Das Qi des Holzes

Ein Haus-Portrait

von Volker Laengenfelder erschienen in Hagia Chora 24/2006

Im oberfränkischen Weißenohe steht in Sichtweite eines ehemaligen Benediktinerklosters das sympathische Holzhaus einer TCM-Ärztin und ihrer Familie. Der Neubau verbindet Feng-Shui-Prinzipien und ganzheitliche Baubiologie.

Anmutig steht sie da, einladend, einen goldenen Apfel unter dem Arm – Erytheia, eine der Hesperiden aus der griechischen Mythologie. Als Zeus noch Gärten wachsen ließ, hüteten Nymphen, die Hesperiden, einen Baum mit goldenen Äpfeln, die ewige Jugend verliehen. Heute wacht Erytheia ganz irdisch über Haus und Garten einer Ärztin, die traditionelle chinesische Medizin (TCM) praktiziert. Die lebensgroße Skulptur ist die jüngste Anschaffung von -Gerda Wittmann. Den Standort der Skulptur im Garten hat sie mit einer Geomantin ausgewählt, so wie auch die Gestaltung von Grundstück und Haus insgesamt unter -energetischen Aspekten durchgeführt wurde.
Der Impuls für ein durch und durch gesundes und lebensförderndes Haus erwachte zunächst im Berufsalltag von Gerda Wittmann. Die praktizierende Ärztin stellte in den vergangenen Jahren eine Häufung von Vergiftungssymptomen bei ihren Patienten fest. Meist waren die Ausdünstungen moderner Baustoffe die Ursache. Ihre Patienten behandelte sie erfolgreich – auch dann, wenn andere nicht mehr weiter wussten. Die Behandlungsergebnisse sprechen für sich, doch Gerda Wittmanns eigentliches Bestreben ist, die Ursachen für solche Symptome zu vermeiden. Was lag näher, als beim bevorstehenden Bau des eigenen Hauses höchste Maßstäbe anzusetzen? Das Baumate-rial sollte daher baubiologisch einwandfrei sein. Hier kam für die Ärztin nur Holz in Frage. Doch die Suche nach geeigneten Anbietern war ernüchternd. „Viele Hersteller verschalen lediglich das Haus mit Holz und setzen im Innenbereich nach wie vor Glaswolle, Spanplatten und Kunststoffe ein – und genau das sind die Quellen vieler Beschwerden“, berichtet sie. Bei ihrer Suche stieß sie schließlich auf die „NaturKraftHäuser“ von Sigmund Schuster. Schuster ist Holzbauingenieur, Baubiologe und Querdenker – jemand, den man vom „energetischen Potenzial“, von der „Lebenskraft“, von der „im Zellkern gespeicherten Information“ des Holzes sprechen hört.
Über das Material hinaus wollte Gerda Wittmann aber auch die Aspekte des Feng Shui berücksichtigt wissen. Ihre eigene Praxis hatte die TCM-Ärztin bereits von einem Feng-Shui-Berater gestalten lassen. Wie kam sie auf einen Berater aus dem fernen Graz? „Auf einem Qigong-Seminar hatte ich Frank Ranz kennen und schätzen gelernt. Nachdem ich mit den Ergebnissen seiner Arbeit bei der Gestaltung meiner Praxis sehr zufrieden war, war für mich klar, auch das Großprojekt Haus mit ihm zu starten.“, sagt Gerda Wittmann. Als der Entwurf eines Architekten aus der Umgebung nicht überzeugen konnte, vertraute Gerda Wittmann erneut mehr ihren Überzeugungen als der scheinbar praktikablen Variante des kurzen Wegs. Kurzerhand beauftragte sie Ursula Märzendorfer-Ranz. Die Architektin ist Ehefrau des Feng-Shui-Beraters. Weil man eine gemeinsame Sprache gefunden hatte, spielte die geographische Distanz zwischen Weißenohe und Graz im Team aus Bauherrin, Architektin und Berater nur eine untergeordnete Rolle.

Beratung und Intuition
Die erste Begehung des Grundstücks diente der Orientierung. Die verschiedenen Qualitäten von Bereichen wurden erfasst und bevorzugte Ausblicke und Aufenthaltsbereiche definiert. So gab das Hanggrundstück die Position von Schildkröte und Phönix vor, der Zugang zum Haus wurde von der Drachenseite angelegt, ein Spazierweg im Osten bildet die Tigerseite. Ein geomantisches Gutachten ergänzte die Überlegungen.
Die Südseite mit dem Gartenausgang ist dem Hang zugewandt, eine ebene Fläche wurde durch die Terrassierung ermöglicht und in geschwungener Form ins Gelände eingebettet. Die Eingangsseite ist nach Norden mit dem Blick auf die Straße orientiert. Das Haus wurde so platziert, dass noch genügend Raum für den Mingtang beim Eingang entsteht. Der Eingang selbst wurde durch ein Vordach mit zwei Holzsäulen gestärkt. Der geschwungene Weg zum Haus stellt sicher, dass genügend Qi in die Räume kommt. Auf eine großzügige Dimensionierung des Empfangsbereichs haben die Planer großen Wert gelegt: „Der Empfangsbereich wirkt wie ein Qi-Verteiler. Deshalb haben wir Diele und Windfang mit rund 15 m2 großzügig angelegt. Die Türen von Windfang und Wohnzimmer sind versetzt, so dass auch hier der Energiefluss geschwungen ins Wohnzimmer geführt wird“, erklärt Frank Ranz.
Die Architektin achtete bei der Planung auch auf harmonische Proportionen aus der westlichen Bautradition. Sowohl der Grundriss als auch die Fenster sind im Verhältnis drei zu vier gestaltet. Die Schlafräume und das Bad befinden sich im Obergeschoß. Doch wie konnten Schrägen in diesen Räumen vermieden werden, ohne ein weiteres Geschoß einzuplanen oder die Außenproportionen disharmonisch zu verändern? Schließlich entschied man sich für eine relativ flache Dachneigung. Auf den ersten Blick hebt sich dadurch das Haus sicherlich von den Nachbarhäusern ab, dennoch fügt es sich harmonisch in das Landschaftsbild ein.
Das Haus von Gerda Wittmann und ihrem Mann Pino Richter wirkt vollständig durchdacht, aber es ist nicht „überplant“ und vermittelt auch nicht den Eindruck einer reißbrettartigen Umsetzung. Denn bei allen noch so detaillierten Überlegungen gaben sich Gerda Wittmann und ihr Mann immer wieder Raum für die ganz persönliche Wahrnehmung und Intuition. Beispiel Keller: Über mehrere Tage bewegten sie die Frage, ob das Haus unterkellert werden sollte oder nicht. Bis sich schließlich das Paar an einem Abend bewusst zusammensetzte, beide das mögliche Untergeschoß gedanklich visualisierten und sich hineinfühlten. Unabhängig voneinander zogen sie den gleichen Schluss: Kein Keller! „Uns beiden war klar, dass wir bei einem Keller nur in die Versuchung geraten würden, diesen mit Unnötigem und Gerümpel zu füllen“, sagt Pino Richter und ergänzt lachend: „Bis heute haben wir den Keller nicht vermisst – und fast immer ein aufgeräumtes Haus.“

Holz als Qi-Verstärker
Das Qi im Wittmann-Haus stärkt die Bewohner, das spürt man auch als Besucher. Doch scheint dies nicht allein die Feng-Shui-Planung zu bewirken, sondern die Synthese mit dem Baustoff „VollWertHolz“. Ich möchte wissen, was hinter diesem Begriff steckt und wende mich an den Holzhersteller Sigmund Schuster: „Die heutige holzverarbeitende Industrie fällt Bäume zu jeder Jahreszeit, zersägt sie umgehend und lässt sie bei über 75°C in Trockenkammern zwangsentfeuchten und dann in der Regel zu Leimholz verarbeiten,“ erklärt Schuster. „Bei diesen Techniken und solchen Temperaturen wird jede Zellstruktur und damit die darin enthaltene Information zerstört – so wie Eiweiß bereits bei über 42°C nachhaltig zerstört wird. Und schließlich werden durch das Leimen Hölzer fest und starr verbunden, die vorher in keiner Beziehung zueinander standen. Früher wurde hingegen sehr darauf geachtet, wann und wie man einen Baum zu fällen hat und auf welche Weise das Holz getrocknet, gelagert und bearbeitet werden muss, damit ein daraus erstelltes Haus auch ohne Chemie Jahrhunderte unbeschadet übersteht.“, berichtet Schuster, der unzählige Gespräche mit traditionell geprägten Waldarbeitern, Förstern und Zimmerleuten geführt hat. So erfolgt bei ihm die Baumfällung Ende Oktober bis Anfang Januar in den letzten Tagen des abnehmenden Mondes. Der Baum bleibt dann für drei Monate ohne Bearbeitung liegen, damit wieder Ruhe und Entspannung in das Holz einkehren kann.
Schuster geht es auch um die feinstoffliche Ebene dieses Materials. Jeder geöffnete Mensch könne die Information der Qualitäten „empfangen“, die in jeder Zelle eines Baums enthaltenen sind: Ruhe, Kraft, Standhaftigkeit und Ausgeglichenheit. Je reifer der Baum, so Schuster, umso stärker seien sein „Erfahrungsschatz“ und seine Ausstrahlung. Deswegen verwende er nur Holz von über 100-jährigen Fichten aus heimischen Wäldern.
An Gerda Wittmanns Haus fallen mir die starken Balken auf. Mit 30 bis 40 Zentimetern Breite, 12 Zentimeter stark und senkrecht über die gesamte Haushöhe verlaufend, sind sie ziemlich groß dimensioniert. Das massive, unverleimte Holz bildet den Rohbau und die Innenwand zugleich. Auf meine Frage hin, warum Sigmund Schuster die Balken senkrecht verarbeitet, meint er: „Ich will dem Wesen des Holzes so gerecht wie möglich werden, die natürliche Ordnung des Baums berücksichtigen. Deshalb stehen die Balken der Wände immer senkrecht in Wuchsrichtung.“ Die Innenseite jedes Balkens, die ursprünglich dem Kern des Baums zugewandt war, weist daher auch ins Hausinnere. Dadurch verlaufen die Jahresringe um das Haus, so wie es von der Natur vorgegeben ist. Das Innenleben des Hauses entspricht, energetisch betrachtet, dem Innenleben der Bäume.
Spricht man heute, drei Jahre nach ihrem Einzug, Gerda Wittmann auf die besondere Qualität des Hauses an, so wählt sie spontan Worte wie „wohl fühlen“, „Freude“ und „Stärke“. Goldene Äpfel lassen sich in Gerda Wittmanns Garten oder Haus nicht finden. Dass dennoch eine der Hesperiden gerade hier ihren Platz hat, erklärt sich nach einem Besuch des Hauses. Ein Ort, der Ruhe, Ausgeglichenheit und Freude vermittelt, ist schützenswert. So wie ewige Jugend. +