Raum und Bewusstsein

Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Architektur, Form und Gedanken

von Pieter van der Ree erschienen in Hagia Chora 24/2006

Die organische Architektur findet in Pieter van der Ree einen engagierten und beredten Vertreter. Er fasst in Worte, welche -Beziehung von Bewusstsein und Raum diese Art des Bauens, die der Geomantie so verwandt ist, prägt.

Die Architekturgeschichte kann als ein in Stein auskristallisiertes Bild der menschlichen Bewusstseins-entwicklung betrachtet werden. In der sich wandelnden Gestaltung der Architektur widerspiegelt sich das veränderte Verhältnis des Menschen zur Natur, zur Gesellschaft, zur eigenen Innenwelt und zur geistigen Wirklichkeit.
Dabei ist die Architektur nicht nur ein Ausdruck dieses sich ändernden Verhältnisses, sondern auch eines der Medien, durch die sich eine solche Bewusstseinsentwicklung vollzieht. So grenzt die Architektur uns räumlich ab von der ursprünglichen Einheit mit der Natur und bewirkt dadurch gleichzeitig eine seelische Distanz zur Umwelt. Das individuelle Innenleben, das durch ein solches Raumerleben ermöglicht wird, lässt das ursprüngliche Erleben der Kräfte und der Wesenhaftigkeit der Natur verblassen.
Wie könnte dieses Bewusstsein wiedergewonnen werden, wie hat dieser historische Prozess sich vollzogen, und wie überlagern sich dabei architektonischer Raum und menschliches Bewusstsein, äußere Formen und innere Gedanken?

Bauen und Denken
Bauen und Denken sind auf den ersten Blick zwei ganz unterschiedliche Tätigkeiten. Das Bauen ist eine äußere Aktivtät, die sich in der materiellen Welt abspielt, das Denken hingegen eine innere Tätigkeit rein geistiger Natur. Schaut man die beiden Tätigkeiten aber genauer an, finden sich überraschende Überlagerungen. So werden, um die Natur des Denkens zu veranschaulichen, oft Bilder verwendet, die dem Bauen und der Architektur entnommen sind. Es gibt zum Beispiel den Begriff des „Gedankengebäudes“, um eine umfangreiche Theorie zu charakterisieren. Eine solche Theorie soll gut „untermauert“ sein und sorgfältig „aufgebaut“ werden, damit sie nicht so leicht durch Kritik „umgestürzt“ werden kann. Diese Bildsprache wird ohne Bedenken verwendet, obwohl es gar keine räumlich-materielle Struktur gibt, auf die die Schwerkraft Zugriff hätte.
Betrachtet man andererseits das architektonische Bauen genauer, stellt sich bald heraus, dass dies nur scheinbar eine rein äußere Tätigkeit ist. In Wirklichkeit liegen jedem etwas umfangreicheren Bauprojekt zahlreiche Überlegungen und Gedanken zugrunde. So müssen, bevor mit dem Bau begonnen werden kann, sowohl Größe als auch Orientierung eines Gebäudes bestimmt werden. Man muss sich auch Gedanken über die künftige Nutzung von Räumen machen, um ihre Anordnung festlegen zu können. Schließlich muss auch die Konstruktion bedacht und berechnet werden. Jedem realisierten Bauwerk liegt so ein unsichtbares Gedankengebäude zugrunde, das als Muster beim Bauen dient. Dieses Gedankengebäude kann ganz prosaisch sein, nur aus praktischen Überlegungen bestehen, aber auch tiefsinnig und erhaben. Die Gestaltung von Tempeln und Kirchen basiert meist auf einem umfassenden religiösen Weltbild. Nach der Fertigstellung des Baus ist dieses Gedankengebäude nicht verschwunden, sondern in die Gestaltung eingeflossen und damit als sichtbare Form unmittelbar erlebbar geworden.
Wenn man so Bauen und Denken gemäß ihrem inneren Wesen betrachtet, erweisen sie sich als einander nahe verwandt. Etwas überspitzt könnte man vielleicht sagen, dass das Denken ein „Bauen im Gedanken“ ist und das Bauen ein „Denken im Stoffe“. Damit ist aber noch nichts darüber ausgesagt, welchen Zweck und welche Bedeutung das Denken und das Bauen für den Menschen haben.

Die Erschaffung von Innen und Außen
Das architektonische Bauen hat zum Ziel, Innenräume zu bilden, welche den Menschen zur Unterkunft, zum Wohnen dienen können. Dazu entnehmen wir der Natur Baumaterialien, die mehr oder weniger bearbeitet werden, um ihren Platz im Baugefüge einnehmen zu können.
Durch die Erschaffung von Innenräumen entsteht ein anderes Verhältnis des Menschen zur Umgebung. Ja, durch die Erschaffung des Innenraums entsteht in dem ungeteilten, natürlichen Raum, worin man bis jetzt gelebt hat, überhaupt erst ein Außenraum! Es ist die Tätigkeit des -Bauens, die diese Scheidung, die Polarität von Innen und Außen entstehen lässt.
Diese Polarität ist wiederum nicht nur eine räumliche Angelegenheit, sondern besitzt auch eine seelische Entsprechung. So verwenden wir, um die Gesamtheit unserer Gedanken, Gefühle und Willensimpulse anzudeuten, den Begriff des „Inneren“ oder der „Innenwelt“. Diese für uns nur „innerlich“ wahrnehmbare und für andere „von außen“ unsichtbare Welt stellt sich einer sinnlich wahrnehmbaren „Außenwelt“ gegenüber, die uns allen gemeinsam ist. Wiederum werden hier Begriffe aus der architektonischen Erfahrung – das räumliche Erleben von Innen und Außen – verwendet, um eine seelische Erfahrungswelt zu versinnbildlichen. Auch hier scheinen sich architektonischer Raum und das Erleben des Bewusstseins also weitgehend zu überlagern.
Die vorhin entdeckte Analogie zwischen Bauen und Denken legt die Erwartung nahe, dass es im menschlichen Bewusstsein das Denken ist, das die Scheidung zwischen Innenwelt und Außenwelt vollzieht. Tatsächlich ist es so, dass kleine Kinder, bevor bei ihnen das selbständige Denken erwacht, noch kaum eine Grenze zwischen sich selbst und der Welt erleben. Das Kind lebt noch in einer ungeteilten Erfahrungswelt. Erst durch das Erwachen des eigenen Denkens tritt stufenweise eine Trennung auf, und es beginnt, den Rest der Welt als Gegenüber zu erleben. Durch das Denken entsteht die Möglichkeit, sich der Welt gegenüberzustellen, und dadurch bildet sich fast unbemerkt die eigene Innenwelt.

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