astronomischen Synchronizität geprägt: Das Jahr trägt ein lunatisches Siegel.
Unser wunder-voller Mond ist himmelsmechanisch im Vergleich zu anderen Gestirnen ein schwieriger Gesell. 2006 bietet er ein Schauspiel, das in unserer Gesellschaft so gut wie vergessen ist: Er vollzieht eine archaische Rhythmik, die durch die Wanderung der Mondknotenachse verursacht wird und die ihre Spuren in der Kulturgeschichte hinterlassen hat. Die Mondbahnebene ist im Mittel um 5,15° zur Erdbahnebene geneigt. Die beiden Schnittpunkte heißen entsprechend der Bewegungsrichtung des Mondes aufsteigender bzw. absteigender Mondknoten. Die gedachte Linie zwischen beiden wird als Mondknotenachse bezeichnet. Wenn sich der Mond im Mondknoten befindet, beträgt seine ekliptikale Breite 0°, was eine wesentliche Voraussetzung für den Eintritt von Mond- bzw. Sonnenfinsternissen ist.
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