Das weiße Land
Natur und Anderswelt im Altai
Die Chancen, Einblick in eine Gesellschaft zu erhalten, in der geomantische Vorstellungen zum Alltag gehören, sind rar. Cornelia Künzel kam in der Republik Altai in Kontakt mit einer zugleich fremdartig und vertraut erscheinenden Kultur.

Altai Eine Reise ins weis(s)e Land der Seele versprach die Ankündigung im Prospekt eines Reiseveranstalters. Das hatte mich magisch angezogen. Der Altai ist ein Gebirge nördlich der Wüste Gobi im Herzen Asiens. Seit Jahrtausenden ist er besiedelt und war Zentrum bedeutender Kulturen. Unsere Reise in einer kleinen Gruppe führte in die Republik Altai, eine der 21 ethnischen Republiken der russischen Föderation, auch Hoch- oder Bergaltai genannt. Sie grenzt im Osten an Tuwa, im Südosten an die Mongolei, im Süden liegt China und im Südwesten Kasachstan.
Bitte anschnallen, wir setzen zum Landeanflug auf Novosibirsk an. Die Außentemperatur beträgt fast 40 Grad. Plus, wohlgemerkt. Es ist Mitte August, aber an Sommerkleider habe ich nicht gedacht. Sibirien wirft alle Vorstellungen durcheinander. Auf der langen Fahrt mit dem Bus von Novosibirsk über Akademgorodok ins Herz der Republik Altai überrascht mich vertraute Vegetation Kiefern- und Birkenhaine, Wiesen mit rotem Klee, in den Dörfern Kartoffeln, Mohrrüben, rote Bete, Zwiebeln. Auf den Bergwiesen blühen kleine wilde, zartviolette Astern.
Beim Eintritt in den Altai begegnet uns bereits eines der sichtbaren Zeichen einer tiefen Verbundenheit zwischen den hier lebenden Menschen und den Wesen der Anderswelt, die mich mit einer Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit erfüllt. Djima, der Fahrer unseres Kleinbusses, stoppt an einer monumentalen, weißen Stele, die die Grenze zwischen Russland und der -Republik Altai markiert. Feierlich überreicht unsere Reiseleiterin Galina allen weiße Stoffbänder. Die sind für die Geister des Altai, erklärt sie. Wir begrüßen sie und bitten um Einlass. Mögen sie uns wohl gesonnen sein.
Eine Silberweide neben der Stele ist über und über mit Stoffstreifen behängt. Viele haben vor uns hier um Einlass gebeten. Hinter der Weide locken die in der Abendsonne blinkenden Wasser des Flusses Katun. So schnell eilt der Strom vorbei, dass wir uns nur vorsichtig vom Ufer weg ein paar Schritte hineinwagen können. Wohltuend umspült das klare, kalte Wasser meine Beine. Mit dem Reisestaub werden vorgefasste Meinungen und Vorstellungen abgewaschen, und ich öffne mich dem großen Abenteuer Altai.
Der Maler und die Poetin
An der Wohnungstür im ersten Stock in Gorno Altaisk empfängt uns die rothaarige, schlanke Tochter des Hauses. Wir werden ins Wohnzimmer geführt, und Galina macht uns mit dem Maler Leonid Safronow und seiner Familie bekannt. Leonid erweist sich als sehr zurückhaltend, aber seine Frau, eine Poetin, schwarzgekleidet, mit blondem Haar, erzählt uns vom Altai.
Der Altai ist ein Land der hohen Berge und der Steine. Der höchste Berg, die Belucha, ist ein Massiv mit zwei Spitzen, beide um die 4500 Meter hoch, kaum erreichbar für Menschen. Von ewigem Schnee bedeckt, strahlt sie in der Sonne leuchtend weiß, und das ist für die Altaier die Farbe der Seelen. Tage später, als ich die Belucha von Angesicht zu Angesicht erblicke, verstehe ich den tiefen Respekt, den die Menschen im Altai diesem Berg zollen.
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