Der Körper des Drachen

Das energetische Konzept des Landschafts-Feng-Shui

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 24/2006

Das Sinnbild des Drachen für die lebendige Erde schlägt eine Brücke zwischen historischer westlicher Geomantie und dem chinesischen Feng Shui. Während wir in der abendländischen Bildersprache nur noch versteckte Hinweise auf den Umgang mit der Drachenkraft finden, liefert uns die chinesische Geomantie eine Fülle von Hinweisen, wie ein Drache zu zähmen sei.

Feng Shui als traditionelle Wissenschaft durchlief eine lange Zeit der Entwicklung. Dabei bildeten sich schon sehr früh unterschiedliche Schulen heraus. Die sogenannte Struktur-Qi-Schule legte ihren Fokus auf die Orientierung und astronomisch-astrologische Einflüsse, während die Formenkraft-Schule die Geomantie der Landschaft studierte. Eine Reihe von Konzepten der Formenkraft-Schule haben Eingang in die heutige westliche Geomantie gefunden, so dass ich in diesem Beitrag den Schwerpunkt auf das sogenannte Landschafts-Feng-Shui lege.

Analogie zwischen Mensch und Erde
Die Entwicklung des Feng Shui begann in einer Gesellschaft, die sich weitestgehend nicht als isolierte Daseinsform neben der Natur, sondern als Teil der Natur verstand. Freilich kann man in so frühen Zeiten wie die der Xia-Dynastie (2100–1600 v.Chr.) noch keine wissenschaftliche Fragestellung in Bezug auf Feng Shui und auch keine echten Schulen erkennen. Mittelpunkt des Naturdenkens jener Zeit – und so sollte es auch durch die Jahrhunderte hinweg bleiben – war die Vorstellung einer alles durchdringenden Kraft, genannt Qi, die nicht nur den Antrieb der Natur selbst, sondern auch gleichzeitig alle Objekte in der Natur darstellte. Ursprünglich zeigt das Zeichen Qi Æ? bildlich die Dunstbildungen über Reisfeldern, so wie es in Asien jeden Morgen und Abend zu sehen ist. Man gewann den Eindruck, dass Qi sich aus oder über der Erde bildet und sich in der Luft, zum Himmel eilend, auflöst. Umgekehrt regnete es Qi regelrecht vom Himmel auf die Erde herab, so dass sich die Vorstellung entwickelte, dass das Yin-Qi der Erde aufsteigt, während sich das Yang-Qi des Himmels niedersenkt. Aus ihrer Mischung ergebe sich dann die Schöpfung der bekannten Welt. Diese Vorstellung ist in dem für die chinesische Kultur so wichtigen Begriff der „drei Entitäten“ §T§~(sancai) enthalten, die wechselweise auf das reine Yang, das reine Yin und die Vermischung von Yin und Yang hinweisen, oder in dem Konzept „Himmel, Erde und Mensch“, wobei letzterer der Repräsentant der Schöpfung ist und dabei das ausgewogenste Mischungsverhältnis von Yin und Yang verkörpert. Einen weiteren Dreiklang bilden Geist (Himmel), körperliche Gestalt (Erde) und Qi (als Austausch zwischen beiden). Kurz gesagt, sah man in der Natur ein Ergebnis des Austauschs von Himmel und Erde und in der Erde selbst eine Art lebendiges Tier, das ebenso wie der Mensch eine Anatomie aufweist und über Energie-Leitbahnen verfügt. Yang Xuan schreibt in seinem Werk „Wuli Lun“ („Über die Struktur der Dinge“): „Die Feinststoffe der Erde sind die Steine. Die Steine sind die Kerne des Qi. Dass das Qi Steine erzeugt, gleicht den Sehnen und Gelenken des Menschen und dem Erzeugen von Nägeln und Zähnen.“ Auch im tangzeitlichen „Zhai Jing“ ¶v?g („Der Klassiker der Wohnungen“), wird eine ähnliche Auffassung vertreten. Die Diskussion über die Qualität der Umgebung, der Landschaftsformen und der Kraft des Verweilungsorts sind voller Andeutungen auf eine Erde als belebten Organismus: „Mit Form und Kraft wird der Körper gebildet. Mittels der Wasserquelle entstehen die Blutbahnen. Mittels der Erde entsteht die Haut. Mittels der Gräser und Bäume entsteht die Behausung. Mittels der Gebäude entsteht die Bekleidung. Mittels der Türen und Fenster entstehen ‚Mütze und Gürtel‘ [gemeint ist sozialer Status]. Wenn sich alles so verhält, wie es oben beschrieben worden ist, dann ist dies das äußerste Glück.“ Wir erfahren daraus, dass selbst menschliche Kultur und Gesellschaft ein Schöpfungsprodukt des Körpers Erde sind. Auch wenn einige Autoren meinen, dass die Erde verschiedene Ausdrücke von Geschlechtlichkeit habe und z.B. von „Dornen-Bergen“ als „Erd-Männliches“ und von „Windungs-Bergen“ als den „Brüsten der Erde“ sprechen, war man sich aber insgesamt einig, dass die Erde ein weibliches Tier sein müsse. Seit dem frühen Altertum Chinas wurde die Schlange zum Symbol der Fortpflanzungskraft und des weiblichen Geschlechtsorgans. Auch in den frühen Mythen stand die Schlange in enger Verbindung mit der Weiblichkeit; so war die Urmutter oder die Kaiserin zugleich eine Drachenschlange. Auch der Drache galt als eine Art Schlange und als ein weibliches Tier.

Belebendes Qi
Während der Tang- und der Song-Zeit, also vom 6. bis Ende des 13. Jahrhunderts, erhielt die Vorstellung von der Erde als belebtem Organismus, der über Leitbahnen für das Qi verfüge, einen starken Entwicklungsschub. Der tangzeitliche Autor Ceng Wen ¥ø§Â vergleicht im „Qing Nian Zheng Yi“ ´C¶~•ø?q („Wahre Worte eines Jugendlichen“) die Ein- und Ausatmung des menschlichen Körpers und die Bewegungen des Blutes in den Gefäßen mit dem „Qi des Ausgleichs des Wassers“ §Ù©MÆ? (shui-heqi) in der Natur: „Die Pulsbewegungen sind das Ein- und Ausatmen des Qi. Das, was alle Körper im Fluss miteinander verbindet, ist das Blut. Wie das Wasser verstreuen die Blutgefäße das Qi nicht.“ Mittelpunkt aller Zusammenhänge ist die Philosophie über das Qi, das alle Dinge erzeugt und das sich in allen Dingen wandelt. Im Feng Shui wird dies „erzeugendes Qi“ •ÕÆ? (shengqi) genannt.

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