Der Kristallplanet

Ideengeschichte der globalen Gitternetze

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 23/2006

Nach einem ausgedehnten Überblick über die Geschichte der pythagoräisch-platonischen Tradition, die hinter der Vorstellung einer kristallinen Natur der Erde steht, kehrt Marco Bischof in der vorletzten Folge seiner Artikelserie zu den platonischen Körpern und ihrer Bedeutung für die Kristrallstruktur unseres -Planeten zurück. Im Zentrum seiner Überlegungen stehen die geheimnisvollen antiken Bronze-Dodekaeder.

Vor dem Hintergrund der pythagoräisch-platonischen mathematisch-geometrischen Mystik können wir nun auch die Bedeutung der platonischen Körper, inbesondere des Ikosaeders und des Dodekaeders, in den Kristallplaneten-Theorien besser verstehen. Auf die Frage, wie wohl Plato ohne die Möglichkeiten der modernen Wissenschaften zu seinem Erdschema gekommen sei, haben Gontscharow, Makarow und Morosow, die Urheber der russischen Kristallplaneten-Theorie (siehe Hagia Chora Ausgabe 8), auf einen einzigartigen Fund hingewiesen, der die Archäologen seit langem vor ein Rätsel stellt. Es handelt sich um hohle Dodekaeder aus Metall mit knopfartigen Vorsprüngen an den Ecken und kreisförmigen Öffnungen im Zentrum der Flächen. Sie erwähnen, dass in Vietnam und Thailand 30 solche Dodekaeder aus Gold gefunden wurden, die angeblich zu einer etwa 7000 Jahre alten Kultur gehören sollen, berichten aber nur von einem einzigen bronzenen Fund in Frankreich. Gontscharow, Morosow und Makarow glaubten nicht an eine zufällige Übereinstimmung der Form dieser archäologischen Fundstücke mit ihrem Erdmodell, sondern vermuteten, dass die Metallgegenstände frühe Darstellungen des „Kristallplaneten“ sein könnten.
Da diese Gegenstände in der Diskussion um den Kristallplaneten immer wieder eine zentrale Rolle spielen, erlaube ich mir an dieser Stelle, die Angaben der russischen Forscher zu diesen Objekten zu ergänzen. Auch im Bereich des antiken Galliens, vor allem in Frankreich und in der französischen Schweiz, vereinzelt aber auch in Ungarn, England und in Deutschland, wurden nämlich vor allem im 19. Jahrhundert rund 50 solcher Dodekaeder gefunden (Saint-Michel 1951, Déonna 1954, Cervi-Brunier 1985); auf den gleichen Typ von Bronzedodekaedern stieß man bei Ausgrabungen in Etrurien (Chevalier & Gheer-brant 1974). Jede ihrer 20 Ecken, wo je 3 Flächen zusammentreffen, ist gekrönt von einer kleinen Kugel, jede Seite besitzt eine runde Öffnung. Ihre Größe variiert von 40 mm bis zu 85 mm, gemessen zwischen zwei parallel gegenüberliegenden Flächen, bzw. zwischen 49 und 103 mm, wenn man die Kugeln berücksichtigt. Sie stammen aus gallo-römischer Zeit (ca. 200-400), und im Gegensatz zu den asiatischen sind sie alle aus Bronze. Die Fundorte waren Gräber, Hortfunde (zusammen mit Münzen) und andere profane Orte, nie jedoch Heiligtümer.

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