Die Kraft der leisen Töne

Das Land-Art-Projekt „Alpha & Omega”

von Dasi Grohmann erschienen in Hagia Chora 24/2006

Ein ungewöhnliches geomantisches Projekt -beteiligte die Bürger der Neckarstadt Horb an der Idee, die Lebenskräfte des Gemeinwesens -wieder in Fluss zu bringen.

Land-Art ist skulpturale Spurensuche in der Landschaft, künstlerischer Dialog zwischen Natur und Kultur, gibt Vergessenem und Verborgenem wieder Form, Sprache und Ausdruck und macht die Wunder natürlicher Schönheit den rational geprägten Sinnen wieder neu erlebbar. Denn der Landschaft wohnt ein Zauber inne – für jene, die Augen haben, zu schauen …

Lebenskraft in der Stadt
Horb am Neckar ist ein kleines schwäbisches Provinzstädtchen bei Freudenstadt im Schwarzwald. Horb am Neckar ist alt, gegründet im 13. Jahrhundert, und das Stadtpanorama gilt, pittoresk zwischen einem prominenten Bergsporn und der natürlichen Neckarinsel gelegen, als eines der schönsten Deutschlands. Horb am Neckar hat aber wie viele andere Städte auch mit extremen Verkehrsproblemen, dem Ladensterben und Geldnöten zu kämpfen.
Ein Ottilienkapellchen als Landmarke thront neben dem Mobilfunkmast hoch über der Stadt. Der Neckar fließt vor der Stadt vorbei, der abgehende Mühlkanal wird von den Wasserwerken zur Strom-gewinnung genutzt. Früher eine Stadt vieler Frauenklöster und wichtiger Kreuzungspunkt zweier Handelsstraßen, bildet sie heute den verwaltungstechnischen Mittelpunkt von 17 eingemeindeten Orts-teilen mit insgesamt knapp 26000 Einwohnern. Die Identität der eigentlichen Kernstadt scheint dabei auf der Strecke geblieben zu sein, als seien ihr die Wurzeln abhanden gekommen. Das ist auch ablesbar an der aktuellen Stadtplanung: An die Stelle der alten Gründungsburg wurde ein Kaufland-Komplex gesetzt. Beim Ausheben der Baugrube tauchten Mauern jener Gründungsburg auf – statt sie zu integrieren und erlebbar zu machen, wurden sie rasch mit hochabbindendem Beton sicher versiegelt. So weit zum Status Quo der Stadt.
Die Geomantie bietet in Zeiten, in denen Herkunft und Entwicklung von Städten meist rein über technischen Fortschritt definiert werden, ganzheitlichere und damit lebensnahe Antworten und Alternativen. Denn: was leben, wachsen und gedeihen will, braucht Lebenskraft!
Gerade unsere alten Städte waren bewusst ins natürliche Kräftesystem der Landschaft eingebunden. Mit geübtem Blick lässt sich nachvollziehen, wie eine Stadt über die Hauptverkehrslinien und über bestimmte Plätze wie Markt, Rathaus und Kirche an diese Kräfte angedockt wurde. Sie war damit „in ihrer Kraft“, weil im Einklang mit der sie umgebenden Landschaft. Nimmt man einer Stadt hingegen die Kraft, indem man dieses natürliche Kräftesystem im modernen Planungsprozess negiert, geht sie langsam ein. Diese Kräfte zu erkennen, zu nutzen und neu zu beleben, führt zur Revitalisierung der Stadt – auf natürlichem Weg. Warum wird dies noch so selten erkannt und getan?
Eine der zwei wesentlichen Lebens-adern von Horb ist das Wasser. Doch leider fließt es weitgehend ungenutzt ab. Der Neckar, der Mühlkanal, die vielen früheren Quellen, die heute zum Teil zugeschüttet unter einem Parkhaus liegen, einige relativ unbeachtete, zum Teil versetzte Brunnen – das Wasser als natürliche Ressource von Lebenskraft wird kaum genutzt (nur technisch durch zwei Wasserwerke), nicht integriert und schon gar nicht gelebt.
Was bedeutet uns Heutigen das Wasser? Wie gehen wir mit ihm um? Wir bestehen zu drei Vierteln aus Wasser und wissen, dass es ein vorzüglicher Informationsspeicher ist. Wasser nährt, will fließen, wie unsere Gefühle auch. Wasser wird in vielen Kulturen als Äquivalent zu den Bewegungen der menschlichen Seele gesehen, denn so wie das Wasser den Raum durchfließt und nährt, so durchfließen uns unsere Gefühle. Solche tieferen Bezüge scheinen jedoch nur wenige Menschen, schon gar nicht in kommunalen Planungsbezügen, zu interessieren.

Belebter Raum
Hier ein leises Zeichen zu setzen, war die Ausgangsbasis für die geo-mantische Land-Art-Aktion „Alpha & Omega“. Der Impuls dazu kam überraschend während einer Reise zu den Wurzeln der Horber Ottilienkapelle, nämlich zum Odilienberg im Elsass – nachmittags, träumend, im Schalenstein. Dann realisierte sich alles erstaunlich schnell.
Auf der geomantisch-konzeptionellen Ebene war unser Wunsch, eine temporäre, energetische Neuverknüpfung der verschiedenen, bisher an der Stadt vorbeigeleiteten Wasserkräfte zu erreichen, auch, um damit die Stadt zumindest zeitweise wieder neu an ihre Lebenskraftquellen anzubinden.

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