Raum und Bewusstsein

Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Architektur, Form und Gedanken

von Pieter van der Ree erschienen in Hagia Chora 24/2006

Die organische Architektur findet in Pieter van der Ree einen engagierten und beredten Vertreter. Er fasst in Worte, welche -Beziehung von Bewusstsein und Raum diese Art des Bauens, die der Geomantie so verwandt ist, prägt.

Die Architekturgeschichte kann als ein in Stein auskristallisiertes Bild der menschlichen Bewusstseins-entwicklung betrachtet werden. In der sich wandelnden Gestaltung der Architektur widerspiegelt sich das veränderte Verhältnis des Menschen zur Natur, zur Gesellschaft, zur eigenen Innenwelt und zur geistigen Wirklichkeit.
Dabei ist die Architektur nicht nur ein Ausdruck dieses sich ändernden Verhältnisses, sondern auch eines der Medien, durch die sich eine solche Bewusstseinsentwicklung vollzieht. So grenzt die Architektur uns räumlich ab von der ursprünglichen Einheit mit der Natur und bewirkt dadurch gleichzeitig eine seelische Distanz zur Umwelt. Das individuelle Innenleben, das durch ein solches Raumerleben ermöglicht wird, lässt das ursprüngliche Erleben der Kräfte und der Wesenhaftigkeit der Natur verblassen.
Wie könnte dieses Bewusstsein wiedergewonnen werden, wie hat dieser historische Prozess sich vollzogen, und wie überlagern sich dabei architektonischer Raum und menschliches Bewusstsein, äußere Formen und innere Gedanken?

Bauen und Denken
Bauen und Denken sind auf den ersten Blick zwei ganz unterschiedliche Tätigkeiten. Das Bauen ist eine äußere Aktivtät, die sich in der materiellen Welt abspielt, das Denken hingegen eine innere Tätigkeit rein geistiger Natur. Schaut man die beiden Tätigkeiten aber genauer an, finden sich überraschende Überlagerungen. So werden, um die Natur des Denkens zu veranschaulichen, oft Bilder verwendet, die dem Bauen und der Architektur entnommen sind. Es gibt zum Beispiel den Begriff des „Gedankengebäudes“, um eine umfangreiche Theorie zu charakterisieren. Eine solche Theorie soll gut „untermauert“ sein und sorgfältig „aufgebaut“ werden, damit sie nicht so leicht durch Kritik „umgestürzt“ werden kann. Diese Bildsprache wird ohne Bedenken verwendet, obwohl es gar keine räumlich-materielle Struktur gibt, auf die die Schwerkraft Zugriff hätte.
Betrachtet man andererseits das architektonische Bauen genauer, stellt sich bald heraus, dass dies nur scheinbar eine rein äußere Tätigkeit ist. In Wirklichkeit liegen jedem etwas umfangreicheren Bauprojekt zahlreiche Überlegungen und Gedanken zugrunde. So müssen, bevor mit dem Bau begonnen werden kann, sowohl Größe als auch Orientierung eines Gebäudes bestimmt werden. Man muss sich auch Gedanken über die künftige Nutzung von Räumen machen, um ihre Anordnung festlegen zu können. Schließlich muss auch die Konstruktion bedacht und berechnet werden. Jedem realisierten Bauwerk liegt so ein unsichtbares Gedankengebäude zugrunde, das als Muster beim Bauen dient. Dieses Gedankengebäude kann ganz prosaisch sein, nur aus praktischen Überlegungen bestehen, aber auch tiefsinnig und erhaben. Die Gestaltung von Tempeln und Kirchen basiert meist auf einem umfassenden religiösen Weltbild. Nach der Fertigstellung des Baus ist dieses Gedankengebäude nicht verschwunden, sondern in die Gestaltung eingeflossen und damit als sichtbare Form unmittelbar erlebbar geworden.
Wenn man so Bauen und Denken gemäß ihrem inneren Wesen betrachtet, erweisen sie sich als einander nahe verwandt. Etwas überspitzt könnte man vielleicht sagen, dass das Denken ein „Bauen im Gedanken“ ist und das Bauen ein „Denken im Stoffe“. Damit ist aber noch nichts darüber ausgesagt, welchen Zweck und welche Bedeutung das Denken und das Bauen für den Menschen haben.

Die Erschaffung von Innen und Außen
Das architektonische Bauen hat zum Ziel, Innenräume zu bilden, welche den Menschen zur Unterkunft, zum Wohnen dienen können. Dazu entnehmen wir der Natur Baumaterialien, die mehr oder weniger bearbeitet werden, um ihren Platz im Baugefüge einnehmen zu können.
Durch die Erschaffung von Innenräumen entsteht ein anderes Verhältnis des Menschen zur Umgebung. Ja, durch die Erschaffung des Innenraums entsteht in dem ungeteilten, natürlichen Raum, worin man bis jetzt gelebt hat, überhaupt erst ein Außenraum! Es ist die Tätigkeit des -Bauens, die diese Scheidung, die Polarität von Innen und Außen entstehen lässt.
Diese Polarität ist wiederum nicht nur eine räumliche Angelegenheit, sondern besitzt auch eine seelische Entsprechung. So verwenden wir, um die Gesamtheit unserer Gedanken, Gefühle und Willensimpulse anzudeuten, den Begriff des „Inneren“ oder der „Innenwelt“. Diese für uns nur „innerlich“ wahrnehmbare und für andere „von außen“ unsichtbare Welt stellt sich einer sinnlich wahrnehmbaren „Außenwelt“ gegenüber, die uns allen gemeinsam ist. Wiederum werden hier Begriffe aus der architektonischen Erfahrung – das räumliche Erleben von Innen und Außen – verwendet, um eine seelische Erfahrungswelt zu versinnbildlichen. Auch hier scheinen sich architektonischer Raum und das Erleben des Bewusstseins also weitgehend zu überlagern.
Die vorhin entdeckte Analogie zwischen Bauen und Denken legt die Erwartung nahe, dass es im menschlichen Bewusstsein das Denken ist, das die Scheidung zwischen Innenwelt und Außenwelt vollzieht. Tatsächlich ist es so, dass kleine Kinder, bevor bei ihnen das selbständige Denken erwacht, noch kaum eine Grenze zwischen sich selbst und der Welt erleben. Das Kind lebt noch in einer ungeteilten Erfahrungswelt. Erst durch das Erwachen des eigenen Denkens tritt stufenweise eine Trennung auf, und es beginnt, den Rest der Welt als Gegenüber zu erleben. Durch das Denken entsteht die Möglichkeit, sich der Welt gegenüberzustellen, und dadurch bildet sich fast unbemerkt die eigene Innenwelt.
Dass es sich hier nicht nur um eine Analogie handelt, sondern dass es in der äußeren Wirklichkeit tatsächlich eine ähnliche Überlagerung von Raum und Bewusstsein gibt, wurde mir klar, als ich vor einigen Jahren in Australien mit der Kultur der Aborigines und deren Bewusstseinslage in Berührung kam.

Der ungeteilte Raum
Bis zur Einwanderung der europäischen Kolonisten zogen die Aborigines als Jäger und Sammler durch die Landschaft, ohne eine Architektur zu kennen. Obwohl jedem Stamm ein bestimmtes Gebiet gehörte, errichteten sie keine dauerhaften Bauwerke und bildeten so auch keine Innenräume. Von der umgebenden Natur und den -darin befindlichen Lebewesen besaßen und besitzen sie umfassende Kenntnis, die sowohl praktisch als auch spirituell in ein umfassendes mythologisches Weltbild eingewoben ist (Bald/Gwion 2000).
An der Mythologie der Aborigines frappierte mich, wie stark diese mit der natürlichen Umgebung verbunden ist. Ihre Traumzeitgeschichten berichten über die Entstehung von Quellen, Bergen und Klüften, ja sogar zu einzelnen Löchern in den Felsen gibt es Geschichten! Sie alle sind aus den Taten von Tier- oder Geistwesen entstanden, die an der Erschaffung der Welt, wie sie jetzt noch ist, beteiligt waren.
Durch dieses starke Angebundensein des Mythos an die Natur gibt es wiederum kein landschaftliches Element oder Lebewesen, zu dem es keine Geschichte gibt. Alles hat seinen mythologischen Ursprung und seinen Platz im Ganzen.
Diese Eindrücke von der Bewusstseinslage der Aborigines erhielten ihr räumliches Gegenstück, als ich von einem von ihnen um den für sie heiligen Felsen Uluru geführt wurde. Er zeigte mir dort eine Höhlung am Fuß des Felsens, in der man die Geschichten und Kenntnisse seines Volks an die nächste Generation weitergibt. Diese Höhle wies an der Felsseite in Augenhöhe eine Reihe von Vertiefungen auf, unter denen weiße Streifen zu erkennen waren, als ob hier Mineralien ausgespült worden wären. In diesen Vertiefungen sehen sie die Gesichter der Ahnen, wobei die weißen Streifen ihre Bärte darstellen. Von diesen Ahnen rühren die Geschichten, der wichtigste Lebensinhalt der Aboriginies, und hier – überwacht von ihren Ahnen – werden diese Geschichten weitergereicht.
Auf der gegenüberliegenden Seite war die Höhle über die ganze Breite zur Landschaft offen. Wenn also Unterricht erteilt wird, zieht man sich aus der Landschaft in einen halboffenen Innenraum zurück, der auf der einen Seite mit der Welt der Ahnen verbunden und auf der anderen Seite zur Natur hin offen ist. Wie der Inhalt des Unterrichts von den Ahnen herrührt und von der Natur ringsumher handelt, so wurde der Charakter dieses Unterrichtsraums durch die Bilder der Ahnen auf der einen und die offene Landschaft auf der anderen Seite bedingt. Ein passenderer räumlicher Ausdruck für ihre Bewusstseinslage – soweit ich etwas davon erleben durfte – ist kaum vorstellbar.
Wirklich bewusst wurde mir dieser Zusammenhang übrigens nicht an Ort und Stelle, sondern erst ein paar Tage später, als ich mehr als tausend Kilometer weiter in einem Motelzimmer die Zeit fand, meine Eindrücke aufzuschreiben. Dann wurde mir auch der gewaltige Unterschied zu meiner eigenen Bewusstseinslage klar. Im Gegensatz zu den Aborigines verfüge ich über eine „losgelöste Innenwelt“, die ich mit mir umhertrage, wenn ich durch die Welt reise. In dieser Innenwelt bilde ich meine Gedanken und fühle ich mich zu Hause.
Gleichzeitig wurde mir aber auch noch etwas anderes klar, nämlich, dass diese Innenwelt vielleicht doch nicht so ganz umgebungsunabhängig ist. Ohne das Motelzimmer, das mir einen abgegrenzten Innenraum bot, hätte ich wahrscheinlich gar nicht die Ruhe zum Schreiben gefunden. Da tauchte die ganze Reihe von Innenräumen auf, die mich dorthin gebracht hatten: Wie ich dank eines Innenraums mit Flügeln nach Uluru geflogen war, nach Ankunft einen Innenraum auf Rädern gemietet hatte, um damit zu einem Innenraum mit einer Ausstellung zu fahren. Ich war zwar um die Welt gereist, war aber dabei fast ständig im „Innenraumzustand“ verblieben. Dies ließ die Frage entstehen, inwiefern mein Erleben von selbständiger Innenwelt nicht genau so unterstützt wird von den architektonischen und technischen Innenräumen, in denen ich lebe, wie das Bewusstsein der Aborigines durch die Landschaft, in der sie leben, unterstützt wird. Der wichtigste Unterschied wäre dann nicht, dass wir unabhängiger sind von unserer Umgebung, sondern dass wir unsere Umgebung selber umgestalten und damit indirekt Einfluss auf unsere Bewusstseinslage nehmen.
Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, eröffnet sich die Frage, wie die Art dieser Gestaltung dabei konkret auf unser Denken Einfluss nimmt.
Ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit soll hier versucht werden, diesen Zusammenhang für drei unterschiedliche Denk- und Bauarten zu verfolgen.

Mythisches Denken
Das mythische Bewusstsein ist gekennzeichnet durch ein bildhaftes Denken. Die Welt mitsamt den Menschen wird als von göttlichen Wesen erschaffen gedacht, und diese Wesen sind noch immer in der Welt und im menschlichen Schicksal wirksam. Obwohl diese Götter und Naturwesen rein geistiger Art sind, werden sie oft in Form von Bildern aus der Sinnenwelt dargestellt. Dies nicht, weil man meint, sie sähen buchstäblich so aus, sondern weil das Bild als eine Art Brücke zwischen der Sinnenwelt und der geistigen Welt fungiert. Für dieses Bewusstsein hat alles in der Welt Bildcharakter, und jedes Bild bietet die Möglichkeit, in die Sphäre geistiger Zusammenhänge einzusteigen.
Wenn das mythische Bewusstsein, sei es am Anfang der Architekturgeschichte oder bei den heute noch existierenden traditio-nellen Kulturen, zu bauen beginnt, baut es immer seine bildende Art des Denkens in die Bauwerke hinein. Jedes Bauwerk, jedes Bauteil wird zum Sinnbild und Träger von Bedeutungen. Es gibt keine rein nützlichen, bedeutungslosen Bauten oder Räume, alles hat seinen Platz im mythischen Weltbild. Die Architektur selbst wird zum Weltbild.
Ein schönes Beispiel dafür sind die alt-ägyptischen Tempel, die als Sinnbilder für die gesamte Welt aufgefasst und gestaltet wurden (Teichmann 2003). Dies begann bereits bei der Errichtung des Tempels, wobei sich die Erschaffung der Welt in ritueller Form wiederholte. Wie die Schöpfung am Anfang der Zeiten aus dem Urwasser Nun emporgestiegen war, so wurden beim Tempelbau die Fundamente vom Grundwasserniveau ab aufgebaut (Golvin/Goyen 1987). Dieses Urwasser, das die Schöpfung noch immer umgibt, erscheint im fertigen Tempelbau in den wellenförmigen Ziegelmauern als Einfassung des Tempelkomplexes. Der Pylon des eigentlichen Tempelbaus repräsentiert durch seine Form den Horizont, die Stelle, wo die Tages- und die Nachtwelt einander berühren, und den Ort, wo die Sonne jeden Morgen neu geboren wird. Der Vorhof des Tempels steht für die sichtbare Welt, in der wir leben. Der Boden repräsentiert den Erdgott Geb, die mit Sternen bemalte Decke die Himmelsgöttin Nut. Zwischen Himmel und Erde wachsen die Säulen mit ihren Pflanzenkapitellen empor, und an der Decke ist als geflügelte Sonnenscheibe der Sonnengott auf seiner täglichen Bahn am Himmel abgebildet. Die Gestalt des Tempels mit seinen Ausschmückungen symbolisiert so bis ins Detail das religiöse Weltbild der Ägypter und vergegenwärtigt es für diejenigen, welche den Tempel betreten durften.
Oft ist bei dieser Überlagerung von Architektur und Weltbild kaum zu sagen, wie weit das Weltbild als Muster für die Architektur dient oder ob die Architektur eine Struktur liefert, aus der heraus sich ein analoges Weltbild gestaltet. Die Häuser der Torajas in Sulawesi (Indonesien) sind beispielsweise durch einen dreigliedrigen Aufbau gekennzeichnet (Nooy-Palm 1988). Der mittlere Teil, der den eigentlichen Wohnbereich bildet, besteht aus einer auf Pfählen errichteten Plattform. Überdacht wird dieser Wohnraum von einem imposanten, sich weit in die Höhe aufschwingenden Dach. Diese drei Ebenen des Hauses korrespondieren mit den Ebenen im Weltbild der Toratjas. Die mittlere Ebene symbolisiert die sichtbare Welt. Darunter gibt es eine Welt von Naturkräften und Naturgeistern und darüber einen Himmel als Wohnsitz der Götter, zu dem die Seelen der Verstorbenen aufsteigen. Das Haus wird auch in Übereinstimmung mit diesem Sinngehalt genutzt. So werden zum Beispiel religiöse Gegenstände wie Masken und Ahnenstatuen im Dachboden, dem „Himmel“ des Hauses, aufbewahrt. Übrigens hat der Himmel im Weltbild der Toratjas eine dreieckige Struktur analog der Form ihrer Dächer. Dabei ist eher anzunehmen, dass die dreieckige Form des Dachs als Muster für die Vorstellung des übersinnlichen Himmels gedient hat, als umgekehrt. Gleiches gilt für die Pfosten, auf denen das Haus errichtet ist. Diese stellt man sich als Unterschlupf für die Wesen der Unterwelt vor, hatten darin aber wohl sicher nicht ihren Ursprung.

Geometrische Gestaltung
Eine neue Art des Denkens wurde im Griechenland des 5. und 4. Jahrhunderts v.Chr. geboren. Dieses Denken lebt nicht länger in Bildern, sondern bedient sich abstrakter Begriffe, die durch logische Folgerungen miteinander verbunden werden. Statt sich auf überlieferte Wahrheiten zu stützen, fängt man an, sich selbst Gedanken zu bilden und die Welt zu erforschen.
Dieses Denken ermöglicht auch ein neues Verhältnis zum eigenen Tun. Statt lediglich eine Tradition fortzusetzen, denkt man sich selbständig Pläne aus und versucht sie zu realisieren. Ein Beispiel aus dem Bereich der Architektur sind planmäßig angelegte Städte wie Milet (siehe Abb. vorige Seite), gekennzeichnet durch eine geometrische Struktur, die der vorhandenen Topografie übergestülpt wird. Diese Struktur geht nicht aus der landschaftlichen oder gesellschaftlichen Situation hervor, sondern wird im Denken gefunden.
Seinen reinsten Ausdruck hat das rationelle Denken wohl im Funktionalismus des vorigen Jahrhunderts gefunden. In dieser Strömung wurde die Architektur weitgehend zu einer funktionalen Aufgabe reduziert, die es durch effiziente Organisation zu lösen galt. Die Analyse der Entwurfsaufgabe, sei es eine Küche, ein Gebäude oder eine Stadt, bildete dabei ein wichtiges Medium. Im Kleinen ist die „Frankfurter Küche“ aus den 20er-Jahren ein eindrucksvolles Beispiel dafür (Krause 1992). Hier wurde analysiert, welche Handlungen in der Küche verrichtet wurden und wie oft diese geschahen. Anschließend versuchte man, diese Handlungen so effizient wie möglich zu organisieren, damit sie mit einem Minimum an Bewegungen verrichtet werden konnten.
Das Gleiche gilt für viel umfangreichere und kompliziertere Entwurfsaufgaben wie Gebäude oder Städte. Die Analyse des CIAM (Congrès Internationaux d’ Architecture Moderne), der die moderne Stadt und ihre Problematik untersuchte, unterschied vier Hauptfunktionen der urbanen Gegebenheiten: Wohnen, Arbeit, Erholung und Verkehr. Die Ansprüche an diese Teilbereiche wurden dann so gut wie möglich gelöst, wobei aber die Stadt als zusammenhängender Organismus verlorenging und Monokulturen des Wohnens und der Arbeit entstanden, die jeglichen Lebens entbehrten.
Auffallend beim Funktionalismus ist dessen Vorliebe für eine streng geometrische Formensprache. Wir sind so sehr -daran gewöhnt, dass wir meist ohne Bedenken annehmen, diese Formen seien auch tatsächlich die funktionalsten. Das ist aber gar nicht unbedingt der Fall, wie Hugo Häring in seiner Auseinandersetzung mit Le Corbusier schon überzeugend – aber vergeblich – dargestellt hat (Jones 1995). So sehen Häuser mit flachen Dächern zwar moderner aus als solche mit Satteldächern, sind es aber in regenreichen Gebieten wie den unsrigen nicht. Auch ist die von Le Corbusier in der Villa Savoy entworfene rechteckige Badewanne nicht unbedingt angenehmer zum Baden als eine in ihrer Gestaltung mehr dem Körper angepasste. Nicht die Funktion hat hier, wie in vielen anderen Fällen, die Form bestimmt, sondern die Liebe zur geometrischen Gestaltung.
Woher kommen diese Formen dann, und warum sind sie so beliebt in der rationellen Architektur? Geometrische Formen sind nicht der sinnlichen Welt entnommen. Sie können nur innerlich im Denken gefunden werden oder durch das Denken aus der Wahrnehmung abstrahiert werden. Es gibt von Le Corbusier eine Skizze, die dieses sehr schön illustriert. Darauf sieht man das antike Rom aus der Vogelper-spektive; mehrere berühmte Bauten sind zu erkennen. Über die Stadtansicht sind ein Zylinder, eine Pyramide, ein Würfel, ein Quader und eine Kugel gezeichnet (siehe Abb. vorige Seite). Diese geometrischen Formen hat Corbusier aus der Wahrnehmung der antiken Bauten abstrahiert; sie bilden seines Erachtens deren Grundmuster und machen diese Bauten so reizvoll. Weil er diese Formen für die schönsten und vollkommensten hält, möchte er sie der ganzen Architektur zugrunde legen: „Die Geo-metrie ist das Mittel, das wir selbst uns geschaffen haben, um die Umwelt zu erfassen und uns auszudrücken. (…) Die Maschine geht aus der Geo-metrie hervor. Demnach ist unsere ganze Gegenwartsepoche eine ausnehmend geo-metrische; ihre Träume streben hin zu den Freuden der Geometrie.“ (Le Corbusier 1977)
Wie wir gesehen haben, sind geo-met-rische Formen nicht unbedingt die funktionalsten, sie sind aber aus einem auf das Funktionale ausgerichteten, abstrakten Denken geboren. Und an dieses Denken möchten sie auch appellieren. So schreibt Le Corbusier weiter: „Architektur hat nichts mit Stilen zu tun. Gerade ihre Abstraktheit appelliert an die Vernunft.“ Dass dies von sensiblen Menschen auch so erlebt werden kann, illustriert eine Zeichnung einer unserer Seminarteilnehmerinnnen. Als sie gebeten wurde, darzustellen, wie sie ihre Wohnumgebung erlebe, zeichnete sie sich selbst mit einem würfelförmigen Kopf. Sie hatte den Eindruck, dass ihre Umgebung einengend auf ihre Gedanken wirke und sie selber einen „Quadratschädel“ bekam.

Lebendiges Denken
Fast gleichzeitig mit dem Funktionalismus entstand auch die organische Architektur. Sie wird meist als eine irrationale Strömung betrachtet, die eher an das Gefühl appellieren möchte und wenig oder gar nichts mit Denken zu tun hat. Letzteres ist sicherlich falsch. So spricht Rudolf -Steiner oft über den „Baugedanken“ des Goetheanums, über einen Gedanken also, der diesem Bau zugrunde liegt. Viel eher ist es so, dass die Art des Denkens der organischen Architektur so neu und grundverschieden ist vom üblichen Denken, dass sie gar nicht bemerkt wird. Man könnte dieses Denken als ein „ganzheitliches“ oder „lebendiges Denken“ bezeichnen.
Im Gegensatz zum analytischen Denken, das Objekte und Lebewesen in ihre Bestandteile zerlegt, versucht das lebendige Denken diese als Ganze in ihrem inneren Zusammenhang zu verstehen. Objekte oder Lebewesen werden nicht losgelöst aus ihrer Umgebung, sondern in Wechselwirkung mit ihr betrachtet.
Dieses Denken in Zusammenhängen ist allen Richtungen der organischen Architektur gemein. Es lassen sich dabei verschiedene Blickwinkel unterscheiden. So gibt es in Skandinavien und Nordamerika eine starke Tendenz, die Beziehung zwischen einem Gebäude und seiner Umgebung in der Gestaltung zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel dafür ist das berühmte Haus Fallingwater, das Frank Lloyd Wright 1935 für die Familie Kaufmann entwarf. Das Haus ist über einen kleinen Wasserfall gebaut und ganz aus dem Bestreben entstanden, Architektur und landschaftliche Lage einander gegenseitig verstärken zu lassen. Zeitgenössische organische Architekten wie Bart Prince und Kendrick Kellogg entwickeln ihre plastischen Gestaltungen aus dem Empfinden der landschaftlichen Lage. Es geht ihnen nicht um ein äußeres Nachahmen der Morphologie der Landschaft, sondern um eine künstlerische Umsetzung innerer Empfindungen. Dazu muss man sich in die Umgebung hineinleben und die dabei gewonnenen Eindrücke als Bilder in sich lebendig werden lassen. Sie können dann zum Orientierungspunkt und zur Inspirationsquelle für den Entwurf werden.
In den mitteleuropäischen Strömungen des „organhaften Bauens“ Hugo Härings und Hans Scharouns und in der aus der Anthroposophie entstandenen organischen Architektur Rudolf Steiners ist es die Beziehung der Architektur zum Menschen, die im Mittelpunkt des Interesses steht. Dabei wird versucht, die Gestaltung aus der Bauaufgabe selbst zu entwickeln. Das bedeutet, dass man seine Formensprache nicht beliebig wählen darf, weder in eine geometrische noch phantasiereiche oder naturähnliche Richtung. Wie Hugo Häring es formuliert, soll die Verlebendigung der Gestaltung dadurch entstehen, dass man „die in der Bauaufgabe selber verschlossene wesentliche Gestalt erweckt, pflegt und züchtet“ (Häring 1932). Die Schwierigkeit dabei ist, das abstrakte Denken zu überwinden und zum Erfassen des „Wesens der Bauaufgabe“ aufzusteigen. Den Schlüssel dazu bildet wiederum das Sich-Hineinleben, diesmal aber in die Bauaufgabe. Rudolf Steiner gibt dafür die Anweisung, sich eine so genaue und vollständige Vorstellung über das zukünftige Geschehen zu bilden wie irgend möglich und zu einem inneren Bild zu verdichten. Der Charakter jenes Bildes und die mit ihm verbundene Stimmung können sich dann im Inneren zu einer Art „Entwurfsintuition“ transformieren, die als Leitfaden für den Entwurf dienen kann. Wie dieses Vorgehen aus der Abstraktion in eine bildhafte Gestaltung führen kann, zeigt das von Eero Saarinen entworfene TWA Airportterminal in New York (Abb. vorige Seite). Wie er selbst beschreibt, ging es ihm dabei nicht darum, irgend etwas Natürliches nachzuahmen, wie zum Beispiel einen Vogel, sondern „die Idee des Fliegens“ zum Ausdruck zu bringen (Lamster 1999).
Ein weiteres Merkmal des lebendigen Denkens ist, dass es Zeitprozesse und Entwicklungsvorgänge überblicken kann. Dazu braucht man ein bewegliches Vorstellungsvermögen, das ständig zu Wandlungen bereit ist und dennoch alle vorangegangenen Stadien im Bewusstsein behält, damit man den ganzen Entwicklungsgang überblicken kann. An diese Fähigkeiten appelliert das Prinzip der Metamorphose. Dieses von Goethe in seinen naturwissenschaftlichen Schriften beschriebene Prinzip wurde von Rudolf Steiner in die Kunst und Architektur eingeführt. Das Musterbeispiel dafür bilden die Motive für die Kapitelle der Säulen des von ihm entworfenen ersten Goetheanums. Die Formen dieser Kapitelle waren alle verschieden, aber nicht willkürlich verschieden, sondern so, dass sich darin ein bestimmter Entwicklungsgang erkennen ließ (siehe Abb. oben). Der Entwicklungsvorgang selbst bleibt unsichtbar, nur die Einzelformen sind – wie Blätter an einem Stengel – sichtbar. Den schöpferischen Prozess, der sie hervorbringt und verbindet, kann man nur innerlich erkennen. Dazu muss man sich in die einzelnen Formen hineinleben und versuchen, die eine Form in die nächste zu verwandeln. Steiner ging dabei so weit, dass er nicht die äußeren Formen, sondern die vom Betrachter innerlich erzeugte Bewegung als das eigentliche Kunstwerk ansah.
Das jeweilige „Baumotiv“, das jedem seiner Entwürfe zugrunde liegt, tritt bei Steiner nie als solches in Erscheinung. Immer hat es an einer bestimmten Stelle eine bestimmte Ausprägung. Nur dadurch, dass man sich in die verschiedenen Ausprägungen hineinlebt, kann man es innerlich finden. Das Prinzip der Metamorphose fordert zu einem ständigen Hin und Her zwischen der äußeren und der inneren Welt auf, wobei die erstere als Bild der letzteren und die letztere als schöpferische Quelle der ersteren erscheint. Über den Sinn dieser Gestaltung äußerte Steiner sich im Jahr 1923, kurz nach dem Brand des ersten Goetheanums: „Man erobert sich durch die Metamorphoseanschauung das Lebendige. Man belebt damit das eigene Denken. Es wird aus einem toten zu einem lebendigen. Dadurch aber wird es fähig, das Leben des Geistes anschauend in sich aufzunehmen.“ (Steiner 1961). Dies verdeutlicht, dass seine organische Gestaltung nicht nur Ausdruck eines lebendigen Denkens ist, sondern auch zum Ziel hat, dieses Denken beim Betrachter zu wecken.

Die Metamorphose des Bewusstseins
Die bisher skizzenhaft charakterisierten Denkarten können jede für sich in ihrer Beziehung zur Architektur betrachtet werden. Sie illustrieren dann die Parallelen zwischen architektonischen Formen und Bewusstseinszuständen. Werden sie aber in Beziehung zueinander betrachtet, eröffnet sich noch eine neue Dimension, und sie erscheinen selber als Bilder eines Entwicklungsprozesses, als Stufen einer Art „Metamorphose des Denkens“.
Diese Entwicklung beginnt, soweit sie sich zurückverfolgen lässt, mit einem Bewusstsein, das noch ganz offen ist, sowohl zur Natur als auch zum Geist, wobei diese beiden noch eng miteinander verbunden sind. Die Natur wird noch nicht als geistlos erfahren, und der Geist ist noch nichts Abstraktes.
Das mythische Denken und Bauen bilden sowohl architektonisch als auch im Bewusstsein eine erste Schicht zwischen Innenwelt und Außenwelt, aber noch keine absolute Trennung. Das Bild fungiert noch als eine Art Brücke zwischen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt. Erst das logische Denken stellt dem Menschen die äußere Wirklichkeit gegenüber und bildet dadurch eine losgelöste, selbständige Innenwelt. Es ist in dieser Hinsicht interessant, dass Rudolf Steiner für diesen Bewusstseinswandel ein der Architektur entnommenes Bild verwendet. In „Die Rätsel der Philosophie“ schreibt er über das Erwachen des logischen Denkens: „Der Gedanke zog etwas wie eine Mauer um die Menschenseele. Früher war sie, ihrem Empfinden nach, in den Welterscheinungen drinnen.“ (Steiner 1985)
Das lebendige Denken kann als eine Umkehrung dieses Abschnürungsprozesses betrachtet werden. Es möchte aus dem entstandenen inneren Freiraum heraus eine neue Verbindung zur Natur, zum Mitmenschen und zur geistigen Welt schaffen. Den Schlüssel dazu bildet das schon mehrfach hervorgehobene Sich-Hineinleben in der Welt. Dadurch entsteht eine neue Brücke zwischen Innenwelt und Außenwelt. Wenn man die so gewonnenen Bilder der Außenwelt in sich leben lässt, können sie ihren inneren Gehalt in der Seele ausdrücken und zu einer Wesensbegegnung führen, die auch richtungsweisend für das eigene Handeln sein kann. Das gilt sowohl für unseren Umgang mit der Natur als auch im sozialen Leben und künstlerischen Schaffen. Wenn es gelänge, dieses lebendige Denken in der Gestaltung unserer Umwelt mehr und mehr zum Ausdruck zu bringen, könnte dies dazu beitragen, das Bewusstsein für Zusammenhänge, Lebensprozesse und geistige Inhalte weiter zu wecken und zu fördern. +

Literatur: Sally Bald, Gwion Gwion: Geheime und Heilige Pfade der Ngarinyin, Aborigines in Australien, Könemann 2000 • Peter Blundell Jones: Hugo Häring and the theory of organ-like building, aus: Hans Scharoun, Phaidon 1995 • Jean-Claude Golvin und Jean-Claude Goyen: Karnak, Ägypten, Anatomie eines Tempels, Wasmuth 1987 • Hugo Häring: Das Haus als organhaftes Gebilde, 1932 • Joachim Krause: die Frankfurter Küche, aus: Oikos, Anabas 1992 • Mark Lamster: In The TWA Terminal, New York 1999 • Le Corbusier: Vers une Architecture, Paris 1977 • Hetty Nooy-Palm: The house as a microcosm, aus: Banua Toraja, Royal Tropical Institute, Amsterdam 1988 • Rudolf Steiner: Goethe und Goetheanum, Dornach 1961 • Rudolf Steiner: Die Rätsel der Philosophie, Dornach 1985. • Frank Teichmann, Der Mensch und Sein Tempel. Ägypten, Verlag Urachhaus, Stuttgart 2003

Der Artikel basiert auf einem Text, der erstmals in der Zeitschrift „Mensch und Architektur“ Nr. 52/53 veröffentlich wurde. www.organische-architektur.org.