Impulse für eine neue Zeit

Die apokalyptischen Städte der West-Türkei

von Sandra Maria Götz erschienen in Hagia Chora 23/2006

Zunehmend geraten die Länder am Ostrand Europas in unser Bewusstsein und wecken ein neues Verständnis für unseren Kontinent. In diesem Sinn suchten Marko Pogacnik und Sandra Götz auf einer Reise zu den Städten der Apokalypse Inspiration für unsere Zeit.

An der Mittelmeerküste in der heutigen Türkei befinden sich eine Reihe von antiken Städten, in denen es sehr frühe christliche Gemeinschaften gab. Sieben dieser Städte finden namentlich Erwähnung in der Apokalypse des Johannes, der die „Sieben Sendschreiben“ an Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodikeia adressierte. Marko Poga?cnik hat sich im Zusammenhang mit seiner Wahrnehmung von Wandlungsprozessen im Bewusstseinsfeld von Erde und Menschheit schon seit vielen Jahren intensiv mit der Symbolik der Johannes-Apokalypse beschäftigt. Er sieht in den sieben Städten Symbole für sieben Grundqualitäten, auf denen der neue, sich gerade im Prozess des Aufbaus befindende Erdkosmos gründen könnte. Im Bereich dieser antiken Städte scheint ihm ein kreatives Organ der Erde zu liegen, das die Offenbarung der sieben Lebensqualitäten gerade dort stattfinden lässt. Dies war der Anlass, eine Erfahrungsreise zu veranstalten, die vor allem der Erforschung dieses geomantisch noch unbekannten Gebiets dienen sollte. Im September letzen Jahres startete im Rahmen des Vereins Hagia Chora mit Marko Pogacnik eine geomantisch interessierte Reisegruppe, die ich organisatorisch begleitete.

Istanbul - zwischen Europa und Asien
Unsere Fahrt in den Osten begann in Istanbul. Die einst als Konstantinopel auf sieben Hügeln gegründete Stadt mit ihren heute 14 Millionen Einwohnern hat eine wichtige geomantische Position inne, denn sie verbindet Europa mit Asien. Genau in der Zeit, in der der Beitritt der Türkei zur Europäischen Union diskutiert wurde, kamen wir in Istanbul an und empfanden es als wichtige Aufgabe, eine energetische und geistige Verbindung zwischen den beiden Polaritäten Europa und Asien herzustellen. Dabei geht es wohl vor allem um das Aussöhnen und Vereinen von scheinbar Gegensätzlichem.
Die Hafenbucht von Instanbul, ein versunkenes Nebental des Bosporus, genannt das goldene Horn, bildet ein Portal nach Asien. Von dort aus erkennt man auf der einen Seite Altistanbul, die europäische Seite der Metropole mit dem bekannten Topkapi-Palast, der Hagia Sofia und der blauen Moschee, und gegenüber bereits den asiatischen Teil. Die Stadt ist mit allen uns nahen und fernen Kulturen verbunden und ein Ort der Begegnung, nicht nur im kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und sprachlichen Sinn.
Die Hagia Sofia (-heilige bzw. göttliche Weisheit“) war früher eine Kirche und diente 1000 Jahre lang als geistliches Zent-rum des Byzantinischen Reichs. Sie wird als die großartigste Raumschöpfung byzantinischer Baukunst bezeichnet und ist heute ein Museum. Sophia ist die heiliggesprochene christliche Variante der gnostischen großen Göttin. Sie verkörperte einst die weibliche Seele des Göttlichen.
Die -blaue Moschee“ unweit der Hagia Sofia ist das islamische Gotteshaus und zählt zu den besten Schöpfungen der türkischen Baukunst. Sie ist innen mit vorwiegend blauen Iznik-Fayencen und ebenfalls in Blau gehaltenem, gemaltem Dekor geschmückt, was ihren Namen erklärt.
Nach Marko Poga?cnik gleicht die Landzunge am Bosporus zwischen dem Schwarzen und dem Marmarameer dem Steißbein einer Wirbelsäule, die, ausgehend von Istanbul, in einer gekrümmten Linie über die Gebirgsketten der Karpaten und der Alpen bis zu den Pyrenäen in Nordspanien verläuft.

Troja - Ort der Wandlung
Unsere Fahrt ging weiter entlang des bauchigen Marmarameeres, das zwischen zwei Meerengen, dem Bosporus und den Dardanellen liegt. Das Meer zeigte sich uns wie ein großer Mutterleib, der das Prinzip der roten Göttin verkörpert. Die Überfahrt über die Dardanellen ermöglichte allen Teilnehmern einen ersten Kontakt mit Asien. Aufgrund der strategisch wichtigen Lage waren die Inseln schon seit jeher Schauplatz großer Kämpfe. Auch Troja, heute auf der asiatischen Seite der Türkei liegend, war von strategischer Bedeutung. Wer Troja besaß, befand sich in einer idealen Lage, die auf der einen Seite Schutz vor feindlichen Schiffen bot und andererseits die Kontrolle der Dardanelleneinfahrt ermöglichte. Die Hügelstadt wurde immer wieder neu gegründet, erweitert und angebaut. So entstanden im Lauf der Jahrtausende ständig neue Schichten, die man heute im Rahmen der Ausgrabungen nachvollziehen kann. Sie umfassen einen Zeitraum von 3000 v.Chr. bis zum Jahr 500.
In unseren Wahrnehmungen stellte sich Troja als außerordentlich starker weiblicher Platz der Wandlung dar. Er zeigte sich uns als ein Ort, der symbolartig für die Zeit der Transformation steht und uns auf die Übergangszeit vom Fischezeitalter in die Zeit des Wassermanns hinweist. Zur Hochzeit Trojas - der Epoche der Muttergöttin - ging die Sonne im Sternbild Stier auf. Der Stier war das Zeichen der Trojaner, und die trojanische Sage schildert mit dem Kampf um die Stadt den Übergang zum Zeitalters des Widders. Als Ort des Wandels hat Troja noch heute eine übergeordnete Bedeutung im Zusammenspiel mit dem Marmarameer und Istanbul. Die starke weibliche Präsenz dieses Orts vermittelte uns erste Eindrücke über das neue Zeitalter und über Möglichkeiten, wie wir die dadurch entstehenden neuen Qualitäten in unser Leben integrieren können. Im Rahmen des Erdwandlungsprozesses verlangt diese Integration eine klare ethische Haltung. So waren wir nach unserer Orts-erfahrung bereit für unsere weitere Reise zu den apokalyptischen Städten.
Die Lage der sieben Städte aus der Apokalypse des Johannes beschreibt, von der Meeresküste aus betrachtet, einen Bogen. Er verläuft im Uhrzeigersinn aufsteigend von Ephesus nach Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia bis Laodikeia und umschreibt damit einen ganz eigenen Landschaftsraum, ein dünn besiedeltes Gebiet von 100 Kilometern Breite, das wie ein Tor wirkt.
In jeder der sieben Städte spürten wir ihrer besonderen Qualität im Kontext von Marko Poga?cniks Deutung der Johannes-Apokalpyse nach. Er beschreibt die Grundqualitäten als die -sieben Grundsteine der neuen Ethik“. Im Folgenden mache ich den Versuch, sie anhand unserer Erfahrungen in Worte zu fassen:

1. Ephesus: Liebe!
Schlüsselwort: Vergiss die Urliebe nicht.
Ephesus ließ uns am stärksten das Wesen der Hochkultur dieser Stadt in antiker Zeit erspüren. Der Ort versorgte uns mit einer impulsierenden Kraft zur Aufnahme der Botschaften der apokalyptischen Städte. Der -Engel von Ephesus“, der in der Johannes-Offenbarung angesprochen wird, war für jeden Teilnehmer der Reise als liebevolle Präsenz sehr deutlich spürbar.
In Ephesus befindet sich das -Haus der Maria“, in das sich einer Legende nach Maria nach dem Tod Jesu zurückgezogen habe - ein Ort, der unserer Wahrnehmung nach die Initiative der Wandlung in sich trägt. Ein besonderes Erlebnis hatte die Reisegruppe beim Besuch der Siebenschläferhöhle in der Nähe der Stadt, wo wir im Gestrüpp hinter der Höhle ein Kraftfeld fanden, das wir -Ei der Schöpfung“ nannten. Das verdeutlichte uns die symbolische Kraft des ersten Impulses und der wahrhaftigen, offenherzigen Liebe, die durch den ersten Ort der sieben Gemeinden initiiert wird.

2. Smyrna: Keine Angst!
Schlüsselwort: Hab keine Angst. Bewahre dir deinen inneren Frieden.
Das antike Smyrna (Izmir) ist heute die drittgrößte Stadt der Türkei. Früher zählte sie zu den schönsten Städten der Alten Welt und muss durch ihre einzigartige Lage an der großen und geschützten Bucht einen überwältigenden Eindruck gemacht haben. Durch verschiedene Eindrücke, die wir sowohl in den berühmten Tempelruien der Agora und weiteren Plätzen in der Stadt erhielten, wies uns die Botschaft von Smyrna klar darauf hin, alle Ängste vor der -neuen Welt“ loszulassen. Die starke, vitale Kraft dieser Handelsmetropole vermittelt den nötigen Schwung, weiterzugehen, den inneren Frieden zu bewahren und die eigene Wandlung im Vertrauen geschehen zu lassen.

3. Pergamon: Wandle dich!
Schlüsselwort: Bekehre dich. Akzeptiere die Veränderungen.
Die seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. besiedelte Stadt Pergamon gewann nach dem Tod Alexanders des Großen an Bedeutung. Der König Lysimachos (305-281 v.Chr.) bewahrte hier einen Schatz von 900 Talenten (etwa 60 Millionen Euro) auf, welcher allen Angriffen zum Trotz verteidigt werden konnte, so dass die Stadt zu hoher Blüte gelangte. Die Akropolis von Pergamon hält noch immer einen Schatz für uns bereit. Sie fordert uns auf, die Wandlungen, die für uns nötig sind, zu akzeptieren, damit das wahre Selbst zum Vorschein kommen kann.

4. Thyatira: Sei wahrhaftig!
Schlüsselwort: Erforsche dein Herz und deinen Geist (betrügen gilt nicht!)
Thyatira ligt in der Gegend des alten Lydiens. Die antike Stadt ging vor fast 2500 Jahren unter, als das lydische Reich vernichtet wurde, und zwar aufgrund einer Fehldeutung des Orakelspruchs: -Wenn du den Fluss überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“ - Es war das eigene … Der reiche König Krösus, der Lydien zuletzt regierte, wurde 546 v.Chr. besiegt. Heute heißt die Stadt Akhisar, und es gibt kaum noch Reste aus der damaligen Zeit. So waren wir aufgefordert, unsere visionären Fähigkeiten einzusetzen, um hinter die Facetten des modernen Alltags zu schauen. Wir verstanden dies auch als einen Teil der Botschaft des Orts: -Lerne deine innere Stimme kennen, erforsche dein Herz und lebe deine eigene Wahrheit.“
5. Sardes: Sei ganz!
Schlüsselwort: Du bist lebendig und doch tot. Integriere Licht und Dunkelheit.
Sardes war die Hauptstadt des alten lydischen Reichs und Sitz des Königs Krösus, berühmt nicht nur durch ihren Reichtum, sondern auch durch ihr Artemis-Heiligtum am Fuß des Akropolishügels. Wir erlebten, dass dieser Ort das Potenzial hat, die Menschen in die Einheit und in die tiefe Verbindung mit dem Göttlichen zu führen, so dass sie ihre Seele und ihre Ganzheit erkennen. Wir wurden aufgefordert, Schöpfer zu werden und unsere Göttlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

6. Philadelphia: Sei treu!
Schlüsselwort: Erinnere dich an deine spirituelle Bestimmung.
König Attalos II. Philadelphos (220-138 v.Chr.) gründete die Stadt der -Bruderliebe“. Sie heißt heute Alashehir. Es gibt kaum Ausgrabungen von der antiken Stadt Philadelphia. Bereits beim Einstimmen auf den Ort wurde uns die Qualität dieser Stadt vermittelt, denn wir bekamen von einem fremden, älteren Türken jede Menge Weintrauben geschenkt. Die Herzqualität dieser Stadt lehrte uns, das irdische Leben zu achten und zu schätzen, die Liebe zu leben und unserer geistigen Bestimmung zu folgen.

7. Laodikeia: Entscheide dich!
Schlüsselwort: Sei entweder kalt oder heiß. Triff eine Entscheidung.
Diese antike Stadt lag einst am Fluss Lycos und war ein Zentrum der Textilherstellung und Ärzteausbildung. Sie liegt gegenüber den bekannten Kalksteinterrassen von Pamukkale auf der anderen Talseite. Die christliche Gemeinde in Laodikeia war die Empfängerin des siebten und letzten Sendschreibens der Johannes-Apokalypse. Pamukkale versorgte Laodikeia mit Wasser und stellt den Yin-Aspekt zur Yang-orientierten, einst blühenden Handelsstadt dar. Die Polarität der beiden Orte vermittelt ein Spannungsfeld, in dem es sich zu entscheiden gilt. -Sei entweder kalt oder heiߓ, lautet die Botschaft aus dem Sendschreiben. Erst durch eine Entscheidung aus der Mitte unseres Herzens können wir uns weiterentwickeln.

Ein Tor in der Landschaft
Der Landschaftstempel zwischen Ephesus und Laodikeia zeigte sich uns wie ein großes Tor, wie eine Membran, die in einen Austausch zwischen dem Kosmos und dem Erdinneren führt. Die sieben Städte umfassen dieses Tor wie ein siebenarmiger Leuchter. In der Mitte gibt es einen Kern, der als eine Art Landschaftsorgan den Austausch zwischen dem geistigen Universum und der Erdmitte ermöglicht. Inter-essanterweise ist dieser Kern kaum zu bereisen, es gibt nur wenige, kleine Straßen, die für unseren Bus unpassierbar waren. Wir bereisten Aphrodisias und Milet, zwei Orte am Rand dieses Kerns, zwischen denen sich ein Spannungsfeld über diesem Landschaftstempel entfaltet. Milet auf der einen Seite als männlicher Pol der Offenbarung, Klarheit und Inspiration, gegenüber Aphrodisias als Ort der Weiblichkeit, Sinnlichkeit, Schönheit und Liebe. Durch den Besuch dieser beiden Orte konnten wir die Aufgabe des Organs besser verstehen.
Am Bafa-See bei Milet wurde mir unsere Vision noch einmal durch ein inneres Bild von der Arche Noah verdeutlicht, als würde sie hier vor Anker liegen und uns die Möglichkeit bieten, an Bord zu gehen, auf eine Reise in ein neues Zeitalter. Wenn wir der Erde aufmerksam zuhören, können wir tatsächlich alles lernen, um den Weg der Wandlung gehen und ein neues Miteinander entwickeln zu können. +

Um diesen Weg weiter zu beschreiten, ist vom 9. bis 19. September unter der Leitung von Marko Poga?cnik eine weitere Balkan-Rundreise mit Sarajevo, dem Sexualchakra Europas, geplant. Weitere Informationen bei Hagia Chora, Verein zur Förderung der Geomantie, www.hagia-chora.org.